Kongress von Châtillon

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Chatillon sur Seine, eine Stadt mit 37,000 Einwohnern, in Burgund, im Departement der Cote d'Or. Sie wird von der Seine in zwei Theile getheilt, davon der eine Bourg und der andere Chaumont heißt, und ist in unsere Tagen durch den Congreß merkwürdig geworden, der im Anfang des Jahres 1814 daselbst statt gehabt hat.

Es traten von Seiten der Verbündeten der Graf Stadion, der Graf Razumowsky, der Lord Castlereagh und der Baron Humboldt, von Seiten Napoleons aber der Herzog von Vicenza zusammen, um den großen Kampf auf dem Wege der Güte zu schlichten.

Die Unterhandlungen wurden am 4ten Febr. eröffnet. Die französische Regierung gab die friedfertige Stimmung zu erkennen. Aber da anzunehmen stand, daß sie dadurch nur von ihren Völkern die neuen Anstrengungen, die sie forderte, zu rechtfertigen, und Zeit zur Entwicklung ihrer Kräfte zu gewinnen suchte, ließen sich die Verbündeten nicht hindern, die Operationen auch während der Unterhandlungen fortzusetzen. Ihre Armeen drangen unaufhaltsam gegen Paris vor. Um so dringender forderte der französische Bevollmächtigte den Stillstand der Waffen; die Minister der vereinten Monarchen lehnten diesen Vorschlag ab, erboten sich aber zur Unterzeichnung der Friedenspräliminarien, die für Frankreich alle Vortheile eines Waffenstillstandes hatte, ohne für die Alliirten dessen Nachtheile mit sich zu führen. Napoleon befand sich in diesen Augenblicke auf dem entscheidenden Punkte seines Schicksals. Noch hieng es von ihm ab, Krone und Reich zu retten, so bald er sich gefallen ließ, sich auf die Gränzen zu beschränken, welche das System des Gleichgewichts und die Sicherheit von Europa forderte.

Als aber in der zweiten Hälfte des Monats die militärische Erfolge einen für ihn günstigeren Charakter anzunehmen begannen, wurden seine Hoffnungen wieder kühner. Der Herzog von Vicenza blieb ohne Instruction und die Verhandlungen stockten. Man entschloß sich deshalb zu einem entscheidenden Schritte, und übergab ihm den vollständigen Entwurf eines Präliminartractats, dessen Grundlagen denen gemäß waren, die die französische Regierung selbst in den Augenblicken der Gefahr angeboten hatte. Es vergiengen wieder 14 Tage ohne Antwort. Man setzte einen peremtorischen Termin fest.

Endlich am 15. März kam der Herzog mit einem Gegenentwurfe zum Vorschein, dessen Innhalt die Gesinnungen Napoleons nur allzudeutlich verrieth. Das Königreich Italien samt Venedig sollte dem Vicekönig, die Linien des Rheins, so wie die Niederlande Frankreich verbleiben. Holland möge wieder selbstständig werden; aber Nymwegen und ein Theil der Waal sollte an Frankreich fallen. Es sollten Entschädigungen ausgemittelt werden für die Brüder des Kaisers, für den jungen Louis Napoleon wegen des Großherzogthums Berg, und sogar auch für die Vicekönig, wegen seiner Anwartschaft auf Frankfurt.

Diese Vorschläge empfingen die Minister der verbündeten Mächte mit Verachtung, die sie verdienten. Der Congreß lößte sich augenblicklich auf.

Zwanzig Tage später unterzeichnete Napoleon die Acte seiner Thronentsagung.


Der Kongreß von Chatillon.

Vom General Sarrazin *).
Die Politik hielt gleichen Schritt mit dem Kriege, und in beider Hinsicht bieten die Jahrbücher unserer Geschichte in keinem Zeitpunkte so sonderbare Ereignisse dar, als diejenigen, welche während der ersten Monate des Jahres 1814 Statt fanden. Drei Mal ward Europa vom Glücke der Willkür Frankreichs Preis gegeben; drei Mal vereitelte das unerbittliche Geschick die weisesten Berechnungen unsers Heerführers, dessen Geschicklichkeit Alles, selbst die Launen des Zufalls, seinem Willen unterzurordnen, die Welt bisher in Erstaunen setzte. Aber hatte er in der Person dessen, der auf dem Kongresse zu Chatillon gewissermaßen über das Schicksal seiner Krone enischeiden sollte, eine zweckmäßige Wahl getroffen? Der Krieger, hätte er auch das Genie eines Conde', oder die Erfahrung eines Türenne, kann nicht die nöthige Eigenschaften besitzen, um mit Erfolg eine Negociation zu betreiben. Gewohnt, durch Feuerschlünde zu siegen, gleich Alexander dem Großen, der den Gordischen Knoten mit dem Schwerte durchhieb, fehlt ihm die Geduld, den Charakter seiner Gegner genau zu erforschen, die Gewandtheit, seine eigenen Absichten nicht durchschauen zu lassen, und die Politik, dem Scheine nach demjenigen Beifall zu geben, was er im Innern seines Herzens mißbilligt. Diese für Jeden, der die mühevolle Laufbahn der Diplomatik betritt, so unentbehrlichen Fertigkeiten sind mit der militärischen Freimüthigkeit unvereinbar. Die Lage Frankreichs im J. 1814 erinnert und an die Verlegenheit, in welcher sich Ludwig XIV. am Ende des J. 1709 befand. Er machte das Ehrgefühl der Nation rege, und die Energie der Franzosen rächte den dem Throne widerfahrnen stolzen Hohn der Alliirten. Damals hatten die Völker noch nicht den Grad des Verderbnisses erreicht, welches in unsern Tagen an die Stelle der Tugenden unserer Vorfahren getreten ist. Man halte mich nicht für einen Aristarchen der gegenwärtigen Zeit; ich urtheile nur nach authentischen Thatsachen. Zwar weiß ich wohl, daß Friedenstraktate weiter nichts sind, als ein Waffenstillstand; allein wenn man sich sonst zur Unterhandlung derselben vereinigte, so meinte man es wenigstens aufrichtig mit dem Hauptzwecke, und stritt nur über die Bedingungen. Ich gebe zu, daß man diesen Traktaten oft Klauseln einschaltete, welche deren Verletzung herbeiführen mußten, sobald die benachtheiligte Macht einen Bruch ihrem Interesse vortheilhaft erachtete. Ganz anders war es beim Kongreß zu Chatillon. Hier vereinigte man sich, um Frankreichs zu spotten, und schloß sogar einen Allianztraktat, welcher die Bande der Koalition auf 20 Jahre noch enger knüpfte, als zuvor.
Am 22. Decbr. 1813 versammelte Lord Castlereagh, der die Politik der Koalisirten leitete, alle auswärtigen Minister in seinem Hotel zu London, um über die Vorschläge des Kabinets der Tuilerien zu berathschlagen, und es ward einstimmig festgesetzt, "daß man keinen Frieden mit dem Kaiser Napoleon schließen wolle." Es war damals der Wille des Prinzen Regenten, eine Proklamation an die Franzosen zu erlassen, um ihnen bekannt zu machen, daß sie nur dann Frieden mit Europa erlangen könnten, wenn sie sich der Familie der Bourbons unterwürfen. Dieß war auch Lord Castlereagh's Meinung. Dem Vernehmen nach widersetzte sich demselben der General Pozzo di Borgo, außerordentlicher Gesandter des Kaisers von Rußland, aufs stärkste, mit der Aeußerung: "der Kaiser Napoleon hat die Armee, die Käufer der Nationalgüter und fast alle Staatsbeamte auf seiner Seite: eine Erklärung zu Gunsten der Bourbons würde nur dazu dienen, diesen Kern der Französischen Nation zu erbittern; sind wir erst im Besitz von Paris, welches stets der Maßstab der öffentlichen Meinung in Frankreich war, so werden wir bloß in Verlegenheit seyn, den Eifer der Franzosen, allen unsern Wünschen zuvorzukommen, zu mäßigen." Dieser Rath fand Beifall. Der, welcher ihn gab, kannte Paris und Frankreich. Er war einst Deputirter in der gesetzgebenden Nationalversammlung gewesen, und stimmte im J. 1792 für die Kriegserklärung gegen das Deutsche Reich. Nach Beendigung der Sitzung kehrte er nach Corsika zurück, verließ diese Insel mit den Engländern, als sie dieselbe räumten, und trat hierauf als kaiserlicher Rath in Russische Dienste. Herr Pozzo di Borgo vereinigt mit einem angenehmen Aeußern viel Feinheit und Weltton.
Lord Castlereagh ist 45 Jahre als; er besitzt noch mehr Verschlagenheit, als Herr Pozzo di Borgo, und hat von Pitt zwar nicht das Finanz-Genie dieses Ministers, wohl aber dessen Haß gegen Frankreich geerbt. Den meisten Ruhm hat er sich in England durch Bewirkung der Parlamentsvereinigung dieses Reichs mit Irland erworben: auch betrachtet ihn seine Landsleute, die Irländer, als den Urheber ihrer Unterjochung. Seit diesem für sie so verhängnißvollen Zeitpunkte hat er es nicht gewagt, sein Vaterland wieder zu besuchen, wo, wie man versichert, eine Gesellschaft sich durch den fürchterlichsten Eid verbunden hat, die Schmach, welche er Irland angethan hat, durch sein Blut zu rächen. Entschlossen, Pitt's System zu befolgen, übernahm er mit Freuden das Geschäft, Frankreich Gesetze vorzuschreiben. Er reiste am 27. Decbr. mit einem zahlreichen Gefolge von London ab, und kam durch Amsterdam, wo er gleich einem Könige gefeiert ward, so daß er erst am 4. Febr. zu Chatillon eintraf, wo sich der Herzog von Vicenza, der Graf Stadion, der Graf Rasumowsky und der Baron v. Humboldt bereits eingefunden hatten. Ein Abgesandte der vereinigten Staaten von Amerika hätte nicht mehr Zeit gebraucht, von Washington hierher zu kommen. Was konnte man von einer solchen Gleichgültigkeit hoffen, indem man einen schon im November 1813 mit der Bedingung der Rheingrenze zu Frankfurt vorgeschlagenen Kongreß im Februar 1814 an den Ufern der Seine eröffnete? Der Kaiser Alexander hatte noch nicht vergessen, daß der Sieg von Friedland am 14. Juni erfochten, und schon am nächst folgenden 7. Juli der Friede von Tilsit unterzeichnet war.
Die drei Minister von Oesterreich, Rußland und Preußen waren als Männer bekannt, welche ihren Monarchen in den wichtigen Verhandlungen, womit sie beauftragt gewesen waren, die ausgezeichnetsten Dienste geleistet hatten. Hätte auch der Herzog von Vicenza sie an Talenten und Erfahrungen übertroffen, so war doch der Kampf eines Mannes gegen vier zu ungleich. Man hätte den Herzog zum Chef einer Gesandtschaft ernennen, ihm drei andere anerkannt geschickte Diplomatiker, und unter ihnen den Baron von Saint-Aignan, zuordnen sollen: immer würde die Gegenwart des letztern ein sehr bitterer Tadel der wandelbaren Politik der Alliirten gewesen seyn. Der Herzog v. Vicenza, Sohn des Marquis von Caulaincourt, ist ungefähr 42 Jahre alt. Die Natur hat ihm ein sehr schönes Aeußere und viel Sinn für den Krieg gegeben. Sein Vater, Marechal-de-Camp unter der Alt-Französischen Regierung, ließ ihm eine seiner Geburt und dem Kriegsstande, welchem er ihn widmete, angemessene Erziehung geben. Herr von Caulaincourt ward, nachdem er mit Auszeichnung in den untern Graden gedient hatte, im J. 1799 Oberstlieutenant und Adjutant des Generals der Kavallerie, d'Harville. Napoleon ernannte ihn in der Folge zu seinem Großstallmeister, und sandte ihn als Ambassadeur an den Hof von St. Petersburg. Hier fand er einige Hindernisse in dem Mangel jener glücklichen Biegsamkeit, welche leichte Widerwärtigkeiten geduldig erträgt, um einen vollständigen Sieg davon zu tragen. Diese einem Diplomatiker unentbehrliche Eigenschaft, welche bei einem Krieger ein Hauptfehler seyn würde, erwirbt man nicht durch Studium, sondern sie ist ein angebornes, durch Erfahrung vervollkommnetes Talent. Ohne den Besitz desselben Diplomatiker seyn zu wollen, ist eben so lächerlich, als sich ohne musikalisches Gehör der Tonkunst zu widmen.
Dasjenige, was ich hier vom Herzoge von Vicenza gesagt habe, mag zum Beweise dienen, wie vorsichtig die Souverains in der Wahl ihrer Geschäftsführer seyn müssen, um einem jeden die für ihn geeignete Stelle anzuweisen. Wäre Herr von Caulaincourt von alten, erfahrnen Diplomatikern umgeben gewesen, so würde er zwar seinen Geschäften um deswillen keine bessere Wendung gegeben , aber wenigstens früher wahrgenommen haben, daß man unserer spottete. Die Alliirten trugen kein Bedenken, unserem Unterhändler als Ultimatum den Zustand Frankreichs vom J. 1792, und die Besetzung von sechs festen Plätzen durch die Truppen der Koalition als Garantie der Festhaltung der Traktats von Seiten Frankreichs als Ultimatum vorzuschlagen. Lord Castlereagh wußte, als er diesen Antrag veranlaßte, im voraus, daß er nicht angenommen werden würde; und wäre es geschehen, so hatte man die Absicht, nach der Besitznahme von Straßburg, Metz, Valenciennes, Lille, Perpignan und Bayonne Schwierigkeiten über die Bedingungen des Traktats zu erregen, und die Feindseligkeiten zu erneuern, um die Wiederherstellung der Bourbons zu bewirken. Man behauptet, und es ist sehr glaublich, daß der Kaiser von Oesterreich unter jenen Bedingungen den Frieden unterzeichnet haben würde; allein der Hofkriegsrath würde bald irgend einen Vorwand gefunden haben, die Absichten des Kabinets von St. James zu unterstützen. Den Rechtfertigungsgrund eines solchen Verfahrens würde der Drang der Umstände, und jenes den Mächtigen zur Befriedigung ihrer Habsucht und Rache so vortheilhafte Gesetz: Salus populi suprema lex, hergeliehen haben.
Da Chatillon von Troyes, wo das Hauptquartier der Alliirten war, nicht fern ist, so veranlaßte dieß, daß vier andre Englische Minister, die Lords Cathcart, Aberdeen, Burghersh und der General Stewart, auf dem Kongreß erschienen. Wie hätte der Herzog von Vicenza einem solchen Angriff widerstehen können? Bekanntlich führte Lord Cathcart früher den Oberbefehl bei der Expedition, welche den Dänen mitten im Frieden ihre Flotte wegnahm. Auch war er es, welcher die Verweigerung des vom Könige von Sachsen am 19. Oktober verlangten Waffenstillstandes, und die Verletzung der Kapitulation von Dresden und Danzig veranlaßte. Er war daher sehr geneigt, den Lord Castlereagh in seinen geheimen Projekten zur Erniedrigung Frankreichs zu unterstützen. Von den drei andern Ambassadeurs ist es genug, zu sagen, daß sie durch Lord Castlereagh ernannt waren, und sein ganzes Vertrauen besaßen. Sein Bruder, der General Stewart, war als Minister beim König von Preußen, und Lord Burgersh beim Kaiser von Oesterreich als Gesandter accreditirt. Lord Aberdeen war beauftragt, als Brittischer Kommissär dem Hauptquartier der Alliirten zu folgen; letzterer ist ein junger Schottischer Edelmann von Kenntnissen, aber von vielem Nationalphlegma. Um die diplomatische Schwadron des Lord Castlereagh zu Chatillon vollzählig zu machen, fehlte nur noch der Marquis Wellesley, der Besieger Tippo-Saib's, und der Bruder Lord Wellington's. Dann hätte ich dem damaligen Gerüchte Glauben beigemessen, daß die Alliirten bis zur Auslieferung der sechs Festungen die Besetzung von Paris verlangt hätten. Man würde dann nichts unterlassen haben, aus der Hauptstadt Frankreichs ein zweites Seringapatnam zu machen, wenn nicht etwa der Kaiser Alexander sich den von unsern ewigen Nebenbuhlern ergriffenen Maßregeln widersetzt hätte. Man kann sich überzeugt halten, daß dieser Haß der Engländer keineswegs bloß gegen die Anhänger der revolutionären Regierung, sondern gegen Alles, was Französisch ist, gerichtet ist. Lord Nelson schrieb am 9. Novbr. 1799 an den Herzog von Clarence: "Verderben allen Franzosen! Ich verabscheue sie alle, Royalisten und Republikaner." Lord Nelson ist für die Engländer, was Mahomet für die Muselmänner war.
Die Alliirten hatten den 10. März zur Antwort Napoleon's auf den vorgeschlagenen Friedensplan festgesetzt. Dieser schien darüber entrüstet, daß die Alliirten wieder Treue und Glauben die durch ihre Mittheilungen vom 9. Novbr., und durch ihre Proklamation vom 1. Decbr. bestimmten Grundlagen so ungescheut verletzten. In seiner Antwort ermächtigte er den Herzog von Vicenza, den Frieden zu unterzeichnen, wenn Frankreich die Rheingrenze und die Freiheit der Meere, und die Prinzen seiner Familie Entschädigungen erhielten, -- beinahe die nämlichen Bedingungen, wie beim Frieden von Amiens. Auf den Fall der Verweigerung sollte der Herzog erklären, daß er Befehl habe, den Kongreß zu verlassen und sich ins Hauptquartier Napoleon's zu begeben. Dieß war es eben, was Lord Castlereagh eifrigst wünschte. Getreu seinem Plane, sich niemals durchschauen zu lassen, schien er sehr bekümmert über die zu großen Forderungen Frankreichs. Als man ihm sagte, man verlange nur das, was die Alliirten zugesagt hätten, gestand er, man habe sich zu weit eingelassen, und ohne die Einwilligung aller Alliirten nichts bewilligen können. Er äußerte sein Bedauern, daß die Französische Lebhaftigkeit zu weit getrieben werde, und die Erfüllung des sehnlichen Wunsches der Alliirten, der Welt den Frieden zu geben, nicht gestatte.
Der schlaue Minister hatte seit dem 1. März den Friedenstraktat in seinem Portefeuille, -- jenen von ihm selbst entworfenen Frieden, welchen er Frankreich und Europa aufdringen wollte, um die Seeherrschaft und das Monopol Großbritanniens zu befestigen. Während man dem Herzog von Vicenza prachtvolle Mahlzeiten gab, und vermöge der Geschicklichkeit der Französischen Köche noch besser von ihm wieder bewirthet wurde, unterzeichnete man ohne Vorwissen unsers Ambassadeurs einen Off- und Defensiv-Traktat, durch welchen Oesterreich, Rußland Preußen und England sich ihre Staaten garantirten, und sich zu dem Ende anheischig machten, im Fall des Angriffs jede 150,000 Mann, in Allem 600,000 Mann dem gemeinschaftlichen Feinde entgegenzusetzen. Falls England sein Kontingent nicht stellen würde, sollten es ein Aequivalent desselben in Gelde bezahlen; es machte sich äußerdem während der Dauer der Kriegsoperationen zur Bezahlung einer jährlichen, unter die drei übrigen Mächte gleich zu vertheilenden Summe von 5 Millionen Pf. St. anheischig. 40 Millionen Franken jährlicher Hülfsgelder waren ein Gegenstand, welchen Regierungen, die, wie Preußen und Oesterreich, durch die letzten Kriege verarmt waren, nicht ausschlagen konnten. Auch der Kaiser von Rußland verschmähte dieß Anerbieten nicht, obwohl seine Finanzen im bessern Zustande waren, als die der andern Mächte.
Es ist klar, daß der Kongreß nur eine Lockspeise gewesen war, obgleich die Unterhändler keine Gelegenheit vorbeigehen ließen, sich mit Komplimenten zu überhäufen, welche nichts kosten, und oft einen großen Einfluß auf diplomatische Geschäfte haben. Die Mitglieder des Kongresses trennten sich den 18. März. Die Alliirten hatten aus einem höhern Tone gesprochen, als sie die schöne Vertheidigung des Generals Blücher in der Stellung von Laon erfuhren. Man sagte sogar, daß, wenn Napoleon, anstatt nach der Schlacht von Craonne der Armee von Schlesien zu folgen, gegen Soissons manövrirt hätte, um diesen Platz wieder einzunehmen, und sodann in einer Centralstellung beide Armeen zugleich im Zaum zu halten, die Alliirten alsdann vielleicht auf die Besetzung der sechs Festungen Verzicht geleistet, und den Frieden mit Bewilligung des Umfanges von Frankreich im Januar 1792 unterzeichnet haben würden. Das oben Gesagte und die officiellen Erklärungen der Englischen Minister machen es unnöthig, das Lächerliche dieser Behauptung näher darzuthun. Die Entthronung Napoleon's, die Wiederherstellung der Bourbons waren zu London am 22. Decbr. vor der Abreise des Lords Castlereagh schlüssig und unwiderruflich festgesetzt, und durch den Traktat vom 1. März aufs feierlichste bestätigt.
Wozu denn -- wird man sagen -- alle diese Konferenzen der Friedensbevollmächtigten und die Proklamation der Souverains, worin das lauteste Verlangen nach Frieden ausgedückt ist, -- wozu jenes wiederholte Andringen des Kaisers Franz, welcher fortwährend seinem Schwiegersohne anlag, die Wünsche der Koalition zu erfüllen? Alles dieses ist nur politisches Ceremoniel, um den vorgesetzten Zweck um so besser zu erreichen. Hätten die Alliirten aufrichtig den Frieden gewollt; hätte der Kaiser Franz seinen Bundesgenossen gesagt: "Schließt auf den am 9. Novbr. durch den Baron v. Saint-Aignan vorgeschlagenen Grundlagen Frieden mit Frankreich, oder ich ergreife die Gegenpartei, und fechte für das Interesse meines Schwiegersohnes und meiner Tochter;" hätte -- sage ich -- der Kaiser von Oesterreich eine so energische Sprache geführt, so wäre der Frieden vor Ende Decembers 1813 zu Mannheim unterzeichnet worden. Es ist daher die Mitwirkung des Kaisers Franz zu den Planen der Alliirten als die erste Ursache der Staatsveränderung Frankreichs zu betrachten.


Zeitungsnachrichten.

Oesterreichischer Beobachter. Freitag, den 11. Februar 1814

Nachrichten aus Langres vom 1. Februar zufolge, werden am 3. d. M. zu Chatillon sur Seine die Präliminar-Conferenzen über die Herstellung des allgemeinen Friedens eröffnet werden. Von Seiten Österreichs erscheint bei denselben der Staats- und Conferenz-Minister, Graf v. Stadion; von Seiten Rußlands der wirkliche geheime Rath und ehemalige Botschafter am k. k. Hofe, Graf v. Rasoumovsky; von Seiten Englands die Botschafter an dem keiserl. österreichischen und dem kaiserlich-russischen Hofe, Lords Aberdeen und Cathcart, und der Gesandte am kön. preußischen Hofe, Chevalier Charles Stewart; von Seiten Preußens der Staats-Minister und Gesandte am kaiserl. österreichischen Hofe, Freiherr v. Humbold; von Seiten Frankreichs der Minister der auswärtigen Angelegenheiten, Herzog v. Vicenza.
Der konigl. großbrittannische Staats-Secretär der auswärtigen Geschäfte, Lord Castlereagh, begibt sich ebenfalls nach Chatillon.
Die kriegerischen Operationen werden während dieser Verhandlungen ungestört fortgesetzt werden.


Quellen und Literatur.

  • Conversations-Lexicon oder encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände. Stuttgart bei A. F. Macklot. 1816.
  • Minerva Ein Journal historischen und politischen Inhalts. Für das Jahr 1816. Leipzig in der Expedition der Minerva.