Luise von Mecklenburg-Strelitz

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Luise, Königin von Preußen.

Geboren 1776. Gestorben 1810.

Luise, Königin von Preußen, geborne Herzogin von Mecklenburg-Strelitz, eine der herrlichsten Perlen im Kranze deutscher Frauen der neuesten Zeit, ausgezeichnet durch Fülle der Schönheit der Gestalt, welche der reinste Abdruck ihres herrlichen Geistes war, viel geliebt, weil sie innigst liebte, viel verherrlicht, weil sie heldenmäßig duldete, wird ewig unvergeßlich im Andenken des Deutschen bleiben, der die schwere Zeit seiner Prüfung am Anfange des neunzehnten Jahrhunderts immer lebendig im Auge behalten, und die Edlen, die sich in ihr bewährten, lobpreisen wird, so lange noch ein Blatt am Stamme der alten deutsche Eiche grünt.

Die erhabene Monarchin war am 10. März 1776 geboren. An ihrer Wiege wurde der Sturm noch nicht geahndet, der sich doch vorbereitete, um Deutschlands Grundfesten zu erschüttern; aber ihre Seele ward ausgerüstet, um denselben mit aller Kraft zu bestehen, und ihr Herz ward vorbereitet, durch ausgezeichnete Tugenden die Gewalt der Leiden zu mildern. Frei erhob sich ihr Geist, und begründete den festen Charakter, der in allen Lagen mit Standhaftigkeit auszudauern vermochten; und wahre, innige Frömmigkeit ward ihr ein Schild, den keine Gewalt zu durchbrechen vermochte.

Schon im Jahre 1793 ward sie auf den Thron erhoben, dessen Zierde sie war. Sie machte das Glück ihres erhabenen Gatten, Friedrich Wilhelms, und war der Stolz der preußischen Nation. Die Liebe hatte die herrlichen Bande geschlossen, und wie ein Engel, nicht wie eine Sterbliche erschien sie an der Seite ihres Gemahls.

Als Friedrich Wilhelm den Thron bestieg, zählte sie eben erst ein undzwanzig Jahre. Preußen hatte damals wenigen Antheil an den Kriegen, die Europa erschütterten: aber ein sicherer Blick in die Zukunft ließ den Unbefangenen außer Zweifel, daß Preußen einst lebhaften Antheil werde nehmen müssen. Der Geist des Königs war längst mit dieser trüben Zukunft beschäftiget. Luise konnte sich das nicht bergen, aber ihre Ruhe wurde dadurch noch nicht im geringsten gefährdet.

Der König, als er den Thron bestiegen, eilte durch alle Theile des Reiches, den Stand seiner Staaten mit eigenen Augen zu prüfen, und sich persönlich zu überzeugen, was das Wohl seiner Unterthanen erfordre. Luise begleitete ihren Gemahl, und durch ihre Schönheit und Liebenswürdigkeit, so wie durch ihre natürliche Heiterkeit, der Gefährtin eines unbefangenen edlen Herzens, band sie alle Geister mit dem Zauber der Liebe. Ja sie begleitete ihren Gatten selbst auf seinen militärischen Reisen, und bestieg an der Seite des Erhabenen die Gebürge Schlesiens, dessen Bewohner das Andenken ihrer Wohlthätigkeit ewig erneuern werden. Sie folgte dem Könige auch an den Rhein, wo sie die heiteren Tage ihrer Kindheit gesehen, wo sie zuerst den Gegenstand ihrer zärtlichsten Liebe erblickt hatte.

In ihrer Residenz lebte Luise zurückgezogen, häuslich; den Pflichten der Gattin und Mutter. Unermüdet folgte sie dabei dem edlen Triebe nach eigener Vollkommenheit, welchen sie auf alle zweckmäßige Weise zu befriedigen strebte. Deutschlands klassische Schriftsteller wurden gewürdiget; vor allen Schiller, Göthe, Herder; vorzugsweise der letztere, dessen Schriften den reinsten Geist der Religion athmen, und den sie daher nie aus den Händen legte. Später würdigte sie einer besonderen Aufmerksamkeit Schillers Geschichte des dreißigjährigen Krieges und des Abfalls der Niederlande; so wie Gibbons Geschichte des Verfalls des römischen Reiches. Mächtig wirkte auf ihren Geist auch Shakespears allgewaltiges Genie, gerne ließ sie die Gebilde seiner Schöpfung an ihrem geistigen Auge vorüberschweben. Auch der Muse der Tonkunst huldigte sie gerne, und nicht selten trug sie mit ihrer reinen bezaubernden Stimme des deutschen Sängers Lied dem entzückten Herzen vor.

So fand, so schuf Luise ihr Glück, bis das verhängnißvolle Jahr 1805 den ersten Orkan über Preußen heranführte. In dem Kriege jenes Jahres war die Neutralität der preußischen Lande von dem fränkischen Eroberer nicht beachtet worden. Der Königin entging nicht, welche Deutung für die Zukunft dieses Ereigniß erfordere, und heller und heller ward es vor ihrem Blicke, daß jener Eroberer nichts geringeres brüte, als Europa in seine Familie zu theilen. Der Eindruck dieser Ansicht war so lebhaft, daß ihre Gesundheit dabei litt, die bald um so mehr bedrängt wurde, da sie zärtliche Mutter eines ihrer geliebten Kinder dem Schoße der Erde übergeben mußte.

Luisens Kränklichkeit erweckte allgemeine Sorge. Man hat, man bestürmte sie, die Bäder zu Pyrmont zu besuchen, und sie folgte im Jahre 1806 dem allgemeinen Wunsche. Wirklich hatte die Reise erwünschten Erfolg: Luise hatte in Pyrmont ihren erlauchten Vater und Bruder gesehen, und mit der Frau Herzogin von Weimar die lauterste Freundschaft genossen. Sie erholte sich, und selbst Spuren der vorigen Heiterkeit zeigten sich wieder.

Bei ihrer Rückkehr kam ihr der König entgegen. Mit Rührung erkannte sie die Aufmerksamkeit, die ihr Gemah ihr durch die Verschönerung des Schlosses bezeugt hatte. Doch erfuhr sie bei ihrer Rückkunft nur allzubald auch, daß der Krieg mit Frankreich bereits fest beschlossen sey. Schwer traf sie diese Überzeugung, obschon sie keinen Hehl hatte, daß sie diesem Kriege ihren Beifall nicht versagen könne; denn sie wünschte einzig das Wohl ihres Volkes und ihres Gatten, das ohne diesen Krieg augenscheinlich gefährdet erschien. Doch falsch war die Beschuldigung des französischen Herrschers, daß sie die einzige Urheberin dieses Kampfes sey; er war beschlossen, ehe sie ihn so nahe ahndete, und die Thränen, welche sie über die Übel selbst des unvermeidlichen Krieges schon bei dem Ausbruche desselben vergoß, bewiesen nur allzudeutlich, wie fremd ihr die angeschuldigten Gesinnungen seyen.

Der Krieg begann, und schon im Beginnen traf er Preußen mit den empfindlichsten Schlägen. Der Sieger hielt es für erlaubt, auf alle mögliche Weise die treuen Unterthanen ihrem Herrn abwendig zu machen, und nun erschienen die schmählichsten Ausfälle auf den König, vorzüglich aber auf die Königin. Schwer mußte alles dieses das Herz der edlen Monarchin treffen; ihre Heiterkeit war dahin, und ein wachsender Trübsinn umflorte ihr Auge. Endlich wurde sie von einem Nervenfieber ergriffen, das ihr Leben zu bedrohen schien. Sie erholte sich doch wieder, aber noch war sie nicht halb genesen, als die französische Armee sich Königsberg nahte, und sie sich nach Memel flüchten mußte. Man besorgte das Schlimmste von diesem Vorfalle, doch die Reise hatte glückliche Folgen. Die Königin erholte sich, und schien mit mehrerer Stärke ihre Leiden zu tragen. Ja, als selbst die Lage der Dinge sich noch mehrt verschlimmerte, gebrach es ihr nicht an Muth und bewundernswürdiger Standhaftigkeit, wie folgender Brief, den sie unterm 17. Juni 1807 an ihren erhabnen Vater schrieb, und der die allgemeine Bewunderung dieser deutschen Fürstin erwecken muß, hinlänglich beweiset.

"Ich war bis zu Thränen gerührt, als ich ihren Brief vom Monat April las. wie kann ich, theuerster Vater, die wiederholten Beweise ihrer Zärtlichkeit und ihrer unvergleichlichen Güte dankbar genug erkennen? Welch ein Trost für mich in meinen Leiden, ich fühle mich neu gestärkt. Man ist nicht unglücklich, wenn man geliebt wird. Ein neues Übel bereitet sich uns vor: wir sind auf dem Punkte, das Königreich zu verlassen. Denken sie, was ich dabei empfinden muß: aber ich beschwöre sie, verkennen sie ihre Tochter nicht, und glauben sie ja nicht, daß es mir an Festigkeit gebreche. Zwei Betrachtungen erhalten mich aufrecht; die eine, daß wir nicht das Spiel des Zufalls sind, sondern eine Vorsehung über uns waltet; die andere, daß wir mit Ehre abtreten. Der König hat vor aller Welt bewiesen, wie sehr er die Ehre der Schmach vorzuziehen weiß. Preußen unterzieht sich keiner freiwilligen Sklaverei. Der König konnte nicht anders handeln, ohne seinem Charakter Gewalt anzuthun, und sein Volk zu verrathen; das muß jedem Wesen von Ehre Trost gewähren. Doch zur Sache. Die unglückliche Schlacht von Friedland hat Königsberg in die Hände der Franzosen gespielt, der Feind hält uns umschlossen, und wie die Gefahr sich mehrt, bin ich gezwungen, mit meinen Kindern Memel zu verlassen. Der König vereiniget sich mit dem russischen Kaiser. Ich werde mich nach Riga begeben, wenn die Umstände es so fordern. Gott möge mir beistehen, wenn ich gezwungen bin, das Land zu verlassen; ich werde alle Kräfte aufbieten müssen. Aber mein Blick erhebt sich zum Himmel, woher Glück und Unglück dieses Lebens strömt, und ich glaube fest, daß unsere Leiden nach unseren Kräften bemessen sind. Noch einmal, theuerster Vater, wir werden mit Ehre sinken; die Völker uns achten, und wir werden immer Freunde haben, weil wir sie verdienen. Dieser Gedanke ist über allen Ausdruck erheben. Die Ruhe, mit welcher ich mein Leiden trage, kommt aus einem reinen Bewußtseyn und einer vollkommnen Entsagung; u. s. f."

So sprach, so dachte, so war die deutsche Frau, ihrer Zeit und ihres Volkes werth. Noch war die Schaale des Wermuths nicht ganz geleert; doch sie sollte ihr ohne Abbruch werden. Die Lage der Preußen wurde mit jedem Tage gefährlicher, und schon schien alle Hoffnung verloren. endlich kam der Waffenstillstand zu Stande. Doch der Sieger behandelte den König mit Stolz, weil er sich zu Schmeicheleien nicht erniedrigen konnte. Aller Augen wendeten sich da auf die Königin; man zweifelte nicht, sie würde vor allem über den französischen Herrscher etwas vermögen. Jede andere Frau würde es vielleicht unter ihrer Würde gehalten haben, vor dem Eroberer als eine Bittende zu erscheinen. Luise aber, die auf ihr reines Herz vertraute, glaubte, daß ihr Anblick schon den Feind erschüttern und überzeugen müsse, wie sehr er sich in ihr geirret hatte. Von den besten Hoffnungen beseelt, eilte sie nach Tilsit; aber nur um Kränkungen zu erfahren; peinlich war ihre Lage. Drei Tage nur verweilte sie an dem Orte der Qual, und eilte schnell wieder nach Memel zurück.

Der Friede wurde geschlossen; aber Luisens Herz blutete ob den Bedingungen. Überdieß betrübte sie das Unglück ihrer Unterthanen, denen sie nicht einmal schnelle Hülfe bieten konnte. Die Franzosen erfüllten schlecht die geschlossenen Verträge; die Bedrückungen Preußens währten fort. Nur erst im Dezember 1807 räumten sie das Land bis an die Weichsel.

Sehnlich hatte die Königin auf die Rückkehr nach Königsberg geharrt; sehnlicher ihre Unterthanen sie erwartet. Unbeschreiblich ist der Jubel, mit welchem sie aufgenommen wurde. Ihre Lage wurde nicht tröstlicher; die Unterhandlungen mit Frankreich währten fort; doch ohne glücklichen Erfolg. Die Vorfälle in Portugall und Spanien erschütterten nicht weniger Luisens Herz. Die Sorge hielt ihre Brust befangen, selbst wenn scheinbar die Ruhe auf ihrem Antlitze thronte.

Gegen Ende des Sommers 1809 wurde Luise von einem Fieber befallen, das sich zwar bald wieder zu heben schien, doch bewies, wie sehr ihr Körper angegriffen sey. Im Oktober desselben Jahres begab sie sich nach Berlin, nicht ohne bange Ahndungen; die Jubel des Volkes hatte sie nicht freudig ergriffen. Eine Sehnsucht befiel sie das väterliche Haus wieder zu sehen, und am |21. Juni 1810 trat sie die Reise dahin wirklich an. Sie wurde auf das glänzendste in Strelitz empfangen, doch bald trat Besorgniß an die Stelle der Freude, ihre Brustschmerzen, die sie seit geraumer Zeit klagte, erhöhten sich, das Fieber erschien wieder, und schon am 19. Juli 1810 trat die Edle hinüber in die bessere Welt.

Unbeschreiblich war der Schmerz ihres königlichen Gatten, der sie mit der zärtlichsten Liebe verehrte, unbeschreiblich die Trauer der Unterthanen des gesammten Reiches. Deutschlands Verhältnisse hatten den Schmerz begründet, der sie so früh den geliebten Kreisen entzog; die Lage ihres Volkes war es, die ihr den unvertilgbaren Gram erzeugte. Doch prophetisch hatte die erhabene Fürstin das Erstehen der Deutschen vorgesehen, und wie ein Schutzgeist sah sie aus freieren Regionen den Tag der Wiedergeburt, auf welchen sie so unerschütterlich gehoft hatte.


Quellen und Literatur.

  • Neuer Plutarch, oder Kurze Lebensbeschreibungen der berühmtesten Männer und Frauen aller Nationen von den ältesten bis auf unsere Zeiten. Nach dem Französischen des Peter Blanchard neu herausgegeben, vermehrt und fortgesetzt von Friedrich Kraft. Pesth 1815, bei C. A. Hartleben.