Genua

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Genua.

Genua (Italien, Genova, Französ. Gènes), eine in jeder Hinsicht sehr merkwürdige Stadt, im Norden von Italien, auf dem Continentalgebiete des Königs von Sardinien.

Sie liegt am Mittelländischen Meere, das hier den Meerbusen von Genua bildet, hat 80000 Einwohner und 1 Stunde im Durchschnitt.

Auf der Landseite ist sie mit doppelten Befestigungen umgeben, von welchem die äußern über die Anhöhen, welche der Stadt schaden könnten, geführt worden sind; sie fangen bei dem Leuchtthurm am Meer an und endigen sich bei der Mündung des in den Meerbusen fallenden Flusses Bisogno.

Der geräumige, in Gestalt eines Halbkreises sich um die Stadt ziehende, gut befestigte, durch zwei schöne Dämme eingeschlossene Hafen ward 1805 zu einem Freihafen erklärt. Bei demselben befinden sich 2 Thürme; der eine dient zur Beschützung, in dem andern, oben mit starkem Glase umgebenen, brennen des Nachts 35 große Oellampen. Nur in dem innern kleinen Hafen (Darsena genannt) finden die Galeeren Sicherheit bei jedem Winde.

Genua führt den Beinamen die Prächtige, theils wegen ihre schönen amphitheatralischen Lage am Meer und dem Abhange des Gebirges, theils wegen der prächtigen Gebäude, welche der reiche prachtliebende Adel aufführte. Von der Seeseite bietet die Stadt eine herrliche Ansicht, aber im Ganzen ist sie nicht schön, noch im besten Geschmack erbaut. Wegen des engen Raums, den sie einnimmt, und wegen der abhängigen Lage sind die meisten Straßen enge, schmutzig und so steil, daß man in wenigen fahren oder reiten kann. Daher macht man hier die Besuche in Sänften, welche man bei gutem Wetter sich nachtragen läßt. Doch gibt es auch breite gerade Straßen, besonders die Straße Balbi und die prächtige neue Straße, wo viele herrliche, von außen mit Marmor bekleidete Paläste glänzen. Unter den öffentlichen Gebäuden zeichnen sich aus: die Domkirche, der Palast des ehemaligen Doge, die Paläste Doria und Balbi, das ehemalige Jesuiterkollegium. Die Stadt hat eine Wasserleitung, welche durch Springbrunnen sie mit Wasser versorgt, und schöne öffentliche Spaziergänge.

Es herrscht noch immer viel Gewerbsamkeit; beträchtlicher Handel wird mit gutem Olivenöl und edlen Baumfrüchten getrieben, und es gibt ansehnliche Fabriken von Seidenwaaren, Sammet, Damasten, Stoffen, Spitzen, Handschuhen, Wollenzeugen, Leinwand, Bleiweiß, Seife, Kunst- und Galanteriewaaren. Alle Sammet- und Seidenwebereien befinden sich außerhalb der Stadt, und dieß hat Einfluß auf die Wohlfeilheit der Preise. Die Seide wird theils im Lande selbst gewonnen, theils aus den übrigen Italien, besonders aus Calabrien, aus Palermo, so wie aus Syrien und der Insel Cypern gezogen.

Genua wurde nach der Vereinigung mit Frankreich der Sitz eines Erzbischofs, der obern Verwaltungsbehörden des Departements, eines Handelsgerichts, des Generalstabs der 28sten Militärdivision, eines Seepräfekts und eines Seearsenals.


Von Reisende.

Ernst Moritz Arndt.

Ich sah mit innigem Vergnügen bei dem Leichenfeste Biaginis unter den 5000 Mann der Nationalgarden die vielen schönen Menschen und die militärische und kriegerische Miene derselben; so wie ich die Fertigkeit und Behendigkeit ihrer Manöver und Bewegungen und die republikanische Stattlichkeit bewunderte, welche die meisten auf ihre Montur und Equipirung verwandt hatte. Aber in diesem Augenblick selbst hörte ich einen französischen Officier zum andern sagen: comme ces bougres sont les paons! ftr . . . avec trois cent de nos gens je les chasserai jusqu'au bout le monde! So lieben sich die Völker und so urtheilen sie von einander.

Dieser Freunde und Beschützer, der Franzosen, mogten während meiner Anwesenheit wohl 2000 in der Stadt stehen; mehrere waren in die Stadt und Festung Savona und in die kleineren Plätze des Ligurischen vertheilt. Bei allem Schein der Freundschaft und Brüderschaft traut man sich doch nicht recht und alles ist gespannt, weil die Franzosen zu sehr die Herren machen. Sie haben daher auch die Forts und Hauptkastelle in der Stadt besetzt, die selbst für eine Armee wegen ihrer Engheit und ihrer Tiefen und Klüfte ein böses Nest ist. Man weiß, wie die Genueser im Jahr 1746 die Oestreicher leichter hinausjagten, als die herein gekommen waren. Die meisten Franzosen liegen auf dem hohen Spital Albergo, welches beinahe die ganze Stadt beherrscht; da heben sie ihr Hauptquartier. Es sind schöne Truppen und sie werden königlich besoldet, doch schimpfen sie auf die Genueser, besonders die Gemeinen; die Officiere hingegen wissen sich schon mit den schönen Genueserinnen und durch sie auch mit den Genuesern in Eintracht zu erhalten. Ganz anders, als die Franzosen und die Nationalgarden, sieht das stehende Militär der Genueser aus. Sie sind rupfige und lumpige Grünröcke, meist ohne heile Kleider und Schuhe; aber sie gehen auch ohne den Geist und die Ehre des Franzosen einher und mit dem finstern und tückischen Sklavenblick, den man bei dem hiesigen Pöbel kennt, auch wenn er lächelt und schmeichelt. Die Franzosen verachten und hassen sie als feiges Gesindel, das nur im Finstern tapfer ist, ein Urtheil, das sie nicht allein von den Genuesern fällen. Aber die Klagen der Genueser sind nicht minder triftig über die Franzosen, und es giebt mehr als einen, der es freilich nicht öffentlich sagen darf, aber doch andeutet, daß die Franzosen nicht gekommen sind, um sie frei zu machen, sondern die reichen Nobili auszustreifen und eine Million Lire nach der andern von der Bank aufzuleihen. Man zuckt die Achseln bei diesen Anleihen und den vielen Soldaten, die man füttern muß, und mache Patrioten sehen immer nur eine trübe Zukunft. Genua ist keine Stadt, die plötzlich wieder reich wird, wenn sie einmal ausgesogen ist. Man beschuldigt hier besonders den französischen Konsul Belleville, der auch in Livorno, wo er vorher stand, kein liebes Andenken hinterlassen hat, daß er despotisch und strenge verfahre und das ligurische Direktorium ohne Achtung und Würde behandle. Es ist kein gleicher Bund mit dem Stärkern möglich. Belleville muß schon ausführen, was beschlossen ist, obgleich sein rauher und barscher Karakter selbst von den hiesigen Franzosen gehaßt ist. Aber selbst bei allen diesen Geschichten sieht man noch das blühende Genua, das es vormals freilich war.

Obgleich die Franzosen immer neue Forderungen machen, und Anleihen eintreiben, obgleich die Geldbußen, die sie über die cidevants verhängen, zugleich über das ganze genuesische Volk verhängt werden; obgleich die Schiffahrt und der Handel fast vernichtet ist, und manches Gewerbe durch die Zeitumstände liegt, so sieht man doch fast durch alle Klassen Wohlstand und selbst Pracht und Reichthum, und in der Stadt selbst jenes Gewühl und jenes Bienenschwärmen der Menschen, die ein Beweis von Thätigkeit und Industrie sind, und daß die alte Regierung nicht so abscheulich und verderblich gewesen ist, als sie die Schreier gern machen mögten. In dieser Rücksicht ist der Genueser von jeher berühmt gewesen, und als ein kluges und gewandtes Volk sind sie für den Handel und die Manufakturen wie geboren, und was zuerst die Noth lehrte, hat die Gewohnheit nachher gleichsam schon bei der Geburt mitgegeben. Ihr Land giebt ihnen wenig, und die waren also frühe gezwungen, durch Erfindung und Thätigkeit, durch Schiffahrt und Industrie das zu suchen, was die Natur ihnen karg versagte. Auch jetzt sind die Genueser Schiffer, Kaufleute und Fabrikanten allenthalben zerstreut und vorzüglich haben sie in den besten Städten Spaniens von Barcellona bis Cadix ihr Wesen, wo neben den Teutschen viele der ersten Häuser Genueser sind; und von wo manche gegen das Ende ihrer Tage ins Vaterland zurückkehren mit dem Fett des Landes, das sie den dummen und faulen Spaniern abgesogen haben, und andre an ihrer Stelle schicken, um es eben so zu machen. Auch im südlichen Frankreich waren sonst viele ansäßig, welche aber im Anfange der französischen Revolution meistens haben räumen müssen. So sind selbst von Nizza, wo ich dieses schreibe, viele abgegangen, nach dem Gesetze, welches alle reisen hieß, die nicht 10 bis 15 Jahre ansässig gewesen waren. Eben so findet man sie häufig in den besten Plätzen Italiens, wo sie zu den unternehmendsten und gewandtesten Kaufleuten gehören. Denn ein unternehmenderes und muthigeres Volk sind die Genueser sicher, als die meisten andern Italiäner, was auch die Franzosen mögen. Das haben sie durch alle Jahrhunderte bis auf die neueste Epoche bewiesen.


F Herring.

Am 13. Aug. 1815 durften wir endlich ans Land gehen, nachdem wir 5 Wochen am Bord und 3 Wochen unter Segel gewesen waren.

Die herrliche Ansicht des Meerbusens und Hafens von Genua, so wie dieser großen, schönen Stadt selbst gibt der von Neapel wenig nach. Der Meerbusen von Genua ist kleiner, der Hafen aber größer, als der von Neapel, und die Stadt selbst liegt mehr amphitheatralisch. Im Hafen können die größten Linienschiffe an den Mauern vor Anker gehen, so tief ist das Wasser.

Da das Kloster, welches zum Regts.-Hospitale angewiesen ward, und worin ich als Arzt auch meine Wohnung bekam, hoch am Berge lag, so nahm ich vorläufig meinen Aufenthalt in einem Gasthause am Hafen, wo ich den, von Berlin eben angekommenen, Herrn Kiesewetter kennen lernte, mit welchem ich mich am folgenden Tage in der Strada nuova einmiethete.

Die Häuser der besten Straßen von Genua sind außerhalb mit schönen Mahlereien verziert, so daß es oft scheint, als befände man sich in dem großen Saale eines Hauses. Viele Straßen sind übrigens so eng, daß kein Wagen darin fahren kann. In manchen Häusern brennt daher am hellen Mittage Licht. Einige Paläste des reichen Ortes sind ganz von Marmor aufgebauet.

Der König von Sardinien hatte kurz vorher in Genua seinen Einzug gehalten und Besitz von seinen neuen Staaten genommen. Während meiner Anwesenheit zog auch die Königinn feierlich ein, und dieser Tag ward durch ein Wettrennen von Ruderböten, Erleuchtungen u. s. w. verherrlicht.

Mit der Französ. Regierung war man sehr unzufrieden gewesen, und als die Franzosen noch in der Stadt, die Engländer aber vor der Thoren gestanden haben, ist das Standbild Napoleons schon von den Einwohnern in kleine Stücken zerschlagen und auf der Stelle ein Freudenfeuer angezündet worden, wovon der Platz noch schwarz und räucherig war.

Im Anfange des kühlen September-Monaths machte ich Gebrauch von dem mir bestimmten Quartiere im ehemaligen Nonnenkloster Convento santa Agnesa, welches während der Französ. Verfassung zu einer Militär-Caserne umgeschlagen ist. Zu diesem Kloster hatte ich an 400 Stufen zu steigen, und doch lagen manche Gebäude von Genua noch höher. So beschwerlich eine solche Reise Berg an auch seyn mochte, so ward ich doch durch die herrliche Aussicht hinreichend entschädigt. Zu meinen Füßen lag die große Stadt, weiterhin der 2 Stunden im Umkreise habende Hafen, mit einem der schönsten Leuchtthürme von Europa, und dann breitete sich das offene Meer aus, welches selten leer von ankommenden und abgehenden Schiffen ist.

Die Marktplätze unter in der Stadt bothen um diese Jahrszeit die schönsten Feigen, Pfirsiche, Melonen, Birnen u. s. w. dar, und die Laden einer Menge Kaufmannshäuser erglänzten stets von Waaren aller Art; vorzüglich sieht man aber wohl in keiner Stadt von Europa so viele Gold- und Silberwaaren ausgekramt, wie in einigen Straßen von Genua.

Das Institut für Taubstumme, welches ich besuchte, hatte einige Zöglinge aufzuweisen, welche vorzüglich in der Geschichte sehr bewandert waren. Einer dieser Jünglinge las und schrieb Französisch, Ital. Latein. und Griech. Das Wort Cassel, welches ihm, auf Anforderung des Lehrers, von uns willkührlich aufgegeben ward, setzte er vermittelst der Zeichensprache durch die Nahmen Caesar, Augustus, Socrates und Napoleon zusammen. Auf ein vom Lehrer gegebenes Zeichen schrieb nähmlich der Taubstumme das Wort Caesar schnell hin, auf ein zweites Zeichen den Buchstaben C dann allein, auf ein drittes den Nahmen Augustus, auf ein viertes den Buchstaben A zum C, und so fort bis der Nahme Cassel da stand. Alles ging sehr schnell und mehrere ähnliche Proben überzeugten uns von der Geschicklichkeit und den Kenntnissen der jungen Leute, deren 18 in der Anstalt waren. Der Lehrer konnte sich durch Zeichen oft geschwinder mit ihnen verständigen, als durch Worte möglich gewesen wäre.

Das Clima in der Gegend von Genua ist um ein Bedeutendes verschieden von dem auf Sicilien. Der Thermometer stieg nie über 80 und der Sirocco plagte uns hier nicht. Der November ward wirklich kalt, und im December konnte man es ohne Feuer im Camin die dort allgemein sind, nicht aushalten. Oben im Kloster wurde es mir so gar zu kalt, und ich miethete mir wieder eine Privat-Wohnung unter in der Stadt; da das Holz hier pfundweise verkauft wird, und ich mit dem, was ich vom Commissariate geliefert bekam, nicht ausreichte. Im Januar und Febr. hatten wir auch Schnee und Eis in Genua.

Ueberall in Italien herrscht die schlechte Sitte, daß bemittelte Eltern ihre Kinder bald nach der Geburt, bloß der Bequemlichkeit wegen, Anderen zur Pflege und Wartung, bis zum dritten vierten Jahre, übergeben. So hatte auch meine Wirthinn in der Straße Balbi ihre Kinder nach und nach aufs Land gegeben, und erhielt in jenen Tagen das jüngste zurück, welches sie nach ihrer eigenen Versicherung in den 3 Jahren nicht wieder gesehen haben wollte. Die Nachtheile, welche eine solche Erziehungsweise mit sich führt, sind klar; vor allen wird die Familienliebe dadurch unterdrückt, welche Bemerkung ich selbst oft zu machen Gelegenheit hatte.


Quellen und Literatur.

  • Conversations-Lexicon oder encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände. Stuttgart bei A. F. Macklot. 1816.
  • Ernst Moritz Arndts Reisen durch einen Theil Teutschlands, ungarns, Italiens und Frankreichs in den Jahren 1798 und 1799. Leipzig, 1804. bey Heinrich Gräff.
  • Erinnerungen eines Legionärs, oder Nachrichten von den Zügen der Deutschen Legion des Königs (von England) in England, Irland, Dänemark, der Pyrenäischen Halbinsel, Malta, Sicilien und Italien. In Auszugen aus dem vollständigen Tagebuche eines Gefährten derselben. Hannover 1826. In Commission der Helwing'schen Hof-Buchhandlung.