Feldzug von 1806

From NapoleonWiki
Version vom 8. Juli 2015, 06:25 Uhr von Neopolem (Diskussion | Beiträge)

(Unterschied) →Nächstältere Version | Aktuelle Version ansehen (Unterschied) | Nächstjüngere Version← (Unterschied)
Jump to: navigation, search

Der Feldzug von 1806 in Teutschland.

Tief erschüttert sah am Ende des Jahres 1805 der teutsche Patriot auf die Ereignisse desselben zurück. Sein Vaterland hatte viel, sehr viel gelitten. Umsonst hatte in Vereinigung mit Rußland Oesterreich alle seine Kräfte aufgeboten, den fortwährenden Vergrößerungen des französischen Reichs Gränzen zu setzen. Durch die Unklugheit einiger seiner Generale, durch ein besonderes Zusammentreffen von Unglücksfällen und durch das kräftige Genie Napoleons, mußte es nach einem dreymonatlichen Kriege am 26. Dec. einen sehr nachtheiligen Frieden eingehen, in welchem es nicht nur die Besitzungen von Frankreich in Italien anerkannte, sondern auch noch Venedig, Dalmatien, Tyrol und seine Besitzungen in Schwaben an Frankreich und seine Bundesgenossen abtrat.

Die Bedürfnisse einer ungeheuern Truppenmasse hatten den größten Theil von Teutschland ausgesaugt. Nie hatte man so viele Nationen auf dem Kriegsschauplatz gesehen. Während die drey großen Armeen der Franzosen, Russen und Oesterreicher im Süden mit einander kämpften, langten im nördlichen Teutschland eine englische, eine schwedische und noch eine starke russische Armee an, um an den Kriege theilzunehmen. Ueberdieß wurde die ganze preußische Armee mobil gemacht, und überschwemmte Sachsen, Thüringen, Hessen u. s. w.

Unter allen diesen Begebenheiten litten die Einwohner Teutschlands unsäglich. Viele hatten ihr Leben, viele ihr Hab und Gut verlohren, und der einzige Trost war die Hofnung auf eine bessere Zukunft.

Aber mit dem Frieden zwischen Frankreich und Oesterreich hatte schon das zeither so gute Vernehmen des erstern mit Preußen seine Endschaft erreicht. Es fehlte nicht an Stoff zu Streitigkeiten. Die Verletzung des Anspachischen Gebiets durch den Marschall Bernadotte am 3. Octob. 1805, die Auflösung der alten teutschen Reichsverfassung und dagegen die Organisation des Rheinbundes, die Wegnahme der Abteyen Essen, Werden und Elten durch den Grosherzog von Berg, die französische Besitznahme von Wesel, welches Preußen zwar an dem Großherzog von Berg, nicht aber an Frankreich abgetreten hatte, ferner die noch immer nicht erfolgte Räumung Teutschlands von französischen Truppen, -- dies alles zusammengenommen, waren Gegenstände, welchen der Berliner Hof seinen Beifall nicht geben konnte. Auf der andern Seite war die Mobilmachung der preußischen Armee im Jahre 1805 und die darauf schon im August 1806 von Neuem erfolgten Kriegszurüstungen in den preußischen Staaten, der feste Entschluß des Königs, Hannover nicht herzugeben, dessen Zurückerhaltung doch die erste Friedensbedingung Englands war dem Kaiser Napoleon sehr mißfällig.

Doch, immer noch war nicht alle Hofnung verschwunden, diese Differenzen durch Unterhandlungen beygelegt zu sehen. Nachdem der preußische Gesandte Marquis v. Luchesini von Paris war abberufen worden, wurde der General Baron von Knobelsdorf mit neuen Anträgen dahin gesandt. Dieser Umstand gab vielen neue Hofnung zum Frieden, den Preussen jedoch nur unter folgenden Bedingungen beybehalten wollte:

1) daß die französische Truppen ungesäumt Teutschland räumten.
2) daß Frankreich der Bildung des nördliche Bundes kein Hinderniß mehr entgegensetzen, und daß dieser Bund alle großen und kleinen teutschen Staaten, die in den Fundamentalacten des rhein. Bundes nicht als Mitglieder desselben genannt wären, umfassen könnte;
3) daß unverzüglich eine Unterhandlung zum Behufe der nähern Bestimmung aller noch streitigen Punkte eröfnet würde, wo für Preußen die Zurückgabe der drey Abteyen (Essen, Werden und Elten) und die Trennung der Stadt und Vestung Wesel von dem französischen Reiche die Präliminarartikel seyn mußten.

Auf diese vorgelegten Bedingungen erhielt das preußische Cabinet keine Antwort, statt derselben aber zogen sich die französischen Truppen in Teutschland zusammen und rückten gegen Würzburg, Nürnberg, Bamberg und Schweinfurt vor. Auf diese Maaßregel schien Preussen gefaßt gewesen zu seyn, denn bereits war beinahe dessen ganzen Kriegsmacht auf dem Marsche. Die Truppen in Hannover und Westphalen standen unter den Befehlen der Generäle Rüchel und Blücher schlagfertig. Die Berliner und Potsdammer Garnison, die Regimenter aus dem Magdeburgischen, Halberstädtischen, dem Saalkreis, der Mittelmark und Thüringen befanden sich unter dem Commando des Königs, der noch den Herzog von Braunschweig und den würdigen Feldmarschall Möllendorf zur Seite hatte, bey Weimar und Erfurt. Der Fürst von Hohenlohe rückte mit schlesischen und ostpreußischen Regimentern durch Sachsen, wo noch 25000 Mann Sachsen zu ihm stießen, nach dem Voigtlande vor und hatte sein Hauptquartier zu Gera.

So standen sich zwey Armeen feindselig gegenüber, die beyde für die bravsten in der Welt galten. Die preußische Armee hatte es im siebenjährigen Kriege mit den Mächten Europas aufgenommen und im Anfange des Revolutionskrieges bewiesen, daß noch der alte Geist sie beseele. Auch jetzt herrschte ein guter Geist in der Armee, und die Soldaten brannten vor Begierde, sich mit dem Feinde zu messen.

Auf der andern Seite mußte man jedoch auch der französische Armee Gerechtigkeit wiederfahren lassen. Der französische Soldat besitzt alle militairischen Tugenden, und ist den Krieg gewohnt. Nicht ihre Väter, sondern sie selbst, die gegenwärtigen Franzosen haben die Welt durch ihre Thaten in Staunen gesetzt. Ihre Anführer waren es nicht durch ihre Geburt, sondern durch ihre Verdienst geworden, und konnte es ihnen so an Talenten fehlen; mußten sie nicht in diesem Punkt ihren Feinden überlegen seyn? Mehrere einsichtsvolle teutsche Männer hatten vergeblich darauf aufmerksam gemacht, nur die Tugend zu belohnen und das Anciennitäts-System abzuschaffen. Den französischen Generalen, Männer in ihren besten Jahren, voll Entschlossenheit, Feuer und Gegenwart des Geistes, standen Greise gegenüber. Nie war eine Armee so meisterhaft organisirt, als es die französische ist. Jeder Soldat hat die Aussicht, Offizier, ja Marschall des Reichs zu werden, wenn er sich auszeichnet. Alles trachtet nach dem Bande der Ehrenlegion, das doch nur bewiesene Tapferkeit verleihen kann. Welchen guten Erfolg mußten alle diese Einrichtungen haben!

Nachdem endlich alle Mittel zur Beybehaltung des Friedens erschöpft waren, erschien im preussischen Hauptquartier zu Erfurt am 9ten October in Begleitung einer Proclamation an die Armee das denkwürdige Manifest, worin der König die Veranlassung eines Kriegs an den Tag legte und sich auf seine gerechte Sache berief. Diese zu bezweifeln, dazu ist hier nicht der Ort, aber wohl kann man die Frage aufwerfen: War der gegenwärtige Zeitpunkt zu solch einem ungeheuern Unternehmen günstig und gab es nie für Preußen einen günstigern??

Doch hinweg, von einen Umstand, der allen Teutschen bis zum gemeinsten Manne ein Aergerniß ist, und dem eine ewige Feindschaft zum Grunde liegt, der bereits das Wohl von Teutschland geopfert worden ist.

Ob gleich von keiner, der sich feindlichen Mächte, eine förmliche Kriegserklärung erlassen worden war, so waren jedoch nunmehr die Feindseligkeiten nicht mehr zu vermeiden. Nachdem die Berliner und Pariser Blätter (letztere namentlich) schon lange zuvor den Federkrieg eröffnet hatten, fielen schon nach französischen Berichten am 2ten October von den preußischen Husaren zwey Karabinerschüsse auf einem Officier des französischen Generalstabes. Dieses waren die ersten Schüsse in dem gegenwärtigen Krieg, doch werfen wir vorher noch einige Blicke auf die Stellung der Armeen.

Beyde Heere waren blos durch den thüringer Wald getrennt. Am 7ten Oct. war die Stellung der Franzosen folgende: Die Corps der Marschälle Soult und Ney standen zu Baireuth, der Großherzog von Berg , die Corps der Marschälle Bernadotte und Davoust, das Reservecorps der Grenadiere zu Cronach. Die Marschälle Lannes und Augerau brachen mit ihrem Corps von Würzburg auf, um über Schweinfurt nach Coburg, Gräfenthal und Saalfeld vorzurücken.

Das preußische Heer von 120,000 Mann bildete eine zwanzig Meilen lange Linie, längs der Gränze des Bayreuthischen Vogtlandes bis an das Werrathal hinter Eisenach.

Das Hauptquartier des linken Flügels unter Hohenlohe befand sich zu Jena, das des Centrums unter dem König, dem Herzog von Braunschweig und dem Feldmarschall Möllendorf zu Erfurt, und das des rechten Flügels unter Rüchel zu Gotha. Alle Zugänge vom Werrathal nach dem thüringer Walde wurden mit Vorposten besetzt. Vorher war die Stellung der Preußen weit ausgedehnter, indem sie sich auf der linken Seite bis beynahe an die böhmische Gränze und auf der rechten bis in das Fuldaische erstreckte. Man hatte einen Operationsplan angenommen, vermöge dessen man offensiv verfahren wollte. Der rechte Flügel sollte über Eisenach, Fulda und Frankfurt, das Centrum über Gotha nach Würzburg, der linke Flügel über Coburg nach Bamberg vordringen. Hätte man diesen Operationsplan angenommen, so hätte man eilen sollen, ihn mit Schnelligkeit auszuführen. Aber indeß man zu Erfurt die kostbare Zeit verlor, und den Franzosen welche gab, um sich mit ihrer ganzen Macht dem linken preußischen Flügel zu nähern, mußte man diesen Offensiv- in einen Defensivplan verändern. In diesem Falle hätte man alles aufbieten müssen, eine hinlängliche Macht auf dem linken Flügel zu conzentriren, um den feindlichen Angriff einen nachdrücklichen Widerstand zu leisten. Es ist unbegreiflich, warum dieses nicht geschehen ist, da es doch den preußischen Generalen nicht an Nachrichten von dem Vorrücken der Franzosen gegen den linken Flügel gefehlt hat.

Napoleon, der unumschränkt, der allein die Ziegel seiner Armee mit geschickter Hand führte, sah bald die Blöße, welche ihm der Feind gegeben hatte und eilte sie zu benützen. Er ließ den Marschall Soult und Ney gegen Hof vorrücken, wo sich dieser eines sehr beträchtlichen Magazins bemächtigte und einige Gefangene machte. Der Prinz Murat griff, um den Uebergang über die Saale zu bewerkstelligen, am 8ten October den Posten bey Saalburg an, und vertrieb nach einem kurzen Gefecht eine Abtheilung preußischer Truppen, die ihm den Uebergang streitig machen sollte, die aber viel zu schwach war, um nachdrücklichen Widerstand zu leisten.

Bey Schleiz stand der preußische General v. Tauenzien mit 10,000 Mann ganz isolirt. Er wurde am 9ten Oct. von dem Prinzen von Ponte Corvo und dem Prinzen Murat angegriffen und mußte nach einem hartnäckigen Gefechte der Uebermacht weichen. Doch gelang es ihm noch, sich durchzuschlagen und sich mit dem Fürsten v. Hohenlohe zu vereinigen; seine Bagage aber fiel in die Hände des Feindes. Bey diesem blutigen Gefechte, wobey der Kaiser selbst zugegen war, zeichneten sich die sächsischen Dragoner v. Prinz Johann sehr aus. Der brave Oberste dieses Regiments, welches sehr litt, blieb auf dem Platze.

Am 10ten October griff der Marschall Lannes und Augerau den Prinzen Louis Ferdinand von Preußen an, welcher bey Saalfeld mit einem Corps von 7 - 8000 Preußen und Sachsen den Uebergang über die Saale streitig machen wollte. Ohngeachtet der starken Uebermacht des Feindes erfocht dieser Prinz an der Spitze seines tapfern Häufchens einige Vortheile. Eine sächsische Batterie demolirte die Brücke über die Saale. Aber dies war ihm noch nicht genug. Mit einer Bravour, die ihn von jeher ausgezeichnet hatte, verfolgte er den Feind bis auf das andere Ufer der Saale, wo er von allen Seiten von dem weit stärkern Feinde angefallen und in Unordnung gebracht wurde. Was von seinem Corps nicht niedergemacht wurde, ergriff die Flucht und viele ertranken in der Saale. Schon von allen den Seinigen verlassen, war er der Einzige auf dem Schlachtfelde und bewies die größte persönliche Tapferkeit. Nachdem er schon vorher einige Wunden erhalten hatte, durchstach ihn ein französischer Husaren-Wachtmeister und machte seinem glorreichen Leben ein Ende. So starb er auf dem Bette der Ehre, von der Armee beweint und selbst von dem Feinde angebetet. So groß das Glück für die Franzosen war, gleich in der zweyten Affaire einen so wichtigen Mann aus dem Wege geräumt zu haben, ein so großer Verlust war er für die preußische Armee. In ihm hatte sie einen ihrer größten Feldherrn verlohren, der mit seinem feurigen Genie alle militairischen Kenntnisse verband. Die Verehrung der feindlichen Generale gegen ihn ging so weit, daß sich mehrere zum Andenken Haarlocken von seiner Leiche mitnahmen. Durch diesen Sieg fielen den Franzosen nicht nur 30 Kanonen und eine Menge Gefangener in die Hände, sondern sie sahen ihren wichtigen Zweck, die preußische Armee von der linken Seite zu tourniren, erreicht.

Von jetzt an sahen sich die Preußen in einer sehr kritischen Lage. Sie waren von dem Churfürstenthum Sachsen abgeschnitten, welches die leichte französische Cavallerie schon bis in die Ebenen von Leipzig überschwemmte. Die Marschälle Lannes und Augerau bildeten den linken französischen Flügel, indem sie Jena und Kahle besetzten. Das Hauptquartier des Großherzogs von Berg war zwischen Leipzig und Zeitz; das des Marschalls Bernadotte zu Zeitz; das Kaiserliche befand sich zu Gera und das des Marschall Ney zu Neustadt. Die Vorposten des Marschall Davoust gingen bis an die Thore von Naumburg, wo ihm am 13ten ein wichtiges Magazin, mehrere Gefangene und 18 kupferne Pontons in die Hände fielen.

Indem sich Napoleon Herr von Sachsen sah, erließ er noch an diesem Tage folgende Proclamation, ohnerachtet die sächsische Armee noch immer mit der preußischen vereinigt gegen ihn focht.


Aufruf an die Völker Sachsen.
Sachsen! die Preußen haben Euer Land überfallen -- Ich betrete dasselbe, Euch zu befreyen. Sie haben gewaltsam das Band Eurer Truppen aufgelößt und ihrer Armee angeknüpft. Ihr sollt Euer Blut vergießen, nicht nur für ein fremdes, sondern sogar für ein, euch entgegengesetztes Interesse.
Meine Armeen waren eben in Begriff, Teutschland zu verlassen, als Euer Gebiet verletzt wurde; sie werden nach [[Französisches Reich|Frankreich] zurükkehren, wenn Preußen Eure Unabhängigkeit anerkannt und den Plänen entsagt haben wird, die es gegen Euch im Schilde führt.
Sachsen! Euer Fürst hatte sich bis jetzt geweigert, solche pflichtwidrige Verbindungen einzugehen; wenn er sie seitdem eingegangen, so wurde er durch den Einfall der Preußen dazu gezwungen.
Ich war taub gegen die eitle Herausforderung, welche Preußen gegen mein Volk richtete, so lange taub, als es nur auf seinem Gebiete in Waffenrüstung trat; dann erst, als es Euer Gebiet verletzte, hat mein Minister Berlin verlassen.
Sachen, Euer Loos liegt jezt in meiner Hand. Wollt ihr in Zweifel stehen zwischen denen, die Euch wohl wollen und denen, die Euch schützen wollen? meine Fortschritte werden die Existenz und Unabhängigkeit Eures Fürsten, Eurer Nation befestigen. Die Fortschritte der Preußen würden Euch ewige Fesseln anlegen. Heute würden sie die Lausitz, morgen die Ufer der Elbe verlangen. Doch was sage ich? haben sie nicht alles verlangt? Nicht schon längst versucht, Euren Beherrscher zur Anerkennung einer Oberherrschaft zu zwingen, die unmittelbar Euch aufgelegt, Euch aus der Kette der Nationen reißen würde.
Eure Unabhängigkeit, Eure Verfassung, Eure Freyheit würde dann ein bloßer Gegenstand der Erinnerung seyn und die Manen Eurer Vorfahren, der tapfern Sachsen, würden sich entrüsten, Euch ohne Wiederkehr von Euren Nebenbuhlern unter das Joch so lange vorbereiteter Knechtschaft gebeugt, Euer Land zu einer preußischen Provinz herabgewürdigt zu sehen.
Gegeben in unserm kaiserlichen Hauptquartier. Napoleon.


Als die Preußen sahen, daß sich der Feind mit aller Macht auf ihren linken Flügel werfe, bemüheten sie sich während dem 9. 10. 11. 12. 13ten Oct. ihre Macht bey Weimar zu conzentriren, wo sie längs der Chausee nach Jena hin ein Lager formirten. Jetzt fing es an, bey ihnen an Lebensmitteln zu fehlen, da sie ihre Magazine zu Zwickau, Hof, Naumburg und Weisenfels verlohren hatten, welche seltsam genug zum Theil vor die Fronte gestellt worden waren, und natürlich den Franzosen in die Hände fallen mußten. Um die Bedürfnisse der Armee nur einigermaßen zu befriedigen, mußte zu Maaßregeln geschritten werden, die für die Einwohner eben so drückend als für den Soldaten unzureichend waren. Dieser Umstand und die nicht zum besten lautenden Nachrichten, die durch eine Menge Flüchtlinge noch bestätigt wurden, konnten besonders bey dem gemeinen Mann nicht den besten Eindruck machen. So näherte sie der furchtbare 14. October. Der König, welcher weit richtigere Einsichten, als eine Generale verrieth, äusserte seine Besorgniß, wurde aber von denselben überstimmt. Er wünschte einen gefangenen Franzosen selbst zu sprechen. Ein Cavallerieoffizier war auch s glücklich noch in der Nacht einen Chasseur einzufangen, welcher aussagte: "daß die französische Avantgarde bey Naumburg angekommen, die Stadt gebrandschatzt und das Magazin verbrannt habe, die Stärke dieses Corps könnte 22,000 Mann seyn; ausserdem aber wären 16 Cavallerieregimenter unter dem Prinzen Murat in Eilmärschen angekommen, auch sey die Haupt-Armee und die Reserve im Anzuge."

Durch diese Aussage, der man Glauben beymaß, bekam man endlich über die Stellung des Feindes und dessen Absichten etwas mehr Licht. Noch in der Nacht vom 13ten bis zum 14ten mußten sich die Generale und Adjudanten im Hauptquartier einfinden, um von den veränderten Dispositionen unterrichtet zu werden. Da man gewisse Nachricht habe, hieß es, daß die Brücke über die Saale bey Kösen besetzt sey, so solle die Armee des Königs ihren Marsch nach Naumburg nehmen, die Brücke selbst solle durch die Schützen mehrere Regimenter forçirt werden.

Folgende Anekdote beweißt indeß, wie wenig sich sich die Preußen glauben durften: Im Abend vor dem 14ten October recognoscirte Napoleon die Stellung der Preußen. Als er zurückkam, sagte er zu dem General Savary, der ihn begleitet hatte: "Sie können schon heute Abend nach Paris schreiben, daß wir morgen wenigstens 30,000 Mann Preußen zu Gefangene machen werden."

Die Nacht von dem 13ten bis zum 14ten October brach an. Napoleon, welcher, um sich mit dem Terrain bekannt zu machen, vorher den auf einem hohen Berge gelegenen, sogenannten Fuchsthurm bestiegen hatte, übersah hier die ganze Gegend und hatte bemerkt, daß eine Bergschlucht, das Rauthal genannt, die von den Preußen beynahe ganz unbesetzt geblieben war, ihm zur Hinaufschaffung des schweren Geschützes auf die Berge, welche sich auf der einen Seite des Mühlthales aufthürmen, sehr dienlich werden konnte. Diese Schlucht ließ er in dieser Nacht wegsam machen, und diese Arbeit wurde durch den besten Erfolg gekrönt. Vergeblich hatte ein sächsischer Ingenieur-Offizier Lehmann die preussische Generalität darauf aufmerksam gemacht, diesen Posten hinreichend zu besetzen. Allein man glaubte sich so sicher, daß man nur einige Mann Sachsen und Preußen dahin stellte, die noch dazu mit dem dortigen Terrain gänzlich unbekannt waren, und von den, durch den offen gelassenen Paß in das obere Saalthal eindringenden Franzosen zurückgeworfen wurden.

Während dieser Nacht ward der ganze Horizont von den Wachtfeuern der sich gegenüberstehenden Armeen erleuchtet. Die Preußen bildeten eine lange Linie von Weimar gegen Auerstädt. Die Franzosen hingegen waren auf einen Punkt conzentrirt. Endlich grauete der Morgen, aber ein dichter Nebel verbarg noch die nächsten Gegenstände. Das Kleingewehrfeuer eröfnete die merkwürdigen Begebenheiten dieses Tages. Die preußischen Vorposten, die vortreffliche Stellungen behaupteten, wurden zurückgedrängt. Nun kam die französische Armee aus den Pässen in die Ebene und fieng an, sich in Schlachtordnung zu stellen, und sich auszubreiten. Den linken Flügel, der sich an ein Dorf und eine Waldung stützte, bildete das Corps des Marschall Augerau und das Corps des Marschall Lannes das Centrum. Zwischen diesen stand die kaiserlichen Garde zu Fuß. Den rechten Flügel formirte das Corps des Marschall Soult, welches von Dornburg angerückt war.

Mittlerweile hatten die Franzosen das Dorf Hottstädt besetzt, aus welchem sie die Preussen vertreiben wollten. Marschall Lannes rückte heran, um dies Dorf zu behaupten, zugleich hatte Marschall Soult auf dem französischen rechten Flügel ein Gehölz angegriffen, und da der rechte Flügel der Preußen gegen den französischen linken vorrückte, so erhielt Marschall Augerau Befehl ihn zurückzutreiben. So wurde in kurzer Zeit die Schlacht allgemein.

Inzwischen dauerte der Kampf anhaltend und unentschieden fort. Ein Theil des Dorfs Vierzehnheiligen (19 Häuser und Scheunen) wurde ein Raub der Flammen. Endlich hatte der Marschall Soult das Gehölz, welches er zwey Stunden lang angegriffen hatte, genommen und rückte nun vorwärts.

Noch hatten die Preußen nicht Ursache die Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang aufzugeben. Aber um diese Zeit betraf sie ein Unglück, das auf der Stelle nicht wieder gut zu machen war. Der Herzog von Braunschweig, dieser erhabene Feldherr führte seine Truppen selbst ins Feuer, ohne sich als Oberbefehlshaber der Wichtigkeit seiner Erhaltung für das Ganze zu erinnern. Noch ehe er die Anordnungen des blutigen Tages vollenden konnte, wurde er von einer Flintenkugel getroffen, die ihn für immer des Lichts der Augen beraubte. Wie man sagt, hatte er den Operationsplan in der Tasche, und nahm ihn, als er ohne Bewußtseyn vom Schlachtfelde hinweggetragen wurde, mit sich. Nach der Entfernung des Herzogs fing sich die Schlacht für die Franzosen zu entscheiden an. Denn da man preußischer Seits nicht auf diesem Fall gerechnet hatte, und kein General so gut wie er, der die Leitung der Bataille einmal übernommen, und seine fernern Plane wohl Niemanden ausführlich mitgetheilt haben mochte, dieselbe ausführen konnte, so war dieser Verlust nicht zu ersetzen. Der Feldmarschall Möllendorf, ein Mann, der in den Waffen grau geworden und mit Recht die Hochachtung der Armee besaß, übernahm zwar das Commando, aber er vermochte nicht die Verwirrung, die überhand zu nehmen begann, zu hemmen. Ueberdieß waren jezt französischer Seits die Reserve-Cavallerie und zwey neue Divisionen des Marschalls Ney angekommen, welche hinter dem Schlachtfelde aufmarschirten, weswegen Napoleon alle Truppen, welche bis jetzt in Reserve gestanden hatten, auf die erste Linie vorrücken ließ, die jetzt, durch diese Verstärkung unterstützt, die preußische Schlachtordnung in einem Nu über den Haufen stürzte und sie zum Rückzuge nöthigte, der in der ersten Stunde noch in ziemlicher Ordnung geschah. Der linke Flügel zog sich gegen Ketschau und Hohlstädt, und das Centrum gegen Capellendorf zurück, vor welchem die Reserve unter dem Generallieutenant von Rüchel in zwey Linien aufmarschirt war. Hier begann ein neues mörderisches Gefecht mit dem Corps des Marschalls Soult, welcher von Groß- und Klein-Romstedt vordrang. Fürchterlich wüthete ein verdeckte Batterie auf einer Anhöhe jeseits des Dorfs in den Gliedern der Preußen. Das Regiment Alt-Larisch, welches aus 2000 Mann bestand, schmolz binnen einige Minuten zu 150 Mann herunter.

Völlig entschieden wurde endlich der Sieg für die französische Waffen durch die Ankunft der Dragoner- und Kürassier-Divisionen unter dem Großherzog von Berg. Vergebens formirte sich die Infanterie in Bataillons garrés. Fünf derselben wurden durchbrochen und theils getödtet, theils gefangen. Vergebens versuchte es der schon im Schenkel verwundete General-Lieutenant von Rüchel noch eine Stellung bey Wiegendorf zu nehmen, wo er eine gefährliche Blessur in der Brust erhielt. Nichts hielt nunmehr die völlige regellose Flucht der Preußen auf, die sich theils bey Ulrichshalben Crommsdorf und Tieffurth über die Ilm, theils nach Weimar auf den Straßen nach Erfurt und Buttstädt zu retten suchte. In Weimar traf die erste französische Reiterey zugleich mit den letzten preußischen Fliehenden gegen 5 Uhr ein.

Diese beyden verschiedenen Retiraden schrieben sich, wie man sagt, von einem Irrthume her. Man hatte nemlich Ordre gegeben, nach Querfurt zu retiriren: dies war von vielen, die nie etwas von diesem Ort gehört hatten, für Erfurt verstanden worden, daher diese ganz verschiedenen Richtungen entstanden seyn sollen.

Schon am 13ten war der König mit einem Theil der Armee in die Gegend von Auerstädt marschirt, um die Communication mit Sachsen zu erhalten. Allein der Marschall Davoust, in Vereinigung mit dem Prinzen von Ponte Corvo, welcher jedoch erst später eintraf, waren ihm zuvor gekommen, indem sie die Anhöhen bey Kösen besetzt hatten.

Auch hier bedeckte, wie bey Jena ein dichter Nebel das Schlachtfeld. Die Wachtfeuer verloschen nach und nach und der Soldat, wenig gestärkt durch die kurze Erholung, wo ihm die nothwendigsten Bedürfnisse des Lebens fehlten, erwachte, um vielleicht in einigen Stunden auf derselben Stelle der ewigen Schlaf zu beginnen. Stille formirten die Truppen ihre Colonnen, jedoch mit dem festen Entschluß, durch die größte Anstrengung und Tapferkeit das gegenwärtige Elend zu enden und sich eine bessere Lage zu erzwingen. In diesem Augenblick fielen einige Schüsse bey der Avantgarde. Sogleich wird ein Cavallerieregiment und eine reitende Batterie zum Vorrücken beordert. Aber kaum ist die Batterie abgefahren und das Regiment aufmarschirt, so streckt ein nahes Kartätschen-Feuer auch gleich eine Menge Reiter zu Boden. Dadurch entsteht Unordnung, die Cavallerie weicht und die Batterie wird vom Feinde genommen. Noch nicht von der Unmöglichkeit überzeugt, daß hier alle Anstrengungen der Cavallerie vergebens sey, wird von Neuem Befehl gegeben, mit Cavallerie und reitende Artillerie anzugreifen, welche ebenfalls nach empfindlichen Verlust und in Unordnung das Schlachtfeld verlassen muß. Der edle König selbst, mitten im dicksten Feuer wagt sein Leben, wie ein gemeiner Mann. Ein Pferd wird ihm unter dem Leibe erschossen, er besteigt ein zweytes und führt nun die Infanterie ins Feuer, um mit ihr das zu erzwingen, was für die Cavallerie unmöglich und von ihr nicht zu verlangen war. Adjudanten eilen herbey, und bringen den Befehl zur größten Eile. Die ohnehin schwer bepackten und schon ermatteten Soldaten müssen nun die steilen Anhöhen bey Auerstädt im Trabe hinauf laufen und erschöpft kommen sie auf dem Berge an, ein Theil ohne Kanonen, die in dieser Geschwindigkeit ihren Regimentern auf dem ohnehin schlechten Wege nicht folgen können. Ein heftiges Kartätsch- und Pelotonfeuer empfängt sie hier und rafft ganze Glieder weg. Dies beugt ihren Muth noch nicht, sie formiren sich nach Möglichkeit und rücken muthig auf die feindliche Linie an. Von beyden Seiten fallen viele Menschen, und endlich muß die Infanterie das Schicksal der Cavallerie theilen und das Schlachtfeld verlassen. Wenn dieses auch nicht in Ordnung geschah, so geschah es doch ohne zu laufen. Der rechte preußische Flügel hatte sich zwar anfangs unter dem General Wartensleben einige Vortheile erkämpft, indem er die Franzosen gegen Phulshorn zurückdrängte. Hier griffen aber die Franzosen mit verstärkter Macht an und brachten die Preußen zum Weichen.

So sahen sich die Preußen von allen Seiten genöthigt, dem Feinde das Schlachtfeld zu überlassen. Die Garde und das Regiment des Königs, welche die Reserve gebildet hatten, deckten den Rückzug der geschlagenen Armee, welcher die Flüchtlinge von Jena entgegen kamen. In bunter Schaaren von Kavallerie und Infanterie von allen Regimentern zog man sich nun ohne Plan nach Erfurt und Magdeburg, zurück und mußte dem Feinde Sachsen und die Zugänge nach der Mark-Brandenburg offen lassen.

Das Corps des Marschall Davoust hat an diesem Tage die größte Tapferkeit und Unerschrockenheit, so wie dieser General selbst eine hohe Gegenwart des Geistes und tiefe Einsichten an den Tag gelegt, die ihn der Auszeichnung und des Vertrauens, womit der Kaiser ihn beehrte, würdig machte.

So endigte sich der 14ten October, der unglücklichste Tag, den Preußens Geschichte aufzuweisen hat. Nie war eine Schlacht so entscheidend, wie diese. An diesem Tage war das schöne preußische Heer, welches bis jetzt einen hohen militairischen Ruhm behauptet hatte, zu einer Schaar von Flüchtlingen herabgesunken. Was sonst das Resultat von Jahre langen Anstrengungen gewesen war, das wurde hier in einem Tage bewürkt.

Wenn auch die Fehler, welche die preußischen Generale sich vor Eröffnung des Kriegs bis jetzt hatten zu schulden kommen lassen, so hat doch die preußische Armee bewiesen, daß die lange Unthätigkeit sie nicht verdorben hatte, und daß es ihr nur an bessern Dispositionen fehlte, um an diesem Tage ehrenvoller zu bestehen. Ueberall hat der gemeine Mann und auch zum Theil der Offizier Muth und Tapferkeit beweisen; aber der ungerechte Vorzug des Adels hat sich hie und da auch nicht verläugnet. So erzählt ein Augenzeuge folgenden Vorfall:

Etwa 200 Schritte von Weimar, also wenigstens 3 Stunden vom Schlachtfelde entfernt, stellte sich um Mittag gleich neben der Chaussee ein Bataillon ****** auf, wahrscheinlich um den Rückzug in etwas zu decken. Die Cavallerie war schon in völliger Retirade, und kam ohne Ordnung in einzelnen Haufen von 20, 50, 100 Mann. Plötzlich entsteht das Gerücht: die Franzosen kommen! Sogleich werfen sich alle Offiziere obiges Bataillon auf die Pferde und jagen davon. Auch die Gemeinen wenden sich, wie natürlich, und wollen in Unordnung davon laufen. Auf einmal wirft sich ein Unteroffizier unter sie, sucht sie aufzuhalten, sagt, daß es ihre Pflicht sey, stehen zu bleiben, und wenn auch alle ihre Offiziere zum Teufel gegangen wären. Er bringt sie dadurch wirklich zum Stehen, und so bleiben sie ruhig noch 3 Stunden stehen.

Was, fügt er hinzu, würde wohl Friedrich der Große in Rücksicht dieser Offiziere beschlossen haben? Nach dem zu urtheilen, was er in der Schlacht bey Molwitz und bey andern Gelegenheiten that, würde er wohl die sämmtlichen Offiziere infam cassirt, und vielleicht einige haben erschießen lassen. Was den Unteroffizier anbetrift, den hätte wohl Kaiser Napoleon bestimmt zum Commandeur des Regiments gemacht.

Doch giebt es auch sehr löbliche Ausnahmen. So haben sich z. B. die Offiziere des Regiments Möllendorf mit Ruhm bedeckt. Viele davon haben diesen Tag nicht überlebt. Im Allgemeinen verdienen die Artillerie, die Füsseliers und die Feldjäger das größte Lob, der Grund dieses Vorzugs liegt am Tage.

Nach französischen Berichten waren die Resultate dieses Tages 30 bis 40,000 Gefangene, 45 Fahnen, 300 Kanonen und unermeßliche Magazine von Mundvorrath. Unter den Gefangenen befanden sich mehr als 20 Generale, wovon mehrere General-Lieutenants, unter andern der Gen. Lieut. Schmettau; (welche nachher an seinen Wunden zu Weimar starb). Die Anzahl der Todten der preussischen Armee ist unermeßlich, man rechnet mehr denn 20,000 Todte und Verwundete.

Ihrer Seits geben die Franzosen ihren Verlust auf 1000 bis 1100 Todte und 3000 Verwundete an. Nachrichten aus der Gegend des Schlachtfeldes zufolge, beläuft sich die Anzahl der auf beiden Seiten Getödeten und Verwundeten gegen 40,000 Mann. Noch 14 Tage nachher lagen die Leichen haufenweise aufgethürmt. Daß der Gen. Lieutenant von Rüchel an seine Wunden gestorben sey, ist wahrscheinlich ein Irrthum.

Besonders die Erstürmung der Anhöhen bey Jena, kosteten den Franzosen viele Menschen, welche so vertheidigt waren, daß die Defileen am Fuße derselben von preußischen Jägern, und die Mitte und der Gipfel mit vielen Kanonen besetzt waren, aus welchen sich ununterbrochene Feuerströme ergossen, welches die Franzosen reihenweise darnieder riß. Dennoch wurden diese Berge von den französischen Grenadieren erstiegen, die sich ihre Tornister über die Hüte und Helme gebunden hatten.

Die Anzahl des preußischen Heeres an diesen Tagen mochten die Franzosen wohl zu hoch auf 150,000 Mann angegeben haben. Glaubwürdigen Berichten zu Folge betrug die Stärke der Franzosen in der Schlacht gegen 250,000 Mann.

Der Kaiser Napoleon hatte schon vor der Schlacht dem König von Preußen einen sehr friedlichen Brief geschrieben, worin er ihm sein Schicksal voraus gesagt und ihn aufgefordert hatte, das bereits gezogene Schwerdt wieder einzustecken, um das Leben so vieler Menschen zu schonen. Dieser Brief hätte viel bewürken können, wenn er noch zur rechten Zeit vor der Schlacht bey Jena dem Könige wäre übergeben worden. Aber durch eine nicht zu entschuldigende Art wurde dessen Abgabe so lange verzögert, bis es zu spät und schon so vieles Blut verflossen war. Derjenige, welche dieser Verzögerung veranlaßt hat, hat das Leben von Tausenden auf seinem Gewissen.

Erst nach der Schlacht also konnte der König dieses Schreiben beantworten, welches auch geschah. Er verlangte einen sechswöchentlichen Waffenstillstand, welchen aber Napoleon nicht genehmigte, sondern darauf erwiederte, daß es unmöglich sey, nach einem Siege dem Feinde Zeit zu geben, sich zu sammlen.

Im Gegentheil verfolgten nun die Franzosen mit Blitzesschnelle die errungenen Vortheile. Der Großherzog von Berg schloß am 15ten October Erfurt ein, welches sich am folgenden Tage ergab. Vierzehn Tausend Preußen, welche sich in diese Stadt geworfen hatten, und worunter sich der Prinz von Oranien, der Feldmarschall Möllendorf, die Generäle Larisch, Grawert, Lissan und Zweifel befanden, wurden kriegsgefangen. Die gemeinen Soldaten und Unteroffiziers wurden nach Frankreich transportirt, die Offiziere aber (wie nachher bey allen Capitulationen) auf ihr Ehrenwort entlassen. Ueberdieß fielen den Franzosen 120 Kanonen, eine Menge Munition und Magazine aller Art in die Hände.

Der rechte Flügel und das Centrum marschirten nach Naumburg und theilten sich dann in ihre weitere Bestimmung. Sachsen zog nun, dem Feinde ganz bloß gegeben, seine Truppen von den Preußen zurück und wurde von den franz. Kaiser für neutral erklärt. Etwa 7000 sächsische Gefangene erhielten ihre Freiheit und durften in ihre Heymath zurückkehren. Die bedeutenden Städte erhielten französische Besatzungen und dies arme Land mußte nun viel durch starke Durchmärsche leiden. Die Städte Schleiz, Gera, Jena, Weimar, Zeitz und Naumburg hatten schon vorher mit ihren Umgebungen die Drangsale des Kriegs in ihrer ganzen Größe empfunden.

In diesen Tagen (am 17ten Oct.) ereignete sich noch ein Vorfall, der um so auffallender war, da er in einer Zeit, die für die preußischen Waffen so unglücklich war, für dieselben noch ziemlich günstig ablief.

Das zweyte Bataillon von dem preußischen Husarenregiment von Plöz war nemlich durch die Gefechte bey Saalfeld abgeschnitten, in den Rücken der französischen Armee gekommen. Der Sekondelieutenant Hellwig, ein tapferer, feuriger Mann, trachtete darnach, in dieser Lage seinem König nützlich zu werden, und glaubte eine Gelegenheit dazu gefunden zu haben, als er in der Gegend von Eisenach erfuhr, daß man den Durchmarsch der gefangenen Garnison von Erfurt unter einer schwachen Bedeckung erwarte. Sogleich dazu entschlossen, seine unglücklichen Waffenbrüder zu retten, trägt er sein Vorhaben dem anwesenden Flügeladjutanten des Königs, Major Graf von Götzen vor, und es werden ihm zu seiner Expedition 50 freywillige Husaren und 5 Unteroffiziere bewilligt.

Bey Eichrodt, eine Viertelstunde von Eisenach findet er an der Landstrase ein Hölzchen, welches ihm zu seinem Unternehmen günstig zu seyn scheint. Während er seine Husaren in dasselbe postirt, wartet er auf einer Anhöhe, mit einem Seherohr in der Hand, die Ankunft der Gefangenen ab, die auch wirklich gegen 5 Uhr des Abends erfolgt. Die Bedeckung derselben bestand aus zwey Compagnien Linien-Infanterie, davon eine den Zug eröfnet und deren zweyte denselben beschloß; 140 Voltigeurs marschierten auf beiden Seiten.

Nachdem er den ganzen Zug hatte vorbey marschieren lassen, ordnete er seinen Angrif, und brach nun plötzlich aus seinem Hinterhalte auf die hinterste Compagnie loß. Diese machte sogleich rechts um, und gab den Husaren in einer Entfernung von etwa 60 Schritt, eine Generalsalve, aber ohne den geringsten Erfolg. Sobald diese Compagnie überwältigt war, wurde auf die Voltigeurs losgegangen, die sich in ein Gebüsch geworfen hatten, und daraus feuerten, wodurch auch ein Husar, ein Gefangener und ein Pferd getödtet und einige Husaren und Pferde verwundet wurden.

Die vorderste Compagnie, die sich, so wie die Gefangenen selbst, bey der Schnelligkeit, womit dies alles geschah, den auf einmal entstandenen Lärm nicht sogleich erklären konnte, kam eben an den Thoren von Eisenach an, als die Husaren auch auf sie angesprengt kamen. So erstreckte sich dieses Gefecht selbst bis auf die Straßen dieser Stadt, wurde aber noch zu Gunsten der Befreyer glücklich beendigt.

Die Franzosen, welche mit Tapferkeit und Erbitterung fochten, verlohren mehrere Menschen, unter welchen sich ein Oberster befand. Ein Offizier und 15 Voltigeurs, die beynahe alle verwundet waren, wurden zu Gefangenen gemacht.

Auf diese Weise hatte der brave Hellwig seinem Könige ein Corps von 8 bis 9000 Mann gerettet, dessen Weiterbeförderung in der damaligen Lage, wo er sich überall von dem Feinde umgeben sah, freylich eine schwere Aufgabe war. Doch auch dieses glückte ihm. Nachdem er die Gefangenen mit den erbeuteten Waffen, mit den Carabinern und Pistolen seiner Husaren armirt hatte, führte er sich noch an diesen Tage bis Creutzburg und von da glücklich nach Hannövrisch-Minden, wo er sie dem General Zweifel übergab. Er selbst suchte sich nun wieder mit seinem Bataillon zu vereinigen, welches ihm auch bey Nordheim gelang. Der Herzog von Weimar beschenkte jeder dieser tapfern Husaren mit einem Louisd'or. Die Unteroffizier verbaten sich jedoch dieses Geschenk, und wünschten dafür ein Ehrenzeichen zu bekommen.

Um so unglücklicher lief dieser Tag für die Preußen bey Halle ab. Der Prinz Eugen von Würtemberg, welcher die preussische Reserve befehligte, die etwa aus 15,000 Mann bestand, war, anstatt der preußischen Armee bey Jena nachzuziehen, wo er so nützliche Dienste hätte leisten können, den 15 und 16ten October bey Halle angekommen, wo dieselbe an der Chausee nach Leipzig von dem Galgthore an bis nach dem Dorfe Besen ein Lager bezog. Noch an dem Morgen des 17ten kam das 2te Bataillon des Regiments Jung-Larisch und das Füsselirbataillon von Hinrichs, welche nach Leipzig waren detaschirt gewesen und daselbst am Abend des 16ten in aller Eile aufbrechen mußten, in dem Lager an.

Ob man nun gleich um diese Zeit aus vielerley Gründen die Niederlage der Preußen bey Jena hätte ahnden können, so glaubte man es doch noch am 17ten des Morgens nicht, daß ein Franzos in der Gegend von Halle seyn könne. Dies sahe man an der Sorglosigkeit, mit der die Soldaten, nicht einmal völlig angezogen, in die Stadt giengen, um sich ihre Bedürfnisse zu holen, ohngeachtet das, auf dem Wege nach Paffendorf herumstreifende Commando von Herzberg Dragoner schon mehrere male gemeldet hatte, daß sich mehrere feindliche Streifcorps sehen ließen, denen aber die Antwort ertheilt wurde, daß es wahrscheinlich Versprengte seyen, die man aufheben solle.

Endlich um 9 Uhr des Morgens, als die Franzosen schon in Masse über die große Wiese bey Schlettau (eine Stunde von Halle) anrückten, überzeugte man sich, daß man es nicht mit Versprengten, sondern mit dem Corps des Marschalls Bernadotte zu thun habe, welches am 16ten in Eisleben angekommen, und auf die Nachricht, daß sich zu Halle das preußische Reservecorps befinde, dahin aufgebrochen war.

Jetzt entstand im Lager Lärm. Jeder der Soldaten eilte, sich fertig zu machen, und da viele Bürger in dasselbe gegangen waren, um es zu besehen, so war der Wirrwarr unbeschreiblich. Allein trotz der Ueberraschung ist es unglaublich, mit welcher Geschwindigkeit das Lager abgebrochen wurde, und sich die Regimenter formirten.

Eine Escadron von Herzberg wurde indeß ausgeschickt, um den Feind zu recognosciren. Diese fanden jedoch dessen Ueberlegenheit so groß, daß sie, dem durch die Stadt herausrückenden Füsselierbataillon v. Hinrichs auf ihrer Retour anriethen, wieder umzukehren. Allein der Muth dieser braven Leute gränzte an Kühnheit. Rasch giengen sie ihrem Unglücke entgegen und postirten sich auf die hohe Brücke und in die sogenannten Pulverweiden, von wo sie den Franzosen einen ansehnlichen Schaden zufügten. Doch dadurch erbitterten sie nur den weit überlegenern Feind. Der größte Theil derselben wurde nach einer hartnäckigen Gegenwehr niedergemetzelt, und so ein Opfer seiner Bravour. Einige Kanonen waren zwar zu ihrer Unterstützung vor das Schieferthor gebracht worden, halfen aber, da sie zu spät kamen, wenig. Die Franzosen drangen nun in die Stadt hinein und marschierten unter beständigem Feuern zum Galg- und Steinthor heraus, zwischen welchem sich die Armee in Schlachtordnung gestellt hatte. Eine preußische Batterie, welche am Hochgericht aufgefahren war, machte ein schreckliches Feuer auf die zum Galgthore herausdringenden Franzosen, wurde aber endlich doch durch den aus allen andern Thoren herausströhmenden Feinden zum Schweigen gebracht, worauf beide Armeen auf einander stießen. Nachdem von beyden Seiten viele Menschen geblieben waren, zogen sich sich die Preussen über Dessau zurück, wo sie die Brücke über die Elbe abbrannten.

Folgender Vorfall charakterisirt diesen Rückzug nicht als den ordentlichsten: Ein Theil des Husarenregiments von Usedom, welches denselben hatte decken sollen, war in einer solchen Unordnung, daß ein jeder einzelne, sich um die übrige Armee nicht bekümmernd, nur aus eigene Rettung bedacht, hinritt, wohin es ihm beliebte. Einige hundert Mann davon stießen in der Dessauer Haide auf die schon vorausgegangene Bagage und rufen den Fuhrknechten derselben zu, sich zu retten, indem der Feind auf dem Fuße folge. Diese erschrecken, schneiden in aller Eile die Strenge ab, lassen die Wagen im Stiche und jagen davon. Kurz darauf kömmt eine zweite Abtheilung dieses Regiments, und indem dieselbe diese Wagen ganz verlassen stehen sieht, glaubt sie, eher ein Recht, als der Feind zu deren Plünderung zu haben, und plündert so ihre eigene Bagage. Bey dieser Gelegenheit hat mancher Offizier einen großen Theil seines Vermögens verlohren.

Ohngeachtet dieses verlohrnen Treffens, bewiesen die Preußen an diesem Tage zu Theil einen bewundrungswürdigen Heldenmuth. Auch die Franzosen behaupteten durch eine seltene Tapferkeit ihren erworbenen Kriegsruhm. Folgender schöne Charakterzug eines französischen Offiziers verdient wohl der Erwähnung: Indem ein großer Theil der zunächst am Stein- und Galgthore gelegene Straßen der Wuth der französischen Krieger Preiß gegeben ward, (ob sich gleich die Bürger und Studenten sehr ruhig verhielten) kam dieser edelmüthige Mann, an dem rechten Arm durch einen Bajonetstich schwer verwundet, die Galgenstraße herunter. Die Einwohner, deren Bestürzung den höchsten Grad erreicht hatte, bitten ihn, in ihre Häuser zu kommen, und sie vor Mißhandlungen zu schützen. Dies hörend, zieht er sogleich den Degen mit der linken Hand und treibt die Plünderer Hordenweise vor sich her. Dies ist ihm noch nicht genug; weder auf seine Schmerzen, noch Blutverlust Rücksicht zu nehmen, erscheint er als ein Schutzengel der Bürger noch auf mehreren Orten, und kehrt erst dann in das zuerst befreyete Haus, um sich verbinden zu lassen, zurück, als er die Ordnung nach Möglichkeit wieder hergestellt hatte.

Zwey französische leichte Infanteristen brachten in der Mitte der Schlacht einen alten, schwer verwundeten preußischen Soldaten in die Stadt, und verließen ihn erst dann, als sie ein leidliches Quertier und gute Pflege für ihn gefunden hatten.

Auf Preußischer Seite verdienen folgende Züge von Heldenmuth wahre Bewunderung:

Eine Abtheilung des Bernadottischen Corps ging, während des Treffens, jenseits der Stadt über Passendorf auf die Weinberge los, um bey Cröllwitz über die Saale zu setzen, und so der preußischen Armee in den Rücken zu kommen. Dort stieß dieselbe auf das Regiment Treskow, welches aus seinem Standquartier kam, um zu dem Prinzen von Würtemberg zu stoßen. Nach der, am Tage vorher erhaltenen Ordre, auf welche das Regiment schon 3 Tage gewartet hatte, sollte es am 17ten früh in das Lager bey Halle rücken, als es auf einmal eine große feindliche Colonne auf sich anrücken sah. Sich ungesehen zurückzuziehen, war nicht möglich; auch konnte es nicht zu der Armee kommen, weil es bereits von dieser Seite abgeschnitten war. Daher faßte der brave Chef desselben den Entschluß, sich nach Möglichkeit zu vertheidigen und formirte ein Quarré. Von den Franzosen auf das allerheftigste angegriffen, zog er sich unter beständigem Feuern durch das Dorf Cröllwitz zurück, und das Terrain nicht kennend, gegen die Kesersteiner Papiermühle. Sich hier länger zu vertheidigen , war unmöglich, indem ihn auf der einen Seite steile Felsen und auf der andern die hier sehr breite Saale von dem weitern Rückzug verhinderten. In dieser verzweifelten Lage sah dies brave Regiment kein ander Loos, als Tod oder Gefangenschaft, und doch wählten viele den erstern. Die zwey Fahnenjunker von Kleist und von Platen rissen ihre Fahnen von den Stöcken, wickelten sie um ihren Leib und sprangen mit diesem theuern Kleinod in die Saale. Ihnen folgte ein Capitain, indem er seine Compagnie zurief: ein Gleiches zu thun und den Tod einer schimpflichen Gefangenschaft vorzuziehen. Viele dieser tapfern Krieger folgten seinem Beyspiel. Mehr als 60 Mann verschlang die Saale, so, daß bald die Räder an der Kesersteiner Papiermühle, von der Anstemmung der Leichnamme, stehen blieben. Der brave Obrist des Regiments wollte sich ebenfalls nicht ergeben, und wehrte sich so lange, bis er von Wunden bedeckt zu Boden fiel, an deren Folgen er am andern Tage in einem Bauernhauße verschied. Viele glaubten auf dem Boden der Papiermühle Rettung zu finden, und sprangen von da, einer nach dem andern in der Hoffnung, das Land zu erreichen, in die Saale. Keiner sah, wo sein Vordermann hinkam.

Dieses war eins der schönsten Regimenter in der preußischen Armee. Schon im siebenjährigen Kriege hatte es schöne Beweise von Tapferkeit bewiesen. Von demselben sagt Archenholz:

"Als das Regiment seine Cantonirungsquartiere bey Neyße im Frühjahre 1760 verließ, wurde es auf dem Marsche von vier Kavallerieregimenter, unter den Befehlen Laudons durch einen abgeschickten feindlichen Offizier aufgefordert, sich zu Kriegsgefangenen zu ergeben; im Weigerungsfalle solle es niedergehauen werden. -- Der Commandant machte den Laudon'schen Befehl dem Regimente bekannt, und einstimmig ertönte durch alle Glieder, daß man die Antwort mit Pulver und Bley geben wolle. In der That stürzte die ganze Kavallerie auf das Regiment los, wurde aber mit einem Kugelregen zurückgeworfen. Unter neuen, mit verdoppelter Macht wiederholten feindlichen Angriffen, setzte das Regiment zwey Meilen weit seinen Marsch fort, bis das Kavalleriecorps, seiner ohnmächtigen Versuche müde, nach einem ansehnlichen Verluste zurücktrabte.

Die Franzosen gaben den Verlust der Preussen in dieser Schlacht an Todten und Verwundeten auf 3000 und an Gefangenen auf 5000 Mann an, unter welchen letztern sich 2 Generale und 3 Obersten befanden. Ueberdieß fielen ihnen noch 4 Fahnen und 34 Stück Kanonen in die Hände. Ihrer Seits sollen sie 40 Todte und 200 Blessirte gehabt haben.

Nach dem unglücklichen Treffen bey Halle befand sich nun die ganze preußische Armee auf der Flucht; dennoch glaubte man vorher so gewiß zu siegen, daß man nicht an den Verlust einer Schlacht dachte, und es sehr überflüßig hielt, den Sammelplatz einer etwannigen Retirade zu bezeichnen und ihn der Armee bekannt zu machen. War die Schlacht bey Jena schon an sich selbst sehr unglücklich für die Preußen, so wurden die Folgen derselben durch diesen Hauptfehler noch entscheidender. Wäre die Armee conzentrirt geblieben, so hätte man dem Feind das weitere Vordringen wenigstens erschweren und zweckmäßiger handeln können, wenn gleich nach jener beyspiellosen Niederlage an eine zweite Schlacht nicht zu denken war. So aber suchte sich diese vor kurzem noch so zahlreiche Armee nur in einzelnen Corps zu retten, wovon der immer verfolgende Feind viele Gefangene machte. Eins derselben, welches 15,000 Mann stark, Magdeburg zu gewinnen suchte, wurde zu Nordhausen von dem Marschall Soult erreicht, welcher ihm 1200 Gefangene und 30 Kanonen wegnahm.

Der größte Theil der Flüchtlinge kam indessen durch in bunter Unordnung zu Magdeburg an. Hier erhielt die Infanterie, die zum Theil ihre Waffen im Stich gelassen hatte, frische Gewehre, und nachdem die Besatzung dieser Stadt bis auf 24,000 Mann verstärkt worden war, setzte man den Rückzug in folgenden Abtheilungen fort.

Das Corps, bey welchem sich der König und der General Graf von Kalkreuth befand, marschirte nach der Oder und zog sich über dieselbe nach Graudenz in Westpreußen. Der Fürst von Hohenlohe führte seine Truppen, die in der Schlacht bey Jena den linken Flügel gebildet hatten, in Eilmärschen über Boizenburg und Schönemark der Oder zu. Das Commando über die bey Halle, unter dem Prinzen von Würtemberg gestandene Reserve, hatte der General v. Blücher übernommen, welcher zwar vorher mit 3000 Mann durch die franz. Generäle Klein und Lasalle abgeschnitten worden war, sich aber durch die Kriegslist rettete, daß er dieselben überredete, es sey ein sechswöchentlicher Waffenstillstande geschlossen, und nun mit seinem Corps dem Fürsten von Hohenlohe nachfolgte.

Der Herzog von Sachsen-Weimar, welcher die ohngefähr 10,000 Mann starke Avantgarde commandirt hatte, hatte an der Schlacht bey Jena keinen Antheil genommen, sondern befand sich während derselben auf dem Marsche nach Frauenwald (auf dem Thüringerwald, wo er ein Lager bezogen hatte) nach Erfurt. Von da zog er sich nach Langensalza und Mühlhausen zurück. Bey Langensalza vereinigte er sich mit dem Corps des General Winning, welches von Eisenach und Fulda zurückkam, wodurch sein Corps auf 15000 Mann anwuchs. Von Mühlhausen führte er dasselbe über den Harz, um ebenfalls der Bestimmung des Fürsten von Hohenlohe zu folgen.

Von allen diesen Corps gelang es aber nur dem Könige, über die Oder zu entkommen. Der Prinz von Hohenlohe, welcher auf dem Marsche nach Stettin war, stieß bey Prenzlau auf den Großherzog von Berg, welcher ihm hier zuvor gekommen war, und ihn zu capituliren zwang. Folgender Bericht des Fürsten von Hohenlohe an Sr. Maj. den König enthält das Nähere:

"Ich habe nicht das Glück gehabt, die mir anvertraute Armee über die Oder zu führen und sie so der weitern Verfolgung des Feindes zu entziehen. Nachdem ich durch die angestrengtesten Märsche den 27sten Oct. die Gegend von Boizenburg erreicht hatte und im Begrif war, dieses Defilee zu passiren, um Prenzlau noch am nämlichen Abend zu erreichen, fand ich dieses Defilee bereits vom Feinde besetzt; ich forçirte es zwar, hielt es aber doch nicht für rathsam, den Marsch nach gerader Richtung fortzusetzen, weil alle meine Cavallerie ohne Fourage, seit mehrern Tagen äusserst ermüdet war und ich beym Anbruch des Tages ein Cavalleriegefecht zu erwarten hatte, dessen unglücklichen Ausgang zu befürchten war; ich wandte mich also schnell links und erreichte in der Nacht die Gegend von Schönemark. Ich hatte befohlen, daß schon um 2 Uhr nach Mitternacht starke Patrouillen gegen den Feind vorgehen sollten; diese Patrouillen kamen zurück und brachten keine Nachrichten von der Nähe des Feindes. Um nicht in eine Gegend ohne Ausweg hineinzugehen, poußirte ich endlich noch eine Patrouille bis Prenzlau; sie brachte die Nachricht, kein Feind lasse sich in der Gegend sehen, und in Prenzlau habe sich keine feindliche Patrouille gezeigt. Ich setzte mich also sofort in Marsch, um Prenzlau zu erreichen, wo ich Brod und Fourage zu finden hofte. Alles bat um Brod und Fourage; sehr groß war die Noth. Kaum hatte ich die Höhen von Prenzlau erreicht, als sich der Feind auf meiner rechten Flanke zeigte; es kam sogleich zum Gefecht; die überlegene feindliche Macht und deren Artillerie zwang mich zum Rückzuge durch Prenzlau. Die Hoffnung hier Brod und Fourage zu erhalten, war wieder durch des Feindes Andringen gänzlich vereitelt. Es zeigten sich feindliche Corps in meiner rechten Flanke; der Feind, an Cavallerie und Artillerie weit überlegen, war im Begrif seine Ataque auf meine Fronte zu erneuern. Viele Bataillons waren meist ohne Taschenmunition; meine ganze reitende Batterie war verlohren, und ich hatte nach der Anzeige des Obersten von Hüser für die meisten übrigen Kanonen noch fünf Schüsse. Von Stettin war ich noch 7 Meilen entfernt, und selbst der Schein von Hoffnung, auf diesem Marsche die geringste Verpflegung zu erhalten, war verschwunden. Von dem bey Lychen stehen gebliebenen Soutien und von dem General von Blücher bereits abgeschnitten, ohne Kavallerie, die zu fechten im Stande war, weil diese Kavallerie bereits durch die Müdigkeit ihrer Pferde alles Selbstvertrauen verlohren hatte, ohne Taschenmunition, hauptsächlich aber ohne Lebensmittel; endlich aber in der Ueberzeugung, daß ich das Leben dieser Menschen, aus dem der kleine Haufe noch bestand, ohne allen Nutzen für den Dienst Ew. Majestät aufopfern würde, habe ich mich einem harten Schicksal unterworfen und mit dem Feinde eine Capitulation geschlossen, deren nähere Bedingungen Ew. Königl. Majestät aus der Beylage zu ersehen geruhen wollen. Ich kann mein Verfahren während dieses ganzes Feldzugs vor den Augen der Mit- und Nachwelt, vor den Augen Ew. Königl. Majestät und vor dem eigenen Blicke rechtfertigen, den ich ruhig in mein Innerstes thue.
Ich glaube beweisen zu können, daß ich das unglückliche Opfer der Nichtbefolgung meiner früher gethanen Vorschläge war, Mich trift nur das Unglück, nicht die Schande. Die Ueberlegenheit der feindlichen Cavallerie hatte schon vor einigen Tagen das ganze Detaschement des General von Schimmelpfennig größtentheils ruinirt, und auf die Existenz dieses Corps, welches alle Brücken über den Rhinow, die Havel und den Finow-Kanal zerstören sollte, mußte ich die Möglichkeit meines Marsches bauen. Aus den Beylagen ersehen Ew. Majestät die Größe des Verlustes dieses Detaschements. Ich habe eine Armee angeführt, die ohne Brod, ohne Fourage und ohne Munition auf dem Bogen eines Kreises einen Paß erreichen sollte, der auf der Sehne eben diese Kreises lag, und auf dieser Sehne bewegte sich der Feind. Nicht in meinem Eifer nach guten Willen, in der Sache selbst, und auch nicht in der Unzweckmäßigkeit meiner Anordnungen lag die Unmöglichkeit, den Zweck zu erreichen. Beklagen muß man mein großes Unglück, den Stab kann man mir nicht brechen. Ich behalte mir vor, Ew. Königl. Majestät einen ausführlichen Bericht über alle Ereignisse zu Füssen zu legen, welche mich seit dem 14ten betroffen haben.
Prenzlau, den 29. Oct. 1806.
F. L. Fürst zu Hohenlohe.

Durch die Capitulation von Prenzlau verlohren die Preußen an Gefangenen 16,000 Mann auserlesener Infanterie und 6 Regimenter Cavallerie; ferner 45 Fahnen und 64 bespannte Artilleriestücke. Der Prinz August Ferdinand von Preußen, Bruder des bey Saalfeld gebliebenen Prinzen Louis, versuchte es vergeblich, sich an der Spitze eines Grenadier-Bataillons durchzuschlagen, indem auch er gezwungen wurde, das Gewehr zu strecken.

Um sich mit den Fürsten von Hohenlohe zu vereinigen, gieng General von Blücher am 24sten Oct. bey Werden über die Elbe. In Havelberg fand er den General Natzmer, welcher die Reste der bey Halle geschlagenen Reserve bey Magdeburg gesammelt und hierher geführt hatte. Mit diesem Corps vereinigt marschierte er am 26sten in die Gegend von Neuruppin; an diesem Tage befand sich der Fürst von Hohenlohe in Lychen und die Franzosen in Zehdenik und Graudsen. Von hier rückte der General Blücher in zwey Colonnen nach Fürstenberg und Lychen vor; die Arrieregarde wurde noch des Abends von den Franzosen attaquirt.

Am 28sten vereinigten sich beyde Colonnen wieder, um nach Boizenburg zu marschiren. Der Marschall Soult war an diesem Tage mit 36,000 Mann über die Elbe gegangen, und der Fürst von Hohenlohe über Schönemark nach Prenzlau marschirt. Da es dem General Blücher unmöglich war, sich mit dem Fürsten zu vereinigen, bevor er nicht den Feind aus Boizenburg vertrieben hatte so entschloß er sich denselben anzugreifen. Ob gleich die Franzosen bey Lychen seine Arrieregarde mit Ungestüm attaquirt hatten, so verließen sie doch bey seiner Annäherung Boizenburg, während die gegenseitigen Patrouillen immerwährend zusammen fochten.

General Blücher glaubte sich nun mit dem Fürsten vereinigen zu können, und war am 29sten früh eben im Begrif, nach Prenzlau abzumarschiren, als er durch die Flüchtlinge des Hohenlohischen Corps von der Capitulation des Fürsten am Tage vorher unterrichtet wurde.

Die Stärke des Blücherschen Corps war um diese Zeit 10 bis 11,000 Mann, und litt an Brod und Fourage großen Mangel. Seine Lage war nun äusserst kritisch; vor ihm stand der Großherzog von Berg und im Rücken das Corps des Marschall Bernadotte. Doch auch hier fand der entschlossene Mann einen Ausweg. Anstatt nach Prenzlau zu marschiren, wandte er sich links nach Neustrelitz, in der Hoffnung, auf das Corps des Herzogs von Weimar zu stoßen, welches ihm auch wirklich am 30sten bey Dambuck gelang. Nachdem der Herzog von Weimar das Commando abgegeben hatte, befehligte jetzt der General von Winning dieses Corps. Hier erfuhr der General Blücher, daß der Marschall Soult ihn verfolge und seine Arrieregarde unaufhörlich beunruhige. Ohnerachtet sein Corps nun durch die Vereinigung mit dem Winningischen verstärkt worden war, so blieb dennoch seine Lage noch immer höchst mißlich. Durch den Mangel an Lebensmitteln und die vielen Strapazen hatte das Elend bey den Soldaten den höchsten Grad erreicht; viele fielen aus Mattigkeit oder aus Hunger zu Boden. Um den Soldaten nur einige Erholung zu geben, traf General Blücher folgende Anordnung: Beym Finsterwerden gieng das Corps aus einander um in den nahe gelegenen Ortschaften einigen Unterhalt zu suchen; eine Stunde vor Tagesanbruch brachen die Regimenter einzeln nach dem bestimmten Sammelplatz auf, der jedesmal 1 bis 2 Meilen vorwärts lag.

Am 1sten November wurde die Arriergarde bey Wahren angegriffen, und der Feind drang bis vor Alt-Schwerin, wo das Hauptquartier lag, vor. Das ganze Corps war zwischen Kuppentin und Ferrahn in die Quartiere gerückt. Da die Franzosen aus den Landkarten wissen mußten, daß es ihnen unmöglich war, bey Alt-Schwerin durchzukommen, so hielt General Blücher dieses Vorrücken für einen falschen Angrif und erwartete den eigentlichen zwischen dem Krakower und Schweriner See. Ein großer Theil der Truppen kam glücklich aus den Quartieren auf dem bestimmten Rendezvous zusammen. Die Franzosen wandten sich indeß weiter nach der Elbe, und das Blüchersche Corps marschierte nun einige Stunden vor Tages Anbruch in die Gegend von Prestin und Koldrum. Das Corps lag hier 5 Stunden aus einander, weil es mehrerer Dörfer bedurfte, um Lebensunterhalt zu suchen. Viele Soldaten fielen vor Hunger todt zur Erde. Den 3ten marschierte es in die Gegend von Schwerin. Hier hoffte General Blücher auf beyden Flügeln durch den Lowitzer Bruch und den Schweriner See gedeckt zu seyn und seine Soldaten aus der Stadt mit Brod und Brandtwein versorgen zu können; am folgenden Morgen wollte er nach Lauenburg marschieren. Während dieses Marsches engagirte sich bey Kriwitz ein hitziges Arriergarden-Gefecht, welches sich des Abends bey dem Dorfe Fähre endigte. Das Detaschement des Obersten von der Osten war von Wittenberg ohne Befehl abmarschirt, General Blücher wußte daher nicht, was auf seinem rechten Flügel vorgieng, wodurch er in seinen Bewegungen ungewiß ward. Das Gefecht endigte sich, nachdem es schon eine Stunde finster geworden war. Beyde Hauptquartiere waren nicht eine Stunde weit von einander entfernt.

Um seinen Plan, die Franzosen so weit wie möglich von der Oder zu entfernen, und sich erst dann, wenn er nicht mehr ausweichen konnte, zu schlagen, weiter auszuführen, marschierte General Blücher aus der Gegend von Schwerin nach Gadebusch und Roggendorf. Seine Truppen wurden in der Nacht auf den rechten Flügel beunruhigt. Ob er sich schon noch nach der Elbe bey Lauenburg wenden konnte, so fehlte es ihm doch an Zeit zum Uebersetzen. Es blieben ihm also entweder noch zwey Wege, nach Hamburg oder nach Lübeck offen, oder er mußte sich am folgenden Tage schlagen; jedoch waren die Truppen so abgemattet, daß sich von einer Schlacht, bey der sechs- bis siebenfachen Ueberlegenheit der Feindes kein guter Ausgang versprechen ließ. Der Großherzog von Berg war auf seiner linken, der Marschall Soult auf seiner rechten Flanke, der Marschall Bernadotte vor seiner Fronte. In dieser kritischen Lage entschloß er sich nach Lübeck zu marschieren, und die Trave vor der Fronte zu behalten. Der Marsch wurde am 5ten Novemb. glücklich ausgeführt. Die Thore von Lübeck und die Trave, von Travemünde bis da, wo sie die dänische Gränze berührt, wurden besetzt.

Gegen diesen Einmarsch hatte der Magistrat von Lübeck, indem er sich auf die Neutralität dieser Stadt berief, protestirt; aber die Noth überstieg hier das Recht. Schon am 3ten November hatte ein Corps schwedischer Truppen, aus 500 Mann Infanterie und 250 Mann Cavallerie bestehend, welches in dem Lauenburgischen gestanden hatte, sich genöthigt gesehen, dieselbe zu verletzen.

Der General Blücher schickte von Lübeck aus ein Detaschement Infanterie und eine Commando von Plöz Husaren nach Ratzeburg, wo solches von der Avantgarde des Prinzen Murat attaquirt und zurückgetrieben wurde, und sich nach Lübeck zurückziehen mußte.

Die französischen Generale hatte beschlossen, am 6ten November dem General Blücher den letzten Streich zu versetzen, wenn er es zu einer Schlacht kommen lassen sollte. Dieser that seiner Seits alles mögliche, um sich noch so lange, wie möglich zu halten. Alle Thore und Brücken der Stadt wurden mit Kanonen besetzt, und er hofte, in der schon oben erwähnten Stellung, dem Feinde eine Zeitlang trotz bieten zu können.

Am 6ten mit Tagesanbruch brach das Bernadottische Corps auf, und stieß auf eine Commando Preußischer Husaren und Infanterie, welches einige 100 Bagage-Wägen escortirte. Die französische Husaren griffen an, und nahmen Convoy und Escorte. Um 8 Uhr des Morgens stieß dieses Corps bey Schlakup auf das erwähnte schwedische Corps, welches eben im Begriff war, sich einzuschiffen und machte einen Theil desselben zu Gefangenen. Um 9 Uhr des Morgens kam die französische Armee bey Lübeck vor dem Burg- und Mühlthor an.

Ersteres, welches mit 16 Kanonen und 3 Bataillon besetzt war und wo der Herzog von Braunschweig-Oels commandirte, wurde durch das Bernadottische Corps zuerst angegriffen. Die preußische Artillerie hielt sich vortrefflich und richtete eine große Verwüstung unter den herandringenden Franzosen an. Als dies der Herzog sieht, glaubt er mit der Infanterie mit Vortheil vorrücken zu können und läßt die Kanonen zurückziehen; wird aber von dem weit überlegenen Feinde geworfen. Da die Kanonen nun gerade, in dem entscheidenden Augenblick ausser Thätigkeit waren, weil sich die Truppen des Herzogs in der Schußlinie befanden, so drangen die Franzosen durch das Burgthor in die Stadt hinein, und nahmen den größten Theil, der bey demselben befindlichen Kanonen.

Nun begann das hartnäckigste Straßengefecht. Mit der größte Tapferkeit vertheidigten die Preußen jede Straße und die Franzosen mußten jeden Schritt vorwärts mit ihrem Blute erkaufen. Auf verschiedenen Orten in der Stadt hatten die Preußen Kanonen aufgepflanzt, deren Wirkung das Blutbad noch schrecklicher machte. General Blücher, der noch die Gefahr so nahe nicht glaubte, saß mit Karten beschäftigt im goldenen Engel, und arbeitete frisch an dem Plan seiner weiteren Vertheidigung, als sich schon die verwegenen Voltigeurs seiner Wohnung naheten. Mit Hoher Gegenwart des Geistes und persönlicher Tapferkeit hieb er sich sammt seinem Sohne durch, sammelte auf dem Markt eine Abtheilung Cavallerie und warf sich damit kühn dem Feinde entgegen. Aber die Franzosen hatten die Wälle vom Burgthore nach dem Hollsteiner Thore bereits besetzt, und der Herzog von Braunschweig-Oels mußte sich mit den daselbst gestandenen Truppen vor das letztere ziehen, wohin sich auch General Blücher mit seiner Cavallerie durchschlug, ohngeachtet die Franzosen von den eroberten Wällen in Masse herbeyeilten, um ihm den Rückzug abzuschneiden. Während dem dauerte das Gefecht in den Straßen immer noch fort, bis endlich die französische Tapferkeit und Uebermacht die Oberhand gewann, und die Preußen sich in die Häuser und Kirchen zurückzogen, wo ein neues fürchterliches Gemetzel begann, wobey viele Soldaten, selbst mehrere Bürger das Leben verlohren. Die Regimenter Tschammer, Owstien, der größte Theil des Regiments Braunschweig-Oels, die Magdeburger Füselier-Brigatte, eine Theil der Jäger und das Füselier-Bataillon Ivernois wurden meistens aufgerieben oder gefangen. Der Oberst von Schornhorst und der Rittmeister Graf von Golz wurden ebenfalls gefangen.

Das Mühl- und Hüxterthor wehrte sich am längsten und hartnäckigsten. Das Feuer am erstern war mörderisch, und ob schon die dortstehenden Truppen von allen Seiten beschossen werden konnte, so vertheidigten sie sich doch bis nach 4 Uhr des Nachmittags, wo der Commandeur Chamade schlagen ließ. Nun blieb noch das Hüxterthor zu nehmen übrig, wo sich ein pommersches Regiment, schon ganz umzingelt, verzweifelt wehrte, endlich aber doch der Uebermacht weichen und sich ergeben mußte. Nun war das Treffen, welches in der Stadt selbst über 3 Stunden gedauert hatte, beendigt. Auf beiden Seiten rechnet man den Verlust an Todten an diesem Tage auf 5000 Mann; mehrere Tausend Blessirte lagen in den Kirchen.

Wenn die Preußen auch nicht mit guten Erfolg, welches beynahe unmöglich war, fochten, so haben sie doch ein ausgezeichnete Tapferkeit bewiesen. Ohngeachtet der traurigen Folgen, welche diese Schlacht nach sich zog, wird dieser Tag in den Annalen des militairischen Ruhms immer ein Ehrendenkmahl für die preußischen Waffen bleiben. Selbst die Franzosen, vom General bis zum gemeinen ließen den Preußen Gerechtigkeit wiederfahren und erklärten laut, daß sie mit Heldenmuth gefochten hätten.

Ohnstreitig würde den Franzosen der Besitz von Lübeck weit theuerer geworden seyn, wenn nicht jener übereilte Angrif der Preußen bey dem Burgthore ihnen das Eindringen in dasselbe erleichtert und alles verdorben hätte. Welch eine Wirkung hätten nicht die 16 wohl bedienten Kanonen, deren Spielraum nur auf einen kleinen Raum beschränkt war, thun können.

Die Truppen, welche sich nach der Schlacht noch aus Lübeck gerettet hatten, beliefen sich auf 9 - 10,000 Mann; diese hatte General Blücher nicht einmal beysammen und litt überdem noch den größten Mangel an Munition. In dieser Lage blieb ihm, um sich noch länger zu halten, nichts weiter übrig, als mit dieser geringen Macht entweder noch eine Schlacht zu wagen, oder sich in das dänische Gebiet zurückzuziehen. Der unglückliche Ausgang des erstern Versuchs lag, bey einem achtmal stärkern Feind am Tage. Der zweyte war deßhalb nicht ausführbar, weil die dänische Gränze von einem starken dänischen Corps vertheidigt wurde und eine Verletzung dieses Gebiets überhaupt der Politik nicht angemessen war. Daher entschloß sich General-Blücher in dem Augenblicke, wo die drey franz. Corps im Begrif waren, ihn wieder anzugreifen, die schon mehrere male angebotene und wieder abgeschlagene Capitulation anzunehmen, vermöge welcher sein noch übriges Corps kriegsgefangen ward.

Nach der Capitulation von Lübeck war der Krieg mit den Preußen in Teutschland als beendigt anzusehen. Blos die Belagerung und die Eroberung Schlesiens blieb den Franzosen noch übrig.

Bevor noch der Großherzog von Berg und die Marschälle Bernadotte und Soult an den Ufern der Ostsee so glänzende Siege erfochten, machten die Marschälle Davoust, Lannes, Augerau und Ney, in deren Mitte sich der Kaiser befand, in Sachsen und der Mark-Brandenburg, doch mit weniger Schwierigkeit, nicht minder bedeutende Fortschritte. Nachdem ersterer Leipzig in Besitz genommen hatte, gieng er bey Wittemberg über die Elbe und marschierte auf die Hauptstadt der preußischen Monarchie los, in welcher er am 25sten Oct. einrückte. Marschall Lannes stellte die Elb-Brücke bey Dessau, welche die Preußen auf ihrer Retirade abgebrochen hatten, wieder her, und rückte über dieselbe ebenfalls nach der Mark-Brandenburg vor, welcher Bestimmung auch Marschall Augereau folgte. Marschall Ney übernahm die Belagerung von Magdeburg, welches sich nach einigen Wochen, am 8ten Nov. mit 22,000 Mann übergab. Was den Commandanten dieser Festung, die für die Bedeutenste in Teutschland galt, zur Capitulation genöthigt hat, weiß man bis jetzt noch nicht recht, da es demselben weder an Mannschaft, noch an Munition und Lebensmitteln fehlte, auch die Bürger nicht, wie man sagte, auf die Capitulation gedrungen und revoltirt, sondern vielmehr die längere Vertheidigung gewünscht haben. Die Familie Kleist, welche sich nach diesem Schandfleck ihres, bis jetzt so ehrenvollen Namens schämte, ging einige Zeit nachher damit um, sich einen andern zu geben.

Am 27sten Oct. hielt Napoleon, umgeben von den Marschällen Davoust, Augereau, Bessiere und dem Prinzen von Neufchatell seinen feyerlichen Einzug in Berlin, wo ihm an dem Thore von dem Magistrat die Schlüssel der Stadt übergeben wurden. Einige Tage vorher hatte es der Graf von Schulenburg an der Spitze mehrerer dritter Bataillons verlassen, um sich nach der Oder zurückzuziehen.

Am 24sten hatte General Bertrand die Festung Spandau eingeschlossen, welche sich den Tag darauf unter dem Commando des Major von Benkendorf ergab, und zwar deswegen, weil er keine Ordre zur Vertheidigung derselben gehabt hätte.

Nachdem die Truppen in Berlin einige Tage Ruhe genossen hatten, brach der größte Theil derselben wieder auf und theilte sich nach Stettin und Küstrin, welches sich dem Marschall Davoust auf eine unerhörte Weise am 3ten Novemb. mit 4000 Mann und 90 Artilleriestücken ergab, nachdem Stettin am 28sten Oct. mit einem schönen Beyspiele vorangegangen war, welches ohne Widerstand zu leisten capitulirt hatte.

Ohne Hindernisse marschierten nun die Corps der Marschälle Davoust, Soult, Augereau, Lannes, Bernadotte und Ney nach dem preußischen Polen, um den großen Plan, diesem Lande seine Selbständigkeit wiederzugeben, mit den Waffen in der Hand auszuführen. Am 25sten Nov. verließ auch Kaiser Napoleon an der Spitze seiner Garden Berlin, um sich über Cüstrin nach Posen zu begeben. Es begann nun ein neuer Akt dieses ungeheuern Spiels, dessen Resultate noch zu erwarten sind.

Indessen war der König von Holland in das Hannövrische eingerückt, wo ein Theil seiner Armee die Belagerung von Hameln und Nienburg übernahm. In ersteres hatte sich das 4000 Mann starke Lecoqsche Corps zurückgezogen; es capitulirte am 20sten Nov. mit 9000, und Nienburg am 25sten mit 4000 Mann. Bald nachher kehrte, dem Wunsch Napoleons zufolge, der König von Holland wieder in sein Reich zurück, um dasselbe für einer etwannigen Landung der Engelländer zu decken.

Sachsen ausgenommen, theilten Preussens bisheriger Bundesgenossen ein nicht minder bitteres Schicksal. Hessen wurde am 1sten Nov. durch den Marschall Mortier mit 30,000 Mann besetzt, mit der Erklärung, daß der Kurfürst als preußischer General nicht Herr eines Landes bleiben könne, welches Frankreich Preiß gegeben sey. Die hessische Armee wurde entwaffnet, weil deren Fortdauer im Rücken der französischen nicht rathsam sey. Am Ende des Decembers brachen in diesem Lande, einer Proclamation des franz. Gouverneurs Lagrange wegen, Unruhen aus, die ein ziemlich furchtbares Ansehen bekamen, aber doch glücklich gestillt wurden. Nach dem Abmarsche der Holländer besetzte Marschall Mortier auch Hannover und die Hanseestädte. Auch die Herzogthümer Mecklenburg und Braunschweig wurden in Besitz genommen. Der unglückliche Herzog von Braunschweig war am 10ten Nov. mehr an den Folgen seines Kummers, als an seiner Kopfwunde gestorben.

Jetzt blieb den Franzosen in Teutschland nur noch die Eroberung von Schlesien übrig. Am 25sten Oct. rückte die erste Abtheilung der Bayern, 10,000 Mann stark, in Dresden ein, der bald eine zweite und das Würtembergische Contingent nachfolgte. In den ersten Tagen des Nov. brachen solche vereinigt unter dem Oberbefehl des Prinzen Jerome nach Schlesien auf, un für's erste Glogau zu belagern, welches nach einem ziemlich hartnäckigen Widerstand am 3ten Decemb. mit 3000 Mann capitulirte.

Nun traf auch Breßlau die Reihe einer Belagerung, die einer so bedeutenden Handelsstadt um so unwillkommner seyn mußte. Demohngeachtet traf der Gouverneur, General von Thiele die ernsthaftesten Anstalten zu einer langwierigen Vertheidigung; die Vorstädte wurden demolirt. Am 7ten Decemb. wurde es von den vereinigten Bayern und Würtembergern eingeschlossen, welche der Gouverneur sogleich durch ein heftiges Feuer von den Wällen begrüßen ließ. Die Stadt wurde nun mehrere Wochen hintereinander beschossen, wodurch nicht nur viele Häuser beschädigt, sondern auch eine große Anzahl Einwohner getödtet wurde. Unterdessen hatte der Fürst von Anhalt-Pleß bey Schweidniz ein Corps gesammlet, mit welchem er Breßlau entsetzen wollte. General Vandamme, der aber seine Absicht errieth, beorderte die Generale Montbrun und Minuzzi nach Strehlen, wo die Preußen sich conzentriren wollten, aber nach einem hartnäckigen Treffen mit Verlust von 600 Gefangenen zurückgeschlagen und verfolgt wurden.

Der Gouverneur von Breslau, welcher auf diesen Entsatz gerechnet hatte, sah nun seine Hofnung durch das unglückliche Treffen bey Strehlen am 24sten Dec. vereitelt. Vergeblich hatte die Stadt eine so lange Belagerung und ein beynahe eben so langes Bombardement ausgehalten, umsonst hatte er einen Sturm zurückgeschlagen und die Vorstädte zerstören lassen. -- Er mußte am 5ten Januar mit 2,500 Mann capituliren. Mit dieser geringen Macht hatte General von Thiele eine so weitläuftige Stadt so lange und tapfer vertheidigt, zu deren Widerstand eigentlich 16 - 20,000 Mann erforderlich sind. Durch dieses männliche Betragen macht er eine sehr ehrenvolle Ausnahme von jenen Festungscommandanten, welche mit einer 8 mal stärkern Macht einem weit geringern Feinde nicht halb so lange widerstanden haben.

Der Trennung Sachsens von Preussen folgte am 11ten Dec. ein förmlicher Friede desselben mit Frankreich, vermöge dessen der Sonverain von Sachsen die Königswürde annahm, dem Rheinischen Bunde beytrat und sein Contingent stellte. Diesem Frieden traten am 15ten Dec. auch die sämmtlichen Herzöge von Sachsen bey.

So endete das Jahr 1806 glorreich für Frankreich und dessen Bundesgenossen, aber um so trauriger für Friedrich Wilhelm III., welcher sich beynahe aus allen seinen Besitzungen verdrängt sah. Nur der kräftige Beystand seines mächtigen Aliirten, Alexander I., hielt ihn noch aufrecht und erhöhete seine männliche Standhaftigkeit. Nur im Vertrauen auf ihm, hatte er dem 16ten November zu Charlottenburg abgeschlossenen Waffenstillstand, welcher die Einleitung eines Friedens werden sollte, seine Ratification versagt.

Noch war also die Ruhe nicht in Teutschlands Gefilden heimgekehrt, deren es doch so sehr bedurfte; noch war es der Tummelplatz, auf dem das Schicksal Europens entschieden werden sollte. Welches dies auch seyn mag, so ist der Zeitpunkt noch fern, welcher das Ende seiner Leiden herbeyführen wird; denn erst nach einem halben Jahrhundert werden die Wunden verharrscht seyn, an welchem es jetzt so bittere Schmerzen leitet.


Quellen und Literatur.

  • Der Feldzug von 1806 in Teutschland. Leipzig 1807.