Alois von Reding

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Aloys Reding.

Die Familie Reding gehört unter die, welche in den Jahrbüchern Helvetiens, und besonders des Cantons Schwytz vorzüglich ausgezeichnet sind. Nichts wichtiges fiel seit Jahrhunderten vor, wobey nicht ein Reding eine bedeutende Rolle gespielt hätte. Als einst bey Morgarten die Schweitzer jene ewig denkwürdige Schlacht fochten, wo 1300 von ihnen 20,000 kriegerische Streiter zur Flucht zwangen, den 15. November des Jahres 1315, befehligte der Altlandammann, Rudolph Reding, die Schwytzer.


Am 2. May 1798 führte auf derselben Stätte Aloys Reding ein kleines Häufchen Schwytzer zum Kampf mit Schaumburgs und Nouvions Brigaden, welche in 12000 der geübtesten Truppen enthielten, und jene ohngefähr 4000 Mann starken Landleute in einer Linie von 10 Meilen angriffen. Aloys strebte kühn seinem großen Ahnherrn nach, und der Sieg krönte ihn wie jenen. Auch späterhin bey den wichtigen Vorfällen des Jahres 1802 und 1803 entsprach er in den ersten Landesämtern ganz den Erwartungen, wozu seine frühern Thaten seine Landsleute berechtigt hatten.

Auf den grünen Höhen von Morgarten am Sattel und Rothenthurm, an und in der Nachbarschaft von dem Egeri-See entbrannte der Kampf an jenem 2. May 1798 am heftigsten. Zum Rothenthurm hatten Frauen und Mädchen die in Luzern gefundenen Kanonen, sich selbst davor spannend, hinauf über Berg und Thal gezogen. Fast alle Weiber des Landes waren bewaffnet, die mehresten mit Keulen. Viele hatten sich gleichförmig mit weissen Binden ums Haupt und Hirtenhemden über die Schultern gekleidet. Wagte wo ein Feiger zu entwischen, so fiengen sie ihn auf und sendeten ihn mit Gewalt zurück zum Panner. So bewachten Mütter und Tochter das Land, während ihre Väter, Gatten, Brüder kalt und fest wie ihre ewigen Felsen standen im Angesichte des Todes und der Gefahr. Durch den Rückzug der Einsiedler unter dem Pfarrer Mariauds vom Engelberg waren die Franken auf dem ganzen St. Josten-Berg vom Rothenthurm bis Morgarten vorgedrungen. Hier standen Schwytzer und Urner. Reding sendet ein Bataillon Verstärkung ab, den Morgarten sogleich wieder zu erstürmen. Er selbst erwartete mit 1200 Mann den Angriff am Rothenthurm. In furchtbarer Anzahl und weiten Linien wälzten sich die feindlichen Schaaren von den Anhöhen gegen ihn herab. Als sie nahe genug waren, vom kleinen Gewehrfeuer erreicht zu werden, donnerten ihnen die Kanonen der Schwytzer einige Mahl entgegen. Es erfolgte eine tiefe Stille. Reding flog durch die Glieder, führte sie gegen die Ebene vor, und als seine Leute einmahl gefeuert hatten, ließ er den sehnlich erwarteten Sturmmarsch schlagen. Mit einem Muthe, der fast an Ueberspannung grenzte, rückte nun Alles mit gefälltem Bajonette und jauchzend dem Feind an. Weder die Menge noch die vortheilhafte Stellung, noch die Kriegserfahrenheit derselben konnte diese Bergbewohner zurückschrecken. Die Begier, mit den ersten Truppen Europens Handgemein zu werden, war so groß, daß sie allen Gefahren und dem fürchterlichsten Feuer aus dem groben Geschütz und kleinen Gewehr zum Trotz durch eine mehr als 800 Schritte lange Ebene festgeschlossen andrangen, bis sie den Feind in seiner günstigen Stellung am Fuße des Berges fassen konnten. Ihr Schritt wurde zum Lauf, ihr Lauf zum Fluge. Soldaten und Befehlshaber wetteiferten, wer zuerst den Boden der Freyheit durch das Blut der Feinde färben sollte. "Machen wir's kurz, nehmen wir sie unter die Kolben!" erscholl es hier und am Morgarten aus aller Munde. Da brach ein fürchterliches Gemetzel die feindlichen Reihen, und binnen einer halben Stunde waren die Schwytzer Meister von den Anhöhen auf Wegen, welche in so kurzer Zeit fast nur von den besten Fußgängern kaum zurückgelegt werden. Die Feinde büßten viel Volk ein. Sonderlich fand hier ein sehr großer Theil sogenannten schwarzen Legion sein Grab. Zu derselben Zeit wurde auf dem andern Flügel zwischen dem stillen See von Egeri und dem Berge Sattel im Morgarten durch das abgeschickte Bataillon in Vereinigung mit den Urner Scharfschützen und dem Landsturm von Steinen ein gleicher Sieg errungen. Zweymahl kam es dort zum wüthenden Gefechte, doch der Morgarten, nur den Siegen der Schweitzer geneigt, sahe bald die Feinde überall aus seinen stillen Gegenden vertrieben. Das lebhafte Feuer der Scharfschützen füllte ihre Reihen mit Todten. Manche Schütze unterhielt ein anhaltendes Feuer aus mehrern von Knaben nachgetragenen und geladenen Röhren.

Als kleine Haufen von feindlichen Offizieren und Soldaten zusammen getreten waren, nahm der Scharfschützen einer dreyfache Pulverladung und sprach zu seinen Gefährten: "Was gilts, ich reiche den Mittleren von jenen Hauptleuten." Die Entfernung war ausserordentlich. Man konnte kaum die Offiziere an ihren langen Oberröcken erkennen. Es knallte und der Erzielte stürzte getroffen in der Mitte der Seinen zu Boden. Dieser Schuß war das Zeichen zum allgemeinen Rückzug der Franken.

Auf dem Wege von Richterswyl zum Rothenthurm liegt im rauhen Thal das Dörflein Schindelleggi. Hier war es, wo am Abend des ersten Mays Aloys Reding die Trauerpost empfing, daß die Glarner, Uznacher, Gaßler und Sarganser Hülfstruppen auseinander und nach Hause gegangen seyen, und daß die Schwytzer mit den wenigen Zugern aus Uri, Zug und den Einwohnern von Wollerau und Bäch sich selbst und der Uebermacht der Franken Preiß gegeben wären. Aber die Trauerpost erschütterte weder den Feldherrn noch seine kleine Schaar. Kalt und kühn, wie einst Leonidas mit seinen Spartanern bey Thermopylä, standen Reding und sein Volk an dem Schindelleggi, der Tod ihre Erwartung, und die nie von einem glücklichen Feinde betretene Erde zu rächen ihr Wunsch. Als Reding die Stimmung seines Volks vernahm, wandte er sich zu demselben und hielt folgende kraftvolle Anrede:

"Liebe Landsleute und Kameraden! bald sind wir am Ziele. Von Feinden rings umgeben, von Freunden verlassen, ist es nur noch die Frage, ob wir zusammen halten wollen, standhaft bieder in der Gefahr jetzt, wie einst unsere Väter am Morgarten? Unser Loos ist der Tod. Bangt's einem noch von uns, der gehe zurück, kein Vorwurf von uns wird ihm folgen. Wir wenigstens wollen in dieser Stunde einander nicht betrügen. Lieber ist mir's, hundert Mann zu haben, auf die ich mit Zuversicht rechne, als fünfhundert, die beym Gefecht davon laufen, Verwirrung anrichten, und durch ihre Flucht die rechtschaffenen Leute zum unnützen Opfer machen. Ich aber gelobe euch, in keiner Gefahr und im Tode nicht von euch zu scheiden. Wir, wir fliehen nicht! wir sterben! Gefällt euch dieser Vorschlag, so laßt zwey Männer aus der Schaar treten, und mir in euren Nahmen das Gleiche geloben!"

Tiefschweigend, horchend standen sie da, an ihre Flinten gelehnt. Hin und wieder sah man eine Thräne stürzen über die männliche Wange. Ein wildes Geschrey, tausend Stimmen stiegen endlich zum Himmel: Ja, ja, wir wollen halten und euch auch nicht verlassen! Darauf traten zwey Krieger aus den Gliedern zum Landeshauptmann. Sie streckten ihm ihre Hände dar, und also schwuren unter freyem Himmel der Feldherr und sein Volk nach der alten Weise der Väter. Und alle hielten treulich Wort.

Als Reding am zweyten May zum Kampf nach Rothenthurm geeilt war, stritten die zurückgelassenen Vertheidiger des Schindelleggi nicht wie Hirten, sondern wie in Feldlägern grau gewordene Soldaten. Einer, der des Morgens eine starke wunde am Schenkel am Nachmittage eine im Leibe empfangen hatte, kämpfte fort, bis ein dritter Schuß im Arme ihn außer Stand setzte, sich des Gewehrs zu bedienen. Die Truppen der Waldkantone büßten in diesen verschiedenen Gefechten, nach Angabe der umständlichen Gemeinderegister, in Allem 236 Todte ein, und zählten nur 195 Verwundete. Die Zahl der Todten belief sich bey den Neufranken nach bestimmten Nachrichten aus Luzern auf 2754 die Verwundeten hat man nicht mit Gewißheit erfahren.


Quellen und Literatur

  • Historische Gemälde in Erzählungen merkwürdiger Begebenheiten aus dem Leben berühmter und berüchtigter Menschen. Herausgegeben von einer Gesellschaft von Freunden der Geschichte. Sechszehnter Band. Leipzig, 1808. bey Johann Friedrich Hartknoch.