Karl X. (Frankreich)

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Carl Philipp, Graf von Artois, zweyter Bruder Ludwigs XVI., gebohren zu Versailles den 9ten Oktober 1757, vermählt den 16ten Novemb. 1773 mit Maria Theresia von Savoyen, mit der er zwey Söhne zeugte. Durch seine Liebenswürdigkeit und seine Verschwendungen berühmt, galt dieser Prinz für einen Beschützer der Wissenschaften.

Er erklärte sich vom Anfange der Revolution gegen ihre Grundsätze, und war einer der eifrigsten Vertheidiger der königlichen Vorrechte. Als er erfuhr, daß die Pariser einen Preiß auf seinen Kopf gesetzt hatten, entzog er sich mit Hülfe der Nacht der Wuth seiner Feinde und gab das erste Zeichen zur Auswanderung, indem er sich mit seiner Familie nach Turin, an den Hof seines Schwiegervaters begab.

1790 hatte der Graf Artois zu Mantua eine Zusammenkunft mit dem Kaiser Leopold und 1791 begab er sich mit dem Marschall Broglie und dem Prinz von Condé nach Worms, was die Auswanderung einer grossen Anzahl von Offiziers veranlaßte. Er hielt sich einige Zeit bey Bonn auf, kam nach Brüssel, wo die Erzherzogin Marie Christine ihm zu Ehren Feste gab, und gieng hierauf nach Wien, wo ihn der Kaiser auf die ausgezeichnetste Weise empfieng. Er war in Pilnitz bey der Zusammenkunft des Kaisers Leopold und des Königs von Preussen zugegen.

Nach der Annahme der Konstitution von 1791 lud ihn Ludwig XVI. ein, wieder an seinen Hof zurückzukehren; aber vergebens.

Er befand sich in Koblenz und rüstete sich zum Kriege; bescheinigte seine Weigerung in der Antwort an Ludwig XVI. und erließ eine heftige Proklamation gegen die Assemblee. Den 1ten Januar 1792 ward er von der ersten Gesetzgebung für klagfällig erklärt und den 19ten May ward seine konstitutionsmässige Pension von einer Million, die ihm als Bruder des Königs zukam, aufgehoben und seine Apanagerenten wurden seinen Gläubigern Preiß gegeben.

Bey dem Eindringen der feindlichen Truppen in die Champagne kommandirte er ein Korps Reiterey von Ausgewanderten.

Nach Ludwigs XVI. Tode ward er von seinem Bruder zum Generallieutenant des Königreichs Frankreich ernannt. Der Graf Artois gieng hierauf nach Petersburg, wo ihn Catharine II. mit vielem Glanze empfieng. Bevor er das Korps der Ausgewanderten verließ, schrieb er einen schmeichelhaften Brief an den Marschall Broglie und schickte ihm seine Medaillen, Diamanten und den Degen seines Sohnes, um sie zu verkaufen und mit dem Gelde den nöthigsten Bedürfnissen abzuhelfen.

Zu Ende des Jahres 1794 sicherte ihm das englische Gouvernement eine Pension zu, und er schiffte sich den 26sten July 1796 in Cuxhaven für London ein. Er gieng hierauf an Bord einer englischen Fregatte, die lange Zeit an den französischen Küsten kreuzte und den 24sten September zu Ile Dieu unter, dem Schutze der Eskadre des Commodore Warren landete, gieng aber unverrichteter Sache nach Portsmouth zurück, und lebte von da an mehrere Jahre zu Edimburg auf dem Schlosse der alten Könige von Schottland.

In dem Feldzuge von 1799 sollte er in der Schweiz zur Condé'schen Armee, die aus dem Innern von Rußland anlangte, stossen, erhielt aber noch vor seinem Abgange die Nachricht, daß der Plan der zweyten Koalition gescheitert war und blieb daher in London.

Im Februar 1800 söhnte er sich mit den Kindern des Herzogs von Orleans aus und erschien mit ihnen bey Hofe, wo der König ihnen eine Audienz gab.

Im November 1804 begab er sich nach Calmar in Schweden, er hatte daselbst eine Zusammenkunft mit seinem Bruder und seinem ältesten Sohne, der sich 1799 mit der Tochter Ludwigs XVI. vermählt hatte, und kehrte hierauf nach London zurück, wo er noch lebt.


Quellen und Literatur.

  • Moderne Biographien, oder kurze Nachrichten von dem Leben und den Thaten der berühmtesten Menschen, von Karl Reichard. Leipzig, 1811. In Commission bey Peter Hammer.