Frieden von Tilsit

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Tilsiter Frieden.

Die Schlacht bei Friedland am 14ten Juni 1807, auf ausdrücklichen Befehl Alexanders vom General Bennigsen geliefert, endigte mit einer gänzlichen Niederlage, und mit ihr war Preußens letzte Hoffnung gescheitert, und der König in den äussersten Winkel der Monarchie zurück gedrückt.

Die russische Armee war zu schwach, zu zerrüttet, um noch eine Schlacht mit Hoffnung eines glücklichern Erfolges auf dem eigenen Grund und Boden zu liefern. Schon standen die Franzosen am Niemen, und rüsteten sich zum Uebergange, als Alexander dem Blutvergießen ein Ende zu machen suchte, und den 18ten Juni an den Großherzog von Berg die Einladung zu einem Waffenstillstande machte. Napoleon nahm ihn, kaum davon benachrichtigt, willig an.

Auch sein Heer hatte gewaltig durch die Schlachten von Eylau, Pultusk, Friedland, durch die steten Gefechte und Treffen im Mai und Juni, durch die Belagerung von Danzig verloren, und je weiter er vorrückte, desto mehr verlor er an innerer Kraft, was er an Flächenraum gewann. Dazu kam, daß er auf Oesterreich ein beobachtendes Auge werfen mußte, welches bei einer Niederlage von seiner Seite wohl gern zu den Waffen gegriffen hätte, und ein Feldzug nach Rußland ihm damals minder leicht erscheinen mochte, wie fünf Jahre später, besonders da noch einige Festungen in Schlesien standen, Colberg nicht erobert war, Schill und Blücher täglich drohendere Bewegungen in Pommern machten.

So kam denn eine Annäherung zwischen dem französischen und russischen Monarchen um so schneller zu Stande, da beide persönlich auf dem Niemen unter dem Zujauchzen beider an den Ufern aufmarschirten Heere auf einem dazu vorgerichteten Flosse (am 25sten Juni) zusammenkamen. Die Stadt Tilsit ward von Napoleon für neutral erklärt, und das Hauptquartier aller Monarchen, namentlich auch des preußischen Königs, kam vom 28sten an dahin, um die Friedensunterhandlungen zu beschleunigen. Den 7ten Juli waren diese zu Ende gebracht. Es handelte sich leider nur um die Länder eines unglücklichen Monarchen, der allein keine Kräfte hatte, sie dem Sieger zu entreißen und der die eine Hälfte davon hingeben mußte, um die andere Hälfte unter den drückendsten, kaum erfüllbaren Bedingungen zurückzuerhalten; schon die Bemerkung war sehr hart, daß er diese Hälfte nur aus Achtung für den russischen Kaiser zurückerhalten solle.

Genug, der Friede zwischen Napoleon und Alexander bestimmte außer der Einstellung aller Feindseligkeiten: 1. daß die 1772 von Polen abgerissenen Provinzen ein neues Herzogthum Warschau bilden sollten; daß 2. Danzig mit einem Umkreise von zwei Lieues zu einem Freistaate unter Preußens und Sachsens Schutz gemacht würde; daß 3. der König von Sachsen, welcher Herzog von Warschau wurde, eine Militärstraße dahin bekäme; daß 4. die Herzoge von Mecklenburg, Oldenburg, Coburg wieder in den Besitz ihrer Länder vom französischen Kaiser gesetzt, dagegen die Brüder desselben, Hieronymus als König von Westphalen, Joseph als König von Neapel, Ludwig als König von Holland vom russischen Kaiser anerkannt, und 5. das Königreich Westphalen aus den jetzt von Preußen abgetretenen Provinzen, am linken Elbufer gelegen, mit einigen andern von ihm eroberten Ländern, Braunschweig, Hessen, gebildet werden sollte. Zugleich trat 6. Alexander die Herrschaft Jever an Holland ab, versprach 7. seine Truppen aus der Moldau und Wallachei zurückzuziehen, und mit der Pforte unter Napoleons Vermittelung Frieden zu schließen.

Der Friede zwischen Friedrich Wilhelm III. und Napoleon war in der Hauptsache schon im vorigen enthalten. Der erstere mußte nämlich die erwähnten polnischen Provinzen, alle zwischen Elbe und Rhein gelegenen Provinzen an Napoleon, den cottbußer Kreis an Sachsen abtreten; England seine Häfen schließen.

Den 9ten Juli wurde dieser unglückliche Friede geschlossen, und außerdem vereinigte sich noch der Graf von Kalkreuth mit dem Fürsten von Neufchatel: daß ganz Preußen bis zum 1sten October geräumt seyn sollte, wenn bis dahin die großen Contributionen baar, oder durch gehörige, vom französischen Generalintendanten anerkannte Sicherheit abgemacht seyn würden. Leider lag darin der Vorwand, dem unglücklichen Lande auch die Früchte dieses Friedens zu rauben.

Preußen blieb nach wie vor als erobertes Land den Mißhandlungen der französischen Satrapen und Commissäre preisgegeben, bis es sich ein Jahr darauf mit einer ungeheuern willkürlichen Contribution von 100 Millionen Thlrn. aufs neue loskaufte, und doch durch drei von den Franzosen besetzte Festungen an der Oder, Glogau, Cüstrin, Stettin, durch Warschau, Sachsens und Westphalens Stellung jeden Augenblick bedroht, immerfort einem schwankenden Schicksal preisgegeben blieb, das ihm erst 1812 wieder hold ward, und es 1813 eben so schnell erhöhte, wie es dasselbe 1806 gestürzt hatte.


Von Reisende.

Jean-Philippe Graffenauer.

[1807]

Die Feindseligkeiten hatten schon seit einiger Zeit zufolge eines geschlossenen Waffenstillstandes aufgehört und man sah öfter Parlementairs in einer Barke über den Niemen kommen. Am 23sten passirte der Marschall Duroc diesen Fluß, um sich in das Hauptquartier des russischen Kaisers zu begeben. Am 24sten hatte der Fürst Labanow eine Audienz bey dem Kaiser Napoleon. Am 25sten fand endlich die erste Zusammenkunft der beiden Kaiser auf dem Niemen Statt. Schon am Tage zuvor hatte man mitten auf dem Fluß, nicht weit von der verbrannten Brücke zwey Zelte auf Flößen errichtet. Das eine größere derselben war inwendig tapezirt und zur Zusammenkunft, das kleine aber für das beiderseitige Gefolge bestimmt. Dieß war noch nicht einmal fertig, als bereits der Kaiser Napoleon mit seiner Suite am Ufer des Niemen eintraf. Auf beiden Seiten des Stroms sah man ein mit Kränzen und grünen Zweigen geschmücktes Fahrzeug.

Die kaiserlich-französischen und russischen Garden waren gegeneinander über an beiden Ufern des Niemen aufmarschirt. Um halb ein Uhr Nachmittags bestiegen beide Kaiser das Fahrzeug, und kamen zu gleicher Zeit an dem zur Zusammenkunft bestimmten Orte an. Sie umarmten sich brüderlich und gingen in das Zelt, das sie hinter sich verschlossen. Die Zusammenkunft dauerte ungefähr anderthalb Stunden; nach geendigter Unterredung erhielten die Begleiter beider Monarchen Zutritt. Das Gefolge Napoleons bestand aus dem Großherzog von Berg, dem Prinzen von Neufchatel, den Marschällen Bessieres und Duroc, und dem General Caulincourt. Alexanders Begleiter waren sein Kaiserlicher Bruder, der Großfürst Constantin, der Fürst Labanow, die Generale Bennigsen und Uwarow.

Ich hatte Gelegenheit, eine auffallende Beobachtung zu machen. Als die Kaiser in das Schiff stiegen, war der Himmel bewölkt, und es fiel ein kleiner Staubregen; bey ihrem Aussteigen drang die Sonne ein wenig durch die Wolken; während der ganzen Zusammenkunft deckten düstere Wolken die Horizont, und es fiel ein starker Schlag-Regen mit Hagel vermischt. Als aber beide Kaiser sich trennten, und jeder nach seinem Ufer zurückkehrte, entwölkte sich der Himmel und die Sonne schien im lichtesten Glanz: Post nubila Phoebus.

Der Kaiser schien bey seiner Zurückkehr sehr heiter zu seyn. Man sah ihn auf der Gallerie des Schiffs in der Staats-Uniform, mit dem großen Orden der Ehren-Legion geschmückt. Als er am Ufer landete, bot ihm ein Kammerherr, der seiner wartete, die Hand, und er sprang schnell aus dem Schiffe ans Land. Die Luft ertönte von dem Freudengeschrey: Es lebe der Kaiser!

Am 26sten Vormittags um zehn Uhr fand eine neue Zusammenkunft beider Kaiser Statt, welcher auch der König von Preußen beywohnte. Um fünf Uhr Nachmittags hielt der Kaiser Alexander seinen feierlichen Einzug in Tilsit. Die ganze kaiserlich französische Garde zu Pferde und zu Fuße war, nebst den Mamelucken reihenweise aufgestellt.

Der Kaiser, der Großherzog von Berg, und die Marschälle, alle zu Pferde, waren an ihrer Spitze. Während Napoleon die Antwort des Kaisers Alexander erwartete, ließ er seine Garde exerciren. Bald kündigte dreyßig Kanonenschüsse und das Läuten aller Glocken die Ankunft des russischen Kaisers an, der eben den Niemen passirte. Sobald er mit seinem Gefolge die Straße herauf kam, ritt ihm Napoleon etwa zwanzig Schritt entgegen. Er grüßte ihn freundschaftlich, indem er den Hut abnahm. Der Kaiser Alexander erwiederte diesen Gruß.

Nun ritten sie neben einander die Straße herauf, so daß der russische Kaiser dem französischen zur Rechten war. Als sie durch die Reihen der kaiserlichen Garde ritten, schien Alexander die Schönheit und gute Haltung dieser Truppen zu bewundern, und dem Kaiser Napoleon darüber etwas Verbindliches zu sagen. Am Ende der Straße stiegen sie vor dem von Napoleon bewohnten Hause ab. Sie gingen herein, traten ans Fenster und sahen die Garde vorbey defiliren. Sie gingen lange mit einander im Zimmer umher, und schienen sich freundschaftlich zu unterhalten. Der Großfürst Constantin sprach in einem andern Zimmer lange mit dem Prinzen Mürat. Da die Fenster offen standen, konnte man sie sehr deutlich sehen. Der Kaiser Alexander ist ein schöner Mann, groß, wohlgewachsen, von einer einnehmenden Physiognomie, die Würde und Hoheit ausdrückt. Er hat ein etwas volles Gesicht und blaue Augen, aus denen die wohlwollendste Herzensgüte hervorstrahlt, die einen Hauptzug seines Charakters ausmacht. Die Gesichtszüge seines Bruders schienen etwas Rauhes zu verrathen.

Aus den öffentlichen Blättern kennen Sie, mein Herr, die Festlichkeiten, zu welchen die vornehmen hier anwesenden Personen Veranlassung gaben, die Gastmähler, mit welchen beide kaiserliche Garden einander ihre Achtung bezeugten, die Proklamation Napoleons an seine Armee, und die Artikel des am 9ten Julius geschlossenen Friedens.


Mein Aufenthalt in Tilsit während der Friedensunterhandlungen.

Der 14te Juni 1807. entschied Preußens Schicksal: in Friedlands Ebenen wurde das russische Heer, trotz der muthigsten Gegenwehr geschlagen, und was nicht den Tod im Schlachtgetümmel oder im Alle-Strom fand, wurde durch Napoleons Heer zur Flucht gezwungen. Erst jenseits der Memel war es den Russen möglich, sich wieder zu sammeln und dem nachdringenden Feinde den Uebergang über diesen Fluß zu wehren. Ein Waffenstillstand machte indeß dem blutigen Kampfspiel ein Ende, und nach einer Zusammenkunft der drei kriegführenden Monarchen auf dem Memelfluß wurden die Friedensunterhandlungen in Tilsit eröffnet. -- Hier kantonirte ein Theil der französischen Garden; nach abgeschlossenem Waffenstillstande rückten zu diesem noch das erste Bataillon vom Regiment Prinz Heinrich von Preußen, und ein Bataillon russischer Garde. Der Kaiser Alexander verlegte sein Hauptquartier nach der Stadt selbst, der König von Preußen begab sich von Memel nach dem 1 Meile von Tilsit entferntem Amte Piktopehnen. Täglich waren die drei Herrscher beisammen und ließen wechselweise ihre Truppen manövriren, wobei denn natürlich jedesmal eine zahllose Menge Zuschauer zugegen waren. Auch ich konnte meiner Begierde den großen Napoleon zu sehen nicht länger widerstehen und begab mich ebenfalls nach diesem so berühmt gewordenen Ort. Gegen Abend erreichte ich das Ufer der Memel und ließ mich nach der Stadt übersetzen. Schon von weitem tönte mir ein lautes Jubelgeschrei entgegen, und welch' ein Anblick eröffnete sich mir, als ich dieselbe erreicht hatte! -- Franzosen, Russen und Preußen, die noch vor wenigen Tagen als Feinde gegen einander gefochten hatten, spazierten freundschaftlich Arm in Arm auf den Straßen jubelnd umher, ließen gegenseitig hoch ihre Herrscher leben, küßten und herzten sich, ganz vergessen schien die bittere Feindschaft zu seyn, und an deren Stelle die herrlichste Freundschaft unter ihnen zu herrschen. Erst spät in der Nacht giengen die Frohen auseinander und schlichen nach ihren Quartieren. -- Vergebens suchte auch ich ein Unterkommen für mich und mein ermüdetes Pferd zu finden, alle Häuser waren zu stark mit Truppen belegt; nur der Güte einiger preußischen Offiziere, in welchen ich alte Bekannte fand, hatte ich es zu danken, daß ich für meine Person wenigstens nicht auf der Straße übernachtete. -- Am andern Morgen beschloß ich das, von allen die es gesehen hatten, so sehr gerühmte französische Lager zu besuchen, welches ungefähr eine viertel Meile von der Stadt anfieng, und sich bis zum Städtchen Ragnit hinzog. Bei weitem fand ich hier alle meine Erwartungen übertroffen. Gleich einer Stadt waren die Baraken mit der schönsten Regelmäßigkeit neben einander gebaut. Nicht auf eine kurze Dauer, sondern zu einem jahrlangen Aufenthalt waren sie eingerichtet, wozu denn freilich die nächsten Dorfschaften alles hatten hergeben müssen. Nicht nur alles, was zur Bequemlichkeit gehörte, fand man in dem Lager, sondern sogar Dinge des Luxus. Auch für das Vergnügen war auf die mannichfaltigste Weise gesorgt; da fand man Kegelbahnen, Schaukeln, Karoussels, Tanz- und Fechtplätze, wo die Franzosen bei einer immerwährenden Musik versammelt waren und sich belustigten. Woran es selbst in der Stadt fehlte, daran war hier kein Mangel, nicht nur alle mögliche Erfrischungen fand man hier, sondern man konnte auch auf's beste eingerichtete Dejeunées und Dinées daselbst halten. -- Mit der größten Höflichkeit wurden die täglich herbeiströmenden Zuschauer von den Franzosen behandelt, besonders wetteiferten sie im zuvorkommenden Betragen gegen preußische und russische Militairs, die durchaus ohne Erfrischungen genossen und mit ihnen getrunken zu haben, nicht fortgelassen wurden. Gegen Abend nach Beendigung der Exercitien war, wenn es das Wetter erlaubte, Tanz im Lager, zu welchem die Damen und Mädchen aus den benachbarten Städten geladen wurden.

Als ich wieder nach Tilsit zurück gekommen war, trafen der König von Preußen, von einem Kommando Gardes du corps begleitet, daselbst ein und stiegen beim russischen Kaiser ab. Zum Dinée langten auch I. Majestät die Königin in einer einfachen Equipage an; sie wurde vom französischen Kaiser in der Thür empfangen und hinaufgeführt. Einige Stunden darauf rückte ein Kommando der Grenadiers à Cheval der Garde vor dem Wohnhause des Kaisers, um ihn zum Manöv r, welches nach aufgehobener Tafel, von einem Theil der französischen Kavallerie ausgeführt werden sollte, zu begleiten. Nach und nach erschienen nun die Reitpferde des russischen Kaisers, Königs von Preußen, Großfürsten Constantin und der anwesenden französischen Prinzen und Marschälle, endlich auch das des Kaisers Napoleon, ein arabischer Blauschimmel von mittlerer Größe. Hier hatte ich die beste Gelegenheit, den großen Kaiser der Franzosen ganz in der Nähe zu sehen. Ich drängte mich durch die Menge nach der Hausthür, so nahe als möglich an den Araber heran. Auf ein vom Balkon des Hauses, durch den Marschall Bessieres gegebenes Zeichen, stimmten die Trompeter der Grenadiers à Cheval einen schönen Marsch an und das Kommando machte seine militärischen Honneurs. Während dem erschien der französische Kaiser; er führte die Königin von Preußen nach ihrem Wagen, bestieg dann sein Pferd und ritt nach dem zum Manöver bestimmten Platze. -- Indem der Kaiser aufstieg, sagte der neben mir stehende Stallmeister eines preußischen Dragonerregiments zu mir: "Nun sehen Sie nur einmal, der Kaiser hat so viele Stallmeister, und doch ist nicht einmal sein Pferd gescheut gezäumt: die Trense ist mit die Kinnkette eingehakt!" wirklich war dies auch der Fall.

Ich eilte nun auch zu meinem Gaule um das Manöver mit anzusehen. Die Gensd'armerie d'élite und Grenadiers à cheval der Garde waren en ligne aufmarschirt. Unter Trompeten- und Paukenschall eilt Napoleon mit dem Kaiser Alexander, König von Preußen, Großfürst Constantin und seinen Marschällen die Linie entlang und befahl, nachdem dies geschehen, den Anfang des Manövers! -- Mit der größten Pünktlichkeit und Ruhe führte diese schöne Kavallerie die Evolutionen aus, so daß der Kaiser darüber den Kommandeurs seine Zufriedenheit zu erkennen gab und alsdann befahl, wieder ins Lager zu rücken.

Im Gefolge des russischen Kaisers befanden sich auch einige Leibkosaken. Der französische Kaiser ließ sich von einem derselben die Pike reichen, gab sie dem russichen Kaiser mit der Bitte, ihm doch einige Exercitien mit derselben zu zeigen. Dieser rief den Großfürst Constantin, welche nun anfieng in dem brillantesten Gallopp mit derselben zu agiren. Nachdem er eine Strecke vom französischen Kaiser entfernt war, der nicht genug seine Geschicklichkeit und Gewandtheit zu Pferde bewundern konnte, wandte er plötzlich sein Pferd um und sprengte in gestreckter Karriere mit eingelegter Pike auf demselben zu, so daß es fast unmöglich schien, daß er sein Pferd, welches mit den prächtigsten Bogensätzen dahin flog und kaum den Erdboden zu berühren schien, werde auf der Stelle wieder halten können. Stoi! -- rief Alexander seinem Bruder dem Großfürsten lebhaft zu, und kaum eine Pferdelänge vom französischen Kaiser noch entfernt, parirte letzterer sein Pferd und steckte die Pike in den Sand. Napoleon machte ihm die größten Lobeserhebungen und äußerte, daß wenn jeder Kosak gleiche Geschicklichkeit und Gewandtheit besäße, es die gefährlichsten Feinde wären.

Bei dem Zurückreiten nach der Stadt machte der Prinz Murat den Großfürst Constantin auf einen preußischen Kavallerie-Offizier aufmerksam, welcher in der schnellsten Karriere bei ihnen vorüberflog. Sogleich verließ der Großfürst den Prinzen um mit dem Offizier eine Wette anzustellen, wobei der Prinz aber, trotz der Leichtigkeit seines Pferdes, dennoch weit hinter dem Großfürsten zurückblieb.

Kaiser Alexander führte nun den französischen Kaiser in das Lager der Kosaken, Kalmucken und Baschkiren, welches sich längs dem jenseitigen Ufer der Memel hinzog. Besonders bewunderte hier Napoleon die Geschicklichkeit der letztern im Reuten und ihr geübtes Auge in Bogenschießen, denn die entferntesten Gegenstände verfehlten sie nicht mit ihren Pfeilen. Er vertheilte unter ihnen mehrere Geschenke und schickte ihnen noch denselben Abend einige Fässer mit Branntwein, wobei die unter lautem Jubeln es sich recht wohl seyn ließen. Auch die Kosaken und Kalmucken exekutirten einige Manövres, und zeigten besonders ihre bewunderswürdige Fertigkeit im Schwimmen; denn nicht genug, daß die über die bei Tilsit doch ziemlich breite Memel hin und zurückschwammen, machten sie auch noch verschiedene Künste im Wasser, wofür sie der Kaiser Napoleon ebenfalls beschenkte.

Ein Kosak eilte an den französischen Kaiser heran, und überreichte ihm eine Kantschu, den derselbe auch gegen ein Geschenk von zehn Napoleonsd'or annahm. Dies war das Signal für alle andere, die nun ihre Kantschu's den anwesenden Herrschaften überreichten, und dafür ansehnliche Geschenke erhielten.

Zufrieden, meinen Endzweck erreicht, und den großen Mann, umgeben von den Männern gesehen zu haben, die seit 16 Jahren durch ihre Thaten die Augen der Welt auf sich zogen, trat ich vergnügt die Rückreise nach meinem damaligen Aufenthaltsort wieder an.

v. W--l.


Quellen und Literatur.

  • Conversations-Lexicon oder encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände. Stuttgart bei A. F. Macklot. 1816.
  • Meine Berufsreise durch Deutschland, Preußen und das Herzogthum Warschau, in den Jahren 1805, 1806, 1807 und 1808. Von J. P. Graffenauer, Doktor der Arzneygelahrtheit, vormaligem Arzte bey der großen französischen Armee, mehrerer gelehrten Gesellschaften Mitgliede. Chemnitz, bey Carl Maucke. 1811.
  • Sammlung von Anekdoten und Charakterzügen aus den beiden merkwürdigen Kriegen in Süd- und Nord-Deutschland in den Jahren 1805, 6 und 7. Leipzig, in der Baumgärtnerschen Buchhandlung.