Carlo Andrea Pozzo di Borgo

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Pozzo di Borgo.

Das Publikum gleicht als Zuschauer der politischen Begebenheiten oft dem Kinde, welches in dem Marionettentheater den sich vor seinen Augen bewegenden Puppen auch wirklich die Reden und Handlungen zuschreibt, die es an ihnen wahrnimmt, und so oft auch schon die Bemerkung gemacht worden ist, daß diejenigen, welche in den Ereignissen der Zeit am häufigsten genannt werden, oft gerade den geringsten Antheil an den Begebenheiten haben, so wird sie doch immer in den neuesten Anwendungen, die man davon machen könnte, übersehen. Um indessen diese Anwendung machen zu können, muß man in die jedesmaligen Verhältnisse tiefer eingedrungen seyn, als es dem großen Haufen erlaubt ist.

Wir wissen nicht, ob sich unter unsern Lesern, welche sich erinnern, den Nahmen Pozzo di Borgo von Zeit zu Zeit in den öffentlichen Blättern gefunden zu haben, einige finden, die die Bedeutsamkeit dieses Nahmens zu erfahren Gelegenheit gehabt haben. Pozzo di Borgo gehört zu den Männern, die einen großen Antheil an den wichtigsten Ereignissen der Zeit gehabt haben, ohne als solche bekannt zu seyn. Ein Landsmann und Schulkamerad Buonaparte's war sein fester Sinn oft mit dem schon früh despotischen Napoleon in feindselige Berührung gerathen. Tel, décêland déjà son ame magnanime, Jadis Caton enfant fut un boudeur sublime. Aus Blicken entstanden Worte, aus Worten Scenen und Beleidigungen, die zuletzt einen gänzlichen Bruch, und von Seiten des jungen Pozzo di Borgo eine unversöhnliche Feindschaft gegen den Jüngling Buonaparte hervorbrachten, eine Feindschaft, die auf den Mann, den Consul], den Kaiser überging, und mit jeder neuen Glücksstufe, die der verhaßte und beneidete Gegenstand erstieg, zu immer glühenderem Hasse entbrannte. Ein zweiter Hannibal, der die Werkzeuge der Sättigung des jugendlichen Hasses in allen Welttheilen aufsucht, eilt Pozzo di Borgo von einem Hofe zu dem andern, um die Könige aus ihrem Todesschlafe zu wecken. Das Haupttheater seiner Thätigkeit gegen Napoleon war indessen England und Rußland. In England hat er einige politische Schriften Herausgegeben, die ihm in den Augen der ersten Staatsmänner dieses Landes, und namentlich des Lords Castlereagh, eine Rang unter den ersten Politikern Europa's verschafft haben. In Rußland wirkte er mit zum Ausbruch des Kriegs von 1812, und leitete als General in russischen Diensten mehrere Operationen der russischen Armee in den Feldzügen von 1812 und 1813. Als der Kaiser von Rußland Paris verließ, um sich nach London zu begeben, ließ er den General Pozzo di Borgo als russischen Geschäftsträger in Paris zurück, und nach dem, was wir eben gesehen haben, hätte er wohl keine geschicktere Wahl treffen können, die letzten Reste der zuckenden Hydra zu bewachen. In Paris blieb Pozzo di Borgo so lange, als der Congreß zu Wien noch einen leichten Ausgang zu versprechen schien. Als sich aber hier die großen Verwickelungen zeigten, welche bloß durch das Schwert Alexanders gelös't werden zu können scheinen, ward Pozzo di Borgo von Paris nach Wien berufen, wo er sich noch gegenwärtig aufhält.


Pozzo di Borgo..

Pozzo di Borgo, gegenwärtig russischer Gesandter in Paris, ist 1760 in Alala, einem Orte auf der Insel Corsika, von armen aber adeligen Eltern geboren. Nach Vollendung seiner Studien widmete er sich der juristischen Laufbahn und ward zugleich Procurator und Advocat.

Beim Ausbruch der Revolution verband er sich mit der Familie Bonaparte, die er seither schon gekannt hatte, noch genauer, insbesondere aber mit Joseph und Napoleon. Im September 1790 wurde Pozzo durch Paoli, den er in Gemeinschaft mit Joseph und Napoleon Bonaparte im Juli zu Marseille abgeholt hatte, im Directorio der Departementsverwaltung angestellt, und im Jahr 1791 in die zweite sogenannte gesetzgebende Nationalversammlung gewählt. Er machte sich hier insbesondere durch einen Bericht im Namen des diplomatischen Ausschusses am 16. Juli 1792 bekannt, in welchem er auf die Kriegserklärung gegen das deutsche Reich antrug.

Nach dem 10. August 1792 fand Pozzo es gerathen, sich nach Corsika zurückzuziehen, weil er in Papieren, die man in den Tuilerien gefunden hatte, compromittirt war. Hier schloß er sich noch enger an Paoli an, der nach der Besetzung der Insel durch die Engländer, zum Präsidenten des Staatsrath war ernannt worden. Pozzo wurde hierauf Staatssekretair des Generalgouverneurs Lord Minto's, den er später nach England begleitete. Hier wurde er mit einigen französischen Emigranten vom ersten Range bekannt, die ihn und seine Talente für die Sache des Königs zu gewinnen suchten.

Später trat Pozzo in russische Dienste, verließ selbige aber wieder nach dem Tilsiter Frieden. Zu Anfang der Spannungen zwischen Rußland und Frankreich im J. 1812 begab er sich aufs neue nach Petersburg, wurde sehr günstig aufgenommen und von dieser Zeit an zu den wichtigsten diplomatischen und militärischen Geschäften gebraucht, da er sich das Vertrauen des Kaisers im höchsten Grade zu erwerben gewußt hatte. Namentlich war er in dem Feldzug von 1813 als russischer General-Commissair beim Kronprinzen von Schweden angestellt. Bei dem Feldzuge in Frankreich selbst leistete er bis zur Einnahme von Paris die größten Dienste, und ihm wurde die wichtige Stelle zu Theil, die russische Regierung bei Ludwig XVIII. zu vertreten.

Noch jetzt (1819) bekleidet er diesen ausgezeichneten und einflußreichen Posten in Paris, und er genießt hier eben so sehr der allgemeinen Achtung als des Vertrauens seines Souverains und Ludwigs XVIII.


Le Mémorial de Sainte-Hélène.

Napoleon schilderte uns seinen Landsmann, Herrn Pozzo di Borga, der Mitglied der gesetzgebenden Versammlung gewesen war. Er ist es, der dem Kaiser Alexander gerathen haben soll, auf Paris zu marschiren, obschon sich Napoleon auf seinen Rücken geworfen hatte. "Und darin, sagte der Kaiser, hat er mit dieser einzigen Handlung, das Geschick Frankreichs, das der Civilisation von Europa, die Gestalt und das Loos der Welt entschieden; er hatte einen großen Einfluß auf das russische Cabinet erhalten."


Quellen und Literatur.

  • Deutsche Blätter Herausgegeben von Friedr. Arn. Brockhaus. Sechster Band, Leipzig und Altenburg, 1815.
  • Conversations-Lexicon oder encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände. Stuttgart bei A. F. Macklot. 1816.
  • Denkwürdigkeiten von Sanct-Helena, oder Tagebuch, in welchem alles, was Napoleon in einem Zeitraume von achtzehn Monaten gesprochen und gethan hat, Tag für Tag aufgezeichnet ist. Von dem Grafen von Las Cases. Stuttgart und Tübingen in der J. G. Gotta'schen Buchhandlung. 1823.