Antoine Joseph Santerre

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Biographien

(1800) Charakterzüge und interessante Szenen aus dem Leben denkwürdiger Personen der gegenwärtigen und verflossenen Zeiten. Herausgegeben von Julius Gustav Meißner. Wien, 1800. Im Verlage bei Anton Doll.

(1816) Conversations-Lexicon oder encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände. Stuttgart bei A. F. Macklot. 1816.


Santerre.

Die Geschichte des Masaniello, eines Fischhändlers zu Neapel, welcher 150,000 Mann Rebellen wider den habsüchtigen Vicekönig der Spanier zu Neapel, kommandirte, gab, vor der französische Revoluzion, ein auffallendes Beispiel von der Veränderlichkeit der Dinge in der Welt. Aber die Erhöhung Santerre's zum Kommandanten und Chef aller Nazional-Garden in Frankreich, ist ein Phönomen, das noch weit ausserordentlicher ist.

Santerre war Bierbräuer zu Paris, in der Vorstadt St. Antoine, und gab vielen Leuten aus der niedern Klasse Arbeit, welche ihn als einen ihres Chefs verehrten. Seit dem Jahr 1789 zeichnete er sich als Verbesserer und bei allen Volks-Bewegungen aus; er spielte immer eine sehr thätige Rolle, so wie Legendre, St. Huruge und andere Anführer des Volks, und als man die Nazional-Garde organisirte, wurde er zum Kommandeur eines Bataillons aus seiner Vorstadt ernannt, eine Stelle, welche seiner Popularität und seinem Einflusse auf das gemeine Volk sehr angemessen war.

Santerre war in der Vorstadt St. Antoine das, was Camille-Desmoulins im Palais-Royal gewesen ist, das heißt, er leitete alle Einwohner seines Distrikts nach seinem Willen. Die erste Gelegenheit, bei welcher er sich hervor that, war der 20. Juni 1792. Als nehmlich der Pöbel aus den Vorstädten bewaffnet nach dem königlichen Palais marschirte, um Ludwig den Sechzehnten zur Sankzionirung der beiden Dekrete in Beziehung der Geistlichkeit und Vertheidigung der Hauptstadt, zu zwingen: war Santerre der Haupturheber dieses unglücklichen Tages. Die Vornehmsten dieses Aufruhrs versammelten sich bei ihm, um sich über die Art und Weise zu berathschlagen, wie sie den Pöbel zur Erreichung ihres Zwecks zu überreden und zu bestimmen hätten.

Auch als das Volk nach dem Louvre marschirte, war Santerre an der Spitze seines Bataillons; man bemerkte, daß allein das Korps, welches Santerre kommandirte, in Ordnung marschirte und eine Kanone bei sich hatte. Sein Betragen bei dieser Gelegenheit verschafte ihn die Bekanntschaft des Herzogs von Orleans, welcher seit dieser Zeit eine solche Achtung gegen Santerre hegte, daß er ihn zu allen seinen Gesellschaften einlud; und diese innige Verbindung trug in der Folge nicht wenig zur Erhöhung Santerres bei. Er wurde an die Stelle des Mandat, welcher, weil er es mit seinem Könige und Vaterlande treu und redlich meinte, bei dem wichtigen Aufstand am 10. August, ermordet wurde, zum General-Kommandanten der Pariser-Nazionalgarde ernannt. Seine Verrichtungen seit diesem merkwürdigen Tage, und das Resultat seiner Thätigkeit sind zu sehr bekannt als daß ich sie hier zu wiederholen brauche. Er war es, welcher die Marseiller und Föderalisten nach Paris berief, um den königlichen Thron umstürzen zu helfen; er war es, welcher die königlichen Familie im Tempel so bewachen ließ, daß es unmöglich war, dieselbe zu retten; er war es auch, der am 21. Januar 1793, am Tage der Hinrichtung des unglücklichen Monarchen, die Nazional Garde kommandirte. Santerre stund am Fusse des Schaffots, und begegnete dem unglücklichem König mit einer solchen empörenden Unbarmherzigkeit, daß er ihm, als er an das versammelte Volk reden wollte und die Worte: "O mein Volk!" -- aussprach, auf eine insolente Art zu schweigen befahl, und ihm sagte: "Sie sind hier um zu sterben, und nicht um zu reden;" -- und zugleich den Generalmarsch schlagen ließ, damit man den König nicht hören könnte. Mit diesem Betragen Santerres waren diejenigen, welche den Tod des Königs am eifrigsten wünschten, freilich sehr zufrieden, indem er dadurch dem Eindrucke zuvorkam, den die Rede des Königs auf das Volk gemacht haben würde.

Als in der Vendee die Flamme des bürgerlichen Kriegs ausbrach, ward Santerre zu einem von den Generalen ernannt, welche wider die Insurgenten marschirten. Er bekleidete diesen Posten mit seiner gewöhnlichen Thätigkeit und seinem Eifer; aber er erhielt sehr geringe Vortheile.

Unter der Schreckens-Regierung wurde Santerre abgesetzt und ins Gefängniß geworfen. Es ist sehr merkwürdig, daß ein so hervorstehender Charakter unter der Tyrannei Robespierres nicht vor das Gericht gezogen wurde. Sein Freiheit, und ohne Zweifel auch sein Leben, hat Santerre der allgemeinen Amnestie zu verdanken, welche nach dem Sturze Robespierres bekannt gemacht wurde. Er lebt seit dieser Zeit in dunkler Zurückgezogenheit. Erst neulich aber hat er zu Rheims, in der ehemaligen Champagne, die Kirche gekauft, wo die Könige von Frankreich gekrönet wurden.


J. F. G Santerre.

Santerre (J. F. G.), Commandant der pariser Nationalgarde und Divisionsgeneral.

Er war ein wohlhabender Brauer in der Vorstadt St. Antoine, der in großem Ansehen stand, sich in allen Volksaufläufen und besonders beim Sturm der Bastille bemerklich machte, so daß er zum Bataillonscommandanten der Nationalgarde gewählt wurde, und die orleansche Partei ihn darauf in ihr Interesse zog. Er führte den Aufstand, der am 20sten Juli 1792 in die Tuilerien bis zum König drang. Als Commandant der Nationalgarde half er am 10ten August die Monarchie stürzen, führte hernach Ludwig XVI. in den Tempel und vor Gericht, betrug sich jedoch stets mit Anstand gegen ihn. Bald darauf zum Maréchal de Camp ernannt, commandirte er die Truppen, welche die Hinrichtung des Königs schützten. Als Ludwig auf dem Schaffot noch zu dem Volke reden wollte, ließ er dessen Stimme durch Trommelschlag übertäuben; und antwortete, da man ihm deßhalb Vorwürfe machte: "Ich fing an, den Muth zu verlieren."

Von seinen Feldherrntalenten überzeugt, legte er dem Convent einen Operationsplan gegen die Vendeer vor, und ward mit 14,000 Mann dorthin geschickt, aber immer geschlagen. Bei seiner Rückkehr ward er als Gemäßigter verhaftet; der 9te Thermidor Jahr 2 aber gab ihm die Freiheit wieder.

Er lebte nun als Divisionsgeneral ohne Anstellung unbemerkt in Paris, bis er 1810 blödsinnig starb.


Quellen und Literatur.

  • Charakterzüge und interessante Szenen aus dem Leben denkwürdiger Personen der gegenwärtigen und verflossenen Zeiten. Herausgegeben von Julius Gustav Meißner. Wien, 1800. Im Verlage bei Anton Doll.
  • Conversations-Lexicon oder encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände. Stuttgart bei A. F. Macklot. 1816.