Berlin

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Berlin, Residenz und Hauptstadt der ganzen preußischen Monarchie, in der Mittelmark Brandenburg, an der Spree gelegen, ist eine der größten und schönsten Städte in Europa.

Der Umfang ihrer Mauern beträgt 2⅓ deutsche Meilen. Sie besteht eigentlich aus fünf Städten, welche seit 1714 die königlichen Residenzstädte heißen, ihre eigenen vier Vorstädte haben, und unter einem einzigen Magistrate stehen. Die schönen und langen Straßen, die großen Plätze, die prächtigen und ansehnlichen Paläste. Kirchen und andern Gebäude haben kaum ihres Gleichen. Man zählt fünfzehn Thore, 33 Kirchen (welche theils den Lutheranern, theils den Reformirten, theils beiden protestantischen Parteien gemeinschaftlich, theils den Catholiken gehören); 6725 Häuser (nach einer im Jahre 1790 in allen Städten und Vorstädten vorgenommenen Zählung), welche (ohne die königlichen und öffentlichen Gebäude) in dem Feuercatastrum mit 20,440,650 Thaler versichert waren; 155,128 Einwohner (eine Zahl, welche im Jahre 1803, mit Ausschluss des Militärs, gefunden wurde); 268 Straßen und Plätze und 36 Brücken. Berlin besitzt seit dem 15ten October 1810 eine Universität, die in dem verflossenen kurzen Zeitraume ihrer Existenz schon zu bedeutendem Ruhme gelangt ist; mehrere Künstlerakademien, vortreffliche Bibliotheken, und in allen Theilen der Wissenschaften eine Menge sehr geschickter Männer, so dass es mit vollem Rechte ein Sitz der Künste und Wissenschaften genannt zu werden verdient.

Die fünf Städte, woraus diese Hauptstadt zusammengesetzt ist, sind:

1. das eigentliche Berlin, welches im Jahre 1163 vom Markgrafen Albrecht dem Bären erbaut wurde. Die Stadt hat 39 Straßen, und die Vorstädte derselben heißen: das Königsviertel, das spandauer Viertel (Sophienstadt) und das Stralauer Viertel.
2. Cöln an der Spree welches gleichfalls Markgraf Albrecht erbaut hat, war ehedem eine besondre Stadt, deren Mauern aber nach und nach abgebrochen worden sind. Sie wird von der Spree durch zwei Arme eingeschloßen, und dadurch zu einer Insel gebildet. Diese Stadt hat 25 Straßen. Wenn man aus dem eigentlichen Berlin über die lange Brücke in die Stadt Cöln tritt, trifft man auf das königliche Schloss, welches 430 Schuhe in der Länge und 276 in der Tiefe hat. In demselben befinden sich, außer vielen Kunstwerken und Sehenswürdigkeiten, die Antiquitäten-, Münz- und Medaillencabinette, die Naturalien- und der Kunstkammer. Cöln wird in Alt- und Neu-Cöln eingetheilt, welches letztere vier Straßen hat. Hier ist die cölnsche oder cöpernicker Vorstadt, welche 1736 in die äußere Mauern gezogen wurde.
3. Der Friedrichswerder ist von dem Churfürsten Friedrich Wilhelm dem Großen angelegt worden. Er hat 19 Straßen.
4. Die Dorotheen- oder Neustadt (jetzt, nach der letzten verstorbenen Königin, Louisestadt genannt), hat Churfürst Friedrich Wilhelm angelegt, und sie nach seiner Gemahlin benannt. Sie ist nicht groß, hat nur 6 Straßen, aber schöne und zum Theil prächtige Häuser. Hier ist die berühmte Lindenallee, welche 4000 Fuß lang und 160 breit ist, und an beiden Seiten die prächtigste Gebäude zeigt. Als Spaziergang wird sie in Berlin mit dem Namen unter den Linden benannt; ferner befindet sich hier der Thiergarten, in welchem sich die mannigfaltigsten Spaziergänge, Alleen und Labyrinthe befinden.
5. Die Friedrichstadt hat Churfürst Friedrich III. 1688 angelegt. Sie übertrifft die übrigen vier Residenzstädte an Größe, hat 23 breite und wohlgebaute Straßen, worunter die leipziger Straße prächtig und die Friedrichstrasse über eine Viertelmeile lang ist.

Zu Berlins Merkwürdigkeiten gehören das königliche Schloß; die lange Brücke, mit der Bildsäule des Churfürsten Friedrich Wilhelm; das Zeughaus, eines der schönsten Gebäude in Europa, in dessen Hofe anstatt der Schlusssteine, die 21 schlüterschen Larven, welche eben so viel Gesichter Sterbender vorstellen, befindlich; das königliche Gießhaus; die königliche Ritterakademie; das Cadettenhaus; die Parochialkirche; die Garnisonskirche, welche 1722 eingeweiht worden, und hernach mit einer Menge eroberter Fahnen und mit den Bildnissen der Generale Schwerin, Keith, Winterfeld und des Majors von Kleist, des Dichters, wozu noch in der Folge das Portrait des Generals Ziethen kam, ausgeschmückt worden ist; das Invalidenhaus, ein prächtiges Gebäude, welches Friedrich II. hat erbauen und 1748 einweihen lassen. Es unterhält an Offiziers, Soldaten, Weibern und Kindern 1000 Seelen; das prächtige Opernhaus; die neue Bibliothek, deren Baukosten 180,000 Thaler betrugen; die Porzellan-Fabrik; der Wilhelmsplatz mit fünf marmornen Bildsäulen der berühmten preußischen Feldherrn Schwerin, Keith, Seidlitz, Winterfeld und Ziethen; das Nationaltheater; die französische Kirche mit ihren von Friedrich II. erbauten schönen Thürmen (in Friedrichstadt); ferner die königlichen Akademie der Wissenschaften; das königliche medicinisch-chirugische Collegium, und die Gymnasien. Unter den wissenschaftlichen Anstalten sind merkwürdig: die königliche und die mit derselben verbundene spanheimische Bibliothek. Unter den Sammlungen zeichnen sich aus: die königliche Kunst- und Naturalien-Kammer; die königliche Gemähldesammlung auf dem Schlosse; das königliche Münzkabinet; D. Blochs Fischsammlung; das walthersche anatomische Cabinet. Unter den Spaziergängen sind merkwürdig: der königliche Thiergarten, in welchem der Churfürstplatz oder der Cirkel der Hauptversammlungsort ist, und der Spaziergang unter den Linden.

Berlin ist eine der schönsten Städte Deutschlands, wenn gleich in der schlechtesten Gegend gelegen. Die Ursache dieser schlechten Lage ist folgende: als in zwölften Jahrhundert die Dämme Hollands fürchterlich von dem Weltmeere durchbrochen wurden, verließen tausende ihr Vaterland, um in den Staaten Albrechts des Bären sich niederzulassen. An Meergegenden gewöhnt, fanden sie ihre verlassenen Sümpfe in denen der Spree wieder, trockneten sie aus und baueten ihre Hütten auf Pfählen; so entstand Cöln oder Phahlstadt, der älteste Theil Berlins. Daraus kann man sich erklären, warum diese Gegend gewählt wurde, deren Sümpfe vielmehr geeignet scheinen, Ansiedler abzuschrecken. Noch im sechzehnten Jahrhundert gingen die Hofleute hier auf Stelzen nach der churfürstlichen Burg. Nur rastlose Thätigkeit der Menschen hat es zu dem gemacht, was es nachher wurde.

Freilich hat die Stadt in dem vorletzten französisch-preußischen Kriege seit dem October 1806 ebenfalls sehr gelitten. Vieles ist hinweggeführt worden; z. B. die königliche Bibliothek wurde aller in derselber befindlichen Festungsrisse, Plane und Platten zu Landkarten beraubt, und dies Gegenstände, nebst der Luftpumpe von Guerike, nach Paris geführt; das brandenburger Thor, eines der schönsten, die es gibt, verlor seine Victoria mit dem Vierspann u.s.f. Alle diese und andere entfremdete Schätze der Kunst und Literatur wurden aber nach der zweyten Eroberung von Paris 1815 reclamirt und wieder zurückgebracht. Unter den neuesten hier errichteten Instituten verdient wohl auch das werkmeistersche Museum rühmlicher Erwähnung.


Von Reisende.

Anne Louise Germaine de Staël.


Berlin.

Berlin ist eine große Stadt, mit breiten geraden Straßen, schönen Häusern, und von regelmäßiger Bauart. Da sie größtentheils neu gebaut ist, so finden sich wenige Spuren älterer Zeiten. Unter den modernen Gebäuden erheben sich keine gothische Monumente, und das Neue wird in diesem neugebildeten Lande auf keinerlei Weise durch Altes unterbrochen und eingezwängt. Was kann aber, wird man sagen, sowohl in Hinsicht der Gebäude, als der öffentlichen Einrichtungen, besser seyn, als durch Ruinen nicht gehemmt zu werden? Ich, für meinen Theil, würde mir in America neue Städte und neue Gesetze wünschen; dort sprechen Natur und Freiheit laut genug zur Seele, um die Erinnerungen entbehrlich zu machen; aber auf unserem alten europäischen Boden müssen wir auf Spuren der Vergangenheit stoßen. Berlin, diese ganz moderne Stadt, so schön sie immer seyn mag, bringt keine feierliche, ernste Wirkung hervor, sie trägt das Gepräge weder der Geschichte des Landes noch des Characters der Einwohner; und die prächtigen neu aufgebauten Gebäude scheinen bloß für die bequeme Vereinigung der Vergnügungen und der Industrie bestimmt zu seyn. Die schönsten Palläste von Berlin sind von gebrannten Steinen; kaum wird man in den Portalen und Triumphbögen Quaderstücke auffinden. Preussens Hauptstadt gleicht Preussen selbst; Gebäude und Einrichtungen zählen nur ein Menschenalter, und nichts darüber, weil sie einen Menschen zum Urheber haben.

Der Hof, dem eine schöne tugendhafte Königin vorstand, war zu gleicher Zeit impotent und einfach; die königl. Familie theilte sich gern der Gesellschaft mit, mischte sich mit Würde in die Zirkel der Nation, und fand in alle Herzen Eingang, weil sie mit dem Begriff des Vaterlandes zusammenschmelzen. Der König hatte Männer, wie J. von Müller, Ancillon, Fichte, Humboldt, Hufeland und eine Menge anderer, die sich in allen Gattungen auszeichneten, in Berlin vereinigt; alle Elemente einer liebenswürdigen Gesellschaft, einer starken Nation, waren da; aber noch waren diese Elemente nicht gegen einander abgewogen, nicht mit einander verbunden. Gleichwohl galt der Geist, mehr und allgemeiner in Berlin als in Wien; der Held des Landes, Friedrich II. war zu seiner Zeit ein unendlich geistreicher Kopf gewesen; und so kam es, daß der Abglanz seines Namens noch alles schätzen und lieben ließ, was ihm ähnlich seyn konnte. Maria Theresia ließ zu ihrer Zeit keinen solchen Eindruck in Wien zurück, und was bei ihrem Nachfolger Joseph für Geist hätte gelten können, schreckte sie von der Sucht ab, geistreich seyn zu wollen.

Dem Schauspiel, das Berlin gewährte, kam in Deutschland kein andres gleich. Berlin, im Mittelpunkt des nördlichen Deutschlands, kann sich als den Brennpunkt der Aufklärung und des Lichts betrachten. Wissenschaften und Künste sind im Flor, und bei den Mittagstafeln, wozu bloß Männer geladen werden, bei Ministern, Gesandten xc. findet die Abstufung des Ranges, die dem Verkehr in Deutschland so nachtheilig ist, nicht statt; Männer von Talent aus allen Classen treffen hier zusammen. Dieses glückliche Gemisch erstreckt sich aber noch nicht bis auf die Frauen; es giebt mehrere unter ihnen, deren Reize und Seeleneigenschaften alles an sich ziehen, was sich in Berlin auszeichnet; aber hier sowohl, als im übrigen Deutschland, ist die Gesellschaft des weiblichen Geschlechts mit der männlichen noch nicht innig genug verwebt. Der größte Reiz des Lebens besteht in Frankreich, in der Kunst, die Vorzüge vollkommen in einander zu fügen, die aus der Verbindung des männlichen und weiblichen Geistes für die gesellschaftlichen Verkehr entspringen können. In Berlin schränkt sich die Unterhaltung der Männer fast bloß auf Männer ein; der Kriegsstand theilt ihnen eine Art von Rauheit mit, die es ihnen zum Bedürfniß macht, sich dem Zwang einer Gesellschaft mit Frauen nicht zu unterwerfen.

Wenn es, wie in England, große politische Gegenstände abzuhandeln giebt, waltet in männlichen Zirkeln immer ein edles allgemeines Interesse ob; aber in Ländern, wo es keine repräsentative Regierung giebt, ist die Gegenwart der Frauen nothwendig, um die Gefühle zart und rein zu erhalten, denn ohne diese Zartheit und Reinheit geht die Liebe zum Schönen verloren. Der Einfluß der Frauen ist für die Krieger noch dienlicher als für die Bürger; die Gesetze können ihrer eher entbehren, als die Ehre; sie allein erhalten in einer rein militärischen Monarchie den Geist des Ritterthums. Das alte Frankreich verdankte seinen ganzen ehemaligen Glanz jener Gewalt der öffentlichen Meinung, die sich auf das Uebergewicht der weiblichen Urtheile und Aussprüche gründet.

Die Gesellschaft in Berlin bestand nur aus wenig Männern; und gerade die kleine Anzahl derselben dient dazu, sie zu verwöhnen, denn sie benimmt ihnen den Antrieb, das Bedürfniß, die Unruhe zu gefallen. Die Militärs, die einen Urlaub von einigen Monaten erhielten, und diese in der Hauptstadt zubrachten, waren mehrentheils auf Bälle bedacht, oder am Spieltisch beschäftigt. Die Vermischung beider Sprachen war der Unterhaltung nachtheilig, und die großen Assembleen hatten nicht mehr Interesse in Berlin als in Wien; ja, in allem, was Bezug auf das Aeußere der Hofsitte hat, muß man Wien den Vorzug vor Berlin einräumen. Dagegen machte in den letzten Jahren die Preßfreiheit, der Verein geistreicher Männer, die Kenntniß der deutschen Sprache und Literatur, die sich allgemein verbreitet hatte, Berlin zur wahren Hauptstadt des neuern, des aufgeklärten Deutschlands. Die französischen Religions-Flüchtlinge schwächten zum Theil die vollkommen deutsche Richtung, deren Berlin fähig ist; in ihnen fand sich noch eine abergläubische Ehrfurcht vor dem Jahrhunderts Ludwigs XIV.; ihre Begriffe von Literatur, anstatt aus dem fernen Lande Zuwachs zu erhalten, aus welchem ihre Väter sie mitgebracht hatten, schrumpften ein und trockneten aus. Dessen ungeachtet würde Berlin eine bedeutende Herrschaft über den öffentlichen Geist in Deutschland gewonnen haben, wenn, ich wiederhole es, man nicht gegen die Verachtung, die Friedrich der deutschen Nation bewiesen, Empfindlichkeit im Herzen bewahret hätte!

Philosophische Schriftsteller haben sich häufig Vorurtheile gegen Preussen erlaubt; sie nannten Preussen eine geräumige Caserne, und unter diesem Gesichtspunkte konnte es unmöglich Werth für sie haben, was in Preussen wahrhaft interessirt, ist die Aufklärung, das Gefühl des Rechts, der Geist der Unabhängigkeit, die man in einer Menge Menschen von allen Classen antrifft; noch waren aber diese schönen Eigenschaften nicht eng mit einander verbunden. Der neu zusammengesetzte Staat beruhete weder auf der Zeit, noch auf dem Volke.

Die in Deutschland allgemein eingeführte erniedrigenden körperlichen Strafen im Militär, erstickten den Keim der Ehre im Herzen des Kriegers; alles, was im Kriegsstand zu Gewohnheit geworden, ist dem preußischen Kriegsgeiste eher nachtheilig als gedeihlich gewesen; diese Gewohnheiten beruhten auf alten Grundsätzen, die das Heer von der Nation trennten, da es in unsern Zeiten keine wahrhafte Kraft, als im Nationalcharacter, giebt. Diese Character ist in Preussen edler und hochfliegender, als man es aus den letzten Ereignissen schließen sollte; und "der glühende Heldenmuth des unglücklichen Prinzen Louis läßt auf seine Waffenbrüder noch einige Stralen von Ruhm zurückfallen."


Quellen und Literatur.

  • Conversations-Lexicon oder encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände. Stuttgart bei A. F. Macklot. 1816.
  • Deutschland. Von Anne Germaine, Baronin von Staël Holstein. Aus dem Französischen übersetzt. Reutlingen, in der J. J. Mäcken'schen Buchhandlung. 1815.