Belagerung von Kehl

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Eroberung von Kehl und der Brückenschanze von Hüningen.

Den 9. Jänner 1797.


Um den Feldzug des Jahres 1797 zu sichern, beschäftigte sich der Erzherzog Carl mit der Eroberung des von den Franzosen noch besetzten Forts Kehl, und der Brückenschanze bey Hüningen. Vergebens schien sich die Natur selbst diesem Unternehmen zu widersetzen; mit der ausdauerndsten Beharrlichkeit trotzte der österreichische Soldat, durch das Beyspiel seines Feldherrn belebt, den anhaltenden Regengüssen, und der darauf gefolgten strengen Kälte. Die Belagerung von Kehl nahm einen langsamen Gang, weil die Franzosen in der Vertheidigung dieses Forts alle Hülfsmittel erschöpften, die ihnen die Arsenale von Straßburg, und die Leichtigkeit, ihre Truppen nach Gutdünken abzulösen, oder zu verstärken, darboten. Erst nach einem mehr als zweymonathlichen Widerstande capitulirte Kehl, und bald darauf (am 1. Febr.) auch die Brückenschanze von Hüningen. Die beyderseitigen Armeen am Rhein schlossen einen Stillstand auf dreytägige Aufkündigung. Von Basel bis an die Sieg hinunter, stand nun kein Franzos mehr auf dem rechten Rheinufer.


Die Belagerung von Kehl von der Armee des Erzherzogs Karl vom 18. September 1796. bis 9. Januar 1797.

Der Besitz von Kehl war zu der großen Unternehmung, welche den französischen Truppen unter dem Kommando des Generals Moreau aufgetragen war, eine unerläßliche Bedingung. Denn durch denselben beherrschten sie nicht nur eine beträchtliche Strecke des Oberrheins, sondern hatten auch ein Weg, ungehindert neue Kräfte aus ihrem Vaterlande an sich zu ziehen, und auf den schlimmsten Fall für ihren Rückzug eine Bedeckung. Sie hatten kaum ihren Fuß auf die deutsche Gränze gesetzt, als sie sogleich im ersten Lermen auf diesen Platz losstürzten, und sich mit einer unerwarteten Schnelligkeit desselben, und aller der Vortheile, die er gewährte, bemächtigten.


"Kehl *) besteht aus drey Theilen, nämlich dem Fort, dem Städtchen Kehl und dem Dorfe gleiches Namens. Von dem Fort, das bekanntlich ehemals von dem berühmten Vauban als Tete de Pont vor die Brücke erbaut wurde, welche Straßburg über den Rhein nach Deutschland führet, sind nichts mehr als Ruinen zu sehen. Von dem größten Theile der ehemaligen Ausenwerke bemerkt man kaum noch Spuren. Die Steine davon sind verkauft worden. Auf dem Hauptwalle des eigentlichen Forts, der noch steht, ist so wenig eine Brustwehr mehr, als vor demselben ein Graben wahrzunehmen. Selbst die noch vor kurzer Zeit innerhalb dem Fort befindlich gewesenen Kasernen und sonstigen Häuser wurden bey dem im Jahre 1793 von den Franzosen auf Kehl unternommenen Bombardement gänzlich zu Grunde gerichtet und unbewohnbar gemacht."
*) S. Betrachtung über den von den Franzosen bey Kehl unternommenen Rheinübergang xc. S. 24 fg.
"Das Fort und das Städtchen liegen dicht am Rhein, das Dorf in der Verlängerung des Städtchens breitet sich nach der Seite rheinaufwärts aus, und ist etwas mehr vom Rhein entfernt. So wie auf der einen Seite von Kehl gegen Frankreich zu der Rhein sich hinzieht, der überall mit vielen. öfters sehr großen, meistens mit Gebüschen bewachsenen Inseln angefüllt ist, fließen auf der andern Seite die Kinzig und Schutter. Die erste kommt bekanntlich von Schwarzwalde her, durchläuft ein sehr schönes Thal, das seinen Namen von derselben erhält, in welchen Hausach, Haslach, Gengenbach und Offenburg liegen, krümmt sich von Offenburg aus über Griesenheim, Willstädt und Neumühl, geht ganz nahe am Dorfe und Städtchen Kehl vorbey, wendet sich am Fort Kehl, und lauft sodann bey Auenheim, einem ungefähr eine kleine Stunde unterhalb Kehl am Rhein gelegenen Dorf, in den Rheinstrohm. Die Schutter, welche mehr ein Bach als ein Fluß zu heissen ist, kommt gleichfalls aus dem Gebürge, passirt Lahr, Dinglingen, Hugswihr, Schuttern, und schlängelt sich an Mühlheim, Kittersburg und Eckartsweiher vorbey, läuft durch den eine halbe Viertelstunde von Kehl entfernten kleinen Flecken Sontheim, berührt so zu sagen die äusersten vom Rhein am weitesten entfernten Häuser des Dorfes Kehl, und vereinigt sich unter der Brücke, welche über die Kinzig erbaut ist, um von Deutschland aus nach Kehl kommen zu können, mit diesem Fluß.
"Kehl selbst liegt also auf diese Art in einem Cul de Sac, welcher von dem Rhein, der Kinzig und der Schutter formirt wird, welcher seine Oefnung hinaufwärts gegen Marlen hat, und in welchen man von der am rechten Ufer der Kinzig gelegenen Landschaft nur kommen kann, indem man entweder die bereits vereinigte Kinzig und Schutter, oder aber sowohl die Kinzig als die Schutter itzt einzeln vor sich passirt."
"Ueber die Kinzig ist bey Kehl die eben erwähnte Hauptbrücke erbaut, welche von den vor Kehl sich vereinigenden Chausseen sowohl in das Städtchen als in das Dorf führt. Die während der Dauer des Kriegs erbaute, rechts von der Hauptbrücke befindliche Floßbrücke führt unmittelbar in das Städtchen und das Fort. Will man von der Offenburger Chaussee aus über Neumühl und Sontheim nach Kehl, so passirt man in Neumühl eine Brücke über die Kinzig und in Sontheim eine andere über die Schutter."
"Innerhalb der Kehler und Sontheimer Markung befinden sich sehr viele Altwasser, Sümpfe und Wassergräben, welche die Gegend für die Bewegungen der Artillerie, Kavallerie und schweren Infanterie sehr untauglich, so wie die Gegend überhaupt sehr ungesund machen. Dazu kommt noch, daß wegen dem öftern Austreten des Rheins, der Kinzig und der Schutter die Erbauung von Dämmen nöthig geworden, die in einiger Entfernung von den Ufern fortlaufen, um die Felder gegen das Hereinstürzen des Wassers so viel möglich zu schützen. In der Ebene, welche hinter Kehl deßwegen Statt hat, weil der Rhein daselbst in einem Bogen sich ergießt, sind auser dem ebenfalls in einem Bogen laufenden Hauptrheindamm noch zwey andere Dämme anzutreffen, die von einem Punkte des Bogens gegen einen andern, gleichsam wie Sehnen dieses Bogens, ungefähr paralell mit einander laufen."
"Von Kehl aus gehen in verschiedenen Richtungen 3 Hauptstraßen oder Chausseen aus. Eine führt nämlich unter dem Namen der Rheinstraße über Bodersweiher, Lings, Bischofsheim, Neustadt und Stollhofen nach Rastadt; die zweyte, oder die sogenannte Dauphinsstraße, über Sontheim, Marlen, Goldscheir, Altenheim, Ichenheim, Kürzel und Hugswihr, wo sie sich unsern Dinglingen mit der nach Freyburg führenden Straße verbindet. Die dritte endlich nimmt ihre Direktion über Neumühl, Kork, Adelshofen, Willstädt, Griesenheim und Bühl nach Offenburg, und von da aus gerade vorwärts durch das Kinzigthal nach Hornberg und Rothweil, oder auch Hornberg und Villingen, so wie seitwärts, längst der Bergstraße, entweder hinaufwärts über Hofwihr, Frisenheim, an Lahr vorbey, gegen Freyburg, oder hinabwärts über Appenweiher, Renchen, Sasbach, Bühl u. s. f. Von Appenweiher läuft überdieß noch über Rußbach, so wie auch von Renchen aus eine Straße nach Oberkirch, Oppenau, den Kniebis und Freudenstadt." --


Die Franzosen befanden sich ruhig im Besitze dieses Platzes, und konnten ungehindert an der stärkern Bevestigung desselben arbeiten, indem der General Scherb alle diejenigen kaiserlichen Truppenabtheilungen im Respekt erhielt, welche dieses Geschäft hätten stöhren können. Da zuvor die ganze Bevestigung in 8 Batterien auf dem Rheinufer, in 3 Batterien auf den Ruinen des ehemaligen Hornwerks und in 4 Schanzen bestand, so hatten die Franzosen nicht nur alle diese Werke um sehr viel verbessert, sondern auch das verfallene Hornwerk wieder hergestellt, auf der Seite gegen Marlen eine bevestigtes Lager angelegt, alle Rheininseln mit Batterien und Schanzen versehen, das jenseitige Ufer zur Deckung des disseitigen ebenfalls mit viele Batterien besetzt, mehr als 200 Feuerschlünde auf allen Seiten aufgeführt, und dadurch das vorhin so unbedeutende Kehl zu einem der unangreifbarsten Plätze umgeschaffen. Dabey hatten die noch den Vortheil einer sehr leichten Vertheidigung. Drey Brücken verbanden die Veste mit dem jenseitigen Ufer. Ohne die mindeste Schwierigkeit konnte hier die Besatzung Verstärkung und Lebensbedürfnisse an sich ziehen, und die Arsenale von Straßburg gewährten ihm einen unerschöpflichen Reichthum an Munition. Dadurch kamen die kaiserlichen Generale in den äuserst schweren Fall, einen Platz zu belagern, der nur von einer Seite zugänglich war, und der auf der andern mit einer ganzen Armee, und mit einem von derselben besetzten weiten Lande zusammen hieng.

Als der General Petrasch seinen Angriff, auf Kehl (18. Sept.) vereitelt sah, so setzte er seinen Marsch in dem Gebürge des Schwarzwaldes fort, um der feindlichen Armee auf ihrer linken Flanke Gränzen zu setzen, den Obristlieutenant von Aspre ließ er aber mit einer kleinen Truppenabtheilung im Kinzigerthale zurück, das verschanzte Lager vor Kehl zu beobachten. Als bald darauf der Erzherzog Karl selbst mit einer großen Macht vom Niederrhein aus Schwaben anrückte, um den General Moreau aus Schwaben zu vertreiben, so gieng derselbe erst bey Kehl vorüber, ertheilte aber dem Prinzen Friedrich von Oranien den Befehl, mit 4 Bataillons und 2 Eskadrons die Dörfer Neumühl, Auenheim und Sontheim zu besetzen, und dadurch die Veste einzuschließen, welcher Befehl von ihm in der Nacht vom 8 bis 9. Oktober vollzogen wurde.

Als aber am 13. Okt. der besagte Prinz an den Oberrhein aufbrechen mußte, so ward seine Stelle dem Feldmarschalllieutenant Fürsten von Kolloredo übertragen. Dieser sah sich bald durch einige von den Generalen Sebottendorf und Bürger angeführte Abtheilungen verstärkt, davon der erste den rechten Flügel bey Auenheim, der andere aber den linken bey Marlen und Sontheim kommandirte. Er schleifte eine wegen eingetretener Ueberschwemmung von dem Feinde verlassene Redoute, in dem Vereinigungspunkte der beyden Chausseen begann die Landstraße vor Neumühl, so wie auch dieses Dorf selbst, und die Ortschaften Pottersweiher, Auenheim und Sontheim zu verschanzen, und traf die nöthigen Anstalten zur Errichtung der Depots, und zur Herbeyführung des Belagerungsgeschützes. Alle diese Arbeiten waren bey der damaligen auserordentlich rauhen, regnerischen Witterung sehr mühselig. Doch hatte man den Vortheil, daß sie der Feind ohne die mindeste Stöhrung verrichten ließ. Sobald der Erzherzog das Breisgau von den Feinden gesäubert hatte, so rückte er mit der ganzen Armee, diejenigen 13 Bataillons und 24 Eskadrons ausgenommen, welche sich unter dem Kommando des Landgrafen von Fürstenberg um die Brückenschanze von Hüningen her gelagert hatten, in die Gegend von Kehl herunter, nahm sein Hauptquartier zu Offenburg und übertrug dem Feldzeugmeister Grafen von Latour das Kommando der Belagerung, der sich zu Kork niederließ. Sogleich wurde mit großer Thätigkeit die Errichtung der Cirkumvallationslinie begonnen, und für derselbe die ungeheure Strecken von 3 Stunden abgesteckt. Der Feind stöhrten diese Arbeit nicht; einen unbedeutenden Ausfall am 4. Okt. abgerechnet, wo er zwar einige kaiserliche Pikete aufhub, und die Vorposten zurück warf, aber sogleich wieder in seine Verschanzungen vertrieben wurde. Es gieng alles schleunig von statten. Am 20. konnte man schon das Feldartilleriereservegeschütz einführen, und in der Nacht vom 21 bis 22. die Laufgräben auf dem rechten Ufer der Kinzig eröfnen.

Auch dieses Geschäfte, welches 7 Bataillons, bedeckt von zweyen andern, aufgetragen war, wurde ohne die mindeste Stöhrung bewerkstelliget. Bey dem Anbruche des Tages war schon eine Strecke von 1780 Klastern beendiget; die Arbeiter waren 3 bis 4 Schuh breit und 2 Schuh tief eingegraben; und die erste Paralelle war, zu mehrerer Sicherheit gegen die Ausfälle, mit einem Vorgraben versehen. Der Feind hielt sich ganz geruhig, und nicht ein Schuß war von seiner Seite gefallen.

Bald lehrte aber der Erfolg, wie irrig die Vermuthung war, daß die Arbeiten der Belagerer seiner Wachsamkeit entgangen seyn dürften. Vielmehr rüstete er sich zu einer entscheidenden Unternehmung, welche darauf abzielte, die Werke der Oesterreicher durch einen gewaltigen Ausfall zu erstürmen und zu zerstöhren, ihr Geschütz zu erobern, sie zu schlagen und zu zerstreuen und dadurch die Fortsetzung der Belagerung für diesen Feldzug unmöglich zu machen. Der anbrechende Tag war zur Ausführung dieses kühnen Entwurfs bestimmt, nachdem der General Moreau in der vorhergegangenen Nacht 36 Bataillons zusammen gezogen, und über die beyden Kommunikationsbrücken nach Kehl geführt hatte.

Früh um 6 Uhr rückten die Kolonnen, angeführt von dem General Desaix, in der größten Stille, ohne daß jemand im kaiserlichen Lager nur das geringste bemerkte, bedeckt durch einen dichten Nebel, zwischen den Schanzen der Veste heraus. Der General Lecourbe kommandirte den rechten, Sisce den linken Flügel und Decaen den Mittelpunkt. Moreau befand sich selbst unter den Streitern.

Mit gefälltem Bajonete marschirten die feindlichen Heersäulen gegen den linken Flügel der Kaiserlichen an. Mit Blitzesschnelle warf sich der eine Haufe auf die nächsten Redouten; in einem Augenblick waren drey derselben erobert, und die darinn liegenden Kanonen vernagelt. Sogleich fluthete das Siegerheer gegen eine andere Schanze und den Rappenhof fort, und machte dadurch der folgenden Kolonne eine Oefnung, um in das Dorf Sontheim einzubrechen und es hinweg zu nehmen. Diese Vortheile waren eine Folge der durch die Schnelligkeit des Angriffs verursachten Ueberraschung; und dann fiel der erste Sturm der Feinde gerade in den Augenblick, wo die arbeitenden Bataillons von den andern abgelößt wurden, folglich ein großer Theil der Soldaten nicht zum Widerstande gerüstet war.

Mit gestärktem Muth drangen die Sieger gegen neue Redouten an. Aber hier fanden sie größere Entschlossenheit und kühnern Widerstand. Der Hauptmann Schwarzer von d'Alton, und der Fähnrich Schröder von Kaunitz steckten zuerst ihrem Ungestümme sein Ziel. Umringt von Feinden, vertheidigten sie ihre Posten mit einer Tapferkeit, die, unter dem Schutze einer künstlichen Bedeckung, unüberwindlich schien. Obgleich die beyden Officiere seiner Kompagnie verwundet neben dem Letztern niederfielen, so behauptete er doch seine Redoute bis Hülfe herbey kam. Diese Hartnäckigkeit war um so ehrenvoller, da die Feinde mit einer Art von Wuth auf die Stellungen der Kaiserlichen losstürzten, die unwiderstehlich schien. Reihenweise sprangen sie in die Gräben hinab, und suchten von da die Brustwehr zu erklettern.

Der Feldzeugmeister von Latour ließ sich durch die Vortheile, welche die Franzosen errungen hatten, und ihm schon das Gelingen ihres ganzen Planes verkündigten, nicht irre machen. Er stellte plötzlich die von der Arbeit zurückkommenden Bataillons in Schlachtordnung, verstärkte sie mit einigen andern, und ließ sie, geführt von den Generalen, Petrasch, Keim und Kerpen gegen das Dorf Sontheim anmarschiren. Mit Ordnung und Entschlossenheit rückten diese Truppen gegen die dort agirende Kolonne des Generals Sisce vor, schlugen sie aus dem Dorfe hinaus, eroberten eine Schanze und verfolgten sie mit einem heftigen Kartätschenfeuer.

Auf dem linken Flügel hatte der Prinz von Oranien dem Strohm der Feinde Einhalt gethan, und durch eine vortheilhafte Stellung hinter dem Aufwurfe, der die dritte Schanze von der linken Flanke der ersten Linie mit dem Werke auf der linken Flanke der zweyten verband, das Vordringen der Kolonne des Generals Lecourbe gehindert. Der F. M. L. Stader eilte mit frischen Abtheilungen herbey, und unterstützte den Vertheidiger dieser Gegend. Sogleich rückte der Prinz vorwärts, stürmte zwischen den beyden Dämmen heraus, eroberte die zwey Schanzen, die der Feind noch besetzt hatte und trieb ihn in Eile in seine bevestigtes Lager zurück.

Dieses Treffen war eines der hitzigsten im ganzen Feldzuge; und es ist schwer zu entscheiden, ob die Kühnheit und das Ungestümm der Franzosen bey dem Angriffe, oder die Tapferkeit der Kaiserlichen bey dem Widerstande mehr Lob verdiene. Indessen verfehlten die Erstern ihre Absicht gänzlich, indem die Letztern nicht einen Schuh breit von dem Terrain zurücke wichen, das sie besetzt hatten.

Diese verlohren 6 Kanonen und 2 Haubitzen, und an Mannschaft 4 todte, 25 verwundete und 15 gefangene Officiere, und 280 todte, 518 verwundete und 741 gefangene Gemeine. Der Prinz von Oranien, der durch seine zweckmäßige Anordnungen und durch seine Entschlossenheit das Meiste zum Siege beytrug, wurde ein Pferd unter dem Leibe erschossen. Der Verlust der Franzosen beläuft sich auf wenigstens 2000 Mann. Selbst die Generale Moreau und Desaix wurden verwundet.

Die Belagerer setzen an den folgenden Tagen ihre Arbeiten mit großer Thätigkeit fort. Die beschädigten Werke wurden wieder hergestellt, die Laufgräben zu der erforderlichen Breite gebracht, mehrere Platteformen ausgesteckt und an schicklichen Orten neue Batterien errichtet. Die Feinde machten zwar zu verschiedenen Zeiten ein sehr lebhaftes Feuer; aber da sich die Belagerer gegen die Wirkung desselben hinreichend gedeckt hatten, so war es beynahe ganz unnütz.

In der Nacht vom 26 bis 27. Nov. machten sie einen Ausfall, der mit viel Kühnheit und Nachdruck bewerkstelliget wurde. Eis Haufen von 12 bis 15000 Mann Grenadieren rückte über die Kinzigbrücke, bey der ein Hinterhalt von 3000 Mann aufgestellt war, gegen den Damm an, und vertrieb durch sein kleines Gewehrfeuer die dort stehenden Posten. So bald diese wichen, jagten die Feinde hinter ihnen her und erstiegen sogar an einigen Orten die Brustwehr der Laufgräben. Hier stießen sie aber auf ein Bataillon von Hohenlohe, eines von Gemmingen und auf die Grenadiere von Bitsch, welche mit dem Bajonete gegen die Anstürmenden losstürzten, und sie bis in ihr Lager zurück drückten. Sie verlohren 50 Todte, unter denen sich auch der Chef eines Bataillons befand, welcher von dem Gefreyten Roeger von Hohenlohe auf der Brustwehr mit dem Bajonet durchbohrt ward.

Wichtiger waren die Ereignisse des folgenden Tages (28. Nov.) Die Arbeit gegen die feindlichen Stellungen war größtentheils vollendet, die Truppen gegen das Feuer der Belagerten hinreichend gedeckt und das Geschütz in die Batterien der Paralelle eingeführt. Der Feldzeugmeister sah sich im Stande, weiter vorzudringen, und einen Versuch auf das Dorf Kehl zu machen. Zu diesem Ende wurden mit dem Anbruch des Tages alle Batterien am rechten Ufer der Kinzig eröfnet, und durch ein höllisches Feuer, das die Feinde mit derselben Lebhaft erwiederten, auf ihre Positionen gewirkt. Nach einer halbstündigen Kanonade setzte sich der General Prinz von Oranien an der Spitze des Giulayschen Freykorps in Marsch, und drang gegen den Platz an, den man erobern wollte. Nach einem kurzen Widerstande zog sich die Besatzung, nachdem sie das Dorf in Brand gesteckt hatte, aus demselben zurück, und überließ den Siegern den vordern Theil, während sie sich in die Ruinen der Kirche postirte. Sogleich begannen die Kaiserlichen einen Abschnitt zu machen, um die Vorpostenkette in gleiche Linie mit ihren übrigen Stellungen zu bringen.

Unterdessen hatten sich die Feinde im Dorfe wieder gesammelt. Mittags um 1 Uhr stürzten sie, geleitet von dem General Desaix, aus ihrem Hinterhalte hervor, fielen über die Bedeckung der Arbeiter her und warfen die Erstern samt den Letztern über den Haufen. Sogleich führte aber der Prinz von Oranien ein Bataillon von Kaunitz, das ihm zu Hülfe geeilt war, gegen sie an, trieb sie hinter die Brustwehre ihrer Werke zurück und brachte alles wieder in Ordnung. Die Feinde wiederholten ihre Versuche noch etliche mal, aber immer vergebens. Man setzte sich auf dem Schutte der abgebrannten Häuser fest, verstärkte die Bedeckung durch 2 Grenadierbataillons und behauptete eine Eroberung, die so wichtig war, und die man mit der rühmlichsten Tapferkeit erfochten hatte.

Die Arbeiten, die Gefechte und das Kanoniren dauerten täglich fort. Das Giulaische Freykorps nahm den kleinen Kehlkopf, das Grünlandonische und Servische Freykorps aber die Auenheimer Insel und die Halbinsel zwischen der Kinzig weg. Ein Ausfall in der Nacht vor dem 1. Nov. warf die Vorposten auf der geschleiften Schwabenschanze bis in die Laufgräben zurück; aber das Regiment Erzherzog Karl trieb die Feinde wieder hinweg. Die Stadt, das Hornwerk und der von den Belagerten noch besetzte Theil des Dorfes wurde beynahe unaufhörlich mit Bomben, Haubitzen und Kanonen beschossen.

Nach diesen Fortschritten auf der linken Flanke von Kehl beschloß Latour seine Hauptstärke gegen die rechte, und besonders gegen das dort stehende verschanzte Lager zu wenden. Gelangen hier die Unternehmungen wie dort, so war alles der Entscheidung nahe. Man konnte sich den Brücken nähren, die nach Straßburg führen, durch die Zerstöhrung derselben die Besatzung abschneiden und so in kurzem die Uebergabe der Veste erzwingen.

Nachdem in der Nacht vom 4 bis 5. Dec. die Werke in den gehörigen Stand gebracht und das Geschütz in den Batterien eingeführt ward, so wurde alles in Bereitschaft gesetzt, den Feind sogleich mit dem Anbruche des Tages anzugreifen, und, wo möglich, die für ihn äuserst wichtige Rheininsel, den großen Kehlkopf, zwischen Marlen und der Vestung, wegzunehmen. So bald der Nebel verflossen war, erhub sich aus allen Redouten des linken Flügels ein heftiges Feuer. Sechs Achtzenpfünder spielten auf die Gegend, durch die das Lager mit dem Fort und dem vordern Hornwerk zusammenhieng, und Haubitzen und Kanonen auf die vor den Laufgräben liegenden Redouten und das verschanzte Lager; auch die Batterien des rechten Flügels wirkten auf das Letztere und auf die Punkte, welche die feindlichen Stellungen mit einander verbanden.

Unterdessen hatten sich 4 Kompagnien von Giulay, 2 Bataillon von Sztarrai und 2 von Nadasdy und Erzherzog Anton, angeführt von dem Obristen Mallowetz, auf dem kleinen Kehlkopf versammelt, um die besagte Rheininsel anzugreifen. Das Feuer des großen Geschützes, das auf die Letztere gerichtet war, schwieg, und nun traten 150 Freywillige, unterstützt von einem Bataillon, hervor, stürmten über den schmalen, seichten Rheinarm auf die Insel los, erstiegen das Ufer und stießen den Feind zurück. Auf der Mitte der Insel stellte sich dieser. Das Gefecht wurde heftig. Die Kanonen auf dem linken Ufer des Strohms wirkten mit Nachdruck. Die Oesterreicher begannen zu stutzen. Sogleich flog das Bataillon Erzherzog Anton, das zum Hinterhalt bestimmt war, herbey, wadete, bis an die Brust im Wasser, durch den Fluß, und fiel dem Feinde mit dem Bajonete in die Flanke. Der Hauptmann Scharlach von Sztarrai hieb sogleich das Seil der fliegenden Brücke ab, auf der sich der Feind hätte retten können. Dadurch sah sich die zwey Kompagnien starke Besatzung angeschnitten. Sie wurde theils zusammen gehauen, theils gefangen, und so die Insel samt den darauf liegenden 2 Kanonen erobert.

Zugleich hatte der Hauptmann Mungazy zwey Fleschen am Rheinufer mit einem Bataillon angegriffen. Der Angriff war so rasch, daß die Feinde kaum Zeit hatten, das Gewehr nur einmal abzufeuern. Die Fleschen wurden erstürmt und gegen einen neuen Versuch, sie wieder zu erobern, behauptet.

Sehr vortheilhaft für die Belagerten war ihre Verschanzung bey dem Posthause, zwischen dem Dorfe und dem Hornwerke vor dem Städtchen. Man konnte gegen das Letztere nichts unternehmen, ohne sich erst dieses Postens bemächtiget zu haben. In der Nacht vom 12 bis 13. Dec. um halb 10 Uhr führte der Obrist Baron von Haid einen Haufen von dem Infanterieregimente Wallis gegen denselben an, und nahm ihn hinweg. Aber eine Kartätschenkugel streckte den Anführer nieder, und die Feinde trieben seine Leute wieder zurück. Ein böhmisches Grenadierbataillon erstürmte die Schanze aufs neue; aber auch dieses ward wieder heraus geworfen. So gieng es dreymal hin und her. Die Franzosen behaupteten am Ende den Platz, und viel Volk war in diesem nächtlichen Gefechte auf beyden Seiten verwundet oder getödtet. Erst am 21. Dec. gelang es den Belagerern nach einem sehr hartnäckigen, blutigen Gefechte, diesen Posten zu erobern und sich in demselben festzusetzen. Zwar versuchten es die Franzosen in einem dreymaligen heftigen Ausfall (Nacht 22 bis 23. Dec.) ihren Verlust wieder gut zu machen; aber ihr Sturm wurde jedesmal abgeschlagen.

Das Augenmerk des Feldzeugmeisters von Latour war von nun an besonders auf das Lager von Kehl gerichtet, weil der Fall der Vestung eine unvermeidliche Folge der Hinwegnahme desselben schien. Am 30. Dec. sollte ein Hauptangriff darauf gemacht werden; aber wegen der auserordentlichen Dichtheit des Nebels ward er auf den folgenden Tag verschoben. Mit dem Anbruche des Morgens begann ein heftiges Feuer aus der ganzen zweyten Paralelle der Belagerer. Das feindliche Geschütz ward großentheils demontirt und eine beträchtliche Strecke neuen Landes gewonnen. Damit schienen die Kaiserlichen sich zu begnügen.

Aber Abends um 4 Uhr gieng die Kanonade wieder an. Nachdem man die Werke der Feinde über eine Stunde beschossen hatte, so bestürmten die Freywilligen aus drey Bataillons von d'Alton und Sztarrai, welche zu dieser Unternehmung beordert waren, die wichtigste Schanze der Belagerten, das sogenannte Wolfsloch und noch 3 andere Redouten, bemächtigten sich der darinn liegenden Kanonen, richteten sie auf die Feinde, fielen in ihr befestigtes Lager ein, trieben sie daraus hinweg, und verfolgten sie bis in die Inselredoute auf dem Erlenrhein. Hier kam aber der General Lecourbe mit Hülfe herbey. Die Fahne in der Hand, stemmte er sich der Fluth der Sieger entgegen, und wußte durch seine Klugheit und Kaltblütigkeit den Muth seiner Leute dergestalt zu beleben, daß sie die Oesterreicher wieder aus der Insel und aus dem Lager zurückschlugen, und ihnen alle ihre Eroberungen bis auf das Wolfsloch abnahmen.

Das große Feuer war an diesem Tage schrecklich. Unaufhörlich donnerten 200 Kanonen. Es fielen auf beyden Seiten über 700 Todte und Verwundete. Die Kaiserlichen eroberten 8 Kanonen, 1 Haubitze, 1 Mörser und vernagelten 15 Stücke.

Um die Brücken, welche Kehl mit Straßburg verbanden, zu zerstöhren, und dadurch die Besatzung jener Veste von dem jenseitigen Ufer zu trennen, wurden von einem englischen Baumeister zu Offenburg 10 Feuerflöze gebaut. Sie waren viereckigte Maschienen, mit einer Menge schwer gefüllter Bomben beladen. Eine derselben war von ungeheuer Größe. Man sprach mit auserordentlichen Erwartungen von der Kunst, Kühnheit und Unfehlbarkeit dieser Werke; aber man täuschte sich. Denn als man sie in der Nacht vom 2. bis 3. Jan. oberhalb Kehl in den Strohm senkte, so schwammen sie zwar hinunter; aber die Franzosen fiengen sie mit aller Gemächlichkeit auf, und bevestigten sie entweder an den Rheininseln, oder führten sie durch den Kanal nach Straßburg. Keine einzige hatte die erwartete Wirkung gethan.

Nachdrücklicher war das Feuer zu Lande. Durch die Eroberung des Wolfsloches waren die Kaiserlichen dem feindlichen Lager im 50 Schritte näher gekommen. Es wurde unaufhörlich beunruhiget und beschossen; auch waren bereits 18 Bataillons bestimmt, Sturm darauf zu laufen. Aber in der Nacht vom 5. bis 6. Januar wurde es in der Stille von den Feinden verlassen, nachdem sie ihr sämtliches schweres Geschütz, bis auf 3 Kanonen und 1 Haubitze, daraus abgeführt hatten, und die Kaiserlichen konnten nun sowohl von dem Lager, als auch von den ebenfalls verlassenen Verschanzungen auf Erlenrhein Besitz nehmen. Von dem Erstern waren noch einige Werke besetzt, welche eine fliegende Brücke deckten, durch die die Verbindung mit einer nahen Faschineninsel unterhalten ward.

Dem Befehle des Erzherzogs gemäß, daß man die erlangten Vortheile so viel möglich nützen, und den Feind unaufhörlich ängsten soll; um die Uebergabe zu beschleunigen, wurden am 6. Jan. 10 Bataillons beordert, die Schanze auf dem Kirchhofe anzugreifen, und den Feind vollends gar aus dem Lager hinaus zu werfen. Der Angriff ward mit der äusersten Raschheit unternommen, und glücklich vollendet. Die Belagerer stürzten auf die vier großen Batterien vor der Schanze los, nahmen sie weg und setzten sich fest. Der Muth der Leute war so groß, daß sie selbst dem Hornwerke, das die Schanze bestrich, Trotz boten. Nun rückte aber der General Decaen mit der 62. und 10. Halbbrigade herbey; es begann ein hitziges Gefechte; die Oesterreicher unterlagen; sie ließen ihre Eroberungen im Stiche, und konnten es nicht hindern, daß die Belagerten ihre Posten wieder bis in ihr verschanztes Lager ausstellten. Die Erstern verlohren 300, die Letztern aber 200 Todte und Verwundete, und unter diesen auch den Bataillonschef Messire, welcher, indem er mit dem Säbel in der Hand die Kirchhofschanze hinanstürmte, von 2 Bajonetstichen durchbohrt, niedersank. -- Besser gelang am folgenden Tage die Unternehmung auf den großen Kehlkopf, der mit einem beträchtlichen Verluste der Belagerten erobert wurde.

Die Lage der Franzosen ward mit jedem Tage gefährlicher. Die Oesterreicher setzten sich in dem verlassenen Lager fest, errichteten neue Batterien, machten Wege, um die Brücken über den Rhein zu beschiessen, und fiengen am 8. Jan. Abends wirklich damit an. Die Feinde dagegen waren in das Fort und in das Hornwerk des Städtchen eingesperrt. Sie hatten weder Magazine noch Kasematten. Wurde der Uebergang nach Straßburg abgeschnitten, so war sowohl ihre Besatzung als ihr ganzes Kriegsgeräthe verlohren. Auch eine veränderte Stellung der Brücken schützte sie nicht gegen das Feuer der Belagerer. Was war nicht vernünftiger, als daß sie einen Platz räumten, dessen Behauptung ihnen nur schädlich werden konnte? -- Der General Desaix schloß deßhalb am 9. Jan. im Kaiserlichen Lager eine Kapitulation *) ab, vermöge deren den Truppen der Republik zugestanden wurde, bis um 4 Uhr Abends, des folgenden Tages, den Platz zu räumen. Sie nahmen alles, "selbst die Pallisaden und die feindlichen Kugeln" mit sich hinweg, und hinterließen trauriger Trümmer ehemaliger Wohnungen, bey deren Anblick man sich kaum mit der Menschheit wieder versöhnen konnte, durch die Erinnerung an die großen Fähigkeiten und Charakterzüge, welche sich bey der Zerstöhrung derselben auf beyden Seiten entwickelt haben.

*) Diese Kapitulation lautet also:
"In den Trenscheen vor Kehl, den 20. Nivoise, im 5. Jahr der französischen Republik, oder den 9. Jan. 1797."
"1. Die französischen Truppen räumen heute und morgen die Vestung Kehl. Antwort: Bewilliget. 2. Sie räumen solche dem österreichischen Truppen, Punkt 4 Uhr Morgen Nachmittag, den 21. Nivoise, den 10. Jan. ein. Antw. Die österreichischen Truppen ziehen Morgen Nachmittags um 4 Uhr, den 10. Jan. in die Vestung Kehl, und nehmen dieselbe, nebst allem, was die französischen Truppen darinn zurück gelassen haben mögen, in Besitz. 3. Von diesem Augenblick an hören alle Feindseligkeiten auf beyden Seiten auf, und die österreichischen Truppen nehmen Besitz von der Redoute auf dem Kirchhofe, und verlegen an den nächsten Schlagbaum ihre Vorposten. Antw. Bewilliget. Man wird Befehle auf beyden Seiten ertheilen, daß die Soldaten der beyden Armeen ihre Posten nicht verlassen; die Redoute auf dem Kirchhofe, und der Schlagbaum, der zur Vestung führt, werden auf der Stelle den österreichischen Truppen eingeräumt. 4. Die französische Truppen bleiben bis Morgen Nachmittags um 4 Uhr im Besitz des Schlagbaums auf der entgegengesetzten Seite. Antw. Bewilliget. 5. Von beyden Theilen wird ein Staabsofficier abgegeben werden, welche als Geisel bis zur Vollziehung der gegenwärtigen Kapitulation verbleiben, und alsdann ausgewechselt werden sollen. Antw. Die Geisel werden Morgens Nachmittags um 4 Uhr in dem Augenblick ausgewechselt werden, wo die österreichischen Truppen Besitz von der Vestung Kehl nehmen werden." Geschehen, beschlossen, unterzeichnet und festgesetzt an dem tage, Monate und Jahre wie oben."
"Der Divisionsgeneral Desaix."
"Der Graf Baillet de la Tour, F. Z. M."


Lange hatte man bey einer Belagerung das schwere Geschütz nicht mit so viel Anstrengung gebraucht, als vor Kehl. Die Ausbreitung der feindlichen Werke, der Zusammenhang der Veste mit Straßburg, die unzähligen und zum Theil sehr heftigen Ausfälle und Angriffe und besonders die Absicht, in der damaligen Jahrszeit den Truppen so bald möglich Ruhe zu verschaffen, -- machten diese Art von Thätigkeit nothwendig. Zwey Monate lang dauerte das Feuer beynahe unaufhörlich fort, und gewöhnlich schallte der Donner so vieler Kanonen zusammen, daß man das Brausen desselben täglich an der Ostgränze von Schwaben hörte. Die Ufer der Kinzig und des Rheins waren mit Kanonenkugeln und Fragmenten von Bomben und Haubitzen gleichsam besäet. Die Belagerten verschossen allein über 6000 Bomben; und an einem einzigen Tage (29. Nov.) geschahen auf den Batterie der Belagerer 2116 Kugel- und Kartätschenschüsse, und 1295 Bomben- und Granatenwürfe.

Unbeschreiblich sind die Mühseligkeiten und Strapazen, welche die Soldaten von beyden Seiten, besonders aber die Oesterreicher, während dieser Belagerung ausstehen mußten. Den ganzen November hindurch verdüsterten Regen und Schneegestöber jeden Tag, und verwandelten die ohnehin sumpfige Gegend um Kehl in einen eigentlichen Morast, wo der Mann oft bis um die Kniee im Schlamme stand. Der folgende Monat aber begann einer fürchterlichen Kälte, welche auch bis zur Uebergabe immer stieg. Vielen hundert Soldaten erfroren Hände und Füße; oft fand man bey der Ablösung die ganze Mannschaft eines Pikets vom Froste aufgerieben; und jede Wunde, die man bey dieser strengen Witterung erhielt, war tödtlich. Dazu kam in dieser durch den langen Aufenthalt der Armee gänzlich ausgesogenen Gegend ein drückender Mangel an Lebensmitteln und Feuerung. Aber die kaiserlichen Truppen duldeten alle diese Widerwärtigkeiten mit einer beyspiellosen Gelassenheit, und waren zum Theile bey der empfindlichsten Noth so wenig selbstsüchtig, daß sie bey dem Anblicke der Mühseligkeiten ihrer Kameraden ihr eigenes Ungemach vergassen. Als einst der Erzherzog Karl, der durch sein eigenes Exempel einen großen Theil zur Erhaltung dieses ausharrenden Sinnes beytrug, nach seiner Gewohnheit, die Soldaten mit Wein und Fleisch beschenken ließ, so erhielt auch das Cheveauxlegersregiment Karaiczay seinen Theil. Aber die braven Gemeinen dieses Regiments baten den Erzherzog, ihre Portion unter ihren Kameraden von der Infanterie zu vertheilen. "Sie haben mehr gelitten als wir, sagten sie, auch hatten wir im Vorrücken öfter Gelegenheit, Beute zu machen."

Die Franzosen würden, bey der dürftigen Beschaffenheit ihrer Kleidung, sich auf einem gleich hohen Grad von Ungemach nicht erhalten haben. Aber ihr Loos war viel erträglicher. Denn, abgerechnet, daß ihnen an Lebensmitteln der ganze Vorrath einer fruchtbaren und reichen Povinz zu Gebote stund, so wurde, während die ganze Armee der Belagerer keinen Augenblick zum Ausruhen hatte, die gewöhnlich aus 10000 Mann bestehende Besatzung von Kehl alle 48 Stunden regelmäßig abgelößt, und ihr im Anfange eine Frist von 4 und am Ende von 2 Tagen zur Erholung gestattet. Diese Ablösung galt auch von dem Divisions- und den zwey Brigadegenerälen, welche abwechselnd den Dienst hatten. Das Oberkommando führte der General Desaix, welcher aber auch vom 15. Dec. bis 9. Januar von St. Cyr abgelößt wurde.

Die Landesbewohner in der Gegend litten schrecklich unter der Last des Krieges. Sehr viele Bürger von Kehl und von den nächsten Orten kamen an den Bettelstab; andere aber verlohren durch die Lieferungen, Einquartierungen und Verheerungen auch noch den größten Theil dessen, was sie 6 Monate früher bey dem feindlichen Ueberfalle gerettet hatten.


Von Reisende.

Christian Ulrich Detlev von Eggers

[1798]


Als die Franzosen im Jahre 1796 durch eine Folge der schnellen Siege des Erzherzogs Carl aus Kehl getrieben wurden, hatten die Oesterreicher es in ihren Händen. Dieß war einer von den Augenblicken des Siegs, die man im Fluge ergreifen muß. Französische Officiere, die selbst an der Affaire Theil nahmen, versicherten mich, die Oesterreicher hätten Kehl ohne weiteres Blutvergießen gehabt, wenn sie damals gleich die fliehenden Franzosen über die Schiffbrücke verfolgt, und diese abgebrochen hätten, anstatt sich mit unbedeutendem Plündern aufzuhalten. Indeß sagen andere zur Entschuldigung der Oesterreicher, die Verwirrung wäre durch den Tod der Anführer verursacht. Diese hätten allein den Plan gekannt, und die, welche nach ihnen den Befehl übernahmen, hätten sich nicht zu helfen gewußt. Natürlich darf ich mir nicht anmaßen, zu entscheiden. Aber so weit ein Laye urtheilen kann, gehörte nur ein mäßiger Grad des kriegerischen Blicks dazu, um jene Maaßregel zu beschließen. Es war sehr leicht, hinter einem fliehenden Feinde die Brücke zu zerstören; und mit dieser ward zugleich das Mittel vereitelt, immer frische Truppen aus Strasburg ungehindert anrücken zu lassen. Dieß wußten die Franzosen sehr gut. Man eilte aus Strasburg Hülfe zu senden, um die Brücke zu behaupten. Es gelang, weil die Oesterreicher den glücklichen Augenblick versäumt hatten. Sie wurden wieder aus Kehl getrieben. Die Folgen davon sind unberechbar. Erzherzog Carl mußte nachher einige Monathe und ungeheure Anstrengungen auf eine förmliche Belagerung wenden. Erst am 9. Januar 1797 gieng dieß an sich unbedeutende Fort über, das die Franzosen nun so stark gemacht hatten, und von Strasburg aus stets unterstützten. Die Belagerung kostete den Oesterreichern Ströme von Menschenblut. Sie erreichten ihren Zweck nicht eher, als bis es sich für die nicht mehr der Mühe lohnte, den Schutthaufen mit sichtbarer Gefahr, und noch größeren Beschwerden zu vertheidigen. Unterdeß war in Italien die unwiederbringliche Zeit verloren. Buonaparte hatte Zeit gehabt, die Oberhand zu gewinnen, und Erzherzog Carl kam erst von Kehl, als es zu spät war, die Sachen wieder herzustellen. Wie ganz anders wäre der Ausschlag gewesen, wenn die österreichische Hauptarmee, da Kehl nun doch nicht durch einen Coup de main einzunehmen war, nach Italien aufgebrochen wäre, blos mit Zurücklassung eines Observationskorps gegen Kehl. Wahrscheinlich wäre der Erzherzog dann früh genug gekommen, um Mantua zu retten, und Buonaparte, dessen Spiel immer auf dem äußersten Punkt stand, konnte vielleicht durch eine Schlacht die Frucht des ganzen Feldzugs verlieren.


Quellen und Literatur.

  • Denkwürdigkeiten aus der Geschichte der österreichischen Monarchie. Auf jedem Tag des Jahrs gesammelt. Von G. A. Griesinger. Wien. Bey J. V. Degen, Buchdrucker und Buchhändler. 1804.
  • Materialien zur Geschichte des Kriegs in Schwaben, im Jahre 1796. Herausgegeben von Johann Gottfried Pahl. Nördlingen, bey Karl Gottlob Beck, 1798.
  • Bemerkungen auf einer Reise durch das südliche Deutschland, den Elsaß und die Schweiz in den Jahren 1798 und 1799 von C. U. D. von Eggers, königlich-dänischem Legationsrath und Deputirten im Finanz-Collegio. Kopenhagen, 1801. Bei Christian Georg Prost.