Schlacht von Austerlitz

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Austerlitz.

Plan von der Schlacht von Austerlitz.
Schlacht bei Austerlitz von François-Pascal Simon Gérard.

Austerlitz, eine kleine Stadt von 140 Häusern in der fürstl. kaunitz-Rittbergischen Herrschaft gleichen Namens, im brünner Kreise in Mähren; sie hat ein prächtiges Schloß mit einem schönen Garten.

Dieser Ort hat eine große Berühmtheit in der neuern Geschichte erhalten, durch die Schlacht, welche hier am 2ten December 1805 von den Franzosen gegen die vereinten Oesterreicher und Russen geliefert und gewonnen worden ist, und deren Resultate der nachherige preßburger Friede (m. s. d. A.) war.

Das Terrain von Austerlitz zu gewinnen, um sich dort zu schlagen, soll Napoleon den Feldzug in Mähren verfolgt haben; denn vierzehn Tage vorher sagte er schon; "Untersucht alle diese Höhen genau; hier werdet ihr euch schlagen, ehe zwei Monate vergehen."

Seit dem 20sten November schon war Napoleon in Brünn. Als er erfuhr, daß die Kaiser Franz und Alexander von Ollmütz aus in Wischau angekommen waren, sendete er durch den General Savary ein freundliches Bewillkommungsbillet an Alexander; Savary mußte den lebhaften Wunsch nach Alexanders Freundschaft ausdrücken. Dieser antwortete dem "Chef der französischen Nation:" daß er nichts so sehr wünsche, als den Frieden in Europa mit Loyalität und auf billigen Grundlagen hergestellt zu sehen. Den Tag darauf ließ der französische Kaiser dem russischen eine Zusammenkunft vorschlagen. Fürst Dolgorucki, Alexanders Adjutant, erschien statt seiner; die Unterredung endete fruchtlos. Ein französisches Bulletin erzählt, daß dem französischen Kaiser zugemuthet worden sey, Belgien und die eiserne Krone abzutreten.

Am 1sten December wurden alle Vorbereitungen getroffen, und Napoleon feuerte seine Soldaten mit folgenden Worten an: "Soldaten! die russische Armee steht vor euch, um die österreichische wegen Ulm zu rächen. Es sind dieselben Bataillons, die ihr zu Hollabrun geschlagen, und seitdem unaufhaltsam bis hierher verfolgt habt. Unsere Positionen sind furchtbar und während sie marschiren werden, meine Rechte zu umgehen, werden sie mir die Flanke bloß geben. Soldaten! ich werde alle eure Bataillons selbst leiten; ich werde weit vom Feuer bleiben, wenn ihr mit eurer gewohnten Tapferkeit die feindlichen Glieder in Unordnung bringt. Sollte aber der Sieg nur einen Augenblick zweifelhaft seyn, so würdet ihr euern Kaiser den ersten Streichen ausgesetzt sehen. Der Sieg kann unmöglich wanken in einem Treffen, wo es auf die Ehre der französischen Infanterie ankommt. Jeder sey durchdrungen von dem großen Gedanken, daß diese Söldlinge Englands, die uns so tief hassen, überwunden werden müssen. Dieser Sieg wird unserm Feldzug ein Ende machen; wir werden in Winterquartiere ziehen und der Friede, den ich schließen werde, wird meines Volkes, eurer und meiner würdig seyn!"

Als er Abends von einer Beschauung der Positionen in sein Bivouak (eine Strohhütte ohne Dach) zurückkam, rief er aus: "dies ist der schönste Abend meines Lebens! nur der Gedanke schmerzt mich tief, daß Morgen sicher viele dieser Braven nicht mehr seyn werden! In diesem Schmerze fühle ich es aber, daß ich sie wie meine Kinder liebe!"

Um ein Uhr des Nachts war bei den Vorposten; der Feiertag seiner Krönung, der zweite December, der Tag der Schlacht war angebrochen, die auch mit dem Grauen des Morgens begann.

Die französische Armee war etwa gegen 80,000 Mann stark, und bestand aus den Corps der Marschälle Soult, Lannes und Bernadotte, aus dem größten Theile des Corps unter dem Marschall Davoust, der Reiterei unter Murat und aus der kaiserlichen Garde.

Die gegenüberstehenden Alliirten konnten eher über als unter 90,000 Mann gewesen seyn, indem man über 70,000 Russen und 20,000 Oesterreicher annimmt, die Franzosen rechnen 80,000 Russen und 25,000 Oesterreicher, dagegen die Russen 100,000 Franzosen, sich selbst aber nebst den Oesterreichern noch nicht ganz 70,000 Mann stark angeben.

Der linke russische Flügel unter Buxhöwden sollte die französische Armee auf ihrer rechten Flanke umgehen und ihr so in den Rücken fallen; doch schon bei den Dörfern Talnitz und Menitz stieß Buxhöwden auf das in der Nacht dorthin südwärts nach dem Kloster Raigern abmarschirte Corps von Davoust, und war daher gezwungen, sich gegen allen Plan zu schlagen. Die Anhöhen von Pratzen, welche die Ebenen des Schlachtfeldes beherrschten, von den Russen aber verlassen worden waren, wurden gleich beim Angriffe der französische Armee auf die russische von Soult genommen, durch welches Manöver der ganze linke Flügel der Russen abgeschnitten, und von Davoust und Soult nun in die Mitte genommen wurde. Während dessen war die ganze französische Armee unter Bernadotte, Murat und Lannes vorgerückt. Das Centrum der russischen, bei dem auch die Oesterreicher standen, commandirte Kutusow, den rechten Flügel Großfürst Constantin und der Fürst Dolgorucki; hinter ihrer Fronte standen als Reserve die kaiserliche Garde und ein Corps Infanterie unter Bagration. Nur die furchtbaren Wirkungen der gut benutzten französische Artillerie konnten die russischen Linien brechen, die lange Zeit wie unerschütterliche Mauern standen. Als das Centrum gesprengt war, rückte die russische Garde vor und warf sich gewaltig auf die Franzosen, die auf einen Augenblick in Unordnung kamen, da eins ihrer Regimenter aus einander gesprengt wurde; aber in diesem Momente rückten auch die französischen Garden vor, und nach einem blutigen Gefechte faßte Kutusow den Entschluß, sich zurückziehen; der ganzen Armee folgte nun auch der Großfürst an der Spitze der Garden; dies alles geschah in der größten Ordnung. Noch schlug sich der russische linke Flügel unter Buxhöwden, und dort litten auch die Franzosen am meisten; doch ein Unfall eigener Art betraf dies tapfere Corps, indem es versuchte, über einen zugefrornen See zu marschiren, Napoleon aber im Augenblicke seiner Ankunft auf diesem Punkte Befehl gab, mit Kartätschen auf das Eis zu schießen, wodurch diese einbrach und mehrere Tausende in den See versanken. Den Rest rettete Buxhöwden glücklich zum Hauptarmee, die in der Nacht auf den 3ten December über Uhrschitz, Czeitsch, Göding hinter die March, auf der Straße nach Ungarn, doch mit Verlust von mehr als 100 bespannten Kanonen samt allen Pulverkarren, sich zurückzog. Die Arriergarde unter Bagration wurde am 3ten December noch einmal, doch ohne bedeutenden Verlust, angegriffen.

Der russische Verlust in diesen zwei Tagen überhaupt wird französischer Seits auf 40,000 Mann an Todten und Gefangenen, in den russischen Berichten aber auf 12,000 Mann angegeben, so wie die Franzosen nur 1000 Todte und 3500 Verwundete von sich zugestehen, während Kutusow den Verlust der Franzosen auf wenigstens 18,000 schätzt.

Die endlichen Resultate dieser Schlacht waren: die Zusammenkunft Napoleons mit Franz II.; die Trennung der russischen Armee von der österreichischen, indem sie in vorgeschriebenen Etappenmärschen in drei Colonnen über preußisch Schlesien in ihr Vaterland zurückkehrte; der Waffenstillstand zwischen Frankreich und Oesterreich, und der am 26sten December zwischen beiden Mächten zu Preßburg geschlossene Friede.

Von einem Frieden zwischen Frankreich und Rußland aber war die Rede nicht gewesen, sondern die Russen blieben in Schlesien bis in den Februar 1806 stehen; der Großfürst Constantin war selbst mit dem Fürsten Dolgorucki in Berlin gewesen, um diese Armee dem Könige von Preußen zu seiner Disposition anzubieten, zu Zwecken, welche neun Monate später sich enthüllten.

In der von Napoleon nach der Schlacht erlassenen Proclamation an seine Armee vom 3ten December wurden 40 Fahnen, 120 Kanonen, 20 Generale und mehr als 30,000 Gefangene als Trophäen genannt, welche Angaben aber, wie das in den lügenhaften französischen Schlacht-Berichten immer der Fall war, sehr übertrieben sind. Auch ist die Angabe von den Tausenden, die in den Teichen um Austerlitz ertrunken seyn sollen, ganz ungegründet. Man fand nachher in diesen Teichen als man sie abließ, nichts als einige todte Pferde. Die Belohnungen und Auszeichnungen, welche Napoleon den Soldaten verhieß, die an diesem Siege Antheil gehabt hatten, wurden von den Meisten vergeblich erwartet.


Ueber die Schlacht bei Austerlitz, von einem unpartheiischen Augenzeugen.

Nachstehender Bericht von einem Kenner, der selbst in der Schlacht gegenwärtig gewesen, ist uns zum Einrücken zugesandt worden.

"Die Schlacht ohnweit Austerlitz war zwar von keiner Dauer, aber dagegen war sie unerhört mörderisch, und auf dem Russischen linken Flügel, wo die Franzosen dreimal mit großem Verlust zurückgeschlagen wurden, hat die Schlacht nahe 9 Stunden unaufhörlich fortgedauert. Man hat sich auf diesem Punkte nicht allein mit Bajonnetten angegriffen, sondern mit Flintenkolben haben die Russen getödtet.

Die Französische Armee, unter Anführung Sr. Maj. des Kaisers Napoleon, bestand aus 120,000 Mann, und war hinter den Teichen und Dörfern von Mennitz, Telnitz, Sackolnitz und Kobelnitz sehr vortheilhaft postirt. Die Oesterreichisch-Russische Armee, gegen 60000 Mann stark, marschirte den 1sten Dec. in 5 Colonnen aus die Position der Französischen Armee gegenüber, in der Art, daß das erste Treffen unter dem General en Chef Grafen Buxhövden nur 300 Faden von der Französischen Fronte zu stehen kam; das 2te Treffen unter dem General en Chef Kutusow stand um so viel zurück, und hinter diesem die Reserve unter dem Großfürsten Constantin. Die Cavallerie unter dem Fürsten Lichtenstein war auch im 2ten Treffen.

In der nemlichen Nacht erhielten die benannten Generals den Befehl, nach der von Seiten der Oesterreicher gemachten Disposition, früh um 7 Uhr die Französische Armee mit 5 Colonnen anzugreifen. Die beiden Gen. en Chefs haben auf einige Abänderung angetragen und zu den Colonnen Cavallerie verlangt; aber es hieß: die Disposition und der Angriff wären so bestimmt. Diesemnach wurde aus dem ersten Treffen die 1ste und 2te Colonne, welches den linken Flügel ausmachte, formirt; aus dem 2ten Treffen die 3te und 4te Colonne, als das Centrum; und aus der Reserve die fünfte Colonne oder der rechte Flügel. Ueberdies war noch auf dem rechten Flügel die Cavallerie-Colonne. Diese Colonne stand unter dem Fürsten Lichtenstein, die 5te unter dem Großfürsten, die 3te und 4te unter dem General Kutusow, welcher sich selbst an die Spitze der 4te Colonne gestellt hatte, und die 1ste und 2te Col. unter dem Grafen Buxhövden, der die 1ste Colonne selbst anführte.

Diese Colonne war bereits um 7 Uhr vor dem Dorfe Telnitz in zwei Treffen aufmarschirt, wo sie den Französischen rechten Flügel angriff. Die Franzosen empfingen sie mit einem heftigen Kartätschen- und Flintenfeuer; die Russen beantworteten solches erst auf der nächsten Entfernung. Der Kampf war hartnäckig und das Feuer war fürchterlich. Die Russen näherten sich unter beständigem Feuern, und Menschen fielen von beiden Seiten. Zuletzt brachen die Russen mit gefälltem Bajonnette in die Französische Fronte, welche sie standhaft empfing, und man mordete sich ohne Schonung. Die Franzosen wurden zurückgedrückt, erhielten aber bald eine große Verstärkung und preßten die Russen zurück; letztere machten hierauf einen zweiten fürchterlichen Angriff, und tournirten die Franzosen. Das Morden ward verdoppelt, und Menschenblut floß reichlich auf dem Schlachtfelde. Die Franzosen waren genöthigt, nicht allein das Dorf, sondern auch alle Anhöhen und Defileen hinter Telnitz zu verlassen, und wurden von der Colonne verfolgt.

Unterdessen hatte auch die 2te Colonne unter Gen. Lieut. Langeron die Franzosen bei Sokolnitz gepreßt, und die 1ste Colonne bereitete sich auch, diese Französische Macht durch ihr Vorrücken zu tourniren, um der 2ten Colonne die Schlacht zu erleichtern. Gegen 8 Uhr waren nun auch die 3te, 4te und 5te Col. mit ihren Colonnenköpfen aus der Linie vorgerückt, aber auch sogleich sahen sie sich von einer weit größern Macht angegriffen.

Die Franzosen forcirten das Centrum, und weil die Oesterreichisch-Russischen Colonnen so sehr weit auseinander und mit keiner Cavallerie versehen waren, so gelang es dreien Französischen Colonnen oder Divisionen, zwischen die Oesterreichisch-Russischen Colonnen durchzugehen und selbige zu tourniren. Das Feuer war von allen Seiten heftig, und die Russischen Garden gingen, fast ohne einen Schuß zu thun, mit Bajonnetten nicht allen gegen die Franz. Infanterie, sondern auch gegen die Cavallerie. Von Seiten der Russen ward alles ohne Schonung niedergemacht; zulezt aber mußten sie der Uebermacht nachgeben, und die Armee zog sich um 12 Uhr gegen Austerlitz zurück.

Die Cavallerie-Colonne hat wenig gethan, und die Avantgarde unter Fürst Bagrathion ist gar nicht zur Schlacht gekommen.

Sogleich nach dem Rückzug des Oesterreichisch-Russischen Armee wurden von der Französischen Armee 3 starke Divisionen zur Unterstützung des rechten Flügels geschickt, diese kamen also vom linken Flügel der Russen in den Rücken, und die zweite Colonne desselben war theils geschlagen, und ein Theil vereinigte sich mit der ersten Colonne, den bereits die Franzosen bis gegen Chlapanitz, wo das Französische Hauptquartier war, verfolgt hatte.

Nunmehr war aber auch die Lage dieser Colonne die sich mit so vielem Ruhm und Muth geschlagen hatte, höchst gefährlich. Verlassen von der Armee, keine Hoffnung zu einer Unterstützung, umgeben von einer großen Französischen Armee, wovon bereits 3 Divisionen mit einer starken Cavallerie derselben im Rücken standen, und diese isolirte Colonne zu vernichten droheten; - Umstände, bei denen man ganz überzeugt war, daß die Colonne, welche kaum 10000 Mann stark war, durch ein 8stündiges heftiges Gefecht geschwächt und ermüdet, sich nur durch eine Capitulation retten könnte. So höchst kritisch nun auch die Lage dieser Truppen war, so hörten sie nicht auf, unter der Leitung eines alten Kriegers (des Generals Buxhövden) allen Gefahren zu trotzen. Mit Verwunderung sah man die Entschlossenheit, mit welcher sie den Französischen Angriffen entgegen gingen, und die Standhaftigkeit, mit welcher sie alle Gefahr überwanden.

Erst gegen 4 Uhr bemerkte man Bewegungen zum Rückzug; die Franzosen verdoppelten ihre Angriffe von allen Seiten, und das Feuer wurde von beiden Theilen schrecklich wiederholt. Die Russen mußten durch das Dorf Ursd, welches schon mit Französischen Truppen besetzt war. Sie mußten sich diesen Weg öffnen; das Gefecht fing wieder an, und beide Theile schlugen sich mit Bajonnetten wie die verzweifelten. Unterdessen mußten die Franzosen der Russischen Tapferkeit weichen, und leztere gingen unter beständigem Feuern durchs Dorf, deployirten über den Canal, brachen die Brücken ab, und das Gefecht hörte nach 4 Uhr auf. Die braven Franzosen waren, selbst mit ihrer Uebermacht, müde, einem Korps zu folgen bei welchem sie jeden Schritt mit so vielem Blute erkaufen mußten.

Von beiden Seiten hat man sich über die Windstille beklagt, wodurch der Pulverrauch über dem Horizont so dick gestanden hat, daß die Menschen sich nicht auf 20 Schritt haben sehen können.

Der Kaiser von Rußland ist während der Schlacht im Centrum gewesen, und hat sich den größten Gefahren unter einem starken Kugelregen ausgesetzt. Die Französischen Scharfschützen bemerkten den Kaiser und richteten ihr Feuer immer nach ihm. Man warnte den Kaiser; seine Antwort war: "Der Kaiser von Rußland fürchtet den Tod nicht."

Die General en Chef Kutusow und Graf Buxhövden sind leicht verwundet; die General-Majors Berg, Baron Meller, Essen der 1ste, Essen der zweite, Baron Sacken, Miller, Baron Wimpfen und Prebischewsky, sind schwer verwundet und gefangen. Mehrere Staabs- und Oberoffiziere nebst Gemeinen sind geblieben, gefangen und verwundet. Man behauptet, daß die Franzosen über 10000 Mann eingebüßt haben."


Schreiben eines vornehmen Rußischen Officiers über die Kriegs-Begebenheiten in Mähren im December 1805.

-- -- -- -- -- "Allerdings mein Freund! war die Schlacht bey Austerlitz entscheidend; allein sie wurde es erst durch den unglücklichen Entschluß, den der Kayser Franz nach jenem blutigen Tage faßte. Indeß ist doch an demselben die Disciplin und der große Muth der Rußischen Truppen von neuem bewährt worden."

"Wenn in der Epoche, worin wir leben, noch etwas verwundern könnte, so würde es jener weitschweiffige, declamatorische, fast möchte ich sagen poetische Ton seyn, der in allen Berichten herrscht, die man über diese Schlacht und deren Folgen bis jetzt gelesen hat. Nirgends habe ich die Genauigkeit, noch die militärische Biederkeit, noch jene bescheidne Simplicität gefunden, welche sonst doch zur Characteristick großer Talente gehören."

"Da ich mich bey dieser Schlacht befand, und darüber, auf meinem Posten in der Armee, und als Befehlshaber einer nicht unbeträchtlichen Schaar von Kriegern, ein ziemlich genaues Detail geben kann: so mache ich es mir zur Pflicht, für Sie, mein Freund! und für andre, die sich um Wahrheit ernstlich bekümmern, die Unrichtigkeiten, womit über diese große Begebenheit alle öffentliche Blätter angefüllt sind, zu berichtigen. Ich bin zwar überzeugt, daß Ihnen, als einem Mann von Einsicht, und als einem Veteran, gewiß nicht die vielen Widersprüche und Abgeschmacktheiten in jenen Berichten entgangen seyn werden; aber es ist doch nöthig, daß Sie und ihre Freunde von denselben näher und mit Bestimmtheit unterrichtet sind; denn selbst einsichtsvolle Zweifler werden endlich dahin gebracht, unrichtige Nachrichten für wahr zu halten, wenn ihnen nicht widersprochen wird."

"Man giebt die Rußische Armee auf 80,000 Mann stark an. Dies ist nicht richtig. Alle Gattungen von Rußischen Truppen, die an diesem Tage den Franzosen die Spitze boten, überstiegen nicht 50,000 Mann. Die Oesterreicher waren 25,000 Mann stark; allein der gröste Theil derselben bestand aus neu angeworbenen Leuten, die von Soldaten nichts als den Namen und die Waffen hatten. Die Franzosen, zu denen der General Bernadotte mit seinem großen Corps noch am letzten Abend vor der Schlacht gestoßen war, waren uns dadurch wenigstens um 15,000 bis 20,000 Mann überlegen."

"Man hat, nach den Berichten, so viele Russen, und auf so mannigfaltige Weise getödtet, daß man lachen muß; aber gewiß wird kein Franzosen, als Augenzeuge die Behauptung wagen, daß er in den dortigen Gewässern, ganze Corps Russen hat ersäufen sehen. Glücklicherweise sind die Noyaden nicht mehr in der Mode! Ganz gewiß ist, daß an diesem Tage auch nicht ein einziger Russe ertrunken ist, ja daß er nicht einmal die Gelegenheit dazu hatte."

"Die Zahl der Gefangenen wird in den Zeitungs-Nachrichten, bald auf 20,000, bald auf 30,000, ja sogar auf 40,000 angegeben. Was? 40,000 Gefangene in einer Schlacht, welche die Franzosen selbst eine Riesen-Schlacht nennen, und in welcher gefochten zu haben es allein hinreichend ist, um ein Braver (un brave) genannt zu werden! 40,000 Rußische Gefangene! von Truppen, bey denen der Grundsatz herrschend ist, lieber umzukommen, als sich zu ergeben, wie sie auch seitdem bey Hollabrun es bewiesen haben. Wie könnte man die Benennung einer Reisen-Schlacht einer Bataille geben, bey welcher man so viele Gefangene gemacht hätte? Nur eine aus Poltrons zusammen gesetzte Armee kann zwanzig Generale und 40,000 Gefangene auf dem Schlachtfelde lassen. Es würde nicht allein keine Ehre bringen, mit einer solchen Armee zu kämpfen, sondern sogar schimpflich seyn, gegen dieselbe bewaffnete Soldaten anzuführen."

"Wenn man die in den gedruckten Nachrichten angegebene, und durch Nachschreibung immer wieder aufgetischte, Zahl der in der Schlacht gefallenen, der Ertrunkenen und gefangenen zusammen, so findet man eine größere Menge Soldaten, als die Stärke des ganzen Heers war, die das Schlachtfeld betrat. Wollen Sie unsern ganzen Verlust wissen? Nun, so können Sie als gewisse Wahrheit annehmen, daß er, alles zusammen gerechnet, noch nicht völlig 10,000 Mann beträgt. Man kann dreist behaupten, daß unter den Gefangenen nur sehr wenig Unverwundete sind. Der Verlust der Franzosen ist nicht geringer; ihre Officiere selbst haben dies zugestanden, und die Anzahl ihrer verlornen Generale bestätigt ihren großen Verlust. Auch war die Französische Armee an den folgenden Tagen nicht in einem Zustande, ihre erkämpften Vortheile zu verfolgen; alle jene schöne Märsche, die, zufolge der Erzählungen, gemacht wurden die Rußische Armee nach der Schlacht zu umringen, sind bloße Erdichtungen. Alles was die Franzosen am Tage nach der Schlacht thaten, war ein Versuch, die bey Urschitz postirte Arriere-Garde der Russen anzugreifen; allein nach einem Gefecht, das bis in die finstere Nacht dauerte, waren sie genöthigt, alle Hoffnung aufzugeben, die Russen aus ihrer Stellung zu vertreiben. Der darauf folgende Waffenstillstand, und das eifrige Eindringen in den Kayser Franz, die Rußischen Truppen aus seinen Staaten zu entfernen, beweisen hinreichend, daß diese Armee noch sehr im Stande war, Widerstand zu thun, und zu verhindern, daß man dem Kayser von Deutschland nicht unbedingt Gesetze vorschrieb. *) Dies wird jetzt gewiß gesehn, da er eingewilligt hat, sich einer Hülfs-Armee zu berauben, die ihn noch vertheidigen konnte und wollte."

*) Es leidet gewiß gar keinen Zweifel, daß die Russen bey Austerlitz tapfer fochten, und, nach ihrer Gewohnheit, wie die Mauern standen. Man versichert, daß der Kayser Napoleon davon überrascht worden, und gesagt habe: "Ces sont des bastions, qu'il faut demolir." ("Es sind Bastionen, die man zerstören muß.") Wie furchtbar würden die Russen seyn, wenn sie von großen Feldherren angeführt würden! welches bey aller Anerkennung der militärischen Verdienste eines Münchs, noch nie der Fall war.
v. A.

"Man hat von 120, hernach von 150, und endlich gar von 180 eroberten Canonen gesprochen. Die Ununterrichteten glaubten dies, bis glücklicher Weise der Oberst le Brun in seinem zu Paris abgestatteten Bericht diese Zahl auf 70 herabsetzte. Sie können sich darauf verlassen, mein Freund! daß den Russen nach der Schlacht noch über 200 Canonen übrig geblieben sind."

"Nun ferner: zwanzig gefangene Generale!! Es sind nur sechs in die Hände der Franzosen gefallen, von denen fünf verwundet waren. Die vor mir habende Französische Liste enthält Namen und Grade, die man durchaus nicht zusammen reimen kann. Von den darin aufgeführten Fürsten Gallitzin, Repnin und Sibirsky ist keiner General. Der erstere ist Rittmeister bey einem Husaren-Regiment, der zweyte Escadronchef bey der Reiter-Garde, und der dritte Befehlshaber eines Infanterie-Bataillons. Die beyden letzten wurden verwundet, und in diesem Zustande zu Gefangenen gemacht."

"Die Russen haben nicht mehr als sechs Fahnen verloren, dagegen haben sie auch den Franzosen verschiedene abgenommen. Was die Kayserlichen Garden betrifft, so haben diese keine einzige Fahne verloren; vielmehr hat das von dem Großfürsten Constantin commandirte Regiment der Garde zu Pferde, die Fahnen des vierten Französischen Linien-Regiments erobert."

"Bey dieser Gelegenheit muß ich ein falsches unwürdig ersonnenes Gerücht rügen, daß nämlich dieser Prinz seine Rettung der Schnelligkeit seines Pferdes zu verdanken hatte." -- -- -- -- --

"Man hat auch von einer ungezügelten Flucht (Déroute) der Rußischen Armee gesprochen. Ist es Ihnen, mein Freund! der Sie die Russen kennen, denkbar, daß sie das Schlachtfeld würden zu einer Zeit verlassen haben, da ihr geliebter Kayser Alexander selbst noch kämpfte? das Schlachtfeld, wo er, immer an den gefährlichsten Oertern und vor der Fronte seiner Truppen sich befand, auch auf demselben bis in die Nacht blieb, ohne einen Zollbreit Terrain zu verlieren. Die ganze Rußische Armee blieb hier stehen, und marschierte nicht eher ab, als bis die Gefechte auf allen Puncten aufgehört hatten."

"Der angebliche Commandeur der Kayserl. Garde konnte nicht unter den Gefangenen seyn; denn dies ist der Großfürst Constantin, der in Person commandirte, und an der Spitze der Garden gefochten hatte."

"Nachdem ich hier den Ungrund von Nachrichten gezeigt habe, deren Wahrheit oder Falschheit so leicht aufzufinden ist, so will ich das mit Stillschweigen übergehn, was man von besondern Unterredungen und vertrauten Mittheilungen des Fürsten Dolgorucky, des Savary u. a. dem Publicum vorerzählt hat. Man darf wohl hoffen, daß sie keine historische Wurzel schlagen werden. Schon der großmüthige, feste Character unsers Kaysers zeigt die Abgeschmacktheit dieser Erzählungen. Ganz Europa kennt seine uneigennützige Absichten und den edlen Zweck eines Monarchen, der über alle Verläumdung, so wie über alle Rechtfertigung erhahaben ist." -- -- -- -- --


Von Reisende.

Christian Ulrich Detlev von Eggers

Ueberhaupt sah ich, auf diesem ziemlich weiten Schlachtfelde, noch sechs Wochen nach der Schlacht, schaudervolle Spuren des Blutvergießens. Nicht blos die zahlreiche frischen Hügel aufgeworfener Erde zeugten von der ungeheuren Menge der Grabstätten. Man sah noch viele Ueberbleibsel zerbrochener Waffen, zerrissener Kleidungsstücke; man muste schließen, wie bedeckt das Feld damit gewesen war, weil selbst die bittere Armuth, die alles irgend brauchbare aufgelesen hatte, es nicht ganz säubern konnte. An mehreren Stellen musten wir wegeilen, weil der Geruch verkündete, daß wir schlecht verscharrten, halb verfaulten Pferden naheten, die noch Raben und Krähen nicht ganz verzehrt hatten. Ach! wir sahen auch noch hie und da einzelne Glieder gefallener oder verstümmelter Krieger, halbe Schädel, abgenagte Knochen, Stücke von abgefleischten Gerippen.


Quellen und Literatur.

  • Conversations-Lexicon oder encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände. Stuttgart bei A. F. Macklot. 1816.
  • Materialien zu der Geschichte der Schlacht bei Austerlitz. Gesammelt von einem Militär. 1806.
  • Kurze Uebersicht der Geschichte des zwischen Frankreich und Oesterreich und den beiderseitigen Alliirten ausgebrochenen Krieges am Ende des Jahres 1805. Nurnberg und Sulzbach, im Verlage der J. E. Seidelschen Kunst- und Buchhandlung, 1806.
  • Politisches Journal nebst Anzeige von gelehrten und andern Sachen. Hamburg in der Hoffmannschen Buchhandlung. Jahrgang 1806.
  • Minerva. Ein Journal historischen und politischen Inhalts. Herausgegeben von J. W. v. Archenholz. vormals Hauptmann in Königl. Preußischen Diensten. 1806. Im Verlage des Herausgebers und in Commission bey B. G. Hoffmann in Hamburg.
  • Reise durch Franken, Baiern, Oesterreich, Preußen und Sachsen von E. U. D. Freyherrn von Eggers Oberprocureur der Herzogthümer Schleßwig und Holstein. Ritter von Dannebrog. Leipzig, bei Gerhard Fleischer dem Jüngern. 1810.