Charles-François Dumouriez

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Dumouriez.

Dumouriez (C. F.), geboren zu Chambray den 26. Januar 1739, stammt, seinen Memoiren nach, aus einer Parlamentsfamilie der Provence.

Er war anfangs in dem Collegium von Louis-le-Grand erzogen, seiner Kränklichkeit halber aber von seinem Vater aus demselben zurückgenommen und blieb in dem vaterlichen Hause, bis er 1757 zur Armee des Herrn von Estrées kam und dabei zum Kriegscommissär ernannt wurde. Nachher diente er als Cornet bei dem Regiment d'Escars Cavallerie. Den Tag vor der Schlacht von Klosterkam verwundet, gerieth er in Gefangenschaft, erhielt 1761 eine Hauptmannsstelle, wurde 1763 verabschiedet und empfing das Ludwigskreuz. Sein unruhiger Geist verstattete ihm nicht, in Ruhe zu bleiben. Er ging nach Italien, bot den Genuesern, und darauf Paoli seine Dienste an, und begab sich, da beide Theile sein Anerbieten ablehnten, auf seine eigene Rechnung nach Corsika; kam dann nach Frankreich zurück, legte Plane vor, wie man sich dieser Insel bemächtigen sollte, wurde aber von der Regierung wie ein Abenteurer behandelt. Er ging hierauf nach Spanien, besuchte die portugiesischen Gränzen, und ließ 1766 ein Werk unter dem Titel erscheinen: Versuch über Portugal.

1768, als man sich zur Eroberung von Corsika entschlossen hatte, brachte er es endlich dahin, als Generalquartiermeister bei der kleinen Armee, welche man dahin gehen ließ, angestellt zu werden. Er ward hierauf Oberst, und veruneinigte sich mehrere Male mit allen Generalen, namentlich mit Marboeuf.

Als die französische Regierung sich 1770 in die polnischen Angelegenheiten mischen wollte, gab sie ihm den Auftrag, bei der Conföderation von Bar gegen den russischen Hof zu intriguiren. Er wohnte dem Feldzuge 1771 gegen die Russen bei, und kam nach Frankreich zurück.

Im Jahre 1773 schickte man ihn in einer Angelegenheit mit Schweden nach Hamburg; weil er aber die erhaltenen Vorschriften überschritten hatte, wurde er arretirt und in die Bastille gesetzt.

1776 zu einem der Kommissäre ernannt, denen die Untersuchung übertragen war, ob sich auf der Küste des Kanals ein Kriegshafen errichten ließe, setzte er es durch, daß ihm 1778 das Commando von Cherbourg übergeben wurde.

1788 wurde er Brigadier der königlichen Truppen. Im Winter 1789 begab er sich nach Paris, erklärte sich in einer kleinen Broschüre für die damals herrschenden Grundsätze, konnte es aber doch nicht dahin bringen, zum Deputirten bei der Generalständeversammlung ernannt zu werden. Er ging daher nach Cherbourg zurück, ward Commandant der Nationalmiliz dieser Stadt und Gouverneur der Nieder-Normandie.

Zu Ende des Jahres begab er sich nochmals nach der Hauptstadt und ließ sich in den Jacobinerclub aufnehmen; er suchte sich später mit Mirabeau, den er anfangs in seinen Broschüren befehdet hatte, in Verbindung zu treten. Um diese Zeit wurde er als Maréchal-de-camp in der zwölften Armeedivision angestellt; aber wenig mit einem Platze zufrieden, der ihm keine Mittel, sich bemerkbar zu machen, darbot, blieb er in der Hauptstadt, schmeichelte mehr als jemals den Jacobinern, und ward unter Luckner zum Commando im Elsaß ernannt. Von da trat er den 15. April 1792 an die Spitze des Ministeriums der auswärtigen Angelegenheiten. Während der kurzen Dauer seines Ministeriums wurde der Krieg gegen Oesterreich erklärt. Bald vertauschte er diese Stelle jedoch mit dem Kriegsministerium, das er den 13. Juni antrat, aber nach vier Tagen wieder verließ, als Lavayette im Namen seiner Truppen über alle Minister Beschwerden führte.

Er trat hierauf in die Armee Luckners in der Eigenschaft eines Generallieutenants. Im Juli ging er zur Armee in Flandern unter Arthur Dillon, hierauf zu der unter Lavayette, über welche er nach dem 10. August das Commando erhielt. Er mußte sich den Preußen, Oesterreichern und vereinigten Emigrirten entgegenstellen, die sich damals schon der Festungen Longwy und Verdun bemeistert hatten und gegen die Champagne vorrückten. Er nahm seine Stellung bei Grandpré und ließ die fünf Pässe des Waldes von Argonne besetzen, da aber der Paß von Croix aux Lois von den Oesterreichern mit Gewalt durchbrochen worden war, zog er sich gegen St. Menehould zurück und erhielt einen Vortheil bei Valmy. Er eröffnete hierauf Unterhandlungen mit dem Könige von Preußen.

Im Verlaufe des Octobers begab er sich nach Paris und arbeitete mit dem Vollziehungsrathe einen Plan für den Winterfeldzug aus. Den 15. wohnte er der Jacobinersitzung bei, haranguirte die Versammlung, empfing die rothe Mütze und den Bruderkuß, und alle Parteien suchten ihn zu gewinnen: Robespierre umarmte ihn im Angesicht Aller.

Bei seiner Rückkunft zur Armee erließ er den 24ten October eine Proclamation an die Belgier, lud sie darin zum Aufstande gegen ihren Souverain ein, und griff den 6. November die Oesterreicher in ihrem Lager bei Jemappe an. Trotz ihrer geringen Anzahl vertheidigten sich die Kaiserlichen in ihrer wohlverschanzten Stellung mit Muth, und überließen ihm nur nach einem langen und blutigen Gefechte den Sieg.

Er ließ hierauf an der Maas und Roer seine Truppen die Winterquartiere beziehen. Jetzt brach sein Verdruß gegen den Minister Pache aus, mit dem er während des ganzen Feldzugs in offener Fehde gestanden war, da dieser seine Armee an allen Bedürfnissen Mangel leiden ließ. Kurz darauf begab er sich nach der Hauptstadt, um, wenn man seinen Memoiren glauben will, einen Versuch zur Rettung Ludwigs XVI. zu machen, dessen Prozeß damals seinen Anfang nahm. Bei seiner zweiten Reise sah er weit mehr Deputirte auf der Seite der Gironde; allein er errang wenig Einfluß und wurde selbst bei dem Convent denuncirt.

Den 15. Februar 1793 befahl er Miranda, den Feldzug mit dem Bombardement von Mastricht zu eröffnen, und machte selbst von Breda und Klundert aus, welche beide Plätze er genommen hatte, einen Angriff auf Holland. Der größte Theil seiner Truppen aber, die er in den Winterquartieren unter dem General Valence zerstreut gelassen hatte, konnte dem Prinzen von Coburg keinen Widerstand leisten. Dieser griff den ersten März die französischen Vorposten an der Roer an, warf sie, erschien den folgenden Tag vor Mastricht, und nöthigte sie, die Belagerung schleunigst aufzeheben. Dumouriez mußte dem General Valence zu Hülfe eilen, zog alle seine Truppen in die Ebene von Tirlemont zusammen und lieferte den Oesterreichern die Schlacht bei Neerwinden, die er, seiner Angabe nach, durch Miranda's Schuld, der den linken Flügel commandirte, verlor. Einem neuen Verlust erlitt er bei Löwen, und sah sich zum Rückzuge genöthigt.

Diese Unfälle gaben das Zeichen zu seinem Falle; alle die seinen Sturz gewünscht, brachen gegen ihn los. Bei seiner Ankunft auf der französischen Gränze lieferte er vier Commissäre und den Minister Beurnonville, die ihn zu arretiren gekommen waren, den Oesterreichern in die Hände, erließ eine Proclamation, in welcher er die Wiederherstellung des constitutionellen Königthums in der Person des Kronprinzen versprach, wurde aber von versailler Freiwilligen mit geladenen Gewehren angefallen, gezwungen, durch die Schelde zu setzen, und zu dem Prinzen von Coburg zu flüchten. Der Convent hatte ihn von dem Schütze der Gesetze ausgeschlossen, und demjenigen eine Belohnung von 300,000 Livres versprochen, der ihn todt oder lebendig liefern würde.

Anfangs zog er sich nach Brüssel zurück, sodann nach Cöln, wo der Churfürst ihm die Erlaubniß eines Aufenthalts zu Mergentheim verweigerte. Er begab sich hierauf in die Schweiz, ging im Monat Juli nach England, sah sich aber auf des Lords Greenville geschärften Befehl genöthigt, beinahe sogleich das Land wieder zu verlassen. Er lebte einige Zeit in der Schweiz und in Deutschland, und ließ sich endlich auf dänischem Gebiete bei Hamburg nieder.

Da er die Welt nicht mehr mit seinen Thaten unterhalten konnte, ergriff er die Feder wieder und gab seine Lebensbeschreibung heraus. Es gibt keine Faktion, ausgenommen die des Berges, für die er sich nicht, ein wahrere politischer Proteus, nach und nach in seinen verschiedenen, während seines Exils erschienenen Pamphlets erklärt hätte.

1799 hat man ihn im Verdacht gehabt, daß er den europäischen Mächten neue Coalitionsplane vorlege, und 1800 erzählte das Gerücht, daß ihn der russische Hof aufgenommen, und daß er zu London die Aussöhnung der Orleans mit den übrigen Zweigen des Hauses Bourbon herbeigeführt habe. Man meldete 1804, daß er mit Pichegrü zur Anführung einer Expedition gegen die Küsten der Bretagne bestimmt sey. 1805 befand er sich zur Zeit der Schlacht von Austerlitz in Teschen. Gewiß ist es, daß er gegen Ende 1803 dem Herzog von York als Kriegsrath an die Seite gegeben war, doch behielt er diese Stelle nicht lange.

Seine spätern Schicksale sind nicht bekannt geworden. Einigen Nachrichten zu Folge ist er nach Amerika gegangen und 1811 dort gestorben.


Schilderung des Generals Dümouriers.

Der General Dümourier ist gegenwärtig fünf und funfzig Jahr alt. Er ist der Sohn eines Kriegskommissairs. Sein Vater besaß einige litterarische Talente, und übersetzte aus dem Italienischen das berühmte Gedicht des Tassoni: La seuhia rapita. Da der Vater aus keiner alten Familie abstammte, und doch sein eigenes Verdienst fühlte: so brachte er frühe seinem Sohne einen Haß gegen die damals bestehende Regierungsform bei, welche die Hofnung aller Derjenigen einschränkte, und ihrem Genie Fesseln anlegte, die sich nicht einer langen Reihe adelicher Vorfahren rühmen konnten. Der junge Dümourier fieng seine militairische Laufbahn sehr frühe an, und zeichnete sich bald, vermöge der thätigen Unerschrockenheit seines Geistes, so sehr aus, daß er in einem Klub, dessen Mitglied er damals war, den Zunahmen des kleinen Tygers erhielt.

In einer Schlacht erhielt er eine tiefe Wunde über beide Hände, und zwei Säbelhiebe über den Kopf, nebst einigen geringeren Wunden an verschiedenen Theilen seines Körpers. Da er den Vorzug großer Geister besitzt, durch das Unglück nicht aus der Fassung gebracht zu werden: so scherzte er, selbst während der Zeit, in welcher er sich in dieser traurigen Lage befand: und so wie Cäsar den Seeräubern, die ihn zur See gefangen nahmen, mit dem Strange drohte, so brachte auch Dümourier, durch Drohungen, den Hanöverischen Soldaten, dessen Gefangener er war, dahin, daß derselbe ihm die Dienste eines Bedienten leisten mußte.

Während der Zeit, als der Kaiser, die Kaiserinn und der König von Preußen die Theilung von Pohlen vornahmen, befand sie Dümourier in Diensten der Republik Pohlen, an der Spitze von 400 Französischen Freiwilligen. Da er es für möglich hielt, einen großen Streich auszuführen, so rief er seine vornehmsten Offiziers zusammen, und legte denselben seinen Plan zur Genehmigung vor. Alle hielten einstimmig den Plan für allzugefährlich, und versagten ihre Einwilligung.

"So," rief Dümourier aus, "Ihr Herren wollt also nicht fechten? Wohlan! ich sage Euch, daß Ihr fechten müßt!" Hierauf berief er die Soldaten zusammen, und fragte denselben, daß Diejenigen, die nicht bereit wären, mit ihm in die Hölle zu fahren, sich zurückziehen möchten. Dann führte er das Korps bei Krakau gegen den Feind. Sie siegten; allein es blieben 200 auf der Stelle, und sechzig wurden gefährlich verwundet.

Eben so geschickt für das Kabinett, als für das Feld, empfahl er sich durch die Geschmeidigkeit seiner Talente Ludwig dem XV. Als daher dieser Monarch im Jahre 1772 genaue Nachricht, von dem was in Schweden vorgieng, zu erhalten wünschte, sandte er, ohne Vorwissen seiner Minister, vier Personen dahin, deren Einer Dümourier war. Sie waren sehr thätig, und sandten dem Könige einen Eilboten nach den andern. Der König fragte die Minister: was für Neuigkeiten sie aus Schweden hätten? Die Antwort war: -- Keine. "So?" erwiederte Ludwig. "Ich habe Nachricht." Dann theilte Er den Inhalt der Depeschen den Ministern mit. Die Minister fanden sich beleidigt dadurch, daß Männer, die nicht unmittelbar unter ihnen standen, sich in die Staatsgeschäfte mischen wollten. Sie bewogen den schwachen Monarchen, die Emissarien aufzuopfern, welche Ihn so gut bedient hatten: und sowohl Dümourier, als Hr. Favier, wurden beide bei ihrer Rückkunft in die Bastille gesteckt.

Niemand besser, als der vormalige Oberbefehlshaber der Belgischen Armee, versteht die Kunst, seinen Truppen Muth und Zutrauen einzuflößen. Freigebig mit Lobsprüchen, theilt er dieselben aus ehe sie noch verdient sind, und macht die Soldaten begierig, den Ruhm zu verdienen, den sie bereits im Voraus erhalten haben. Damit er sie lehren möge, ihre Personen nicht zu schonen, befand er sich immer an ihrer Spitze, da wo das Feuer am stärksten war. Seine Thätigkeit ist eben so groß als sein Muth. Ungeachtet er Wohlleben und Ueppigkeit liebt, und der weiblichen Gesellschaft gar nicht entbehren kann: so begnügt er sich doch im Felde mit der Kost eines gemeinen Soldaten. Wenn er die zahlreichsten, mannigfaltigsten und dringendsten Geschäfte zu besorgen hat: so giebt er die gemessensten Befehle, mit einem Scharfblick ohne Gleichen, und mit mathematischer Genauigkeit. Ohne alle Affektation von Ernst (die gemeiniglich eine kleine Seele anzeigt) ist er aufgeräumt und lustig während den wichtigsten Verhandlungen. Nie fehlt es ihm an Zeit, einen Scherz anzubringen. Er ist jederzeit über das was er thut erhaben. Es scheint, als wären die Geschäfte ihm ein Zeitvertreib, und als bestünde sein Zeitverereib in Geschäften. Er besitzt einen außerordentlichen Verstand, eine beinahe übermenschliche Klugheit, und einen unermeßlichen Ehrgeiz. Er scheint gebohren, ein Reich zu erhalten, oder eines zu stürzen.

Mit diesen Eigenschaften eines Generals und eines Soldaten verbindet er ausgebreitete Kenntnisse. Er versteht die Lateinische, Spanische, Italienische, Engländische und Deutsche Sprache. Auch ist er, in der alten sowohl, als in der neueuern Litteratur, ziemlich belesen.

Von Person ist er ungewöhnlich klein und mager. Sein großer Geist wohnt in einem ganz unscheinbaren, kaum in die Augen fallenden Körper. Er kann von sich selbst sagen, wie Sappho beim Ovid:

Pondere, non nervis, corpora nostra carent.

Sein Angesicht ist blaß, aber seine Augen sind lebhaft und feurig. In aller Rücksicht ist es wahr, daß die außerordentlichsten Thaten unseres Zeitalters auch durch außerordentlichsten Mann unseres Zeitalters geschehen sind.


Quellen und Literatur.

  • Politische Annalen herausgegeben von Christoph Girtanner. Dritter Band. Berlin. Bey Johann Friedrich Unger. 1793.
  • Conversations-Lexicon oder encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände. Stuttgart bei A. F. Macklot. 1816.