Heinrich Friedrich Karl vom und zum Stein

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Stein (Carl, Freiherr von). Dieser in der neuesten Geschichte unseres Vaterlandes so berühmt gewordene Minister ist im October 1757 zu Nassau an der Lahn geboren, und stammt aus einem altadeligen Geschlechte, das Urkunden vom J. 1000 hat.

Vor etwa dreißig Jahren suchte er um preußische Civildienste im Berg- und Hüttendepartement nach, und erhielt die Bergrathsstelle in Wetter in der Grafschaft Mark. Im J. 1784 erschien er als Gesandter in Aschaffenburg, und der Churfürst von Mainz, Carl Joseph, trat zum Fürstenbunde.

Stein war voll Feuer und Kenntnisse in der Staatswirthschaft, worin er von einer unbeschränkten Gewerbe- und Handelsfreiheit ausging. Seine Untergebnen nannten ihn damals stolz und streng, aber auch gerecht und eifrig für das Beste. Er stiftete in seinem Departement viel Gutes, und zeichnete sich aus. Sein Stand, sein Vermögen, seine Verheirathung mit der reichen Gräfin Wallmoden-Gimborn, mehr als alles aber seine Verdienste bahnten ihm unter der Ministers v. Heinitz Präsidium im westphälischen Departement eine schnelle Beförderung. Er wurde Kammerdirector in Hamm, dann Präsident, und bald darauf Oberpräsident aller westphälischen Kammern. In diesem Posten erwarb er sich unter andern das große Verdienst, die unfahrbaren Landstraßen Westphalens in treffliche Chausseen umzuschaffen. Was noch von Domainenpachten übrig war, vertheilte er unter die Bauern. Er belebte das Fabrikwesen und den Handel; auf seine Anträge wurde Ordnung in die Forstwirthschaft gebracht. Er organisirte die neu acquirirten westphälischen Provinzen.

Nach Struensee's Tode erhielt er das Ministerium des Accise- Zoll- und Fabrikendepartements. Sobald er sich in dies ihm fremde Fach einstudirt hatte, griff er mit starker Hand alle Mißbräuche an, und eine Reform folgte der andern. Bald gerieth er mit dem damaligen Cabinetsrath Beyme in Zwist, dessen Einwirkung in die Staatsgeschäfte er nicht ertragen wollte.

Der Feldzug 1806 erfolgte, und Stein flüchtete nach Königsberg. Hier erhielt er wegen neuer Differenzen mit dem Cabinet seinen Abschied in ungnädigen Ausdrücken. Dies geschah im Frühjahr 1807. Er ging auf seine Güter. Als man aber nach dem tilsiter Frieden aussahe, welcher erfahrnen und kraftvollen Hand man das Steuer des schwankenden Staatsschiffes anvertrauen sollte, da rief man ehrenvoll Stein zurück. Er lag am Fieber darnieder, als des Königs Ruf an ihn erging. Krank warf er sich in den Reisewagen, und durchflog eine Strecke von 150 Meilen.

Im Jahr 1808 war er Premierminister. Mit welcher Energie er zur Rettung, Erhaltung, Wiederherstellung Preußens wirkte, ist bekannt. Die Unterhandlungen, welche er im Frühjahre 1808 in Berlin mit der französischen Regierung anknüpfte, waren erfolglos.

Er kehrte nach Königsberg zurück, und begann ins Geheim für die Befreiung Deutschlands Vorbereitungen zu treffen. Ein aufgefangener Brief verrieth den Plan, und Napoleon erklärte den patriotischen Mann in die Acht. Der Baron von Stein verließ die preußischen Staaten, und ging den 6ten Januar 1809 nach dem Oesterreichischen, wo er bis 1812 lebte.

Zu Ende jenes verhängnißreichen Jahrs begab er sich von dort zum Kaiser Alexander nach Rußland. Ueber seine Wirksamkeit in diesem wichtigen Zeitpunkte, wo die Befreiung Europens von der schmachvollsten Unterjochung eines sich ihm aufgedrungenen Despoten vorbereitet wurde, hat das Publicum keine genauere Kenntniß erhalten, aber man darf annehmen, daß sie höchst bedeutend gewesen.

Nach dem Vordringen der vereinten russisch-preußischen Armeen in Sachsen wurde Stein an die Spitze des gebildeten Verwaltungsraths der eroberten und befreiten deutschen Lande gestellt. Wir verweisen über seine Thätigkeit in diesem wichtigen Posten auf den Artikel Centralverwaltung (der sich im Supplementbande befindet), und bemerken nur, daß Stein zwar auf mannichfaltige Weise zu der Entwicklung der Streitkräfte Deutschlands, und was damit in Verbindung stand, mitwirkte, aber auch durch tausend Conflicte sich begegnender und durchkreuzender Interessen in den großen Bestimmungen der Centralverwaltung gestört war, besonders als in dem Frieden zu Ried (mit Bayern) Grundsätze aufgestellt, und bald auch in den spätern Verträge mit den andern Deutschen Rheinbund-Fürsten Norm wurden, die der Centralverwaltung Steins nur eine geringfügige Wirksamkeit übrig ließen.

Die Grundsätze, welche bei dem ersten pariser Frieden befolgt wurden, waren mit Steins Ansichten in Widerspruch, und es blieb dem kräftigen deutschen Manne, dessen Charakter mit allem, was zu Accommodationen gehört, unverträglich ist, nichts übrig, als sich von den Staatsverhandlungen dieser Zeit zurückzuziehn. Er war auch nur wenige Tage auf dem wiener Congreß anwesend. Er lebte seitdem größtentheils im Nassauischen auf seinen Gütern und auf den neuen Besitzungen die er sich in Westphalen erworben hat.

Ueber den Werth, die Verdienste und Talente des Freiherrn von Stein schon jetzt ein bestimmtes und sicheres Urtheil zu fällen, ist kaum möglich. Einige trauen ihm Gewalt für Ideen zu, und reine Liebe für dieselben, Andre halten ihn mehr für einen eifrigen, auch kenntnißreichen Geschäftsmann.

Uns scheint, daß seine ursprüngliche geistige Anlage unverkennbar auf Ideen gerichtet war, doch nur auf solche, die unmittelbar in das praktische Treiben eingreifen, und das seine frühe Bestimmung für die Staatsgeschäfte seine Neigung auf dasjenige Ideale lenkte, das auf den Staat unmittelbare Anwendung litt. Sein stets gespannter Eifer, ein practisches Ziel zu erreichen, mußte natürlich seinen Sinn für Schönheit beeinträchtigen, und so erscheint sein heftiger Wille noch schroffer. In dieser ungemeinen Kraft des Willens kommen Alle überein. Seine Rechtschaffenheit bezweifeln selbst die nicht, welche den Ehrgeiz als die erste Triebfeder seiner Handlungen ansehn. Er kann Einzelnen Unrecht gethan haben, aber niemand weiß ein Beispiel, daß er dabei einen Vortheil für sich suchte. Mit Aufopferung seines Vortheils trat er zurück, sobald er für Preußens und Deutschlands innere Freiheit nicht nach seiner Ueberzeugung handeln konnte; und um alle Macht, die ihm auf die Dauer in Rußland nicht entstehen konnte, war er unbekümmert, sobald er einmal dem Sturm der Russen eine Richtung für die deutsche Freiheit gegeben hatte. Nicht unter andern Nationen wollte er herrschen, sondern im Gefühl und in der Kraft des deutschen Ritters für die Nationalfreiheit wirken, und wohl mochte er sich dabei in dem Gedanken gefallen, daß einer von den alten unmittelbaren Reichsfreiherrn von Stein wieder für Adel und Volk der deutschen Gauen rüstig sey.

Seine Entfernung von den Geschäften ist als ein Verlust für das Vaterland anzusehn.


Quellen und Literatur.

  • Conversations-Lexicon oder encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände. Stuttgart bei A. F. Macklot. 1816.