Louis Ferdinand von Preußen

From NapoleonWiki
Jump to: navigation, search

Biographien.

(1811) Moderne Biographien, oder kurze Nachrichten von dem Leben und den Thaten der berühmtesten Menschen, von Karl Reichard. Leipzig, 1811. In Commission bey Peter Hammer.

(1816) Conversations-Lexicon oder encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände. Stuttgart bei A. F. Macklot. 1816.


Louis Ferdinand Prinz von Preussen.

Louis Ferdinand (eigentlich Friedrich Christian Ludwig) Prinz von Preussen, preussischer Generallieutenant und Chef eines Infanterieregiments, Sohn des Prinzen Ferdinand, jüngern Bruders von Friedrich II., geboren den 18. November 1772, gestorben auf dem Schlachtfelde bey Saalfeld den 10. Oktober 1806. -- Die Natur hatte diesen Prinzen sehr reichlich ausgestattet; er war in allen seinen Anlagen untadelhaft und würde es auch in seiner Entwickelung gewesen seyn, wenn ihn nicht Eins gefehlt hätte, was einem Prinzen gerade am wenigsten fehlen sollte: das Vermögen, Maaß und Ziel zu halten. Sein Ungestüm frohlockte daher laut dem Zeitpunkte entgegen, wo er die Feindseligkeiten zwischen Frankreich und Preussen ausbrechen sah.

Ein Mißgriff ertheilte ihm das Kommando von der Avantgarde des Hohenlohenschen Korps, welches den linken Flügel der preussischen Armee bildet. Er stand zu Anfange des Oktobers 1806 bey Saalfeld, und hatte die ausdrückliche Instruktion des Fürsten von Hohenlohe keinen Angriff zu unternehmen. Allein seine glühende Kampfbegierde spottete aller Vorschriften seines Obergenerals, als er am 9. Oktober das Vorrücken der Franzosen in den voigtländischen Grenzpässen erfuhr. Ohne die Stärke des Feindes zu untersuchen, bot er zwey ganzen französischen Armeekorps, dem des Marschalls Augereau und dem des Marschalls Lannes mit 6000 Mann die Spitze.

Das Gefecht nahm den 10. Morgens 9 Uhr seinen Anfang und wurde mit aller Hartnäckigkeit 6 Stunden lang unterhalten, bis endlich die Uebermacht siegte, und das Schicksal des Tages durch das traurige Ende des Prinzen selbst vollends entschieden wurde. Er beynahe noch allein stellte sich dem reissenden Strome des Handgemenges entgegen, ward zuletzt von feindlichen Husaren umzingelt, und verschmähete es, sein Leben aus den Händen des Feindes anzunehmen. Eine Pistolenkugel flog durch seine Brust, und rücklings stürzte er vom Pferde.


Ferdinand, Prinz von Preussen.

Ferdinand (Ferdinand Christian Ludwig), Prinz von Preußen, gewöhnlich Louis Ferdinand, oder Prinz Louis genannt, um ihn als Sohn des Prinzen August Ferdinand von den übrigen zu unterscheiden, ward geb. den 18. Nov. 1772 und blieb in der Affaire bei Saalfeld am 10. October 1806.

Dieser Prinz ist für Preußen höchst merkwürdig geworden, da der Krieg von 1806 gegen Frankreich zum Theil sein Werk und das unglückliche Beginnen desselben bei Saalfeld zum Theil seine Schuld war. Seiner übersprudelnden Kraft und seinem glänzenden Talent fehlte nur die richtige Leitung und das Maß.

Als er im ersten Kriege Preußens gegen das revolutionirte Frankreich seine militärische Laufbahn eröffnete, als er da mit vielem Muthe focht, bei Mainz einen schwer verwundeten Oesterreicher auf seinen Schultern aus dem feindlichen Feuer trug: da erhob sich die Hoffnung auf den jungen Helden. Konnte der Prinz immer nur im Waffenrocke seyn und auf auf den Schlachtfeldern, so wäre er gewiß ein anderer Mensch geworden, als er war. Die Unthätigkeit, die dem bloß auf die Wachtparade beschränkten Generallieutenant bei seinem natürlichen Feuer peinlich werden mußte, ward ihm unerträglich, und so verfiel er auch in manche Ausschweifung.

Hierin lag die Quelle zu dem famösen Abenteuer mit Madame de Steen in Hamburg, wohin er diesem Stern der Liebe 1802 gefolgt war; hier suchte man die Ursache seiner ungeheuern Schulden, sein unverantwortliches Benehmen gegen den König, gegen den Grafen Haugwitz, gegen den französischen Gesandten, kurz gegen Alle, die seine excentrischen Ideen nicht billigten oder durch ihre politisches Verhältniß ihm gegenüber standen. Doch davon abgesehen, waltete in ihm eine glühende Liebe zur Freiheit, die nur mit seinen Einsichten nicht im Gleichgewicht stand, und ihn durch kühnes Selbstvertrauen über die Kraft des neuen Imperators von Frankreich und seiner Heere verblendete.

Das Schwert wurde gezogen, und der Prinz suchte einen wichtigen Platz bei der Armee; lange blieb, zu seinem höchsten Verdrusse, seine Bestimmung unentschieden; endlich übertrug ihm der Fürst von Hohenlohe, trotz der kräftigen Vorstellungen des Obersten Massenbach, das Commando seiner Avantgarde, und von diesem Augenblicke an näherte sich Louis Ferdinand mit starken Schritten dem unabwendbaren Verhängnisse, das seiner harrte. Das Schicksal hatte ihm eine undurchdringliche Binde vor die Augen gezogen; den daß er selbst jetzt, wo Alles auf der Spitze des Degens stand, noch nicht sah, was eigentlich Noth that, beweis't die Gleichgültigkeit, die ihn fähig machte, zu einem böhmischen Grafen zum Besuch auf die Jagd zu gehen, als die preußische Armee bereits nach Freiberg vorrückte. Dies bewog selbst den Fürsten von Hohenlohe, eine eindringliche Ermahnung an ihn ergehen zu lassen, worin er ihm sagte: "er hoffe, daß der Prinz seit 1794 zum Manne gereift sey, daß er die Truppen der Königs nicht seiner Eitelkeit, nicht dem Zeitungsruhme aufopfern werde; er werde gehorchen, und wissen, daß eine Avantgarde nicht bestimmt sey, Bataillen allein zu liefern; er solle nur richtig sehen, die Bewegungen des Feindes richtig beurtheilen u. s. w." Der Erfolg hat bewiesen, wie wenig diese Instruction vom Prinzen beachtet worden ist.

Als am 9. Oct. der General Tauenzien bei Schleiz zurückgeworfen worden, wendeten die Marschälle Lannes und Augereau sich gegen die hohenlohische Avantgarde, welche, etwa 8000 Mann stark, bei Saalfeld stand. Die erste Nachricht hiervon electrisirte den Prinzen in so hohem Grade, daß er sein ganzes militärisches Verhältniß vergaß, und sich mit dem Feinde zu messen beschloß, ehe er noch dem Fürsten von Hohenlohe Nachricht davon gab. Sogleich traf er seine Disposition, und um 9 Uhr früh am 10. Oct. waren schon die Truppen engagirt. Als Louis die Ueberzeugung erhielt, daß er nicht im Stande sey, dem fast vier Mal stärkern Feinde zu widerstehen, ordnete er mit aller Besonnenheit den Rückzug an. Im Begriffe, persönlich die Artillerie durch Saalfeld zurückzubringen, hielt er sich bei der zerbrochenen Asche einer Kanone so lange auf, daß unterdessen eine bedeutende Colonne französischer Cavallerie eingedrungen war, und die preußische und sächsische angreifen konnte. An der Spitze der Husaren brach der Prinz auf sie los; doch der Mangel an Einheit in diesem Manoeuvre ließ es mißlingen; die Schwadronen wurden in Unordnung zurückgeworfen, der Prinz in das Handgemenge verwickelt und von feindliche Husaren umzingelt. Er lehnte mit Heftigkeit den dargebotenen Pardon ab, - eine Pistolenkugel zerschmetterte seine Brust seine kühnen Plane hatten ihr Ziel gefunden; er war das erste Opfer eines Krieges, dessen erste Kanonenschüsse er seit Jahren kaum hatte erwarten können.

Der Fürst von Hohenlohe erhielt auf seinem beabsichtigten Marsche zum tauenzienschen Corps eine Viertelstunde vor Casla durch einen sächsischen Husarenoffizier die Meldung des Prinzen; "daß er glaube angegriffen zu werden," und kaum war der Fürst in Casla vom Pferde gestiegen, um einige Depeschen zu expediren, als ein Büchsenspanner Louis Ferdinands die Nachricht von seinem Falle brachte.

In der Kirche von Saalfeld wurden die Ueberreste des Bedauernswürdigen beigesetzt. "Sein Tod ist ruhmvoll und zu beklagen: er ist gestorben, wie jeder gute Soldat zu sterben wünschen muß, sagte das zweite französische Bülletin von ihm.

Seine beiden natürlichen Kinder, Louis und Blanche, wurden 1810 unter dem Namen von Wildenbruch vom Könige von Preußen in den Adelstand erhoben.

Ueber ihn sind verschiedene Urtheile verbreitet, welche wahrscheinlich erst jetzt vollkommen berichtigt werden möchten. Noch ist zu bemerken, daß er eines der größten musikalischen Genies, und nicht nur einer der ersten Clavierspieler, sondern auch trefflicher Componist war.


Bruchstück aus einem Briefe über den Leichnam des Prinzen Louis von Preussen.

Auf meiner Reise von Coburg kam ich mit meinem Gefährten nach Saalfeld, wo wir einen Tag zu bleiben beschlossen, um wo möglich die Ueberreste des hochherzigen jungen Helden zu sehen, der in den Gefilden des Todes hier seine ruhmvolle Laufbahn vollendete, und der Einzige seines erhabenen Hauses war, der dessen Jammer und das verhängnißvolle Schicksal seines Vaterlandes nicht erlebte.

Wir hatten schon früher erfahren, das der Leichnam des Prinzen Louis nicht mehr gezeigt würde, und es kostete uns einige Mühe, um zu dieser Ehre zu gelangen. Wir machten vor allen Dingen mit dem Küster des Orts Bekanntschaft, der von und höflich zu Tische eingeladen wurde. Ein mit Artigkeit angebotenes Geschenk und seine natürliche Gefälligkeit bewirkten es, daß er uns in die Kirche führte, wo der Leichnam in dem mit einer schweren Thüre versehenen Gewölbe der fürstlichen Gruft aufbewahrt wird. Ein schwerer Sarg von Eichenholz umschließt ihn, und drei Personen mußten alle ihre Kräfte anwenden, um den Deckel abzuheben. Thränen entstürzten meinen Augen, da ich den kahlen von einem Lorbeerkranz umwundenen Schädel, die eingefallenen Augenglieder, und den fest geschlossenen Mund, da ich die in weisse Leinen geschlagene Brust, in welcher ein großes und edles Herz geschlagen hatte, da ich die Gestalt des fürstlichen Todten kalt und stumm in ein einfaches Leichentuch eingeschlagen vor mir liegen sah. Er war einst so würdig der Retter seines Vaterlandes und der Herrmann des 19ten Jahrhunderts zu seyn! Unter den Helden der neuern Zeit, die das Loos der Schlachten mitten im Kampf ereilt hatte, war er vorzugsweise derjenige, in dessen ganzem Wesen und besonders in seinem wahrscheinlich freiwilligen Tode etwas Eigenes, und ich möchte wohl sagen, etwas Romantisches für mich gelegen hatte. Ich kann das Gefühl, das mich an seinem Sarge ergriff, nicht beschreiben. Es war eine Mischung von Wehmuth und süsser Schwärmerei, -- vielleicht war es Vaterlandsliebe. Diese Empfindung wurde noch durch äussere Einwirkung erhöht, da unser Führer unvermuthet auf der gegenüber befindlichen Orgel Klopstocks "wie sie so sanft ruhn xc." zu spielen anfieng. Der Eindruck, den die Melodie auf uns machte, ist mit Worten nicht auszudrücken. Dieser exaltirte Zustand, wo alle Nerven zu hoch gespannt waren, konnte indessen nicht von langer Dauer seyn. Er machte ruhigen Betrachtungen Platz, und wir fiengen an, den Leichnam genauer zu untersuchen.

Von den tausend Neugierigen, die vor uns diesen Ort besucht, hatte fast jeder eine Locke von dem Haupt des Prinzen als Reliquie zu erhalten gesucht, und so ist jetzt der Scheitel alle Haare beraubt. Der Körper scheint übrigens in Hinsicht der Einbalsamirung nicht unter den geschicktesten Händen gewesen zu seyn. Die Verwesung hat ihr Recht an ihm ausgeübt. Die Seiten der Wangen waren zum Theil mit Schimmel bedeckt, und der eine Nasenflügel etwas eingesunken. Dieses alles hatte indessen das Gesicht nicht entstellt. Die edeln Züge und die Spuren der ehemaligen Schönheit waren unverkennbar geblieben.

Ich faßte das Haupt des Prinzen, und hob es in die Höhe. Im Genick befand sich eine tiefe Wunde, die beinahe die Hälfte des Halses vom Körper getrennt hatte. Sie war absolut tödtlich. Fast scheint es, als ob man ihm den Tod nicht von vorn habe geben können, der gräßliche Hieb ist von hinter gekommen. Die übrigen wunden scheinen mir, so weit ich sie habe untersuchen können, minder gefährlich, und am allerwenigsten konnte ich jenen Stich, womit ein feindlicher Säbel sein Herz getroffen haben soll, entdecken. alle Kupferstiche übrigens, die ihn in Uniform und mit den Abzeichen seines hohen Ranges im Sarge erscheinen lassen, haben stark geirrt. Es ist ein weisses Leichentuch geschlagen, welches auch sehr natürlich zugeht, weil man ihm auf dem Schlachtfelde alle seine Kleider ausgezogen hatte.

Bemerkenswerth ist es übrigens, daß die Einwohner von Saalfeld an jenem Tage so erschüttert waren, daß, als des Prinzen Degen und Feldbinde von einem französischen Kavalleristen im Gasthofe zum Verkauf ausgeboten wurden, Niemand es wagte sie zu kaufen. Es hätte sich warlich der Mühe verlohnt, Besitzer dieser Dinge zu seyn. Mir würden sie wenigstens schätzbarer gewesen seyn als eine Toilette einer römischen Dame vor 2000 Jahren, aus den Gewölben von Herkulanum ausgegraben. Vielleicht sind jene Kleinodien in die Hände eines ehrlichen Israeliten gekommen, der sie nach dem Gewicht des Silbers und Eisens verhandelt hat.


Quellen und Literatur.

  • Moderne Biographien, oder kurze Nachrichten von dem Leben und den Thaten der berühmtesten Menschen, von Karl Reichard. Leipzig, 1811. In Commission bey Peter Hammer.
  • Conversations-Lexicon oder encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände. Stuttgart bei A. F. Macklot. 1816.
  • Anekdoten und Charakterzüge aus dem Leben des Prinzen Louis Ferdinand von Preußen mit Hinsicht auf das Charaktergemälde desselben in den vertrauen Briefen über das innere Verhältniß am Preußischen Hofe. Zweite unveränderte Auflage. Berlin, bei Friedrich Maurer, 1807.
  • Sammlung von Anekdoten und Charakterzügen auch Relationen von Schlachten und Gefechten aus den merkwürdigen Kriegen in Süd- und Nord-Deutschland in den Jahren 1805 bis 1809. Leipzig, in der Baumgärtnerschen Buchhandlung. 1811