Jean Paul Marat

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Marat (J. P.) geboren 1744 zu Beaudry im Fürstenthum Neufchatel, von Eltern reformirter Religion. Er hatte nicht 5 Fuß Länge; seine Gesichtszüge waren häßlich, sein Blick schreckend und sein Kopf ungeheuer für seinen Körper.

Von Natur ein feuriger Kopf mit einer tollen Einbildungskraft, einem gehäßigen Charakter und wildem Gemüthe, dessen natürliche Tollheit und Grausamkeit noch durch die Lebensart, die er vor der Revolution führte, gesteigert wurde.

Er studierte, sagt man, die Medizin, ließ sich in Paris nieder, wo er lange Zeit im Elende blieb, sich mit Anatomie beschäftigte, den Charlatan machte und Universalmittel verkaufte. Endlich gelang es ihm, Stallarzt bey dem Grafen von Artois zu werden.

Bey dem Ausbruche der Revolution aber überspannte sich sein Kopf zur Raserey; er wurde Journalist und eben so Empiriker in der Revolution, als er es in der Arzneywissenschaft gewesen war. Er hörte in seinem Journal, der Volksfreund, nicht auf, den König, die Minister, die Grossen zu schmähen, Aufstand, Raub und Mord zu predigen, Zwistigkeiten zwischen den Bürgern und der konstitutionellen Garde des Königs anzuregen, Lafayetten als Feind des Herzogs von Orleans zu verfolgen, die Truppen zum Ermorden ihrer General aufzufordern, und das Leben und Vermögen aller Bürger anzugreifen.

Allen Denunziationen und Verhaftsbefehlen entging er bald durch die Flucht, bald durch seine Frechheit und Unverschämtheit. Der Schutz Dantons und der Cordeliers ließ ihn stets wieder im Triumph aus seinem Schlupfwinkel hervortreten.

Bald zeichnete er sich von neuem am 10. August aus. Er wurde Mitglied der sogenannten Municipalität vom 10. August und Präsident jenes schrecklichen Aufsichtsausschusses der Gemeine, der alle Gewalt an sich riß und das Schrecken und die Anarchie organisirte. Die Mordszenen in den Gefängnissen folgten dieser Usurpation. Marat war es, der den verwünschten Plan faßte, alles, was noch von Adeligen, Priestern und Königsfreunden nach dem 10. August übrig war, zu würgen; der die Metzeley den 2. September organisirte, welche Robespierre nachher unter gerichtlicher Form fortsetzte.

Marat hatte damals zwey Anklagsdekrete gegen sich, wurde aber nichts desto weniger zum Deputirten von Paris beym Konvent ernannt und nahm alsbald darin Platz. Als er den 25. September die Tribune bestieg, wurde er von mehrern Mitgliedern unterbrochen und als der erste Bösewicht behandelt; jedoch, unterstützt von Tallien und mehrern andern seiner Zunftgenossen, behielt er seine ganze Frechheit und sprach eine nachdrucksvolle Rede, in der er seine Feinde angriff, ohne an seine eigene Vertheidigung zu denken. Bey dieser Gelegenheit war es, daß er jene merkwürdige Meinung äusserte: "Zählt nicht mehr auf die Versammlung, so wie sie gebildet ist; eine 50jährige Anarchie erwartet euch, und ihr werdet derselben nicht entkommen, als durch einen Diktator, einen wahren Patrioten und Staatsmann."

Im Februar 1803 beschuldigte ihn die Girondisten, zum Raub aufgefordert zu haben und drangen mit Wärme auf das Anklagedekret gegen ihn. Marat aber, seiner Gewohnheit nach, rühmte sich seiner Schandthat, und schalt seine Gegner mit den niedrigsten Schimpfwörtern. So entging er durch seine grenzenlose Frechheit allen Angriffen seiner Gegner, bis endlich Charlotte Corday Frankreich den 14. July 1793 von diesem Ungeheuer befreyte.

Es läßt sich nicht läugnen, daß Marat einige Hülfsmittel besaß. Er schrieb und sprach mit grosser Leichtigkeit. Seine Reden, so sprachwidrig, ungeordnet und unzusammenhängend sie waren, zeigten indeß eine gewisse Kühnheit und ein Feuer, das nothwendig einem Pöbel, von dem Vorschmacke der Anarchie trunken, gefallen mußte. Der Zunahme, Volksfreund, den er sich zueignete, seine schmutzige Kleidung, schmierigen Haare, bis zu seiner vollkommenen Häßlichkeit, alles diente, in den ersten Augenblicken der Raserey, ihm die Gunst des Volks zu erwerben. Endlich, so sehr sie ihn verachteten, so sehr sie seine Uebertreibung fürchteten, bedienten sich Danton und Robespierre seiner mit desto größerer Zuversicht, als sie nie in ihm einen Nebenbuhler zu finden fürchteten. Nach seinem Tode gestand man ihm beynahe vergötternde Ehrenbezeigungen zu; auf allen öffentlichen Plätzen von Paris wurden ihm Triumphbögen und Mausoläen errichtet, und auf dem Carousselplatze baute man ihm zu Ehren eine Pyramide, in denen Innern man seine Büste, sein Schreibzeug, seine Lampe xc. aufstellte. Zwey Monate darauf, den 9. Thermidor selbst, gestand man ihm die Ehre des Pantheons zu. Die Dichter feyerten sein Gedächtniß im Theater und in andern Werken, und der Titel, Freund Marats, war für die Aufnahme bey den Jakobinern gültig. endlich aber brach der Unwille gegen ihn aus; seine Büste, die seine Partheygänger in allen Theatern aufgestellt hatten, wurden zerschlagen, sein Leichnam aus dem Pantheon gerissen, mit Füssen getreten und in den Koth geschleppt, und das alles von demselben Pöbel, der ihn vergöttert hatte.


Marats Tod. Hinrichtung seiner Bestraferin Marie Anne Charlotte Corday.

Endlich ist Frankreich und die Welt von dem Ungeheuer, dem Auswurfe der menschlichen Natur, dem Mordprediger Marat, durch die Hand einer Heldin, Marie Anne Charlotte Corday, der Tochter eines ehemaligen Edelmanns, d'Armand, befreyet worden. Diese von St. Saturnin de Vignaux gebürtige, in Caen in der Normandie wohnhafte Heldin, kam, bloß von Vaterlandsliebe gereizt, ohne ihr Vorhaben jemanden entdeckt zu haben, nach Paris in dem vesten Vorsatze, den abscheulichen Marat aus der Welt zu schaffen, und diesen Vorsatz, schämt euch, ihr Männer! führte die Hand eines Mädchens aus. Nach einigen Bemühungen gelung es ihr am 13ten Junius, bey dem Marat, unter dem Vorwande, eine Fürbitte für ihren zu Caen verfolgten Vater einlegen zu wollen, vorgelassen zu werden. Sie traf den Verworfenen im Bade an. Durch den kläglichen Anblick dieses dem Tode nahen Bösewichts *) ward sie anfangs gerührt; indem sie aber das Gespräch auf die in Caen befindlichen, proscribirten Deputirten richtete, erklärte Marat, daß die Guillotine das Loos dieser Deputirten und der Administratoren von [Département du Calvados|[Calvados]] seyn werde, und kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, als die Heldin ein Messer aus ihrem Busem hervorzog und es in die Brust des Ungeheuers stieß, das nur bloß noch die Worte: zu Hülfe, zu Hülfe, hervorbringen konnte, und darauf seine schwarze Seele ausbließ. Die Heldin suchte nicht zu entfliehen; sie ließ sich ohne Widerstand, ohne die geringste Erschrockenheit zu zeigen, in Verhaft nehmen. Man brachte sie in die Abtey, und während der kurzen Zeit ihrer Gefangenschaft bemerkte man beständig die vollkommenste Seelenruhe in ihren Gesprächen. Mit einem Worte, sie war ein Bild der gefesselten Tugend. Nach einem kurzen Verhöre, worin sie unter andern befragt wurde: Ob sie Mitschuldige habe? worauf sie Ja! antwortete; und welche dieselben wären? alle rechtschaffene Menschen in Frankreich, zur Antwort gab, ward sie am 17ten Julius zum Tode verurtheilt. Sie hörte dieß Urtheil aussprechen, ohne sich zu entfärben, ohne die geringste Furcht zu verrathen. Als sie den Karren, welcher sie zum Richtplatze führen sollte, bestieg, dankte sie demjenigen, welcher ihr ihre langen Haare abgeschnitten hatte. Eine ungeheure Volksmenge erwartete sie im Hofe des Justizpallasts, der größtentheils mit Weibern und weibliche Furien angefüllt war, die bey ihrer Erscheinung in ein wildes Händeklatschen und in die niedrigsten Verwünschungen ausbrachen. Die Heldin blieb unerschüttert, ihr Auge blickte Unsterblich, die Ruhe der Tugend, das Bewußtseyn einer großen That, waren ihre Begleiter. Mit der Heiterkeit eines der Vollendung nahen Heiligen näherte sie sich dem Schavotte, und reichte ihr Haupt der Guillotine dar. Es fiel; des Scharfrichters Knecht hob das blutende Haupt empor, zeigte er dem Volke, und schlug es mit der Hand. Ein allgemeines Murren mißbilligte die That dieses Verworfenen, und bewies, daß Tugend auch den Herzen der Unedelsten Ehrfurcht gebeut.

*) Als Marat wegen seiner Krankheit nicht im Convente erschien, meldete ein Mitglied, er liege an einem starken patriotischen Fieber krank. Seine eigentliche Krankheit war die venerische, und wenn das edle Wort: Patriot, in unsern Zeiten leider! nicht schon zu sehr entehrt wäre: so könnte man in Zukunft die Venusseuche das patriotische Fieber nennen.

So starb das edelste weibliche Geschöpfe; so fiel durch dessen Hand der verworfenste Bösewicht, Marat, wobey nur dieß zu bedauern ist, daß er nicht wie er verdient hätte, seinen verruchten Geist auf dem Rade aushauchte.

Marats Leichenbegängniß ward am Tage vor der Verewigung des edelsten Mädchens gehalten. Die Leichenbegleiter bestanden aus ungleich mehr Weibern, als Männern. Der Deputationen der Sectionen waren äußerst wenige. Der Berg des Convents, und die Administratoren von Paris befanden sich unter den Begleitern. Man sah auch nicht eine Thräne fließen. Man brachte das todte Ungeheuer in den Garten der Barfüßer, wo sein Leichnam unter Lösung der Canonen beygesetzt ward. Sein Herz wird von den Barfüssern aufbewahrt; sein Geist bleibt bey den Jacobinern. Auf seinem Grabe liegt ein Stein mit der Inschrift: Hier liegt Marat, der Freund des Volks, von den Feinden des Volks ermordet. Besser hätte sich folgende geschickt.

Hier fährt fort zu faulen
der lebend schon halb verfaulte
Marat,
der schwärzeste Bösewicht
den je die Erde getragen hat,
der Auswurf des menschlichen Geschlechts,
der Urheber der Bürgerkriegs in Frankreich,
der Mörder von Tausenden.
Er fiel durch die Hand des edelsten Mädchens,
dessen Namen
neben dem seinigen zu nennen
Entweyhung wäre;
Er, der seine schwarze Seele
auf dem Rade hätte aushachen sollen.
Flieh, Wanderer,
damit der verpestete Dunst
der aus seinem Grabe aufsteigt,
dich nicht tödte.
Hamburg, den 30 Julius 1793.

Quellen und Literatur

  • Historich-politisches Magazin nebst litterarischen Nachrichten, herausgegeben von Albrecht Wittenberg, beyder Rechte Licentiaten. Siebenter Jahrgang. Hamburg, 1793.
  • Moderne Biographien, oder kurze Nachrichten von dem Leben und den Thaten der berühmtesten Menschen, von Karl Reichard. Leipzig, 1811. In Commission bey Peter Hammer.