Antoine Marie Chamans de Lavalette

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Notiz über den Herrn von La Valette.

Der kurzem in Paris zum Tode verurtheilte Herr von La Valette ist ein Pariser von Geburt, und machte sich zu Anfang der Revolution in der Nationalgarde dieser Stadt bemerkbar. Er rückte nach und nach hinauf, und wurde dann Adjutant des General Bonaparte, welcher ihn in der Folge mit der einzigen Tochter des Grafen François von Beauharnais, Schwagers der Kaiserin Josephine, verheirathete. Anfänglich war er Kommissär, dann Generaldirektor der Postverwaltung, und im J. 1800 wurde er zum Staatsrathe ernannt. Sein Hauptverbrechen bestand darin, daß er am 20. März dieses Jahres, noch bevor Bonaparte in Paris eingezogen war, die Direktion der Posten eigenmächtig wieder an sich gerissen, und seinen Vorgänger, den bekannten Ultraroyalisten, Herrn Ferrand, welcher jetzt im Senat die heftigsten Vorschläge gegen die ehemaligen Republikaner und Bonapartisten macht, vertrieben hatte. Auch wurde er beschuldigt, mit Bonaparte, als dieser noch auf Elba war, im Briefwechsel gestanden zu haben. Dieß wurde aber nicht erwiesen, und Herr La Valette wollte nur von einem Briefe wissen, welchen er im Februar dieses Jahres aus Höflichkeit an Napoleon geschrieben. Gewiß aber ist es, daß er am 20. März einen Kourrier an Bonaparte nach Fontainebleau abschickte, um ihm zu melden, daß man ihn in Paris erwarte.


Marie Chamans Graf von Lavalette.

Lavalette (Maria Chamans Graf von) Generalpostdirector in Paris, hat durch sein Betragen in der Epoche von 1815, durch den ihm darüber gemachten Proceß und durch seine unerwartete Rettung aus dem Verhafte die Aufmerksamkeit der Zeitgenossenschaft erregt.

Er war im J. 1769 geboren worden. 1789 fing er das Studium des des Rechts an, das er aber nach dem Ausbruche der Revolution wieder aufgab. Um den Verfolgungen zu entgehen, die er sich durch seine royalistische Denkart zugezogen, betrat er die militärische Laufbahn, auf der er bei seiner Erziehung, seinen Talenten und seinem Diensteifer schnelle Fortschritte machte.

Er wurde Officier im Generalstabe Custine's, und 1795 Adjutant des Generals Baraguay-d'Hilliers, der für seine Beförderung thätig sorgte, und ihm noch sterbend einen sehr schmeichelhaften Beweis seiner Achtung gab, indem er ihn zum Vormund seiner Kinder einsetzte. Am Tage nach der Schlacht von Arcole nahm ihn Bonaparte unter seine Adjutanten auf; im folgenden Jahre (1797) wohnte er, als Secretair, den Friedensunterhandlungen zu Leoben bei; im nämlichen Jahre, zur Zeit des Kampfs des gesetzgebenden Körpers gegen das Directorium, wurde er von Bonaparte nach Paris geschickt, um die Lage der Dinge einzusehen. Er schloß sich dann an die Expedition von Egypten an, nachdem er sich zuvor mit einer Nichte der ersten Gemahlin Bonaparte's vermählt hatte. Nach der Rückkehr aus den egyptischen und syrischen Feldzügen wurde er nach Deutschland gesandt, um mit den sächsischen, hessischen und andern Höfen zu unterhandeln, welche Unterhandlungen aber durch den Sieg von Hohenlinden unnöthig geworden.

In der Folge trat er von der militärischen Laufbahn ab, und wurde nach und nach von Napoleon zum Administrator der Amortisationskasse, zum Generalpostdirector und zum Staatsrath erhoben. Deßgleichen ward er Großofficier der Ehrenlegion und Commandeur des Reunionsordens.

Nach der Wiederherstellung der Bourbons 1814 verlor er die wichtige und einträgliche Stelle eines Generalpostdirectors. Hierdurch disgustirt, durch seine bisherige Laufbahn Napoleon persönlich anhänglich und durch seine Gemahlin in Verwandtschaft mit ihm stehend, war die Wiederkunft des Usurpators für ihn eine erwünschte Erscheinung, und es mochte ihm schwer seyn, voreilige Schritte zu vermeiden.

Als er Napoleons Unternehmen gelingen sah, begab er sich am 20. März Morgens, also noch vor der Ankunft desselben in Paris, in Begleitung des Generals Sebastiani, auf die Post, und erklärte dem Director Ferrand, das seine Functionen ein Ende haben, und er im Namen des Kaisers sein Amt wieder antrete. Er stellte sich dann dem Generalsecretär und den Generalverwaltern als Generalpostdirector dar. Hierauf unterzeichnete er drei Befehle, durch deren ersten er die Versendung aller Journale und sogleich auch des Amtsblatts, in welchem die königl. Proclamationen enthalten war, durch den zweiten das Abschicken der Briefschaften der Minister und des Seinepräfekten verboten, und durch den dritten den von Ferrand aufgehobenen Postenlauf nach Lyon wieder hergestellt hat. Deßgleichen erließ er den nämlichen Tag ein Umlaufschreiben an alle Postdirectoren, worin er ihnen sagte: der Kaiser werde in 3 Stunden, vielleicht noch früher, in Paris seyn, die Stadt sey voll Enthusiasmus für ihn, und es werde keinen Bürgerkrieg geben. Ueberdieß schickte er dem Usurpator, durch einen Eilboten, ein Schreiben nach Fontainebleau, nach dessen Lesung derselbe ausgerufen: "Das ist gut! Man erwartet mich in Paris." Solche Aeußerungen der Anhänglichkeit an Napoleons konnten, bei dem Mißlingen seines Unternehmens, nicht ungestraft bleiben.

Bald nach der Rückkehr des Königs wurde Lavalette arretirt, und der Proceß gegen ihn eingeleitet. Am 20. Nov. erschien er vor den Schranken des Assisenhofs zu Paris, welcher ihn am folgenden Tage zum Tode verdammte. Das Cassationsgericht, auf das er sich berufen hatte, bestätigte dieß Erkenntniß. Der 21. Dec. war zu seiner Hinrichtung bestimmt.

Den Tag zuvor kam die Gemahlin des Verurtheilten in das Gefängniß der Conciergerie, um mit ihm zu Mittag zu speisen. Sie hatte ihre zwölfjährige Tochter und eine Magd bei sich. Um 7 Uhr Abends kamen die zwei letztern an das Gitterthor, um fort zu gehn. Sie schienen die Frau v. Lavalette unter den Armen zu führen, welche in ihren Pelz eingehüllt war, einen großen Hut auf dem Kopfe hatte, und ein Saktuch vor die Augen hielt. Alle Angestellten im Gefängnisse waren gegenwärtig. Die Thüren wurden geöffnet und die besagten Personen traten hinaus. Drei Minuten später begab sich der Thurmhüter in die Kammer. Er fand die Frau Lavalette allein; ihr Gemahl war verschwunden. Von der äußersten Bestürzung ergriffen, rief er aus: "Was haben Sie gethan? Ich bin verloren!" Er wollte forteilen; aber Madame Lavalette hielt ihn, damit der Entflohene Zeit gewinne, sich zu entfernen. Als er sich von ihr losgemacht hatte, schickte er alle seine Leute auf die Strassen aus. Sie ereilten auch auf dem Pont neuf die Sänfte, in welcher die Frau von Lavalette angekommen war; aber sie fanden sie leer.

Kaum war diese Entweichung den Ministern und der Policey gemeldet, als allenthalben die sorgfältigsten Nachsuchungen angestellt wurden. Alle Thore wurden gesperrt. Der Minister der allgemeinen Policey und der Policeypräfect kamen selbst in die Conciergerie. Sämmtliche Angestellte wurden verhört, der Thurmhüter und ein Beschliesser verhaftet. Auf allen Strassen des Königreichs gingen Staffetten aus, mit der Personalbeschreibung des Entflohenen. Erst am folgenden tage frühe um 8 Uhr durften wieder Wagen zu den Thoren hinaus gegen. Alle Einwohner der Hauptstadt erhielten Befehl, eine Declaration von den Individuen zu machen, die, ohne mit regelmäßigen Schein versehen zu seyn, bei ihnen wohnten. Aber so thätig und zweckmäßig die Policey auch wirkte, so kam sie doch auf keine Spur des Entwichenen.

Die Frau von Lavalette blieb indessen im Verhafte in der Conciergerie, während das ganze Publicum die Klugheit und den aufopfernden Muth bewunderte und pries, womit sie ihre eheliche Liebe und Treue bewährt hatte. Auch die Regierung, ließ ihr Gerechtigkeit wiederfahren, indem sie sie am Ende des Januars, gegen eine von dem Gesetze geforderte Bürgschaft auf freyen Fuß stellte.

Lavalette selbst war, nach seiner Entweichung aus dem Gefängnisse, noch über 14 Tage im Verborgenen in Paris geblieben. Da er sich aber nur jenseits der französischen Gränze für sicher halten konnte, so mußte er auf Mittel sinnen, um unentdekt das Ausland zu erreichen. Zu diesem Ende wandte er sich, im Vertrauen auf den brittischen Edelmuth, an einen in der Georgenstrasse wohnenden englischen Edelmann Michael Bruce, der wegen des Antheils, den er an dem Unglük des Marschalls Ney genommen hatte, bekannt war, und bat ihn um seine Hülfe. Bruce eröffnete die Sache seinem gleichfalls zu Paris wohnenden Landsmann Robert Thomas Wilson, englischem General-Major ausser Dienst, und verabredete mit ihm einen Plan, dessen Ausführung der letztere übernahm.

Während eine englische Uniform für den Grafen Lavalette verfertigt wurde, ließ sich Wilson von dem brittischen Gesandten in Paris Pässe für den General Wallis und den Obrist Losneka geben. Am 7. Jan. Abends 10 Uhr fand sich der Entwichene bei dem in der Helderstrasse wohnenden englischen Capitän John Elias Hutchinson ein, der gleichfalls in das Geheimniß eingeweiht war. Auch Wilson, Bruce und ein anderer englischer Officier kamen dahin. Den andern Morgen um halb 8 Uhr, holte Wilson den Grafen mit einem Cabriolet ab. Hutchinson und ein Bedienter zu Pferde folgten ihnen zur Barriere hinaus nach. So fuhren sie bis Compiegne, wo Elliser mit dem Reisewagen nachkam, in den sich Wilson und der Graf wohl bewaffnet setzten. Von Paris bis Compiegne hatten mehrere Gensdarmes, mit Lavalettes Signalement in den Händen, um sie herum gestreift. Unterwegs wurden sie auf allen Stationen ausgefragt; aber der Obrist Losneka blieb immer hinterwärts sitzen, was um so nöthiger war, da den Generalpostdirector alle Postmeister und alle Postknechte kannten. In Cambray und in Valenciennes wurden die Reisenden einige Stunden aufgehalten. Doch halfen ihnen der englische Wagen und der englische General überall durch, bis sie endlich glücklich zu Mons ankamen.

Am 10 Abends war Wilson schon wieder in Paris. Er hatte der Rükweg über Maubeuge und Soissons genommen. Welchen Weg aber Lavalette von Mons aus eingeschlagen, so wie der nachherige Aufenthalt, in den er sich gerettet, ist bis jetzt nicht sicher bekannt geworden.

Kaum war Wilson wieder zurückgekommen, als er, auf Befehl des Polizeyministers, der durch aufgefangene Briefe hinter sein Geheimniß gekommen war, mit Bruce und Hutchinson verhaftet, und in die Policeypräfectur und dann in das Gefängniß Laforce gesetzt wurde.

Ihr Proceß ward dem Assisenhofe des Seinedepartements in Paris zugewiesen, der die Verhandlungen am 22. April 1816 eröffnete, und am 25. das Erkenntniß aussprach: daß die besagten 3 Engländer zur Einsperrung auf drei Monate lang verurtheilt seyn sollten; der Thurmhüter Eberle wurde, als der Nachläßigkeit schuldig, zu zweijähriger Einsperrung verdammt.

Die Frau von Lavalette war zuvor schon (15. März) durch den königl. Obergerichtshof von aller Anklage frei gesprochen worden.


Quellen und Literatur.

  • Minerva Ein Journal historischen und politischen Inhalts. Für das Jahr 1815. Leipzig in der Expedition der Minerva.
  • Conversations-Lexicon oder encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände. Stuttgart bei A. F. Macklot. 1816.