Teatro Carignano

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Von Reisende.

Karol Fryderyk Wojda

[1798]
Ich wage es noch nicht, Ihnen eine Schilderung von dem äussern Ansehen der Stadt zu entwerfen, denn die mannigfaltigen Bilder, welche sich seit meinem hiesigen Aufenthalte davon in meiner Seele abgedrückt haben, sind zu verworren, als dass ich sie jetzt schon abzusondern und jedes einzeln darzustellen im Stande wäre. Unterdessen erlauben Sie, dass ich Sie ins Theater führe. Sie werden dort eine italiänische Oper sehen und den ungeheuren Unterschied bemerken, der sie von der französischen und der guten Deutschen unterscheidet. Das Theater, auf welchem im Sommer gespielt wird, heisst das carignanische und zwar weil es dem Fürsten dieses Nahmens gehört und auf dem Platze Carignan, seinem Pallaste gegen über, sich befindet. Ausser diesem giebt es hier noch ein grösser Theater, auf welchem aber nur zur Karnavalszeit gespielt wird. Es führt den Nahmen des Künstlers, nach dessen Zeichnungen es erbaut worden ist und heisst il teatro d'Alfieri. Ich habe noch keine Zeit und Gelegenheit es zu sehen gehabt, allein Kenner haben mich versichert, dass es zu den grössten, geschmackvollsten und prächtigsten Theatern von Italien gehört und sehr gut nach dem von Neapel aufgeführt werden könne. Wenn ich wüsste, dass es sich der Mühe lohnte, es unbeleuchtet zu sehen, so würde ich mir es gewiss zeigen lassen; allein da sich der Art Gebäude nur in den Momenten vortheilhaft darstellen, für welche sie errichtet sind, so werde ich mich wohl nie durch eigene Erfahrung davon überzeugen können. Sie müssen mir also auf mein Wort glauben, was ich Ihnen davon gesagt habe; sollten Sie aber Zweifel deswegen hegen, so ziehen Sie Volkmann und Lalande darüber zu Rathe und ich glaube, Sie werden sie beide befriedigt aus der Hand legen.
Es würde verwegen von mir seyn, wenn ich nach Ansicht eines einzigen und nicht ganz rein italienischen Theaters, den Versuch wagte, die hier gemachten Bemerkungen als auf alle theatralischen Vorstellungen in Italien passend anzugeben, oder von dem kleinen und unbedeutenden Theater Carignan auf alle übrigen schlösse. Kaum habe ich den Fuss in dieses Land gesetzt, kaum habe ich um mich blicken können und alles ist mir so neu und ungewöhnlich, dass ich aus Furcht falsch zu sehen und zu urtheilen, mich lieber jeder Bemerkung enthalte, als dass ich mich der Kränkung aussetzen sollte, in der Folge wieder zurück nehmen zu müssen, was ich hier als allgemeine Regel bestimmt hätte. Unter dieser Bedingung, die ich mir zum unverbrüchlichen Gesetz in Ansehung Alles dessen, was die verschiedenen Provinzen Italiens, die ich zu bereisen hoffe, gemeinschaftlich haben, gemacht habe, kann ich mich nur allein anheischig machen, Sie in das hiesige Theater zu führen und Sie daselbst auf dasjenige aufmerksam zu machen, was mir gestern und vorgestern in demselben aufgefallen ist.
Da die Logen vom ersten, zweiten und dritten Range alle vermiethet sind, so müssen Sie mir verzeihen, wenn ich Sie aufs Parterre führe. Zwar könnte ich, obgleich nur ein sehr neugebackener Signor Conte, Ansprüche auf einen Platz in den für die Adlichen nur allein offenen Logen machen, allein da es mit der verlangten Vorzeigung meines Diploms und noch mehr meines Stammbaumes etwas mislich aussehen könnte, so will ich lieber bescheiden mich unter diejenige Klasse von Bürgern mischen, bei welchen eigene Verdienste mehr als angeerbte gelten. Zwar erblicken Sie hier auf dem Parterre, in dem hinter den Bänken befindlichen Raume, manche Uniform, die eine hochadliche Geburt voraussetzen lässt. Allein dieses ist nicht auf alle gleich anwendbar, denn manche verbirgt einen biedern Schweizer, der, wenn er hier sich Herr von nennt, nur den Umständen nachgeben zu müssen geglaubt hat. Sollten Sie ihn in seinem Vaterlande wiedersehen, so würden Sie ihn, entblösst von allem Flitter, als einen edlen, auf seine Rechtschaffenheit nur allein stolzen Bürger finden.
Ich will vorangehen und Ihnen in den ersten Bänken einen bequemen Platz ausfindig zu machen suchen. -- Folgen Sie mir, die französische Galanterie hat sich auch hier nicht verleugnet; ein Fremder dieser Nation, den ich heute erstenmale sehe, tritt Ihnen den seinigen und was noch mehr ist, neben seiner schönen und reizenden Begleiterin ab. Sie kommen, so viel ich in der Geschwindigkeit habe erfahren können, so eben erst aus Paris und wenn das Frauenzimmer auch nicht die beste Gesellschaft seyn sollte *), so hat es hier, wo Sie beide niemand kennt und wenn sie nur artig ist, wenig zu sagen. -- Ich nehme meinen Platz auf der Bank hinter der ihrigen und stehe zu Befehle, so oft Sie mich nöthig haben werden.
*) Eine Frau von guter Gesellschaft heisst bei der französischen Armee in Italien eine wirklich verheirathete Frau. Da diese sehr selten und die meisten nur filles entretenues sind, ob sie gleich den Nahmen ihres sogenannten Gemahls führen, so muss man sich sehr in Acht nehmen, verehlichte Frauenzimmer mit ihnen in Gesellschaft zu bringen. Dies hindert jedoch nicht, dass sie sich nicht allenthalben eindringen und da sie gewöhnlich auch mehr Witz, Verstand und sogar Decenz als die verehlichten Frauen besitzen, so nimmt man es so genau mit ihnen nicht und ignorirt, was die ganze Welt weiss. Den Pariser Prüden verzeiht man es nur allein, wenn die diese Keckheit revoltirt. A. d. V.
Sie sehen, das Innere des Gebäudes fällt echt gut ins Auge, die Logen scheinen bequem und die allenthalben angebrachten Verzierungen nicht überhäuft zu seyn. Aber leer sind sie beinahe noch alle. Als ich das erstemal hier war, fand ich es eben so, wurde aber gewahr, dass sie sich in der Mitte und zu Ende des ersten Aktes allmählig anfüllten. Jemand aus dem Parterre, den ich darüber ansprach, versicherte mich, dass dieses Sitte in Turin sey. Der Adel kommt nur des Ballets wegen ins Theater und da jede Oper gewöhnlich zwanzig bis dreissigmale hinter einander wiederholt wird, so können Sie sich leicht denken, dass man sie den dritten Abend schon satt hat. Das Ballet nur allein scheint für die Turinerwelt einen immer neuen Reiz zu behalten, und soviel ich habe bemerken können, so interessirt man sich für die grotesken Tänzer am allermeisten. Während der Pantomime und der Entwickelung des Süjetz lässt sich niemand in der Unterredung stöhren, aber kaum treten die Grotesken auf, so steckt alles die Köpfe zu den Logen heraus, die Unterhaltung wird augenblicklich abgebrochen und man hört und sieht nichts, als ihre seltsamen und halsbrechenden Sprünge.
Das Orchester, wie Sie schon aus der Ouverture abnehmen, könnte besser besetzt seyn, zumal da es hier mehrere ganz geschickte Musiker giebt. Allein diese spielen nur selten an diesem Theater und man kann sie nicht anders, als in Konzerten und wenn im grossen Opernsale Vorstellungen gegeben werden, hören. Das Stück, welches gegenwärtig gespielt wird, ist ein aus den drei Sultaninnen zusammengestoppeltes und nach italiänischem Zuschnitte eingerichtetes Flickwerk; die Worte und der ganze Zusammenhang sind erbärmlich, aber die Musik hat Schönheiten, die mehr herausgehoben zu werden verdienten. Indessen werden Sie finden, dass die prima donna nicht übel singt, doch sieht man es ihr an, dass sie in ihren jüngern Jahren mehr tragische als komische Rollen gespielt haben muss, denn sie weiss sich so wenig in diese letztern zu finden, dass man mehr über ihr falsches Spiel, als über das wirklich Komische, welches darinn liegt, lachen muss. --
Ihrer Nachbarin will, wie ich höre, die Vorstellung ganz und gar nicht behagen. Aber es ist auch kein wunder, wenn man aus der Pariser Oper auf einmal in die hiesige versetzt wird. Die Decenz, der schöne Zusammenhang und der harmonische Einklang aller, wenn auch nicht ganz vollkommener Theile die sie auszeichnen, müssen einem eine Oper unausstehlich machen, in welcher sich die Schauspieler unter einander lachen, zu sprechen und allerhand Späschen erlauben, wo man es nicht so genau nimmt und ein paar Minuten zu früh oder zu spät auftritt und wo die verschiedenen Abstuffungen so grell ins Auge fallen, dass es unmöglich hält, sie an einander zu reihen. -- Indessen lassen Sie sich durch ihre beissende Anmerkungen nicht gegen alle italiänischen Theater einnehmen; dieses hier ist eines der mittelmässigsten und so wie das Land und die Einwohner noch nicht rein italiänisch. Wenn Sie die grosse Oper zu Mailand, Venedig und Neapel gesehen haben werden und wenn Sie Ihren Erwartungen eben so wenig wie diese entspricht, nun, dann brechen Sie den Stab darüber, aber bis dahin flehe ich um Gnade für das italiänische Theater.
Ehe Sie das Haus verlassen muss ich Sie bitten, einen Blick auf die grosse Mittelloge zu werfen. Sie sehen in derselben die liebenswürdige Prinzessin Carignan mit ihren beiden Hofdamen. Die Polen und Sachsen sind stolz auf diese schöne Blume und eignen sich sie beide zu. Aufgewachsen in einem kalten Klima hätte man meinen sollen, sie würde unter Italiens Himmel verpflanzt, nur um so üppiger aufschiessen. Aber es scheint, das Gegentheil davon ist erfolgt. Die schwerfällige spanische Hofetikette verbeut ihr jede natürliche Entwickelung, sie muss Prinzessin seyn, ohne Weib seyn zu dürfen, niemand versteht sie, sie darf sich niemand verständlich machen, gleich einem Kinde zerrt man sie unaufhörlich am Gängelbande des Zeremoniels herum und ihr zur Seiten sind beständig mechanische Wesen bereit, ihr Handlungen anzuempfehlen, die mit ihrem Charakter, eben so wenig, wie mit ihren Gefühlen, übereinstimmen.
Der Tross der Höflinge preiset sie glücklich, beneidet sie wohl gar deswegen; aber wen der Schimmer, der sie umgiebt, nicht blendet, fühlt nur um so mehr das Peinliche ihrer Verhältnisse, jemehr er überzeugt ist, dass häusliches, bürgerliches Glück ihr über alles geht. Als Fremde hat sie sich schneller, als es zu erwarten stand, die Liebe und Achtung des bessern Theils der Nation zu erwerben gewusst; sie ist wegen ihrer Einfachheit und ihrem vortreflichen Charakter von allen denjenigen angebetet, die mit dem spanischen, ins Lächerliche fallende Zeremoniel des Hofes gespannt sind. Was aber die Oberhofmeisterinnen und die Hofmarschälle von ihr halten, werden Sie sich leicht denken können.
Nach dem, was Sie in diesem Theater gesehen und gehört, so werden Sie gefunden haben, dass man es wohl eine, auch zwei Stunden in demselben aushalten kann. Aber bis ein Uhr nach Mitternacht dort zu sitzen, das ist für einen Fremden platterdings unmöglich. Man muss durchaus Bekannte antreffen, mit welchen man die Zeit verplaudern kann und ist dieses nicht der Fall, so möchte man schon in der zweiten Stunde vor langer Weile umkommen. Sie werden auch bemerkt haben, dass alles im Parterre schwatzt und dass die Kaufleute sogar hier Geschäfte abmachen. Dieses ist oft die Ursache, dass Personen ins Theater gehen, die ohne diese Bequemlichkeit wohl nie hieher kommen würden, wenigstens haben mich verschiedene meiner hiesigen Bekannten versichert, dass wenn sie jemand nothwendig sprechen müssen und ihn den ganzen Tag hindurch nirgends angetroffen heben, so brauchen sie nur des Abends ins Theater zu gehen, wo sie ihn gewiss finden. -- Wenn ich anders die italiänischen Theater von der Seite richtig beurtheile, so glaube ich, kann man sie mit einem Kaffeehause sehr gut vergleichen, nur mit dem Unterschiede, dass ausser den Erfrischungen auch noch Musik, Gesang und Tanz in demselben gereicht werden. Man spricht wenigstens, lacht und macht Geschäfte in jenen, eben so gut, wie in diesen ab.


Quellen und Literatur.

  • Briefe über Italien geschrieben in den Jahren 1798 und 1799 vom Verfasser der vertraulichen Briefe über Frankreich und Paris. Leipzig bey Pet. Phil. Wolf und Comp. 1802