Livorno

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Livorno, berühmte Handelsstadt und Freihaven in Toscana, am mittelländischen Meere, ist regelmäßig gebaut und hat zwei italienische Meilen im Umfange.

Alle Nationen, selbst die Türken nicht ausgenommen, können sich hier niederlassen. Die Stadt hat 53,000 Einwohner, unter welchen wenigstens 18,000 Juden befindlich sind, sehr regelmäßige und wohlgebaute Straßen, einen ungemein großen Marktplatz, von welchem man durch die beiden Hauptthore aus der Stadt sehen kann, und mehrere andere merkwürdige Gebäude.

Der eigentliche unmittelbare Handel der Stadt selbst besteht, unter andern Artikeln, in Korallen, deren Fabrikation den frühesten Erwerb von Livorno ausgemacht hat. Sie werden im mittelländischen Meere, und zwar an der afrikanischen Küste, gefischt, und dann in Livorno verarbeitet. Noch vor funfzehn Jahren gab es daselbst über zwanzig Korallenfabriken, die jetzt bis auf eine heruntergekommen sind.

Livorno war noch vor ein Paar Jahrhunderten ein schlechter, ungesunder und feuchter Ort, und hat auch jetzt noch keine reine Luft: besonders fehlt es ihm an frischem Wasser, welches von Pisa hergeholt werden muß.

Alle europäische Handels-Staaten halten in Livorno ihren eigenen Consul. Unter den dortigen Nationen sind die Juden (welche nebst den Armeniern die allgemeinen Mäkler machen, viele Privilegien haben und in einem gewissen Bezirke der Stadt wohnen müssen) die reichsten, und die Griechen, die fast alle Schneider oder Kleiderhändler sind, die ärmsten. Die Engländer, welche diese Stadt Leghorn nennen, haben den größten Antheil an dem dortigen Handel. Durch die Menge der daselbst abgeschlossenen Geschäfte entsteht auch ein wichtiger Commissions-, Speditions- und Wechselhandel für die Stadt. Schon seit 1633 war der dortige Handelsverkehr lebhaft, und es wurden zur Erweiterung der Stadt, die bis dahin klein und unbedeutend gewesen war, Anstalten getroffen.

Die Protestanten haben ihren eigenen Kirchhof, auf welchem überhaupt alle evangelische Glaubensgenossen begraben werden. Der türkische Privatgottesdienst gründet sich auf einen Vertrag, kraft dessen die Toscaner die nämlichen Freiheit in der Türkei genießen.

Die Stadt hat durch das Erdbeben von 1747, mehr noch aber durch die Franzosen im Revolutionskriege, und endlich auch, besonders ihr Handel, 1804 durch das gelbe Fieber gelitten.

Von 1808 bis 1814 war sie die Hauptstadt in den französischen Departements des Mittelländischen Meers.


Von Reisende.

Philipp Joseph von Rehfues


Allgemeine Ansicht der Stadt.

Livorno liegt, ungefähr eine deutsche Meile von der Mündung des Arno entfernt, an dem tyrrhenischen Meere. Die Apenninen dehnen sich in einiger Entfernung nordwärts von derselben in das Land hinein, und bilden eine, durch das Flussthal unterbrochene, Zirkelkette, welche sich in dem Vorgebirge von Monte nero endet. Diese grosse Ebene ist flach, den Meereswellen sehr ausgesetzt, und war in ältern Zeiten beinahe nur Ein grosser Sumpf. Grosse Streken ziehen sich noch heutzutage am Arno hinauf bis in die Nähe von Pisa, und bringen einige Gegenden des Thals und der Stadt Livorno selbst in den übeln Ruf einer ungesunden Luft. Leopolds Veranstaltungen haben durch Dämme und Kanäle manches fruchtbare Stük Lands gewonnen, und der Stadt wenigstens eine gute Strasse in das Innere von Toskana erworben. Die ganze nördliche Seite des Thals ist indess weniger angebaut; besser ist es die südliche. Wenn dort grosse Sumpfstreken liegen, so sind hier fruchtbare Felder; zwischen beiden in der Mitte dehnt sich ein dünner Wald bis in Pisa's Nähe. Die Strasse dahin ist die einzige Verbindung Livorno's mit dem festen Lande Italiens.

Die Stadt selbst war im Anfang zur Vestung bestimmt. Sie ist mit Mauren und Gräben umschirmt, aber darum auch zu enge geworden. Zwei Vorstädte, die eine an der Strasse nach Pisa, die andre am Wege gegen Monte nero, nehmen die Menschenüberzahl auf. In der neusten Zeiten hat man sogar angefangen, die Festungswerke zum Ueberbauen herzugeben. Durch zwei Kastelle nur ist der Hafen noch vertheidigt. Auf beiden Seiten desselben stehen zween Thürme mitten in der See; der eine ist der Leuchtthurm; eine ähnliche Bestimmung hatte wohl auch der andre, il Marzoccho genannt.

Die Stadt ist ziemlich regelmässig gebaut. Eine gerade, breite Strasse führt von einem Ende derselben zum andern. Der nördliche Theil ist von Kanälen durchschnitten, und heisst darum Neu-Venedig. Die Beleuchtung in den Hauptstrassen ist neu und gut. Die Besazung besteht aus einigen tausend Mann. Häscher, ohne Uniform, erhalten die Polizei. Es sind unzählige Bettler in der Stadt; es wird wenig gemordet, aber viel gestohlen. Die ganze Volksmenge mag zwischen 60 - 70,000 Menschen schwanken. Die Einwohner selbst nennen eine weit grössere Zahl *).

Der Hafen ist ein Freihafen, und ziemlich sicher. Gefährlicher ist der Rhede. Dem heftigen Südwestwind (Libeccio) widerstehn die Schiffe auf derselben nur selten.

*) Im Jahr 1780 war die Bevölkerung 45,000 Seelen. Im Jahr 1805 aber betrug sie 62,009, wovon 42,219 in der Altstadt, und 19,790 in den Vorstädten lebten. Hierzu sind nun noch mehrere Tausend Fremde zu rechnen.

Quellen und Literatur.

  • Conversations-Lexicon oder encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände. Stuttgart bei A. F. Macklot. 1816.
  • Briefe aus Italien während der Jahre 1801, 1802, 1803, 1804, 1805, mit mancherlei Beilagen. Von P. J. Rehfues, Bibliothekar Seiner Königlichen Hoheit des Kronprinzen von Würtemberg. Zürich, bei H. Gessner. 1809.