Adam Philippe de Custine

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Biographien.

(1799) Gallerie interessanter Personen. Oder Schilderung des Lebens und Charakters der Thaten und Schicksale berühmter und berüchtigter Menschen der ältern und neuern Zeit. Herausgegeben von Karl August Schiller. Wien im Verlage bei Anton Doll, 1799.

(1811) Moderne Biographien, oder kurze Nachrichten von dem Leben und den Thaten der berühmtesten Menschen, von Karl Reichard. Leipzig, 1811.


Custine.

Adam Philipp Graf von Custine war den 4. Februar 1740 zu Metz gebohren. Er widmete sich von seiner Jugend an schon dem Soldatenstande, und machte auch einen Theil des siebenjährigen Krieges als Offizier mit. durch die Unterstützung des Herzogs von Choiseul erhielt er ein Dragonerregiment, welches er bis 1779 kommandirte. Um diese Zeit bestimmte der Hof das Regiment Saintonge nach Amerika, Custine tauschte mit dem Chef, und führte dieses Korps zur Hilfe der gegen England aufgestandenen Amerikaner.

Er zeigte hier, so wie durch sein ganzen Leben, einen unbeschränkten Ehrgeitz, und da er wußte, daß er als Oberst der Dragoner nicht anders zur Marschallswürde gelangen konnte, als nach der Reihe der Dienstjahre, so machte er sich von selben los, und ließ sich bei der Infanterie anstellen. Und in der That, seine Hoffnung täuschte ihn nicht, bei seiner Rückkunft aus Amerika wurde er Feldmarschall, und übersprang also alle auf dem festen Lande zurückgebliebenen Obersten.

Während seines Aufenthalts in Amerika verursachte er durch sein grobes Betragen gegen den Hauptmann von seinem Regimente den Tod desselben; denn da dieser gefühlvolle Offizier keine Genugthuung hoffen konnte, so erschoß er sich. Custine wollte dann noch über diesen Tod scherzen, aber einige Freunde des Verstorbenen, unwillig über ein so schändliches Benehmen, rissen ihm die Epauletten ab, und würden sich noch ärger an ihm vergriffen haben, wenn nicht der Kommandant der Armee, Rochambeau, sich seiner endlich angenommen, und die Ruhe wieder hergestellt hätte.

Als die Generalstände zusammenberufen wurden, erschien er auch unter denselben, vermuthlich weil er grosse Besitzungen hatte; denn er war ohne alle andere Talente für diesen Posten, und konnte sich auch während dieser ganzen Laufbahne nie über die Rolle eines Ränkemachers erheben. Er beging 1789 viele Niedrigkeiten, um Kommandant des Bataillons vom Distrikt des petits Augustins zu werden. Um diese Zeit machten ihn auch Neid und Eifersucht zum Feinde des Generals Lafayette.

Später wurde er bei der Rheinarmee angestellt, war 1792 Kommandant von Landau, und nun öffnete sich für seinen Ehrgeitz ein weites Feld. Er überfiel nämlich mit 15,000 Mann den 30. September dieses Jahrs Speyer, das nur 3 Meilen von Landau entfernt, und von nicht vollen 4000 Mann vertheidigt war, und eroberte hier einen ungeheuren Vorrath von Früchten, den die Oesterreicher zum Gebrauche ihres in Frankreich eingerückten Heeres aufgehäuft hatten. Der Eindruck, den diese Ueberrumpelung von Speyer in den nähe liegenden Gegenden Deutschlands wirkte, war mehr Staunen als Schrecken. Man hielt die ganze Sache für einen schnell ausgeführten Glücksstreich, um so mehr, da Custine, sobald die Magazine in Speyer geleert waren, die Stadt wieder räumte, und sich näher gegen Landau hin bei Edisheim lagerte.

Aber kaum hatte er einige Tage hier verweilt, um die zur Ausführung seines weitern Planes nöthigen Verstärkungen an sich zu ziehen, als er plötzlich in zwei Abtheilungen, jede zu 12,000 Mann, erst im Vorüberzuge die Reichsstadt Worms besetzte, und dann vor Mainz erschien. Schon seiner Lage nach, und noch mehr durch so viele Werke der Kriegsbaukunst, womit es umgeben ist, steht Mainz unter den Festungen Deutschlands in der ersten Linie. Aber die Besatzung darin war nicht stark genug für den grossen Umfang der Stadt; den meisten Bürgern graute mehr vor den Gefahren einer Belagerung, als vor einem Feinde, der sichs bis dahin zum Anliegen gemacht hatte, mit einer Ruhmredigkeit, die man damals, leider! weit umher für baare Wahrheit nahm, von nichts als Wiederherstellung der ursprünglichen Menschenrechte zu sprechen; auch waren bereits geheime Verständnisse in der Stadt eingeleitet, die deren baldige Uebergabe hoffen liessen.

Custine erkannte sehr wohl, was Mainz den Franken werth sey -- eine so gewaltige Festung am Zusammenflusse des Mayns und Rheins, von wo aus sie den ganzen für westliche Deutschland so unermeßlich beträchtlichen Rheinhandel sperren, alle Zufuhr den Oesterreichern abschneiden konnten, und einen Festhaltungspunkt in Deutschland gewannen, der ein ganzes deutsches Kriegsheer von allen Anfällen gegen die Gränzen Frankreichs zurückhalten mußte. Er setzte daher alle Belagerungskünste ins Spiel: er schmeichelte, er drohte. Es ward Kriegsrath gehalten; die Folge davon war -- die Uebergabe von Mainz. Am dritten Tage, nachdem die Franzosen sich zuerst davor gezeigt hatten, zogen sie darin ein; der kurfürstliche Major vom Geniewesen Eikenmeier trat sogleich als Oberster in ihre Dienste.

Nach der Eroberung von Mainz schickte Custine gleich den folgenden Tag den General Neuwinger mit 4000 Mann nach Frankfurt ab. Diese durch die Güte ihrer Verfassung und durch ihren Handel blühende Reichsstadt nahm die Franzosen ohne Widerstand auf; denn da Mainz sich gleich ergab, wie konnte Frankfurt zaudern? Kaum war aber Neuwinger darin, so forderte er eine Brandschatzung von 2 Millionen Gulden. Auch die ganze umliegende Gegend ward mit Streifereien heimgesucht; die kleine Bergfeste Königstein erobert; in Nauheim, einem hessischen Flecken, der ganze Vorrath von Salz auf mehr als 400 Wägen abgeführt. Weit herum blieb nichts, was dem Adel und der Geistlichkeit gehörte, verschont; unermeßliche Vorräthe von Frucht und Wein wurden nach Mainz zusammengebracht, und die ganze Gegend ward bis aufs Mark ausgesogen.

Nachdem Custine auf solche Art weit und breit herum alles in Schrecken gesetzt hatte, fing er an, im Tone des Eroberers zu sprechen. Er gab sich um diese Zeit die orientalisch-prächtige Titulatur: Wir Adam Philipp Custine, Französischer Bürger, erster kommandirender General der Armeen der Französischen Republik, am obern und niedern Rhein, im Mittelpunkt des Reichs, und in Deutschland. Er schrieb an den Landgrafen von Hessen-Cassel eine Fehdebrief, wie man ihn eher von einem Hunnen- als von einem Franken-General hätte erwarten können. Er betrachtete sich als das rächende Werkzeug Gottes, das den jüngsten Tag über alle Herrscher, und den Tag der Erlösung für alle Völker bringe. Aber während er alle Zeitungen mit Proklamazionen dieser Art füllte, hatten die Preussen, nachdem sie von den Beschwerden ihres Feldzuges in Champagne sich wieder erholt hatten, bei Koblenz über den Rhein gesetzt, um sich dem weitern Vordringen der Franzosen entgegen zu werfen: mit ihnen vereinigte sich das Heer des Landgrafen von Hessen-Cassel.

Nach einigen Gefechten ward Custine, der bis dahin bis an die Lahn geherrscht hatte, nach Höchst, zwei Stunden von Frankfurt, zurückgedrückt. In Frankfurt selbst ließ er den General van Helden mit einer Besatzung von 1600 Mann, weit zu wenig, um sich in einer so grossen Stadt gegen äussere Feinde und innere Komplotte festhalten zu können. Schon war den 28. November van Helden von dem Preussischen General, Grafen Kalkreuth, zur Uebergabe aufgefordert worden; allein er antwortete: er würde sich vertheidigen. Custine wußte, daß die Gefahr, worin die Besatzung in Frankfurt sich befand, nahe und dringend war; er wußte, daß 1600 Mann, die nicht mehr als 6 Feldstücke haben, unmöglich einem überlegenen Angriff bei dem weiten Umfange der Stadt widerstehen können, und doch, als er den 29. Nov. selbst nach Frankfurt kam, ertheilte er van Helden, ohne ihm eine Verstärkung zuzuführen, den Befehl, sich bis aufs Aeusserste zu wehren.

Den 2. Dezember rückten die Preussen und Hessen wirklich in zwei Heerhaufen gegen die Stadt an. Anderthalb Stunden lang vertheidigten sich die Franken von dem Walle herab mit kleinem Gewehrfeuer sehr lebhaft. Endlich sahen sich die Deutschen genöthigt, ungeachtet sie die Stadt gerne geschont hätten, selbe mit Haubizgrenaden und Mörsern zu beschiessen. Noch gaben die Franken nicht nach; allein während dem war das neue Thor, welches sie ihrer geringen Anzahl wegen nur schwach hatten besetzen können, mit Beihilfe fremder Handwerksbursche gesprengt, und die Zugbrücke niedergelassen worden. Nun stürzten die Deutschen in gedrängten Haufen in die Stadt; viele Nazionalgarden wurden, da sie sich nicht ergeben wollten, niedergemacht, alle übrigen und der General van Helden selbst gefangen genommen.

Custine hatte zwar während des Angriffs auf Frankfurt, um der Besatzung zu Hilfe zu kommen, ein starkes Truppenkorps bis Bokenheim vorrücken lassen; aber nach einer nichts bedeutenden Kanonade zog er sich wieder in die Verschanzungen von Höchst, wo sein Hauptlager stand, zurück. Die gegenseitigen Angriffe dauerten nun ununterbrochen fort, bis die Franken zuletzt in die Gegend von Cassel, einer Art Vorstadt von Mainz, auf dem rechten Rheinufer, an dem Zusammenflusse des Rheins und Mayns zurückgedrängt wurden.

Im März 1793 begann der zweite Feldzug, und da nun Preussen und Oesterreicher gegen Custine anrückten, so blieb ihm, da er mit der Französischen Hauptarmee bei Kreuzenach stand, wenn er nicht in beiden Flanken umgangen, und mit seinem ganzen Heere gefangen werden wollte, nichts als der eiligste Rückzug übrig. In Mainz hatte er eine Besatzung von 23.000 Mann gelassen. Er selbst aber lagerte sich auf dem Geisberge bei Weissenburg, wo er täglich neue Truppen an sich zog, die Besatzung van Landau, mit welcher Festung ihm die Verbindung noch offen war, verstärkte, und die Linien an der Lauter in furchtbaren Stand herstellen ließ.

Da er unter allen Feldherren der Republik um diese Zeit für den galt, dessen Erfahrung und Kriegstalenten man am sichersten vertrauen konnte, so wurde er im Juni zum General en Chef der Nordarmee ernannt, weil der vorige Anführer derselben, General Dampierre, in einem Treffen geblieben war. Vergebens hatte Custine vorgeschützt, daß er hier, wo er Gegend und Armee schon kenne, weit nützlichere Dienste zu leisten vermöge, als im Norden, wo er beides erst mit vielem Zeitverluste würde studiren müssen. Man ließ seine Gründe nicht gelten, und er mußte zu seinem neuen Posten abgehen. Hier nun, statt der beängstigten Festungen Conde und Valenciennes zu Hilfe zu kommen, verschanzte er sich am Zusammenflusse der Tense und Schelde. Conde und Valenciennes ergaben sich bald darauf den Kaiserlichen, auch Mainz eroberten die Preussen.

Nun verlohr Custine auf einmal allen Kredit, und da er ohnehin Feinde hatte, auch von seinen Soldaten nicht geliebt wurde, so ward er für einen Verräther erklärt, und vor das Pariser Revoluzionstribunal gefordert. Hier begann, nach der damals gewöhnlichen tumultuarischen Verfahrungsart dieses Gerichts, ein kurzer Prozeß, und Custine wurde schon am 28. August 1793 durch die Guillotine hingerichtet. Er zeigte eine ausserordentliche Feigheit bei seiner Hinrichtung; sein Sohn aber, der Adjutant bei ihm war, und später auch guillotinirt wurde, starb mit grossem Muthe.


A. P. Graf von Custines.

Custines (A. P. Graf von), gebohren zu Metz den 4ten Februar 1740.

In einem Alter von 7 Jahren zum Lieutenant bey dem Regiment St. Chamans ernannt, folgte er dem Marschall von Sachsen in dem Niederländischen Feldzug. Er machte in der Folge einen Theil des 7jährigen Kriegs mit, wo er Hauptmann bey dem Regiment Stromberg ward. Durch die Gunst des Herzogs von Choiseul erhielt er ein Regiment Dragoner, das seinen Nahmen bekam, und welches er bis 1780 kommandirte. Um diese Zeit hatte der Hof das Regiment Saintonge nach Amerika bestimmt; Cüstine verglich sich mit dem Chef desselben, führte dieses Korps den Amerikanern zu Hülfe, und ward bey seiner Rückkunft zum Feldmarschall ernannt.

J. 1789 als Deputirter des Adels von Metz, erklärte er sich, von den ersten Sitzungen an, für die Volkspartey. In der Folge wurde er bey den Armeen angestellt und in dem Monath May 1792 bemächtigte er sich der Pässe von Porentrui. Im Juny erhielt er den Oberbefehl der Armee am Unterrhein und eröffnete den Feldzug mit der Besitznahme von Speyer den 29. September. Von da gieng er nach Worms, bemächtigte sich den 21sten Oktober der Festung Maynz und den 23sten Frankfurts am Mayn, wo er schwere Kontributionen erhob. Cüstine sah sich in Kurzem aus Frankfurt durch die Preussen vertrieben und genöthigt, sich nach Maynz zu werfen, das er befestigen ließ. Mit der Eröffnung des Feldzuges 1793 verließ er Maynz, welches alsbald die Alliirten belagerten, ward aus Worms vertrieben und sah sich gezwungen, sich nach dem Elsaß zurückzuwenden.

Klagen fiengen an sich von allen Seiten gegen ihn zu erheben und er verlangte im April seine Entlassung; allein der Konvent bat ihn, im Nahmen des Vaterlandes, das Kommando nicht zu verlassen. Um diese Zeit warfen die Jakobiner auf Cüstines Verdacht. Cüstines beklagte sich bitterlich und ward vom Konvent zu Ende May in dem Kommando der Nordarmee bestätigt, zu der er sich begab, aber kaum Zeit hatte, die Posten zu besuchen. Marat und Varennes liessen mit ihren Denunziationen gegen ihn nicht nach und brachten es dahin, daß ein Befehl des Wohlfahrtsausschusses ihn im July 1793 nach Paris forderte. In der Abtey und von da im Palais Luxemburg verhaftet, verlangte Cüstine seine Untersuchung. Das Revolutionsgericht fieng den 15ten August an, seinen Prozeß einzuleiten. Cüstines vertheidigte sich mit vieler Geistesgegenwart: allein sein Tod war beschlossen, er ward den 27sten August verurtheilt. "Mein gutes Gewissen bleibt mir," rief er aus, da er sein Urtheil anhörte, "ich sterbe ruhig und unschuldig." Doch gab er vor seinem Tode Beweise von grosser Schwachheit und Muthlosigkeit.


Quellen und Literatur.

  • Gallerie interessanter Personen. Oder Schilderung des Lebens und Charakters der Thaten und Schicksale berühmter und berüchtigter Menschen der ältern und neuern Zeit. Herausgegeben von Karl August Schiller. Wien im Verlage bei Anton Doll, 1799.
  • Interessante Lebensgemälde der denkwürdigsten Personen des achtzehnten Jahrhunderts von Samuel Baur, Prediger in dem Dorfe Göttingen, ohnweit Ulm. Leipzig, bei Voss und Compagnie 1803.
  • Moderne Biographien, oder kurze Nachrichten von dem Leben und den Thaten der berühmtesten Menschen, von Karl Reichard. Leipzig, 1811. In Commission bey Peter Hammer.