Friedrich von Kleist

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Kleist von Nollendorf.

Kleist.

Emil Friedrich Graf Kleist von Nollendorf, königl. Preußischer General der Infanterie und commandirender General in der Provinz Sachsen, ward zu Berlin im J. 1762 geboren.

Früh dem Kriegsdienst gewidmet, wohnte er bereits dem Feldzuge von 1778 bei, ward dann später Adjutant des Feldmarschalls von Möllendorf, dann im Generalstaabe angestellt, in welchem er, zum Capitän aufgerückt, die Rheincampagnen mitmachte, und durch seltene Entschlossenheit zum glücklichen Ausgange des Gefechts am 2. October 1792 beitragend, den Verdienstorden erwarb.

Nachdem er einige Jahre lang als Commandeur eines Grenadier-Bataillons bewiesen, daß auch damals schon Humanität gegen den Soldaten weiter führe als strenger Despotism, trat er 1803 in den bedeutungsvollen Wirkungskreis des vortragenden General-Adjutanten des Königs. Er muß diesen Posten trotz des Tadels des Herrn von Massenbach sehr zur Zufriedenheit seines Herrn ausgefüllt haben, denn er blieb fünf Jahre darin, und schied nur daraus, um ein nicht unbedeutendes Commando zu übernehmen.

Nach der Schlacht von Auerstädt dem König folgend, ward er unter andern von demselben an Napoleon (im Hauptquartier Osterode) abgeschickt, um auf die durch den General Bertrand gemachten Friedensvorschläge zu entgegnen. Bei der Rückkehr der vaterländischen Truppen als General-Major und Chef der Westpreußischen Brigade in Frankfurt an der Oder angestellt, erhielt er bald einen neuen Beweis des Vertrauens seines Monarchen, indem ihn dieser, als nach Schills bekanntem Auszuge der bisherige Commandant von Berlin, Chazot, diese Stelle niederlegte, dazu bestimmte; wer die damaligen Verhältnisse kennt, wird wissen, welches Maß von Fähigkeit, Energie und Gewandtheit erfodert wurde, um in diesem Posten allen Ansprüchen der Regierung zu genügen. Er hat das Problem vollkommen befriedigend gelöst.

Der Krieg von 1812 rief ein Preußisches Armee-Corps ins Feld, bei welchem der G. M. von Kleist angestellt ward, und rühmlichen Antheil an den Gefechten nahm, in welchen diese ganz gegen ihre Wünsche fechtende Truppen eben so sichre Beweise der Tapferkeit als der Hingebung in die Befehle des Königs ablegten.

Die Convention, welche General York schloß, ist bekannt. Man brauchte die dadurch erlangte Muße zu den eifrigsten Rüstungen zum Kriege gegen Frankreich, in welchem der Held sich das ewige dankbare Andenken seines Vaterlandes erringen sollte. Wir finden den General-Lieutenant von Kleist am Ende des Monats März vor Wittenberg wieder, welches damals bloquirt ward. Als die große verbündete Armee die Elbe überschritt, folgte das Corps des General-Lieutenants von Kleist dieser Bewegung über Dessau, und besetzte den Saalübergang bei Halle, dessen patriotische Bewohner die langersehnten Befreier mit Jubel aufnahmen. Am 28. April mit Uebermacht angegriffen, hielt der General den Posten mit großem Verlust den ganzen Tag, um der Stadt die Greuelscenen eines Sturms zu ersparen, und zog sich darauf über Schkeuditz zurück. Es ist wohlthuend zu erwähnen, daß die Einwohner von Halle das, was damals für sie geschehen, würdigend, sich bei der ersten Gelegenheit beeilten, ihrem Retter so rührende als achtungswerthe Beweise ihres Dankgefühls zu geben.

In der Schlacht von Bautzen fand der General-Lieutenant von Kleist zuerst Gelegenheit, seinen Feldherrnberuf auf das glänzendste zu bewähren. Unter den Augen des Kaisers Alexander und seines Königs, so wie der ganzen Armee, vertheidigte er den ganzen 20. Mai mit geringen Kräften den Spree-Uebergang bei Burg, und zog sich erst zurück, als der General Miloradowitsch Bautzen verlassen hatte, auf das schmeichelhafteste von Alexander belobt, der seinen General auf dieses ruhmwürdige Beispiel aufmerksam gemacht haben soll.

Es ist bekannt, daß der General von Kleist es war, der als Preußischer Bevollmächtigter den Waffenstillstand mit abschloß; er commandirte nach Ablauf desselben das Corps, welches nebst den Garden zur großen Oesterreichischen Armee in Böhmen stieß.

Nachdem sein Corps an der Schlacht von Dresden Antheil genommen hatte, und dem allgemeinen Rückzuge folgte, trat die Catastrophe ein, in welcher dem Helden zur die verhängnißvolle Wahl zwischen Tod oder Gefangenschaft zu bleiben schien; Vandamme war bereits auf nähern Wegen mit 40 000 Mann in Böhmen eingedrungen, der Rückzug abgeschnitten. Da faßte der General ganz von selbst den kühnen Entschluß, sich das Gebirge herab gerade in den Rücken des Feindes zu werfen. Die Lage der Dinge ward den Truppen nicht verheimlicht, ein Theil blieb zur Sicherung des eignen Rückens auf den Höhen von Peterswalde stehen, der Rest stürmte (am 30. August) in das Thal von Culm hinab, die Schlacht entscheidend, die Böhmen und einen großen Theil der verbündeten Armee rettete. So ließ die kalte Entschlossenheit des Generals und seiner Truppen Muth das ihnen zugedachte schmähliche Geschick auf den Gegner zurückfallen, und erwarb dem Helden einen Namen den die Erinnerung an diesen ruhmvollen Tag auf spätere Geschlechter fortpflanzen wird.

Wir übergehen die übrigen Gefechte in den Böhmischen Gränzgebirgen, um sogleich des Antheils zu erwähnen, den der General von Kleist an der Schlacht bei Leipzig nahm, wo er auf dem linken Flügel der großen Armee bei Markkleberg, Gossa und Wachau sich aufs neue Ansprüche auf den Dank des Vaterlandes und einen Ehrenplatz in seiner Geschichte erwarb.

Das Corps des Generals bloquirte sodann Erfurt und folgte, als die französische Garnison sich in die Citadellen zurückgezogen, dem Heer nach Frankreich, wo es bei der Schlesischen Armee eben noch ankam, um die Reihe von Unfällen, die sich rasch nach einander trafen, durch das Gefecht bei Joinvillers (am 14. Febr. 1814) zu beschließen. Die großen Vortheile, welche der linke Flügel der Armee bei Laon am 9. Mai erfochten, wurden durch den Entschluß der Generale von York und von Kleist, den Feind am Abende zu überfallen, errungen. Daß sie nicht zu noch glänzerdern Resultaten führten, lag wenigstens nicht an diesen Männern. Nach dem Gefecht bei Claye (29. März), wo der General persönlich eine Brigade zum Sturm eines Vorwerks führte rückten die Armee bekanntlich vor Paris, wo der Friede eine bessere Ordnung der Dinge herstellte und befestigte.

Von dem Könige zum Grafen Kleist von Nollendorf erhoben,mit einem Infanterie-Regiment (1ste Westpreußisches, das 6te in der Armee) beliehen, folgte er dem Monarchen nach England und übernahm später das Commando der am Rheine stehen bleibenden Armee. Es war ihm bei Napoleons Rückkehr gewiß mit weiser Auswahl das Norddeutsche Bundes-Corps, so wie das 2te Preußische Corps übergeben worden. Ehe er es indeß vor der Feind führen konnte, überfiel ihn eine langwierige gefährliche Krankheit, die jede Theilnahme an den nachherigen Ereignissen hemmte.

Bei der neuen Eintheilung der Preußischen Monarchie in Provinzen und Militärabtheilungen, vernahmen die Bewohner der Provinz Sachsen mit hoher Freude, daß der König ihnen in dem Genral von Kleist einen Mann zum commandirenden General gegeben, dem der Ruf so vieler menschlichen und geselligen Tugenden vorherging. Das dabei bewiesenen Vertrauen der Königs ist eben so sehr als die frohen Hoffnungen der Unterthanen gerechtfertigt worden, und wenn das Gefühl geehrt und geliebt zugleich zu seyn, etwas Beglückendes hat, so wird der Held bei einem Rückblicke auf sein thatenreiches leben gewiß auch gern bei dem Gedanken verweilen, daß in dieser ganzen Provinz nur ein Gefühl, der dankbaren Verehrung und Liebe, für ihn herrscht.


Der General-Adjutant von Kleist.

Je weniger der Generallieutenant von Geusau dem Posten eines Kriegsministers gewachsen war, desto mehr hätte durch den General-Adjutanten von Kleist gethan werden sollen. Zum Unglück für den Preussischen Staat war aber der Oberst von Kleist weder ein Mann von Genie, noch ein Mann von Studien und Gelehrsamkeit. Auf dem wichtigen Posten, den er bekleidete, zeichnete er sich bei weitem mehr durch seine Ordnungsliebe und Pünktlichkeit, als durch Umfassungskraft und Geschicklichkeit im Impulsiren aus. Er war, um Alles mit Einem Worte zu sagen, mehr ein militärischer Geschäftsmann, als ein wirklicher Militär. Mit dieser Eigenthümlichkeit würde er unter einem Friedrich dem Zweiten zur Vortrefflichkeit aufgestiegen, und der Gegenstand lauter Lobsprüche geworden seyn; unter Friedrich Wilhelm dem Dritten aber -- der eben so wenig zu sich erhob, als er sich zu Andern, soll ich sagen herabließ oder emporhob? -- war für einen Obersten von Kleist weder Ruhm, noch Ruf zu erlangen. Es läßt sich sogar voraussetzen, daß er sich in diesem Verhältnisse von Zeit zu Zeit sehr unglücklich fühlte; denn ein braver Mann, wie der Oberst von Kleist, kann sich unmöglich wohl befinden, wenn er zu sich selbst sagen muß: Meliora video proboque, deteriora sequor; ein Schicksal, dem alle Die nicht entrinnen können, denen weder ihre Individualität, noch die Umstände gestatten, sich zur Freiheit zu erheben, und die eben deswegen von dem Ideal, das in ihnen ist, mehr gemartert, als erfreuet werden.

Der Oberst von Kleist hat, so viel ich erfahren habe, seine Laufbahn als General-Adjutant vollendet. Es wird künftig von ihm, in dieser Eigenschaft, wenig mehr die Rede seyn. Desto weniger darf ein unparteiischer Memoiren-Schreiber unbemerkt lassen, daß dieser Mann durch seine gesunde Beurtheilungskraft nicht selten das Richtige und Wahre da fand, wo es den angeblich verschlagenen und listigen Staatsmännern der Preussischen Monarchie entschlüpfte. Der Krieg mit Frankreich war beschlossen: die Anstalten dazu wurden von allen Seiten her gemacht; ein Theil der Armee war sogar schon in Bewegung nach der Elbe und Saale; und noch immer dauerten die Mißverständnisse mit Schweden fort, indem der Graf von Haugwitz keine Ahndung davon zu haben schien, daß man, um den Einen Feind mit Erfolg angreifen zu können, den andern nicht im Rücken haben müsse. -- "Wie stehen wir mit Schweden?" fragte der Oberst von Kleist den Minister der auswärtigen Angelegenheiten in einer von den vielen Conferenzen, die während des Sommers von 1806 in Charlottenburg gehalten wurden. Der Graf von Haugwitz wußte nicht, was er auf diese unerwartete Frage antworten sollte; und man kann denken, daß, so beschämend auch die bloße Frage für einen Mann war, der in den Künsten der Diplomatik zu glänzen glaubte, der Oberst von Kleist es doch nicht dabei bewenden ließ, um den Grafen von Haugwitz zum Gefühl seiner Unüberlegtheit zurück zu führen. Gleichwohl war die Sache noch immer nicht im Reinen, als die Preussische Armee die Schlachten bei Auerstädt und Jena verloren hatte. Das Hohenlohische Corps nach Stettin von den Franzosen verfolgt wurde, Bedenken tragen, sich nach Stralsund zu retten.


Quellen und Literatur.

  • Conversations-Lexicon oder encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände. Stuttgart bei A. F. Macklot. 1816.
  • Gallerie Preussischer Charaktere. Aus der Französischen Handschrift übersetzt. Germanien, 1808.