François-Antoine Boissy d'Anglas

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Boissy-d'Anglas.

Fr. Ant. Boissy-d'Anglas.

Boissy-d'Anglas (Fr. Ant.), Senator und Graf, vorher Parlamentsadvokat, Haushofmeister des Herzog von Orleans, 1789 Deputirter des dritten Standes der Oberamts von Annonay bey der G. St. V.

Im September 1792 ward er zum Deputirten bey dem Nationalkonvent gewählt und erhielt mit Vitet und Legendre eine Sendung nach Lyon, die Unruhen zu dämpfen, die daselbst wegen Lebensmittelmangel ausgebrochen waren.

Bey dem Prozesse Ludwigs XVI. votirte er Verhaft, bis man Deportation schicklich finden würde.

Während der Schreckensregierung verhielt er sich still und erschien erst nach dem 9ten Thermidor wieder auf der Tribune.

Im Dezember 1794 trat er in den Wohlfahrtsausschuß, stattete häufige Berichte über die Lebensvorräthe ab und ließ eine eigne Kommission dafür niedersetzen. Den 1sten April, im Augenblick wo er einen Bericht über die Herbeyschaffung der Lebensmittel abzustatten anfieng, stürmte ein Gewühl von Menschen beyderley Geschlechts die Wache und schrie: "Brod, Brod, und die Konstitution von 1793!" Der Auflauf, der durch die Demagogen der Vorstadt St. Antoine angestiftet worden war, hatte kein anderes Resultat, als daß die Deportation Collot's d'Herbois, Billaud's und Baréres beschlossen wurde. Als die Menge auseinander getrieben war, vollendete Boissy, der seine Geistesgegenwart keineswegs verloren hatte, seinen Bericht.

In eine weit grössere Gefahr brachte ihn ein neuer Aufstand den 1sten Prairial. Er präsidirte eben an diesem Tage an André-Dümont's Stelle und sah mehreremahl zwanzig Gewehre auf einmahl auf sich zielen. Lange blieb er von diesen Wüthenden umringt; einer stellte sich sogar vor ihn hin, mit Ferrands Haupt auf der Pique, und Boissy zeigte unablässig eine Kaltblütigkeit, die ans Wunder gränzte.

Hierauf ward er Mitglied der Kommission, die zur Entwerfung eines neuen Konstitutionsplans niedergesetzt war, und stattete den 13ten Juny den ersten Bericht ab. Als er einige Monathe darauf in den Rath der 500 trat, ward er sogleich Sekretär und den 17ten July des folgenden Jahrs Präsident.

Im Laufe des Jahrs 1797 sprach er mehremahl mit Nachdruck gegen das Direktorium, und wurde deshalb den 18ten Fruktidor (4ten September 1797) zur Deportation verurtheilt, entgieng ihr aber glücklich.

Nach dem 18ten Brümaire berief man ihn wieder nach Frankreich zurück.

Er ward im May 1801 Mitglied und im Dezember 1802 Präsident des Tribunats, und hierauf den 15ten Februar 1805 Senator und Kommandant der Ehrenlegion, und 1808 Graf.


Boissy d'Anglas.

Der als Commissair nach Rochelle gesandte Senator war vor der Revolution Parlementsadvocat und Maitre d'Hotel von Monsieur. Im Jahre 1789 ward er zum Deputirten des Bürgerstandes bei den Etats-Generaux ernannt. Er war einer der ersten, die darauf drangen, daß diese sich zur Nationalversammlung constituiren, und zeigte sich während ihrer ganzen Dauer als ein großer Anhänger aller Neuerungen. Im September 1791 legte er die Stelle als Maitre d'Hotel des Prinzen nieder. Nach der Nationalversammlung war er Procureur Syndic des Ardeche-Departements, trat dann als Mitglied des Convents auf, und ward gleich nach Lyon gesandt, um die Unruhen zu stillen. Bei dem Processe Ludwigs XVI. stimmte er für die Gefangenschaft, bis es rathsam seyn würde, ihn zu deportiren. Während der Schreckenszeit hielt er sich sehr stille, und erschien erst nach dem Sturz Robespierres wieder auf der Tribune. Er erhielt nun einen größern Wirkungskreis, indem er Mitglied des Heilausschusses ward, in welchem er besonders mit der öffentlichen Subsistenz beauftragt war. Er zeigte sich hier immer als ein großer Gegner der Royalisten und der Wiederkehr der monarchischen Verfassung, trug aber doch viel zur Wiederherstellung der Ordnung, und besonders des katholischen Gottesdienstes bei. Er erwarb sich ein großes Verdienst um die Familien der in der Schreckenszeit Verurtheilten, indem er darauf antrug, ihnen ihr geraubtes Vermögen wieder zu geben und diesen Vorschlag auch mit der größten Beredsamkeit durchsetzte. Jetzt trat aber eine gefährliche Epoche für ihn ein. Die Anarchisten versuchten, wie bekannt, die Schreckenszeit wieder herzustellen, und bedienten sich zu diesem Ende des erkünstelten oder wirklichen Mangels an Lebensmitteln, unter dem Frankreich und besonders Paris, zu leiden hatte. Da ihm nun die Versorgung der Hauptstadt oblag, so fiel der ganze Haß des Pöbels auf ihn. Bei mehrern Insurrectionen kam sein Leben in Gefahr. Am 1. Prärial des J. 3 (20. April 1795) als er eben, statt Andre' Dumont, auf dem Präsidentenstuhl saß, ward der Convent erstürmt, der Pöbel wüthete und mordete; zwanzig Flinten wurden auf ihn angeschlagen, und ihm der Kopf des Deputirten Ferand, den man, in der Meinung, er sey es, erstochen hatte, auf einer Pike vorgehalten. Boissy zeigte aber fortdauernd eine Kaltblütigkeit, die an Wunder grenzte. Der Pöbel ward endlich durch das Militär auseinander gejagt, und die Ruhe wieder hergestellt. Er wirkte nun noch fortdauernd thätig fort, sowohl im Convent, als im Rath der Fünfhundert, bis er endlich als Gegner der herrschenden Mitglieder des Directoriums am 18. Fructidor zur Deportation nach Cayenne verurtheilt ward. Dieser wußte er sich glücklich zu entziehen, und lebte im Auslande. Nach dem 18. Brümaire ward er wieder zurück berufen, trat in das Tribunat, in welchem er als Präsident wieder großen Einfluß hatte. Im Jahre 1805 kam er in den Senat.


Quellen und Literatur.

  • Moderne Biographien, oder kurze Nachrichten von dem Leben und den Thaten der berühmtesten Menschen, von Karl Reichard. Leipzig, 1811. In Commission bey Peter Hammer.
  • Minerva. Ein Journal historischen und politischen Inhalts. Für das Jahr 1814. Leipzig, in der Expedition der Minerva.