Girolamo Lucchesini

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Lucchesini (Marquis von), preußischer Staatsminister, aus einer Patricierfamilie von Lucca, ward Friedrich II. nach 1778 vom Abbé Fontana vorgestellt, der ihn mit einem Gehalte von 2000 Thalern und dem Kammerherrtitel als Bibliothekar in seine Dienste nahm; Lucchesini wurde der literarische Freund Friedrichs II. und von diesem seiner Kenntnisse wegen ausnehmend geschätzt.

Erst unter dessen Nachfolger ward er diplomatisch angestellt und nach Warschau gesandt, wo er sich 1788 bei Eröffnung des Staatsraths befand. Er benahm sich hier mit vieler Gewandtheit, wiegelte die für die Unabhängigkeit gestimmte Partei gegen Rußland auf und brachte es somit im März 1790 zwischen Preußen und Polen zur Abschließung eines Allianztractats.

Im darauf folgenden Juli wohnte er in der Eigenschaft eines bevollmächtigten Ministers der Zusammenkunft in Reichenbach bei, um in Vereinigung mit dem englischen und holländischen Minister zwischen den Türken und dem Kaiser den Frieden einzuleiten.

Im Juli 1792 ging, er abermals nach Warschau, wo er durch die obwaltenden Umstände zum Bruch des Allianztractats, den er selbst unterzeichnet hatte, genöthigt ward.

Im Januar 1793 ernannte ihn darauf der König zum preußischen Bothschafter in Wien; er begleitete diesen jedoch während des größten Theils des damaligen Feldzugs. Erst im März 1797 ward er von Wien zurückberufen und im Sept. 1802 als außerordentlicher Gesandter nach Paris gesandt, von wo er sich später nach Mailand begab, um dem Kaiser und mehrern Großen seines Hofes die Decoration des preußischen schwarzen Adlers zu überbringen.

Seinen Anregungen gab man besonders den Ausbruch des preußisch-französischen Kriegs im Sept. 1806 Schuld. Er begleitete den König bis nach der Schlacht bei Jena, unterzeichnete nach derselben zu Charlottenburg mit Napoleon einen Waffenstillstand, den aber der König nicht ratificirte, und nahm, in Folge aller dieser Ereignisse, da er die Gunst des Königs verloren zu haben glaubte, seine Entlassung, um nach Lucca zurückzukehren.

Späterhin ward er bei Napoleons Schwester, der Fürstin von Lucca, als Kammerherr angestellt, und begleitete diese zur zweiten Vermählung ihres Bruders nach Paris. Bald darauf starb er in seiner Vaterstadt.

Der Graf von Segür urtheilt in seinem Tableau historique et politique de l'Europe von Lucchesini, in Betreff seiner oberwähnten polnischen Mission folgendes: "Niemand war zu einer solchen Stelle geeigneter, als er. Seiner Thätigkeit entschlüpfte kein Augenblick unbenutzt. Feurig in Verfolgung seines Ziels, schnell entschlossen, die zweckdienlichsten Mittel zu ergreifen, vereinte der Marquis von Lucchesini die Eigenschaften eines gewandten Höflings mit der Geübtheit eines Staatsmanns, Gelehrt, ohne Pedanterie, lieferte ihm sein glückliches Gedächtniß eben so viele nützliche Thatsachen zum Behufe seiner Arbeiten, als anziehende Anecdoten für die Belebung einer Gesellschaft. Seine Vertrautheit mit Friedrich II. hatte ihm ein bedeutendes Ansehn gewonnen; sein einschmeichelnder Charakter führte ihn in das Innere aller Charaktere ein; seine Feinheit zog bald den Schleier von allen Geheimnissen, und seine warme Thätigkeit, die ihm ein offenes freies Wesen gab, während sie seinen wahren Sinn glücklich verdeckte, beredete die Polen, daß er ihre Angelegenheit mit einem Eifer umfasse, als wäre es seine eigene."


Quellen und Literatur.

  • Conversations-Lexicon oder encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände. Stuttgart bei A. F. Macklot. 1816.