Breslau

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Breslau, die Hauptstadt von Schlesien,

51 Gr. 6 Minuten 30 Secunden nördlicher Breite, 34 Gr. 42 Min. 38 Sec. Länge, am Einflusse der Wohlau in die Oder, getheilt in die Alt- und Neustadt und fünf Vorstädte, enthält 78 Gassen, 3 große Plätze, 3338 Häuser, über 60,000 Einwohner, worunter 3000 Juden.

Kathedralkirche zu St. Johann, mit dem Sitz des einzigen Bischofs in Schlesien, der zugleich Fürst zu Neisse ist; überhaupt 28 catholische, 13 lutherische und eine reformirte Kirche, 14 Klöster, catholische und seit 1811 protestantische Universität, welche letztere von Frankfurt an der Oder hierher verlegt wurde, 12 catholische Schulen, 2 lutherische Gymnasien und 2 Schulen, die reformirte Friedrichsschule, Stadt- und Landschulen-Seminarien, chirurgische Schule, Hebammenschule, Provinzial-Kunstschule, Provinzial-Bauschule, judische Friedrich-Wilhelms-Schule u. s. w., schlesische Gesellschaft für vaterländische Cultur, 14 Bibliotheken, 5 Münz- und Kunstsammlungen, Naturaliensammlungen u. s. w.; Sitz der Landescollegien, des Oberlandesgericht, der Regierung u. s. w.; Zitz- und Kattundruckerei, Wollenzeug-, Seiden-, echt türkische Garn-, Nähnadel-, Zucker-, Tuch-, Leder-, Kattun-, Spitzen- und Kanten-, Steingut-, Farben-, Tabaks-, Krapp-, Lackir- und Spiegelfabriken; Glasschleiferei, Salpeter- und Potaschsiederei; Scheidewasserbrennerei, Wachsbleiche, Töpfergeschirr. Wichtiger Handel, zwei Messen, königliches Bankcomptoir. Die Einfuhr wird auf 16½ und die Ausfuhr auf 17 Millionen Thaler berechnet. 19 Hospitäler, Waisenhäuser u. s. w.

Im Jahre 1741 kam diese Stadt unter preußische Botmäßigkeit, und Friedrich II. bestätigte nach erfolgtem Frieden nicht nur ihre Privilegien, sondern machte sie auch zur dritten Stadt seines Reichs. Den 22sten Nov. 1757 wurde sie von den Oesterreichern eingenommen, aber nach der Schlacht von Leuthen mußte sie sich am 20sten Dec. wieder an die Preußen ergeben. Im August 1760 wurde sie vom General Laudon berennt, jedoch ohne Erfolg.

Im Jahre 1806 erfuhr die Stadt eine abermalige Belagerung von den baierschen und andern Truppen des Rheinbundes, und sie ging nach einer tapfern Vertheidigung am 7ten Jan. 1807 durch Capitulation über. Durch den tilsiter Frieden kam die Stadt an Preußen zurück; doch hat sie aufgehört, eine Festung zu seyn.


Von Reisende.

Christian Ulrich Detlev von Eggers

Breslau ist die dritte Königliche Residenzstadt und eine ansehnliche Festung. Sie liegt an der Oder, in welche die durch die Stadt fließende Ohlau fällt, in einer sehr fruchtbaren Gegend 44 ¾ Meilen von Berlin. Bis auf eine Meile weit um die ganze südliche und westliche Seite sind große Pflanzungen von Küchengewächsen und Felder mit Färberröthe.

Die Stadt ward schon im zehnten Jahrhundert von den Slaven erbauet, und Bredslaan oder Vredslaan genannt, woraus nachmals der Polnische Name Wrotzlaw entstand. Sie erhob sich in der Folge zu einer ansehnlichen Macht, trieb starken Handel, und ward Mitglied der Hanse zu der glänzendsten Zeit dieses Bundes. Auch unter den Oesterreichischen Regenten blieb sie trotz aller Einschränkungen der Nachbar immer der Mittelpunkt eines bedeutenden Handels. Unter der Preußischen Regierung hob er sich noch mehr. In den letzteren Jahren hat er zwar durch die ungünstigen Beschränkungen im Kriege etwas gelitten; aber er bleibt noch immer sehr ansehnlich. Man rechnet die Einfuhr in Breslau auf 16,300,000 Rthlr., die Ausfuhr auf 16,6000,000 Rthlr. Es würde also jährlich 300,000 Rthlr. gewinnen; von diesen kommen reichlich 60,0000 Rthlr. auf den Wechselhandel. Nach Polen und Rußland gehen viele Rasche. Aus Polen zieht Breslau viele Haasenfelle und Wachs, die es nach Hamburg sendet; von dort her bekam es sonst viele Englische Waaren, die wieder nach Polen gehen. An Leinwand allein geht jährlich beinahe für 2 Millionen Rthlr. nach Hamburg und Stettin. Auf den jährlichen Wollmärkten werden jährlich gegen 90,000 Stein Schlesischer Wolle gebracht. In dem Besitz des Handels mit Färberröthe ist Breslau allein. Die Stadt hat viele Künstler und einige wichtige Manufakturen und Fabriken. Die vorzüglichsten sind die Nähnadelfabrik, 1763 durch Schwabacher errichtet, die Stahlfabrik, die Tuch- Ziz- und Kattunmanufakturen, eine sehr gute Englische Blaudruckerei, die Ledergärbereien, die Zuckersiederei. Aus den Manufaktur und Fabrikenfond werden fremde Handwerker und Fabrikanten und neue Anlagen beträchtlich unterstützt; insonderheit mit Maschinen und Geräthschaften versehen.

Man sieht der Stadt noch ihr Alter sehr an. Zwar giebt es viele schöne Häuser, auch einige Partheien, die sich durch regelmäßige Bauart auszeichnen; aber die meisten Gassen sind schmal und krumm, die Häuser zum Theil alt und unfreundlich. Die Stadt ist nicht weitläuftig gebauet. Sie hat gegen 5,500 Häuser und 62,000 Menschen, die Besatzung nicht gerechnet. Die Häuser sind hoch; in den meisten wohnen mehrere, zum Theil viele Familien. Man zeigte mir eins, das gegen 30 Familien hat. Fast in der Mitte der Stadt ist ein großer öffentlicher Platz, er wird aber durch das Rathhaus und die daran stoßenden Häuser durchschnitten. So sind es jetzt drei Plätze, die jeder seinen Namen haben; der Markt oder große Ring, beständig mit Buben besetzt, der Salzring, der Neumarkt.

Es ist viel Wohlhabenheit in der Stadt. außer den Fabriken und dem Handel, machen auch die vielen Königlichen Collegien für Schlesien, die größtentheils hier sind, und die sehr begüterten Katholischen Stifter, eine bedeutende Circulation. Gleichwohl sind die Lebensmittel viel wohlfeiler, als in Berlin. In den Gebirgen aber sind die nothwendigsten Waaren viel theurer als in Breslau; das Korn oft um die Hälfte, ja noch einmal so theuer.

Breslau ist jetzt der Hauptsitz der Bildungsanstalten für die Katholische Geistlichkeit. Sie hat eine katholische Universität, mit einer theologischen und einer philosophischen Facultät; auch ein damit verbundenes Gymnasium. Ferner sind hier ein fürstliches Stift Premonstratenser-Ordens zu Vincent, ein Fürstliches Hospital der Kreuzherrn mit dem rothen Stern zu St. Mathias, zwei Fürstliche Jungfrauen-Stifter, zwei Nonnen-Klöster und 5 männliche Ordensklöster, mit den Kirchen auf der Dohminsel und in den Vorstädten 28 katholische Kirchen. Lutherische Kirchen sind 8, eine reformirte, ein griechisches Bethaus, eine Judensynagoge, zwei lntherische Gymnasien, ein reformirtes, ein Stadt- und Land-Schulen-Seminarium, 4 katholische Hospitäler, 8 lutherische 1 reformirtes, ein Armen- und Arbeitshaus, worin seine Tücher und Strümpfe verfertigt werden. Zu Breslau befinden sich auch eine Börse, eine Bildergallerie bei der lutherischen Magdalenenschule, drei Stadtbibliotheken, eine anatomisches Theater, sieben Buchhandlungen, eine ökonomisch-patriotische Gesellschaft, die für Schlesien ungemein viel Gutes gewirkt hat. Das Schauspielhaus ist geräumig und bequem, aber es liegt zu entfernt und hat bei Feuersgefahr zu wenig Ausgänge. Man hat zwei künstliche Bäder, sehr gut eingerichtet und höchst reinlich. Bei dem einen ist ein Garten für Brunnentrinker; bei dem andern ein physischer Apparat zur Electrizität und zum Galvanismus. Die Krankenhäuser auf dem Burgfelde, von Schummel nach dem Würzburger Julius-Hospital errichtet, und die bei den barmherzigen Brüdern und den Elisabether-Nonnen haben viel vorzügliches.

Auf der Dohminsel, nordostwärts der Stadt, von der Festung umgeben, ist das bischöfliche hohe Dohmstift zu St. Johannis und das Collegiatstift zu St. Crucis. Der Bischof, der erste Landstand in Schlesien, nennt sich Fürst zu Neiße und Herzog zu Grotkau; er steht unmittelbar unter dem Pabst. Zwischen der Dohminsel und der Stadt liegt die Sandinsel, ebenfalls von der Festung eingeschlossen, wo sich ein fürstliches Stift und ein Nonnenkloster Augustiner-Ordens befindet. Die bischöfliche Dohmkirche enthält sehenswürdige Bildhauerarbeit und Gemählde. Auf dem Thurm der Elisabethkirche zeigt man eine der größten Glocken, 14 Ellen im Umfang, 4 Ellen hoch, ½ Elle dick, aber dennoch kleiner als die Wiener und Erfurter. Die Leopolds-Universität -- ehemals ein Jesuiter-Collegium -- ist im Styl der Wiener Kaiserburg erbauet. Der vortrefliche Promotionssaal, noch seinem Stifter zu Ehren Aula Leopoldina genannt, wird auch zu Conzerten gebraucht. Die berühmte Mara und Marchetti sollen ihn den meisten Hörsälen Deutschlands für Vokalconzerte vorziehen. Die al Fresco Malerei darin ist Meisterhaft, sowohl in der Haltung der Figuren als im Kolorit.

Um Breslau sind mehrere schöne Gärten und angenehme Orte zur geselligen Vergnügen. Unter den etwas entlegeneren schönen Garten-Anlagen zeichnen sich besonders aus Dyrnfurth an der Oder, eine Herrschaft des Grafen Hoym, und Scheidnig ein großer, reizender Park des Fürsten von Hohenlohe-Ingelfingen, Gouverneur von Breslau, bei einem freundlichen Dorf an einem Arme der Oder. Schade, daß die Jahreszeit es nicht gestattete, sie aus eigener Ansicht kennen zu lernen.


Quellen und Literatur.

  • Conversations-Lexicon oder encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände. Stuttgart bei A. F. Macklot. 1816.
  • Reise durch Franken, Baiern, Oesterreich, Preußen und Sachsen von E. U. D. Freyherrn von Eggers Oberprocureur der Herzogthümer Schleßwig und Holstein. Ritter von Dannebrog. Leipzig, bei Gerhard Fleischer dem Jüngern. 1810.