Lucian Bonaparte

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Bonaparte (Lucian), jüngerer Bruder des Kaisers Napoleon, geboren 1772, Senator,

Lucian war anfangs bei der Administration der Armeen angestellt, verheirathete sich zu St. Maximin, ward Kriegscommissair, und im März 1797 Deputirter des Departements von Liamone beim Rathe der Fünfhundert.

Bei der Annäherung des 18ten Brümaire ward er zum Präsidenten erhoben, und wendete in der außerordentlichen Sitzung zu St. Cloud den 19ten Brümaire alle Kräfte an, die Opposition, welche sich gegen seinen Bruder erhob, aufzuhalten. Er verließ den Vorsitz in der Mitte der Bewegung, welche der Eintritt des Generals veranlaßte, legte die Zeichen seiner Würde ab, da man ihm nicht das Wort gestattete, ging aus dem Saale und stieg sogleich zu Pferde, haranguirte mit Heftigkeit die Truppen, sagte, man habe seinen Bruder ermorden wollen, und lud die Soldaten zu seiner Vertheidigung ein. Sein Muth gab den Ereignissen die Entscheidung, und der Rath der Fünfhundert ward aus einander getrieben.

Nach der Annahme der neuen Constitution erhielt er das Ministerium des Innern, welches er im October 1800 mit dem Gesandtschaftsposten in Madrid vertauschte. Zu Ende des Septembers 1801 unterzeichnete er zu Badajoz den Frieden Frankreichs mit Portugal, kam im folgenden Monat nach Paris zurück, ward den 9ten März 1802 Tribunatsmitglied, dann Minister des Innern, im Juli Großofficier der Ehrenlegion und Mitglied des Erhaltungssenats. Den 3ten Februar 1803 ward er ins Nationalinstitut zur Classe der politischen und moralischen Wissenschaften berufen; man übertrug ihm kurz darauf die Senatorie von Trier; er begab sich im Juli 1803 nach Belgien und in die Rheindepartemente, um Besitz von den der Ehrenlegion zugeschlagenen Gütern zu nehmen, und heirathete bei seiner Rückkunft die Madame Jouberteau, Wittwe eines Banquiers, indem er seine Bruders, die Monarchie von Frankreich, mit der Thronfolge für sein Haus wieder herzustellen, mißbilligte, und sich allen Planen, die derselbe in dieser Hinsicht ausführen wollte, widersetzte, so begab er sich im J. 1804 mit seiner zahlreichen Familie nach Italien, und erkaufte von der Familie Barberini die 4 Meilen von Rom gelegene schöne Villa de Nemori wo er als Privatmann, im Besitze eines großen Vermögens, für Künste und Wissenschaften eingezogen lebte.

Da ihn auch dahin die Anträge Napoleons verfolgten, und die Spaltung dadurch so sehr zunahm, daß Lucian Gewaltstreiche besorgte, so beschloß er im J. 1811 sich nach Nordamerika zu begeben. Um in diesem Vorhaben durch die Engländer nicht gestört zu werden, schrieb er dem englischen Minister am sardinischen Hof, Hill, und bat ihn um Pässe von seiner Regierung. Hill versprach es, und glaubte sich so sicher, die Pässe zu erhalten, daß er Lucian vermochte, sich einzuschiffen und nach Sardinien zu kommen. Aber die englische Regierung hatte den Paß verweigert, und als Lucian mit seiner Familie und mit allen seinen Habschaften bei Sardinien anlangte, erhielt er auch nicht einmal die Erlaubniß an das Land zu gehen. In dieser Verlegenheit fügte es sich, das Adair, der als englischer Gesandte nach Konstantinopel reiste, auf Sardinien landete, und auf Hills Verwendung es auf sich nahm, Lucian nach Maltha zu senden, wo er die weitere Entscheidung des englischen Cabinets zu erwarten hätte. Nachdem dieses die wiederholte Versicherung erhalten hatte, Lucian suche nichts, als einen ruhigen Zufluchtsort, so ertheilte es ihm zwar nicht die verlangten Pässe nach Amerika, aber die Erlaubniß nach England zu kommen, unter der Bedingung, auf Ehrenwort als Staatsgefangener daselbst zu bleiben. So kam er am 13ten Dec. 1811 am Bord der Fregatte Präsident, mit seiner Gattin, seiner 7 Kindern, und einem Gefolge von 35 Personen, im Hafen zu Plymouth an. Lord Powis räumte ihm sein Schloß Stonehause, bei Lüdlow, zum Aufenthalte ein. Er blieb daselbst einige Zeit, machte sich aber nachher in der Stadt Worcester ansäßig. Ein englischer Obrist hatte die Aufsicht auf seine Person und auf seine Correspondenz. Sein Leben war eingezogen, häuslich und wissenschaftlich, und größtentheils der Ausarbeitung eines epischen Gedichtes, zu dessen Helden er Karl den Großen gewählt hatte, gewidmet.

Da nach Napoleons Sturz sein Verhaft keinen Zweck mehr zu haben schien, so erhielt er die Erlaubniß wieder nach Rom zurück zu gehen, wo er am 27sten Mai 1814 ankam, und wohin ihm später seine Familie nachfolgte. Er fand hier die beste Aufnahme, indem ihn der Papst feierlich mit dem von ihm erkauften Canino belehnte, ihn zum römischen Fürsten ernannte, und ihm erlaubte, seinen Karl den Großen Sr. Heiligkeit zu dediciren.

Bei der entschiedenen Feindseligkeit, welche er immer gegen Napoleon geäußert hatte, war es sehr unerwartet, daß er, als dieser 1815 wieder von Elba zurück kam, sich nach Frankreich begab, und in enge Verbindung mit dem Usurpator trat. Er empfing in Paris die größten Ehrenbezeichnungen, und erhielt das Palais royal zur Wohnung.

Als aber die Siege der Alliirten das Recht des königlichen Hauses wieder geltend machten, verließ Lucian Frankreich, um nach Rom zurück zu kehren. Da er sich bei den Vorposten des Grafen Bubna meldete, so ließ ihn dieser durch einen Officier nach Turin begleiten, wo er am 11ten Juli ankam, aber sogleich als Gefangener auf die Citadelle geführt wurde. Man hatte hier mehrere Zimmer für ihn in Bereitschaft gesetzt; auch genoß er eine sehr achtungsvolle Behandlung. Uebrigens äußerte er bei seiner Verhaftnehmung: "er begreife nicht, wie man ihn als einen Gefangenen behandlen könne, da er sich stets dem Ehrgeiz seines Bruders widersetzt, und auch zuletzt noch nach Frankreich gegangen sey, um diesen zu gemäßigten Gesinnungen zu bringen."

Im September kam Lucian nach Rom zurück, da er vermöge eines Schlusses der verbündeten Höfe seine Freiheit wieder erhalten hatte. Jedoch mußte die päpstliche Regierung sich verbindlich machen, ihn, so wie die Mitglieder seiner Familie, nicht aus dem römischen Staate entkommen zu lassen.

Anekdote zur Zeitgeschichte

Als Napoleon einst seinem Bruder Lucian recht fest zusetzte, daß er sich doch zum Prinzen von Frankreich sollte erheben lassen, und es ihm frey stellte, was er für eine Krone haben wollte, sagte Lucian: "Nun wohlan - ich willige ein." - Napoleon wurde freundlich. - "So mache mich, fuhr Lucian fort, zum König von England." Seit der Zeit wagte es Napoleon nicht wieder, seinen Bruder wählen zu lassen.

Quellen und Literatur

  • Conversations-Lexicon oder encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände. Stuttgart bei A. F. Macklot. 1816.
  • Der Aufmerksame. No. 99. Samstag den 20. August. 1814. Grätz.