Dominique Dufour de Pradt

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Pradt (Dominique de), vormaliger Erzbischof von Mecheln, ist 1759 in Auvergne geboren. Er war ein naher Verwandter des Marschalls Duroc und wurde hauptsächlich durch diesen bei Napoleon eingeführt und accreditirt.

Vor der Revolution war er Großvicar des Cardinalerzbischofs von Rouen. Er wurde in die constituirende Versammlung als Deputirter der Geistlichkeit der Normandie gewählt, und zeigte sich hier stets als den entschiedensten Royalisten, der sogar den Abbé Maury noch zu überbieten wußte.

Nach Beendigung dieser Versammlung unterzeichnete Pradt die bekannten Protestationen der rechten Seite, verließ Frankreich und ging nach Hamburg, wo er mehrere Jahre verweilte. Im J. 1798 schrieb er hier, jedoch ohne sich zu nennen, L'Antidote au Congrès de Rastadt und einige Zeit nachher La Prusse et sa Neutralité, zwei Flugschriften welche damals Aufsehen machten.

Nach dem 18. Brümaire kehrte Pradt nach Frankreich zurück. Seine erste Schrift, welche er hier herausgab: Les trois Ages des Colonies, in welcher er die völlige Emancipation derselben predigt, fand wenig Beifall.

Fast ohne alle Hülfsmittel zurückgekehrt, mußte er dieselben in sich selbst suchen. Er wandte sich an seinen Verwandten, Duroc. Dieser nahm sich seiner an und stellte ihn dem Kaiser vor, dem er so glücklich war zu gefallen. Pradt erhielt sogleich die Stelle des ersten Almoseniers des Kaisers, wohnte in dieser Eigenschaft 1804 der Krönung und Salbung Napoleons bei und ward zum Baron und zum Bischof von Poitiers ernannt. Der Papst selbst segnete ihn ein. Der neue Bischof behielt übrigens auch seinen Posten als Almosenier des Kaisers, dem er sich immer angenehmer machte. Er begleitete ihn zur Krönung nach Mailand und in der Folge nach Bayonne, wo er besonders zu Conferenzen mit dem Canonicus Escoiquiz gebraucht wurde.

Im J. 1809 erhielt Pradt das Erzbisthum Mecheln; 1811 wurde er zu den Unterhandlungen mit dem Papste zu Savona gebraucht; 1812 wurde ihm die in dem damaligen Zeitpunkte höchst wichtige Gesandtschaft in Warschau zugetheilt. Hier blieb er, bis, nach Beendigung des unglücklichen russischen Feldzugs, die Annäherung des Feindes ihn vertrieb. Pradt hat die höchst interessante Geschichte dieser Gesandtschaft und Napoleons Rückkehr in einem eigenen Werke beschrieben, das in fast alle europäische Sprachen übersetzt worden.

Nach seiner Rückkehr begab er sich eine Zeitlang in seine Diöces; fand sich aber zur rechten Zeit wieder in Paris ein, um bei der ersten Einnahme und den dabei gespielten Intriguen und gepflogenen Unterhandlungen eine Rolle übernehmen zu können. Die provisorische Regierung gab ihm den ehrenvollen und wichtigen Posten des Canzlers der Ehrenlegion, welchen er jedoch nach den hundert Tagen an den Marschall Macdonald abgeben mußte. Bei der Rückkehr Napoleons von Elba zog er sich zurück.

Seit der zweiten Restauration lebte Pradt ohne höhere Anstellung, und ist einer der fruchtbarsten politischen Schriftsteller Frankreichs geworden. Die wichtigeren Schriften, welche seit der ersten Restauration bis jetzt (1819) herausgegeben, sind die schon oben gedachte Histoire de l'Ambassade dans le Grand-duché de Varsovie; - du Congrès de Vienne; - Précis historique sur la Restauration etc.; - Des Colonies et de la Revolution actuelle de l'Amérique; - Des quatre Concordats; - L'Europe après le Congrès d'Aix la Chapelle. Letzteres ist (April 1819) sein neuestes Werk.

Dem Abbé de Pradt ist als Schriftsteller ein großer Ideenreichthum, eine geübte und gewandte Feder, Scharfsinn, Kenntniß der europäischen Diplomatie, und ein meistens gesunder Blick in die politischen und staatswirthschaftlichen Verhältnisse der Völker nicht abzusprechen und seine Werke gewähren eine eben so anziehende als belehrende Unterhaltung.


Le Mémorial de Sainte-Hélène.

Der Kaiser kam wieder auf den Herrn Abbé de Pradt und sein Werk; er faßte es auf die erste und lezte Seite zusammen. "Auf der ersten Seite gibt er sich für den einzigen Mann aus, der Napoleon auf seiner Bahn angehalten hat; auf der lezten gibt er zu verstehen, daß ihn der Kaiser, bei seiner Durchreise, nach der Rückkehr von Moskau, von seinem Gesandtschaftsposten fortschickte. Dieß ist nun wahr, und diesen Umstand sucht seine Eigenliebe entweder zu entstellen oder zu rächen: dieß ist der Inhalt des ganzen Werks.

"Allein der Abbé, fuhr er fort, hatte in Warschau keines von den Geschäften besorgt, die man ihm aufgetragen hatte, er hatte im Gegentheil sehr viel geschadet. Von allen Seiten häuften sich Klagen und nachtheilige Gerüchte gegen ihn. Die Auditeurs von seiner Gesandtschaft, sogar diese jungen Leute, fanden sein Benehmen anstößig, und gingen so weit, ihn des Einverständnisses mit dem Feinde zu beschuldigen, was ich jedoch weit entfernt war zu glauben. Uebrigens hatte er allerdings eine lange Unterredung mit mir, die er aus Eigennutz entstellt. während er aber auf das demüthigste einen Wortschwall vortrug, in dem ich eben so viel Unschicklichkeit als Unverschämtheit bemerkte, schrieb ich am Rande des Kamins, unter den Augen des Herrn v. Pradt, während er beständig fortsprach, mit Bleistift den Befehl, ihn von seiner Gesandtschaft zu entlassen, und so schnell als möglich, nach Frankreich zurückzuschicken *). Dieser Umstand gab damals zu vielem Lachen Veranlassung, und der Abbé suchte ihn auf das Aeußerste zu verstecken."

*) Siehe Briefe vom Cap der guten Hoffnung.


Quellen und Literatur.

  • Conversations-Lexicon oder encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände. Stuttgart bei A. F. Macklot. 1816.
  • Denkwürdigkeiten von Sanct-Helena, oder Tagebuch, in welchem alles, was Napoleon in einem Zeitraume von achtzehn Monaten gesprochen und gethan hat, Tag für Tag aufgezeichnet ist. Von dem Grafen von Las Cases. Stuttgart und Tübingen in der J. G. Gotta'schen Buchhandlung. 1823.