George Canning

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Canning.

Canning (George), brittischer Staatssekretär der auswärtigen Angelegenheiten, ward um 1770 gebohren und stammt von einer angesehenen Familie in Irland. Er studirte zu Oxford mit ausgezeichnetem Fleisse, und ward schon 1793 zum Parlamentsglied erwählt. Grenville zog ihn in eben diesem Jahre ins Büreau seines Ministeriums. Von jetzt an ward Canning, was sein Meister, Lord Grenville, war, - Pitts Organ und eifrigster Anhänger. Als letzterer 1801 resignirte, zog sich auch Canning zurück. Im Jahre 1800 heirathete er eine von den Töchtern des verstorbenen Generals Scott, und diese brachte ihm reiche Besitzungen zu. Nach fünf Jahren ward er durch Pitts Einfluß, Schatzmeister der Marine,mit 4000 Pfund Sterling Gehalt. Seine Stellen und sein Einfluß verschwanden mit Pitts Leben. Aber nach Foxens Tode trat er muthvoll als Staatssekretär der auswärtigen Angelegenheiten auf die Stätte seines Meisters Pitt. Welche Begebenheiten seit seinem Ministerium die Gestalt des Continents veränderten, ist bekannt genug.


George Canning.

(Staats-Secretär.)

Dieser Mann, der nach dem Tode der Minister Pitt und Fox die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten für England, und die Verbindlichkeit übernahm, den großen Kampf gegen Frankreich und dessen zahlreiche Verbündeten so vortheilhaft und ehrenvoll als möglich fort zu führen; dieser Mann, der die Geistesstärke besaß, dieß in einer Zeit zu unternehmen, als England, vom europäischen Continent gänzlich getrennt, und mit der Mehrzahl seiner Bewohner im Kriegszustande war, als auch in den übrigen Welttheilen Fürsten und Volksvorsteher den Britten trotzten: dieser Mann gehört nicht zu den Alltagsgeschöpfen.

Sir Georg Canning ward um das Jahr 1770 geboren, und stammt von einer angesehenen Familie in Irrland ab; doch befand sich diese nicht in den glänzendsten Vermögens-Umständen. Sein Vater, George Canning Esq, starb am 11ten April 1771. Der Sohn wurde nun seinem Oheim, einem begüterten Kaufmanne, der in der City von London wohnte, zur Erziehung übergeben, welcher dann den Erwachsenen auf die Schule von Eton sandte. Hier entwickelten sich in ungewöhnlich kurzer Zeit die hervorstechendsten Talente des jungen Menschen. 15 0der 16 Jahr alt, trat er bereits als Dichter und Schriftsteller auf. Mit diesen außerordentlichen Anlagen vereinigte sich eiserner Fleiß, als er auf die Universität nach Oxford kam, wo er sich den Studien der Rechtsgelahrtheit widmete, welche ihm die besten Aussichten auf einstige Bedeutendheit in seinem Vaterlande gab. Er bildete in den Sälen von Middle-Temple sich zum Redner, der vor den Schranken der Gerichtshöfe glänzen und die Augen der Nation auf sich zu wenden fähig sey, und hier war es, wo er sich die Freundschaft mehrerer junger Männer aus den Häusern vom ersten Range erwarb. Durch diese gelangte er schneller, als andere, ans Ziel, denn schon im Jahre 1793wurde er zum Parlamentsgliede für den Flecken Newton in der Insel Wight erwählt.

Nicht lange, und er wurde zu den Geachtetsten im Unterhause gezählt. Seine männliche kunstlose Beredsamkeit, seine vielseitigen Kenntnisse, seine unerschütterliche Festigkeit alt- englischer Grundsätze machten ihm bald die ganze Menge der Oppositionsglieder zu Freunden, erwarben ihm eine einträgliche Stelle um die andere, und ließen ihn nicht wieder von den Bänken der brittischen Volksrepräsentation. Bey der folgenden allgemeinen Parlamentswahl ernannte ihn die Ortschaft Wendover in Bukshire, dann wieder ein Flecken in Irland zum Repräsentanten.

In die diplomatische Laufbahn trat Canning fast eben so früh als ins Parlament. Lord Grenville, damahls Staats-Sekretär der auswärtigen Angelegenheiten, Frankreichs heftigster und unversöhnlichster Gegner, eben der, welcher immer nichts als den Offensivkrieg predigte, und nur in Pitt den Heiland Englands erkannte, zog ihn im Jahre 1793 in das Büreau seines Ministeriums, wo er als Vice-Secretär eine geraume Zeit arbeitete. Als solcher ward er mit den Geheimnissen der brittischen Staatspolitik sowohl, als mit den Schwächen der Continentalmächte vertraut, und von dieser Zeit an ward Canning, was sein Beschützer und Meister, Lord Grenville, längst war, Pitts leidenschaftlicher Anhänger: alles von und für Pitt. Frankreichs Revolution erschien ihm als der wahre Hebel, Alt-England zum Weltbeherrschenden Karthago, zum Centrum des Handels, zu machen; und da Frankreich einst Rom werden konnte, so mußte alles Mögliche gegen Frankreich gethan werden. In dieser Ansicht begann er denn auch zu handeln.

Unter Pitts Führung studierte Canning sich so in das Subsidiensystem ein, daß der Meister in demselben ihn selbst oft berieth. Eingeweith in die Kabinetsmysterien, schritt er auch eben so bald in Aneignung der Hauspolitik vor. Er lernte, und übte die difficile Kunst, sich zu popularisiren, ohne dem Ministerium zu mißfallen.

In seiner ersten Parlamentsrede, am 31sten Januar 1794, bey Gelegenheit der Discussionen über einen Tractat mit dem Könige von Sardinien, predigte er Krieg, weil jeder Alt-Britte damals keinen süßern Ton kannte. "Hätten wir jetzt keinen Krieg" -- rief er -- "so säße vielleicht auf den Bänken dieses Hauses schon eine correspondirende Revolutionsgesellschaft, und statt von einem Allianztractat hörte man vielleicht Debatten über erzwungene Anleihen, die eine proconsularische Deputation des französischen Nationalconvents einfordern würde."

Als Wilberforce gegen den Sclavenhandel aufstand, nannte auch Canning diesen Handel barbarisch, ungerecht, unpolitisch, und erwarb sich mit diesen Aueßerungen seiner Humanität die Gunst derer, welche Anspruch auf Empfindsamkeit machten.

Wenn er auf diese Weise es auch nicht dahin bringen konnte, der Mann des Volks zu seyn, in dem Sinne wie Fox es gewesen, so war er doch in kurzer Zeit der Mann der Herrschenden in der Nation, der Vertraute der Minister, ihre Stütze im Parlament, und selbst der Liebling John Bulls, in so fern er, vielleicht diesem zu Gefallen, mit unbarmherziger Strenge gegen alles, was französisch hieß, und selbst gegen den damahligen ersten Consul des französischen Volkes, Bonaparte, eiferte.

Als Pitt im Jahre 1801 resignirte, zog sich auch Canning vom Departement der auswärtigen Angelegenheiten zurück; denn bey seiner Denkart war ein Friedensschluß mit Frankreich ein Selbstmord Großbritanniens; sobald aber der gewandte Staatsmann das Steuerruder aus Addingtons schlaffer Hand zurück nahm, war Canning wieder einer der Ersthervortretenden.

Unterdessen hatte er ein bedeutendes Vermögen erhalten, denn er hatte im Jahre 1800 eine von den Töchtern des verstorbenen Generals Scott geheirathet, welche ihm reiche Besitzungen zubrachte.

Später (im Jahre 1805) wurde er durch Pitts Einfluß, Mitglied des Handels- und Anbau-Comité und Schatzmeister der Marine mit dem gewöhnlichen Gehalt von 4000 Pfund Sterling jährlich.

Alle seine Aemter, seine Einflüsse auf das Parlament und das Cabinet verschwanden, als Pitt, den 23sten Januar 1806 starb; jetzt trat Fox's Parthey siegend in's Ministerium; aber ihre Gewalt war bekanntlich von sehr kurzer Dauer und scheiterte an der katholischen Bill für Irland. S e wurde von Pitts Jüngern verdrängt, und Sir George Canning, jetzt Oberster der freywilligen von Sommersethouse, trat muthvoll als Staats-Secretär der auswärtigen Angelegenheiten an die Stätte seines großen Meisters.

Nach der gescheiterten Expedition auf Antwerpen ereignete sich ein Vorfall, welcher Herrn Canning vor der Hand um sein Staatsamt brachte. Es fand nämlich ein Duell zwischen ihm und dem Kriegsminister Lord Castlereagh Statt, wozu folgendes die Veranlassung gab: Schon um Ostern 1809 machte Canning den Premier-Minister, Herzog von Portland, auf die Nothwendigkeit einer Veränderung im Personale des Kriegsministeriums, vorzugsweise in Rücksicht auf die Person des Kriegsministers, aufmerksam, und der Premier-Minister fand seine Bemerkung wohl gegründet; jetzt als die Schelde-Expedition verunglückt war, trug er von neuem auf die Entlassung des Kriegsministers an, und Portland bewilligte sie; Castlereagh, der auch überdieß von seinem Gegner mit bittern Ausdrücken nicht geschont worden war, und nun die ihn betreffende Verhandlung Cannings mit Portland erfuhr, forderte von ersterem Genugthuung. Sie ward in hergebrachter Manier gegeben.

Mit charakterisirender Kürze antwortete Canning:

"Mylord! Der Ton und der Inhalt des Schreibens, welches ich diesen Augenblick von Ew. Herrlichkeit empfangen habe, machen von meiner Seite jede andere Antwort auf die Misdeutungen und Misverständnisse, wovon es voll ist, überflüssig, als daß ich Ew. Herrlichkeit gern die Genugthuung geben werde, welche Sie verlangen."

Am 21sten September 1809 duellirten sich die beyden Minister auf der Haide bey Pultney, und Herr Canning wurde bey dem zweyten Pistolenschuß im Schenkel verwundet. Da der Herzog von Portland seine Stelle als Premier-Minister niederlegte, so wurden beyde Duellanten, da man sich über die neue Ministerial-Einrichtung nicht einigen konnte, bestimmt, ihre Stellen zu resigniren.

Am 10ten October legte der von seiner Wunde hergestellte Herr Canning die Siegel des auswärtigen Departements wieder in die Hände des Königs nieder, so wie auch Lord Castlereagh die des Kriegsministeriums zurück gab.

So trat Canning vom Schauplatz ab; doch sprach man von seiner nahen Wiederübernahme eines öffentlichen Amtes als von einer ausgemachten Sache.

Er wird als ein Mann geschildert, der Pitt's Grundsätze und Thätigkeit, nicht aber dessen Scharfblick hat, obwohl ihm kluge Umsicht nicht abgesprochen werden kann, in so fern Klugheit mit einer Leidenschaft vereinbar ist, die zur andern Natur geworden. Und diese Leidenschaft- heißt: Haß gegen Frankreich. Unveränderlich hängt er an Pitt's Maximen. Sein Wahlspruch, zu dem er sich öffentlich bekennt, ist: "Besser irren mit Cato, als recht gehen mit dem Troß der Welt!" Im geselligen Leben ist er angenehm, geistreich; ein warmer Freund; im Verfolgen seiner Ziele ist er unermüdlich, im Kampfe ohne Hinterlist.


Quellen und Literatur.

  • Moderne Biographien, oder kurze Nachrichten von dem Leben und den Thaten der berühmtesten Menschen, von Karl Reichard. Leipzig, 1811. In Commission bey Peter Hammer.
  • Cabinet von biographischen Gemälden der merkwürdigsten Personen aus der neuesten Zeitgeschichte. Gesammelt und herausgegeben von Karl Stein. Berlin 1811.