Département des Landes

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39. Das Departement der Heiden hat seinen Namen von den Heiden (Lehden, Landes) vom Gascogne, die es nebst dem Ländchen Chalasse umschließt, liegt am aquitanischen Meere, hat einen Flächenraum von 168 Quadr. Meilen, und enthält ungefähr 229,000 Einwohner.

Dieses zum Theil wenig angebaute Dept. ist jetzt in die drei Gemeindebezirke von Mont-de-Marsan, Saint-Sever und Dax abgetheilt, welche zusammen 368 Gemeinden in 28 Kantonen in sich fassen.

1) Mont-de-Marsan, Hauptstadt des Dpts., mittelmäßige Stadt mit 5700 Einwohnern, auf einem Berge am Zusammenflusse der Douze und des Midou, 28 fr. M, von Bourdeaux, 162 von Paris; ihr merkwürdigstes Gebäude war bisher die vormalige Klarisserinnen-Abtei; es ist hier auch eine Mineralquelle. Man fabricirt hier Wollenzeuche, Halbtücher, wollene Decken, Leder und Leinöl: mit welchen Waaren und dann besonders mit Getraide und Wein ein beträchtlicher Handel getrieben wird; auch ist sie die Niederlage des Produktenhandels der umliegenden Gegenden.

2) Saint-Sever, Stadt am Adour, mit 5500 Einwohnern.

3) Aire, sehr alte, kleine Stadt mit 3500 Einwohnern, in einer angenehmen und fruchtbaren Gegend, an einem Abhange am Adour.

4) Dax, alte, mittelmäßig große, aber hübsche und nahrhafte Stadt mit 4400 Einwohnern.

Département des Landes.


Die Bauern und Bäuerinnen im Departement der Haide (Département des Landes.)

Die reizenden Umgebungen von Bourdeaux machen einen tiefen Eindruck auf das Herz, das für einfache und stille Freuden der Natur empfänglich, hier den äußern Frieden ungesucht findet, der ihm unter Menschen so oft verleidet wird. Lange vibriren diese Wirkungen fort, selbst da noch, wo die Erde mit dem Interdict belegt erscheint.
Die lachenden Ufer der Gironde verschönern die Gärten, und diese geben jenen wieder unnennbaren Reiz. Könnte der Mensch nicht in gleich dankbarer Wechselverbindung stehen?
Nach Bayonne zu, laufen die Gärten bald in langen Reihen aus, und schließen den Wagen zu beiden Seiten in bunten Guirlanden ein, bald vertiefen sie sich in lieblichen Gruppen, die unbeabsichtigt und von ihren Gründern zerstreut angelegt, im dankbaren Gemüthe einen friedlichen Vereinigungspunct finden. Hier hat sie der ehemalige Luxus und Wohlstand zu üppigen Villen erhoben, dort der reinere Sinn für gesellige und häusliche Freuden in freundliche Hüttchen geschaffen, und auch wohl anderswo Nachahmungssucht und Stolz ohne innere und äußere Hülfsmittel, ohne Sinn und Vermögen für Anlagen, in einen schreienden Contrast mit den übrigen gestellt -- aber alle umschlingt Ein Band, das der Liberalität und Gastfreundschaft, der Gefälligkeit und Humanität. Dem unbekannten Reisenden werden aus diesen Gärten oft Blumen-Bouquets zugeworfen, ohne Absicht die Freigebigkeit belohnt zu sehen. Wie blumigt wird ein so bestreuter Pfad? -- Was der schadenfrohe Vandalismus der Revolution, diesem Departement so tödtlich, zerstört hat -- sichtbar in Resten, deren Eigenthümer mit den Gütern vertilgt wurden -- wird unter dem Schutze der sichernden Regierung in gefälligern Formen hergestellt, und wenn der Friede zu Wasser die Schiffe ungestört aus dem Haven laufen läßt: so wird das regste Leben aus diesen Verwüstungen hervor gehen. Die Compensationskraft der Natur steht mit dem Frieden der Menschen im Verein.
Noch bis Bouscaut 1¾ franz. Posten, bis wohin poste royale bezahlt wird (denn außer der Residenzstadt und dem Aufenthaltsort des Kaisers haben dieses Recht -- ein Recht der Belästigung -- mehrere Städte Frankreichs), ist der Weg vortrefflich und so, wie er nur auf den besten Heerstraßen Frankreichs gefunden werden kann. -- Bouscaut selbst, eine einfache Poststation -- ist durch mancherlei Anlagen verschönert, und es scheint als wenn man das Gefühl des Eintritts in Bourdeaux, von hier aus habe vorbereiten, oder den Nachhall von Bourdeaux nach Bayonne hin habe erhalten wollen. Aber man hat kaum Bouscaut einige Schritte verlassen, so fängt der feine, dann der fette schwere und endlich der wahre Steppensand an, den Weg der Reisenden zu hemmen.
Man schätzt den ganzen Flächenraum des Haide-Departements (Departement des Landes) auf 468 Quadratlieues, die Bevölkerung auf 228,900 Seelen; und die Summe der Abgaben auf 1,207,500 Franken. Auf einer Quadratmeile leben also kaum 490 Menschen und jeder derselben giebt etwas mehr als 5 Franken; in dem angränzenden Departement der Gironde leben auf einer Quadratmeile (fr.) doppelt so viel, und zahlen jeder 12 Franken. Das Departement de Lot ist in jedem Verhältnisse beträchtlicher; und weiter hinauf steigend nehmen diese noch mehr zu.
So wie die Natur hier die Erde, so scheint die Erde hier die Menschen erstarrt gemacht zu haben; welch ein Contrast jener gegen das Meer "in dessen freundlichem Spiegel sich die leicht bewegliche sanft aufschäumende Welle kräuselt, während die Steppe todt hingestreckt liegt, wie die nackte Felsrinde eines verödeten Planeten *)?" und welch ein Contrast dieser Menschen gegen jene des Departements der Gironde, aus deren leichterem Wesen die Heiterkeit der Seele und Innigkeit der Liebe wiederstrahlt, während die Bewohner der Haideländer für alle Genüsse höherer Art dumpf, unempfänglich, nur die Träger des Lebens sind?
*) Von Humbold's Ansichten der Natur I. Band. Tübingen 1808 über die Steppe
Schon in Bourdeaux lernt man diese Bewohner der Haideländer kennen. Die Marktplätze daselbst ziehen sie zu diesem Vereinigungspunct mit den benachbarten Departements-Bewohnern herab, und sie bringen Kohlen, Theer, Harz, Wildbret, auch wohl als Unterhändler andere Gegenstände des Handels dahin. Aber hier haben sie schon etwas von dem Städteleben angenommen; ihr Phlegma gränzt nicht so an Unbeweglichkeit, ihre Kleidung ist weniger halb wild, und man könnte leicht veranlaßt werden, sie für zwei verschiedene Völker zu halten. Die Communicationslinie scheint bei Agreaux und Roquefort (12½ Poste von Bourdeaux) ganz aufzuhören.
Der Haidebauer in Bourdeaux ist theilnehmender als in seiner Heimath. Der Witz der Marktweiber kann ihn zum Lachen, und Bitte um eine Gefälligkeit zur Hülfsleistung, Beides ihn aus seiner Lage nöthigen. Auf seinem, meistens mit Ochsen bespannten Wagen liegend, richtet er sich bei jenem auf, um den kraftvollen Wort- und Gebärdenstreit der Poissarden ganz in sich aufzunehmen, und ist er unglücklicher Weise der Gegenstand der Witzes, der hier in reichern Quellen aus den Hallen strömt, als zu Paris, so kann er wohl durch eine Grimasse nach seiner Art, durch ein Paar Worte und Handlungen das Lachen zum schreienden Jubel erheben, und sich selbst zuklatschen, aber von alle diesem findet man keine Spur im Lande; selbst der sichere Gewinn kann ihn nicht reizen, sein Geschäft zu beschleunigen. Doch trägt er auf alle seine Handlungen eine bedeutungsvollere Gutmüthigkeit über, und die Höflichkeiten des gebildeten Franzosen, die man zuletzt für angewohnte Phrasen halten muß, machen mit der unbefangenen und wahren Herzlichkeit der Haidebauern einen großen Abstand.
Die Kleidung und Tracht war sich fast durchgängig zu dieser Jahrszeit gleich; ob sie die nämliche im Winter ist, kann ich, aus Mangel eigener Beobachtungen, nicht sagen: nackte Beine, (woran der Postillion zu Agreaux sogar Sporen schnallte) nackte oder mit Holzschuhen bedeckte Füße, schmuzige, meistens gelb lederne Hosen ohne Wämschen, dessen Aermel etwas über den Ellbogen reichen, und worunter das grobe schmuzige Hanfhemd vordringt, weil es die kurze Hose nicht verbergen kann, ein starres Haar (meistens schwarz) ungekämmt bis auf die Schultern herunterhängend, den Oberkopf mit einem Barett, oder dicken runden Wulst von braunem Tuche bedeckt, zierlich mit bunten Lederstreifen oder und am Rande besetzt, mit einem langen Stock, der über Menschenhöhe hinausragt, bewaffnet und bei Gegenständen, die die Aufmerksamkeit reizen können (wie damals die durchgehenden Polen waren) auf dem vorwärts gestellten Stock mit den Händen, und auf den Händen mit dem Kinne liegend, die Beine aus einander gesperrt; im Ausdruck, Miene und Gebärde Stupor, in der Haltung Indolenz, in der Bildung des Körpers fest, und untersetzt, von mittlerer Größe, schwarzem Auge. -- Sein Vieh (Ochsen) läßt er nicht ohne thätigen Beistand fressen. Er reicht ihm sein Futter portionenweise und bleibt dabei stehen, bis es aufgezehrt ist. Das harte Mais-, Sumpf- und Schilfstroh wird nicht zu Häcksel geschnitten, sondern in das Maul des wiederkäuenden Thieres allmählig nachgeschoben. Der Eigenthümer liegt dabei, der brennenden Sonne oder dem Regen ausgesetzt, auf der Erde hingestreckt, die auch die offne Straße seyn kann; eine Hand unter seinem Kopfe haltend, mit der andern das Futter nachschiebend, und mit beiden, im Falle der Ermüdung wechselnd. ohne aufzustehen, den Körper selbst ohne Rücksicht auf Gassenkoth umdrehend, und diese ganze Operation wird mit einer Langsamkeit beendigt, daß man versucht werden könnte, sie für Bedächtlichkeit zu halten, wenn nicht alle begleitende Umstände auf das Phlegma deuteten, das ihn in keiner Lage verläßt.
Das weibliche Geschlecht, in allem diesem, außer einer größern Regsamkeit, dem männlichen ähnlich, scheint seine Verschönerung bloß in die schlanke Taille und den Kopfputz zu setzen. Ein schwarzes Corset schnürt den Leib fest ein, und der volle Busen gewinnt dadurch nach oben freien Raum. Leicht bedeckt würde er hier unter dem schwarzen feurigen Auge alle Reize vereinigen, aber das Organ des Gesichts und des Geruchs (ein schmuziges grobes, vielleicht in vielen Monaten, aus Mangel an reinem Wasser und aus Mangel an Reinlichkeit, nicht gewaschenes Halstuch, und ein Knoblauchs- und Zwiebeldampf aus dem Halse, der die Atmosphäre verpestet) lähmen die Einbildungskraft so, daß man nur mit weggewandtem Gesichte die gutmüthige Wirthin anreden kann. Der Rock, wie das Corset schwarz, in viele Falten geschlagen, und unbeweglich, wie der Character, ist meistens mit dem Corset verbunden, und der Sandstaub der Straße, der sich hier festsetzen kann, wird durch die unreine kurze Schürze von Hanf weniger beleidigend. Die Haare liegen in einem Wulst unter dem Kopftuche, und wenn sonst der Weichselzopf hier einheimisch wäre, so würde er leicht durch die Unsauberkeit verbreitet werden können. Das Kopftuch besteht aus mehreren verbundenen, kegelförmig aufgetürmten Stücken, zu beiden Seiten mit einer Hölung nach der Spitze des Kegels, und in der Mitte durch eine Schlinge oder Nath verbunden. Der schlanke Hals bezeichnet durch die staubichten und klebrigen Nebenstreifen, die um ihn herum laufen, die Stelle, wo das Band gewöhnlich liegt, das das kleine Kreuz am Busen hält. In der Wirthschaft leistet ihr der Mann, wie in ganz Frankreich, Beistand. Der Mann ist Koch, Vorschneider, Tafeldecker, Rechnungsführer, die Frau Nebengehülfin. -- Nur der Hunger kann hier Speisen verlangen; die selbst die Gutmüthigkeit nicht genießbar macht. Die Zubereitung und die Umgebungen, die Bedienung und das Geschirr bilden ein Ganzes, das Ekel erregt und selbst Ekel in der Erinnerung zurück läßt. Gerne eile ich davon weg.
Den Weg machen die Frauen meistens reitend auf einem Esel. Der tiefe Sand ist für den Fußgänger äußerst beschwerlich. Der Esel durchschneidet ihn leichter. Auf solchen Eseln reitend, traf ich auch in dem Departement der Nieder-Pyrenäen Frauenzimmer an, die ihre Waaren zu Markte brachten. Die Kleidung weicht von der der Haidebewohnerinnen etwas ab. Das Frauenzimmer (s. d. Abbildung Taf. II.) sitzt mit ihrer Haabe auf dem schnell trabenden Esel, beide Füße rechts. Ihr Leibgurt ist eine Korbflechte, die um den ganzen Leib herum geht, und an und abgeschnallt werden kann; denn sie ist in zwei Hälften zu beiden Seiten getheilt, und bei dem Aufsitzen werden diese mit einander verbunden. Diese Ceinture ist ungefähr 1½ Fuß breit. Auf ihr liegen gebunden schön gefiederte Poularden in den buntesten Farben in zwei Reihen, so daß auf dem Zwischenraum, den zwei an einander liegende Poularden bilden, die dritte aufgelegt wird. Die schön und bunt gefiederte Brust beider Reihen steht vor. Auf ihrem Kopfe mit untergelegtem Capedur (Kopfkissen) trägt sie eine ähnliche Korbflechte, eine halben Fuß kürzer, als die untere, und ebenfalls mit zwei Reihen auf und über einander liegender Poularden versehen. Der Raum, der von den gestreckten Poularden im Mittelpunct übrig bleibt, wird mit andern Dingen, selbst denjenigen, die zum Bedürfniß der Reise gehören, ausgefüllt. Das runde Kopfkissen von braunem Tuche mit bunten Streifen entspricht dem Ganzen. Die Kleidung war hier: blaue Strümpfe, ein kattunenes Leibchen, ein kurzer rother Rock mit vielen Falten, der Kopf mit einer leichten Mütze bedeckt, oder auch ganz unbedeckt, das Haar zusammen geflochten. Ihre Bildung: mittelmäßiger Wuchs, ein voller Busen und schwarze funkelnde Augen.
Fast alle Hirten gehen auf Stelzen. Sie sollen sogar dem Kaiser Napoleon zur Seite des Wagens gefolgt seyn. Die meisten Hirtengeschäfte werden von Frauen versehen, und auch sie sollen sich dabei der Stelzen bedienen. Fremd kann keinem Reisenden, der die sogenannten westphälischen Sauerlande besucht hat, diese Erscheinung vorkommen; und da in dem Departement der Haiden nur schwerer Sand, in Westphalen aber schwerer lehmigter Boden den freien Gang hemmt, so könnte man vielleicht dem Westphälinger in seiner Behendigkeit und Schnelle wohl leicht noch den Vorzog geben. Der Westphälinger steigt auf diesen Stelzen die Höhe einer Etage, und nicht selten kann man den Abend in seinem, vor den Zuschauer auf der Erde gesicherten Zimmer einen Zuschauer von außen haben, den man ohne Leiter nicht erwartet hätte. Im Sommer scheinen sie weniger als im Winter üblich zu seyn. Ihr Gebrauch erleichtert, wie das Springen an Stöcken über Moräste und Graben von 12 - 16 Schuhe Breite, die Communication, die sonst noch weniger möglich wäre.
Die tiefe Armuth, worin diese Menschen leben, spricht aus dem Boden schon an; die sparsam zerstreuten Wohnungen, das Innere derselben, die Lebensart bestätigen dieses noch mehr, und doch hat die Natur alles gethan, um den Reisenden in diesen Einöden länger aus auf irgend einer Straße aufzuhalten. Dem Mangel an äußerem Wohlstande kommt der Mangel an Bildung und Unempfänglichkeit für freiern Lebensgenuß zu Statten. Ihre Unwissenheit macht sie reich.
Der Aberglauben, der alle ihre Handlungen bezeichnet, scheint aus Spanien nach Frankreich sich verbreitet zu haben. Denn je näher der spanischen Gränze, je gröber wird er; und doch sollte man glauben, daß die Opfer, die hier für die Reformation fielen, mit den Brandverwüstungen ein helleres und reineres Licht würden erhalten haben. Bei dem Eintritt in die Wohnung, empfängt der Aberglaube den Angekommenen von allen Seiten. Kreuze auf den Thüren gemalt (die St. Johannis-Kreuze stehen auswärts an allen Ecken), geweihte Palmen, Bilder aller Art auf die bunteste Weise, an die Wand geklebt, Weihwasser, Rosenkränze xc. xc. nehmen die sicherste und reinste Stelle im Hause ein. Das Ausgehen und Wiederkommen, das Gehen und Stillstehen, das Sprechen und Stummseyn haben ihre eigene religiöse Bezeichnung. Die Nähe der Stadt, z. B. Mont de Marsan, Tartas, Paul le Dax, und die jetzige Frequenz auf der Landstraße haben die schroffsten Seiten etwas gemildert.Mit katholischen Teutschen und Polen waren sie aber zufriedener, als mit den Kriegern aus dem innern Frankreich. Denn jene giengen doch, sagten sie, in die Kirche.
Furchtsamkeit, die unzertrennliche Gefährtin des Aberglaubens, ist hier mehr religiöser, als politischer Art. -- Der Währwolf und das Donnerwetter können sie mit Schrecken erfüllen, aber mit Bereitwilligkeit und Resignation würden sie sich allem Nachtheil, den diese ihnen verursachen können, unterwerfen, wenn sie die gewisse Ueberzeugung hätten, daß die Vorsehung diese Uebel nicht als Strafe für ihre Sünden verhängt hätte; und in dieser Beziehung waren die Gerüchte von der Annäherung der Spanier grausenvoll; Gerüchte, die sich lawinenartig vergrößerten, und deren Wahrheit man nicht aus Thatsachen, sondern aus dem Mangel an Religion und Pietät erklärte.
Mit diesem Aberglauben steht die nationale Schwelgerei, und das unerlaubte Uebernehmen der Fremden auf den Heerstraßen in Verbindung. Eierkuchen, mit Speck und Zwiebeln bereitet, ein wahres Festgericht, würde Nüchternheit verrathen; aber der Wein, der es begleitet, und der sonst selten getrunken, an solchen Tagen bis am andern Morgen, wie das Essen, im Uebermaß verzehrt wird, erhält seine volle Rechtfertigung durch das Fest, das man begeht. -- Es geschieht ja einem Heiligen zu Ehren. In Mont Marsan einer kleinen Stadt und Hauptort des Departements, mußte ich für eine Suppe, Gemüs und Braten, nebst einer Bouteille Wein, 12 Livres bezahlen; einen Livre bekamen davon gleich darauf die Armen. In Roquefort galt die Portion Caffee 5 Livres (1 Rthlr. 8 gr.) und die Geistlichkeit und Armen erhielten auch hiervon einen kleinen Theil. Ich erinnerte mich dabei an Mez, wo ich in einem Caffeehause à la Conscience das nämliche bezahlen mußte; nur mit dem Unterschied, daß die Armen nichts empfiengen.
Das, was man bürgerliche Tugenden nennt -- Anhänglichkeit an Vaterland, Staat und Regenten, in wie fern sich diese durch herzliche Liebe, verständige Wohlwollenheit und thätigen Eifer ausspricht -- hat durch die geringe Bildung nur bloß auf dem festen Boden der Gewohnheit, nicht auf dem der Ueberzeugung gewurzelt. Furcht vor Strafen hat sie vergrößert und der Glanz des Hofs und einzelne Geschenke versüßt. Dennoch aber sind diese Halb-Menschen gerade in dieser Aeußerung mehr werth, als der Halbgebildete. Einfalt und Natur heben das Herz dort empor, das die Verkünstelung hier nieder hält. Dort ist Handlung, hier Raisonirsucht!
So lange das Departement nicht mehr bevölkert seyn wird, so lange ist auch keine ernste Geistesbildung zu erwarten; und wie sehr widersteht der Boden diesen Erwartungen? Man könnte es als ein Exil ansehen, hier leben zu müssen. Ueberfluß an Unkraut und Dornengesträuchen, wodurch die Natur ihr trauriges Menschenleeres Leben ankündigt; die Ebenen unabsehbar breit, nach allen Seiten des Horizonts gestreckt, durch kein Gebirge am lichten Himmel unterbrochen, durch keine Quelle, keinen Bach verschönert; Moräste in Tiefen von aushölendem Winde oder von niederer Lage gebildet, mit wildem Schilf bewachsen, nicht einmal durch Frösche belebt, Sümpfe am Wege, die Luft auf mehrere Meilen verpestend; Dünen um so größer, je näher dem freundlichen Meere; keine, als äußerst zerstreute Wohnungen, in elenden Hütten bestehend, die nicht einmal Talg zur Weiterförderung des Wagens haben; Pinienbäume, die hier und da die Gegend erheitern, aber auch alsbald durch den Tod, den ihnen das tief verwundende Harzscharren bereitet, den Anblick trüben; Korkeichen, rund um geschält und in ihrer Jugend dem Grabe nahe gebracht, und so ein Stillstand der Vegetation durch Natur und Unwissenheit der Menschen bewirkt. -- Das ist das Gemälde dieser, schon oben im allgemeinen beschriebenen Gegend.
Je näher dem Meere, desto mehr spricht sich dieser Character aus, und mit Recht hat man diesem Theile den Namen der wilden Haiden (Landes sauvages) gegeben. Die Unfruchtbarkeit, durch das niedrige Gestrüppe verkündigt, wird durch die langen und breiten Dünen furchtbar. An einer derselben, unsern Cantons, einer äußerst schlechten Poststation, war dem Kaiser Napoleon ein Ehrendenkmahl dicht am Wege, auf einer kleinen Anhöhe errichtet, wahrscheinlich um seine Aufmerksamkeit auf diese Gegend zu fesseln. Napoleon, im kaiserlichen Ornate auf Holz gemalt, in der Stellung des seegnenden Wohlthäters des Landes, das durch die breitgestreckte Hand angedeutet wurde, im Ausdruck die ganze Machtvollkommenheit die der Scepter unterstützte, hoch auf ein breternes Piedestal gestellt, das, wie die ganze Figur, durch Wandhölzer in der Erde befestigt war, kehrte sich halb dem Wege, halb den Dünen zu. Die Unterschrift erhellte den Sinn: Jubeat Napoleon et stagnentur Lethalia -- in Vitam mutabuntur. Die Uebersetzung, etwas freier und correcter als das Original, war gleich damit verbunden: Napoléon ordonne, et d'immenses marais, enrichis de moissons, nourriront ses sujets. -- Eine freundliche Erinnerung an Necker, der in jeder Hinsicht der Wohlthäter dieser Gegend, kurz vor den Stürmen der Revolution geworden war, gewährte mir ein hohes Interesse für diese gutgemeinte und wahr empfundene Bezeichnung. Mehr als Holz konnte diese Gegend nicht geben; einfach malen wollte Mangel und Armuth; Napoleon's Aufmerksamkeit auf die unwirthbare Oede hinzuziehen, gebot das Bedürfniß der Noth; von ihm eine wohlthätige Umschaffung zu erwarten, war von dem Zutrauen und der Liebe zugeflüstert.
Der Kaiser hat auch schon viel für dieses Departement gethan. Man versicherte uns, er habe zwei Millionen Livres zur Verbesserung ausgeworfen. wirklich waren bei unserer Zurückkunft mehrere Strecken Weges ausgebessert, und die ganze Landstraße sollte noch den Sommer beendigt werden. Die Ankunft der Großherzogin von Berg hatte diese Maaßregeln beschleunigt, aber selbst bei den besten Absichten der Regierung fehlt es an Menschen in der gegenwärtigen Zeit und in diesem Lande. Die Postillione fahren, wo sie können. Oft verirren sie sich bei hellem Tage, und nur der lang geübte weiß sich des Nachts zu finden. "Eilt, daß ihr bei Tage ankommt!" ein Rath, der vom Posthalter dem Postillion mit auf den Weg gegeben, und dessen Ausführbarkeit oft bei dem Ausfahren schon widerlegt wird, kann den Passagier nicht ermuntern.


Quellen und Literatur

  • Neueste Länder- und Völkerkunde. ein geographisches Lesebuch für alle Stände. Zweiter Band. Frankreich. Weimar, im Verlage des geographischen Instituts, 1806. = Neueste Kunde von Frankreich. Nach dessen gegenwärtigem Zustande aus Quellen dargestellt von Theophil Friedrich Ehrmann. Weimar, im Verlage des F. S. privil. Landes-Industrie-Comptoirs. 1806.