Ludwig Yorck von Wartenburg

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York, Graf von Wartenburg, königl. preuss. General der Infanterie, Ritter aller preußischen und vieler fremden Orden.

Wir beklagen den Mangel an zuverlässigen Materialien, der uns hindert, etwas Bestimmtes über die frühern merkwürdigen Begegnisse diese ausgezeichneten Feldherrn mitzutheilen, dessen Leben wir nur seit dem Jahre 1806 zu schildern vermögen. Er war damals Oberst und Commandeur en Chef des Jägercorps und commandirte in dem Feldzuge d. J. erst die Avant- später die Arrieregarde des Corps des Herzogs von Weimar, dessen Elbübergang er nach den Unfällen an der Saale so geschickt deckte, daß die nachdrängende feindliche Uebermacht keinen Vortheil erlangen konnte. Im Gefecht bei Wahren in Meklenburg verwundet und nach Preußen gebracht, entging er dem Schicksale der Blücherschen Armee bei Lübeck und fand dort eine Anstellung. Bei der Reorganisation des preußischen Heeres im J. 1808 ward er als Generalmajor zum Inspecteur sämmtlicher leichten Truppen ernannt. Im J. 1812 bei dem preußischen Hülfscorps*) unter Generallieutenant von Grawert angestellt, erhielt er dessen Oberbefehl, als jener General wegen Kränklichkeit das Commando niederlegte; - dieser Feldzug führte zwar einige hitzige Gefechte herbei, aber schwieriger ward die Lage des Generals, als Buonaparte dem 10. Corps den Rückzug nach der Memel befahl; er führte hier die dritte Colonne, welche, die Arrieregarde bildend am 10. Dec. 1812 von Mitau abmarschirte, verfolgt von den Abtheilungen der Generale Wittgenstein und Paulucci (die am 27. bereits in Memel einrückten), während die Vordertruppen des Feindes sich bereits an der Memel ausbreiteten.

Nicht sowohl das Kritische dieser Lage, welche wohl durch der Truppen erprobte Tapferkeit verbessert worden wäre, als vielmehr ein Blick auf die politischen Verhältnisse, veranlaßten den General von York zu der bekannten Convention vom 30. Dec. 1812, kraft welcher sich das preußische Corps von den Franzosen trennte, und unabhängig neutrale Quartiere bezog. Dieser Schritt, der gleichsam das Signal zur allgemeinen Bewegung in ganz Preußen gab, ward zwar zuerst von dem Könige, der noch durch wichtige Rücksichten beengt war, scheinbar gemißbilligt, aber nur zu bald durch die Stellung, die der Staat annahm, auf das Glänzendste gerechtfertigt. Der General hat durch diesen fürwahr nicht leichten Entschluß eben so sehr seine Umsicht und Charakterstärke beurkundet, als zu dem großen Befreiungswerke wesentlich beigetragen und zu den nachherigen Ereignissen kühn die Bahn gebrochen; denn ohne diesen würden die Russen schwerlich ihre Gränzen überschritten, wenigstens bald wiedergesehen haben.

Nachdem das geschmolzene Corps in Preußen wieder möglich completirt und ausgerüstet worden, führte es der General an die Elbe, wo es zuerst bei Danigkow (5. Apr. 1813) gegen die aus Magdeburg vorgedrungene Armee des Vicekönigs von Italien siegreich focht. Darauf theilte es in den Schlachten von Großgörschen und Bautzen die rühmlichen Anstrengungen des verbündeten Heeres und kämpfte am Tage vor letzter Schlacht (19. Mai) bei Weissig mit ruhmwürdiger Ausdauer gegen das überlegne 5te französische Armeecorps unter Sebastiani.

Während des Waffenstillstandes beträchtlich verstärkt und als erstes Corps der preußischen Armee dem schlesischen Heere unter dem General Blücher zugetheilt, nahm es entschiednen Antheil an dem Siege an der Katzbach (26. Aug.). Der General erfocht darauf, als völlig selbständig zu betrachten den Sieg über Bertrand bei Wartenburg (2. Oct. s.d. Art.) in dessen Folge das schlesische Heer seine Operationen auf das linke Elbufer übertrug. Es ist bekannt, daß er von dieser glänzenden Waffenthat den Ehrennahmen Graf York von Wartenburg führt.

Eben so selbstständig ist sein Verdienst in der Schlacht von Leipzig, da bei dem am 16. bei Möckern über Marmont erkämpften Siege des schlesischen Heers sein Corps ausschließlich den wichtigen hartnäckig vertheidigten Punkt Möckern eroberte. Eine genauere Schilderung diese mörderischen Gefechts würde hier zu weit führen; wer aber den Sang desselben genau kennt, wird sich sagen, daß nur eine so unerschütterliche Festigkeit, wie sie den General v. York auszeichnet, den Sieg fesseln konnte. Am 18. vom Schlachtfelde abmarschirt, drängte er schon wieder am 20. die fliehende Feinde bei ihrem Uebergange über die Unstrut bei Freiburg.

Als die verbündeten Heere darauf siegreich in Frankreich eingedrungen waren, fand der General zuerst wieder bei Montmirail (d. 11. Febr. 1814) Gelegenheit, seinen Feldherrnberuf aufs neue und um so sichrer zu beurkunden, da es hier die Rettung eines Verbündeten galt. Der General Sacken hatte sich zu voreilig in ein Gefecht mit Buonaparte eingelassen, das allgemach seine völlige Niederlage herbeiführte, als der Genral York auf dem Schlachtfelde erschien und durch seine Anordnungen das Gefecht, wiewohl mit eignem großem Verluste, in so weit wieder herstellte, daß Sacken wenigstens vom gänzlichen Untergange gerettet ward. Ein nicht geringeres Verdienst erwarb er sich in der Schlacht bei Laon (9. März). Dann in Gemeinschaft mit dem General von Kleist unternahm er den - nicht angeordneten, sondern bloß genehmigten - nächtlichen Angriff auf den französischen rechten Flügel, der die Zerstreuung der Corps von Marmont und Arrighi zur Folge hatte, der Schlacht erst einen entscheidenden Character gab (es wäre ohnedem bloß ein parirter Stoß gewesen) und unter andern Umständen die Vernichtung Buonaparte's herbeigeführt haben würde. Wenn dies auch bisher noch nicht im Publikum so gewürdigt worden zu seyn scheint, so hat sein König den Werth der That hinlänglich durch die Verleihung des Großkreuzes des eisernen Kreuzes anerkannt, welches nach den Statuten bloß der General erhalten kann, der als Oberbefehlshaber eine entscheidende Schlacht gewinnt.

Nach der Eroberung von Paris folgte der General dem Monarchen nach England, ward zum Grafen York von Wartenburg erhoben, mit einer ansehnlichen Dotation beliehen und zum commandirenden General in Schlesien und dem Großherzogthum Posen ernannt.

Der Krieg, den Buonaparte's Rückkehr nach Frankreich veranlaßte, rufte ihn zwar an die Spitze des 5ten preußischen Armeecorps, das sich an der Elbe und Saale sammelte, aber der Umstand, daß dieses Corps zu einer friedlichen Unthätigkeit verdammt blieb, mag wohl eben so wie einige Kränklichkeit veranlaßt haben, daß er dessen Oberbefehl niemals wirklich übernahm. Er erlitt zu dieser Zeit einen schmerzlichen, auf seine Gemüthsstimmung gewiß einflußvollen, Verlust durch den Tod des einzigen Sohnes, der als Husar im brandenburgischen Husarenregimente in dem unglücklichen Cavalleriegefechte bei Versailles (1. Juli 1815) nach der rühmlichsten Gegenwehr, mehrfach verwundet, wenige Tage darauf starb. Im Gefolge dieser Umstände hat er nach der Rückkehr des Königs um seine Entlassung, die ihm endlich, gewiß ungern, bewilligt ward. Er lebt seitdem in stiller Zurückgezogenheit auf seinen Gütern in Schlesien.


Quellen und Literatur.

  • Conversations-Lexicon oder encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände. Stuttgart bei A. F. Macklot. 1816.