Treffen von Halle

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Treffen von Halle.

M. Ponte-Corvo vernahm am 17. zu Eisleben, daß die Reserve des Herzogs von Würtenberg sich zu Halle befand. Er eilte dahin, langte Nachmittags an, und schlug die Preußen. Das 11. Bülletin, welches, wie alle, große Thaten mit wenig Worten berichtet, sagt davon blos, nach Angabe der Regimenter, welche den Angriff machten: "in weniger als einer Stunde war alles geworfen, und das Corps, in die vollständigste Unordnung gebracht, wurde 4 Stunden weit verfolgt. Der Erfolg des Gefechtes waren 5000 Gefangene, 4 Fahnen und 34 Kanonen". Preußischer Seits erschienen späterhin von diesem Gefechte mehrere weitläufige Privatberichte, aus welchen ich, was zu meinem Zwecke nöthig ist, sammle. Ein schon angekündigtes ganzes Buch darüber, kann ich nicht benutzen, weil die zu der Erscheinen dieser Geschichte bestimmte Zeit mir nicht erlaubt, jenes abzuwarten *).

*) Dies späterhin erschienene Werk hat den Titel: Beschreibung der Affaire bei Halle zwischen den französischen und einem preußischen Reservecorps, den 17. October 1806. Nebst einem Plan der Stadt und Gegend von Halle und 3 Beilagen. Von P. A. W. von Hinke. Leipz. 1808. gr. 8. 1thlr. 8 gr.

Man hat dem Fürsten Eugen viele Vorwürfe gemacht, ja ihn beschuldigt, er habe an dem Falle des preußischen Staates die meiste Schuld. Wenn er sich mit seiner Reserve, aus Truppen bestehend, auf deren Treue und Tapferkeit man sich verlassen konnte, weil die Ostpreußen der Patriotismus belebt, welcher manchen später mit Preußen vereinigten Völker mangelte -- wenn er mit diesen braven Soldaten früher sich zurückgezogen, alle über die Elbe führende Brücken nebst allen aufzufindenden Fahrzeugen zerstört, dann im Betreff der Havel dasselbe gethan hätte, würde er dadurch die Franzosen der Mittel beraubt haben, so schnell bis in das Herz des preußischen Staates vorzudringen, und in wenig Tagen alle seine Provinzen bis an die Oder zu überschwemmen. Diese öffentlich gemachten Vorwürfe vermochten den Prinzen sich ebenfalls öffentlich zu vertheidigen, welches im 5ten Stück der Minerva von 1807 von einem seiner Officiere, im 6ten von dem Prinzen selbst geschah. Man findet in diesen Apologien manche nähere Umstände des Gefechtes, indem sie zugleich die Ueberzeugung geben, daß es zwar allerdings in der Gewalt des Prinzen gestanden hätte, seinen Rückzug schon zu einer Zeit anzutreten, wo die Franzosen noch weit von ihm entfernt waren, daß er dann aber ohne Order eigenmächtig hätte handeln müssen. In seinem Verhältnisse möchte dieß freilich das beste gewesen seyn, doch man weiß, daß ein General überhaupt nie ohne Order handeln soll, und so möchten die dem Prinzen gemachten Vorwürfe zunächst auf diejenigen zurückfallen, welche es ihm an den nöthigen zweckmäßigen Verhaltungsbefehlen mangeln ließen. Von wem er solche nach der Schlacht bei Jena eigentlich hätte erhalten sollen, wird auch dem emsigsten Forscher nicht deutlich, denn obgleich der Augenzeuge erzählt, Hohenlohes Oberbefehl über die Trümmer der Armee habe sich auch auf diese Reserve erstreckt, so findet man doch nie, daß der Fürst davon Gebrauch gemacht hätte. Zu keiner Zeit stand das Würtembergische Corps in Verbindung mit dem Hohenlohischen, selbst zu der Zeit nicht, wo beide nicht fern von einander im Magdeburgischen cantonirten. Gen. Natzner, welcher das erste Corps führte, als es der Prinz nach den Ereignissen bei Halle verließ, ging für sich allein wieder aus dem Magdenburgischen, nahm einen andern Weg wie der Fürst, und vereinigte sich nachher mit dem Gen. Blücher. Durch keine Rücksicht veranlaßt, vielleicht für den Herzog von Würtemberg zu sprechen, hielt ich doch diese Bemerkung zu richtigerer Beurtheilung des Ganzen für nöthig. Jetzt zurück zu der Ereignisse bei Halle.

Deutlich vernahm die Reserve am 14ten den Kanonendonner, welcher die preußische Hauptmacht zerschmetterte. Die Richtung, welche der Schall zu Ausgange des Gefechtes nahm, brachte den irrigen Wahn hervor, die Preußen hätten gesiegt; denn, wie überall, ohne Kenntniß von der Stellung der französischen Armee, wußte man in Halle noch nicht, daß sie die preußische umgangen hatte, folglich die Richtung, welche der Schall nahm eben ein Beweis ihres Sieges war. Flüchtlinge vom Regimente Renouard, die, weil ihnen kein bestimmter Weg zum Rückzuge vorgezeichnet war, nach Halle, ihrer vorigen Garnison, zurückkamen, wurden die ersten Unglücksboten von dem Ausgange der Schlacht, welchen bald von mehreren Seiten her noch andere folgten, doch vergeblich wartete der Prinz von Stunde zu Stunde auf irgend eine officiele Nachricht. Schrecken und die Eil der Flucht ließen entweder seinen Vorgesetzten hierzu weder Zeit noch Besonnenheit oder der Feldjäger, welcher den Herrn von Montesquiou über Halle begleitete, verfehlte den Prinzen. Jener Zeuge der Begebenheiten des 14ten und 15ten mußte doch wohl irgend eine Order bei sich haben oder wenigstens glaubwürdige Nachrichten geben können. Der Prinz erwähnt dieses Mannes so wenig, wie des Herrn von Montesquiou, von dem er bei seinem eiligen Rückzuge durch Halle nicht einmal erfuhr, daß er ihm die Rettung seiner Equipage zu danken hatte. Genug, er versichert ganz ohne amtliche Nachrichten geblieben zu seyn.

Gewißheit zu erlangen sendete der Herzog Officiere, Jäger und Patroullen aus, wovon die letzten einige Gefangene einbrachten, von welchen jedoch, da sie von Streifpartien, und nicht bei der Schlacht gewesen waren, ebenfalls wenig erforscht werden konnte. Manche schienen keine ausführliche Nachrichten geben zu wollen. "Prinz, gab ein befragter Franzose zur Antwort, wenn ich ihnen Unwahrheiten sagte, hätte ich Schande davon und ihnen nützte es nichts; sagte ich ihnen aber die Wahrheit, so handelte ich wider Ehre und Pflicht, und dieß werden sie nicht fordern". Die zu dem Könige und den obersten Heerführern gesanden Boten konnten den erhaltenen Auftrag nicht vollziehen, weil sie keinen von den Gesuchten fanden. Nur ein Adjutant, welcher die Reise in bürgerlicher Kleidung antrat, war endlich so glücklich den König in Magdeburg zu treffen, konnte aber das Corps erst dann wieder erreichen, nachdem es bereits bei Halle geschlagen war.

Das Corps des Prinzen von Würtemberg hatte den weiten Marsch aus Ostpreußen möglichst beschleunigt; aufgehalten aber durch einige Umwege und mehrere Abänderungen der Marschdirection, zu deren ausführlicherer Erzählung mir der Raum gebricht, konnte es nicht eher als den 17ten bei Halle versammelt werden. Jetzt war der Prinz durch die Menge der eingegangenen Privatnachrichten von dem Rückzuge der preußischen Armee überzeugt, doch ungewiß über den Weg, welchen sie nehmen würde. Der früher von dem Könige erhaltene Befehl, Schlachtvieh und 100,000 Brode bereit zu halten, ließ ihn vermuthen, die Armee werde über Halle gehen, weshalb er glaubte, diesen Ort besetzt halten zu müssen. Ein sächsischer Officier, welcher die Nachricht von der Niederlage bei Jena nach Dresden bringen sollte, benachrichtigte ihn am 17ten früh von der unordentlichen Flucht des ganzen Heeres, und daß es schiene, als ob alles sich nach Magdeburg wenden wollte. Der Prinz entschloß sich deshalb, ebenfalls dahin zu gehen und wartete zum Aufbruche nur noch die Ankunft der Bagage und einiger detaschirter Truppenabtheilungen ab. Allein ehe diese anlangten, erfolgte schon der erste Angriff der Franzosen. Der Prinz stellte sich ihnen entgegen; das Regiment Treskow *), welches eben erst von seinem Marsche bei Halle anlangte, versuchte einen Angriff in ihren Rücken, welcher aber so übel ablief, daß das ganze Regiment theils aufgerieben, theils gefangen wurde. Alle preußische Truppen, welche nach und nach in das Gefecht verwickelt wurden, leisteten eine lebhafte Gegenwehr, doch scheint es allerdings, als ob bei ihnen, die an diesem Tage wohl überhaupt mehr marsch, als schlagfertig waren, die so nöthige Einheit in der Anordnung des Ganzen gemangelt habe. Alle Anstrengungen vermochten die siegenden Franzosen nicht aufzuhalten. Nach einem lebhaften Gefechte vor der Stadt trieben die die Preußen kämpfend durch dieselbe weit darüber hinaus.

*) In zwei Jünglingen von diesem Regimente sprach sich der Geist, welcher einst unter Friedrich II. das ganze preußische Heer beseelte, noch in seiner ganzen Reinheit aus. Zwei Fahnenjunker sahen bei der gänzlichen Vernichtung des Regiments keine Möglichkeit, ihre Fahnen zu retten. Entschlossen, sie wenigstens nicht des Feindes Beute werden zu lassen, stürzten sie sich damit in die Fluthen der Saale, und fanden hier den Tod, welchen sie der Gefangenschaft vorzogen. Wer möchte nicht wünschen, daß die Naiade der Saale die muthigen Jünglinge freundlich auf ihrem Rücken an das jenseitige Ufer getragen hätte! Andere Nachrichten nennen nur einen, eine Kleist, welcher die Schande, sie Magdeburgs Gouvernör auf einen berühmten Namen brachte, in den Fluthen der Saale wieder abwusch, oder vielmehr die zürnenden Manen im voraus versöhnte. Welche ganz andere Ereignisse möchten die letzte Eroberung von Magdeburg begleitet haben, hätte dort ein Greis zu der Geistestärke sich empor schwingen können, die ein Kind seines Namens bei Halle zeigte.

Der Prinz von Würtemberg giebt dem Kampfe eine 6 Stunden lange Dauer und seinen Verlust, außer dem Regimente Treskow, auf 1075 Mann und 8 demontirte Kanonen an. Auf seinem Rückzuge ging er bei Dessau über die Elbe, zerstörte die Brücke gänzlich, und vernichtete alle in der nähe befindliche Fahrzeuge. Er hinderte indeß hierdurch den, einem Fluge ähnlichen, Marsch der Franzosen nur auf sehr kurze Zeit, denn ihre rastlose Thätigkeit stellte die Brücke in Zeit von 2 Tagen wieder her. Die Elbbrücke bei Wittenberg sollte ein dahin detaschirter Lieutenant anzünden, und der Prinz beschuldigte die Bürger von Wittenberg, sie hätten das Feuer wieder gelöscht. Diese vertheidigten sich gegen diese Beschuldigung in öffentlichen Blättern etwas sarcastisch, und versicherten, der Lieutenant habe bei dem Rufe von der Ankunft der Franzosen an nichts weiter gedacht, als an die eiligste Flucht. Entschieden ist es wenigstens, daß die Brücke ganz unversehrt blieb.

Die Studenten in Halle wurden nach dem Einzuge der Franzosen verbannt, weil sie an dem Gefechte Theil genommen haben sollten. Einige ihrer Lehrer rechtfertigten sie späterhin wegen dieses Verdachtes, und es ist bis jetzt noch nicht erwiesen, ob die hallischen Studenten am Kampfe ihres Vaterlandes gegen die Franzosen thätigen oder nur wörtlichen Antheil genommen haben. Mehrere davon wendeten sich nach Leipzig, die Universität trug aber Bedenken, sie aufzunehmen. in einer Audienz, welche die Deputirten der Leipziger Universität nachher in Berlin bei dem Kaiser hatten, wurde jener Gegenstand berührt. Der Kaiser äußerte, daß er die Aufnahme der Hallenser nicht mißbillige, wenn diese jungen Leute ruhig wären.


Ueber das Gefecht bey Halle.

(Eingesandt.) *)
*) Der Herzog von Würtemberg hat selbst eine Erzählung dieser in ihren Folgen so wichtigen Kriegsbegebenheit abgefaßt, und mir solche aus Schlesien zugeschickt, welcher Aufsatz wohl zur historischen Belehrung des zweckmäßigste seyn wird. Ich erwarte bloß seine Genehmigung ihn bekannt zu machen, und habe indeß doch den obigen nicht unterdrücken wollen.

In den letzten Heften der Minerva befinden sich mehrere Aufsätze, welche Ausfälle gegen den Herzog Eugen von Würtemberg und die Führung des ihm anvertrauten Corps enthalten; in keinem aber war die Beleidigung so empörend, als in der Rechtfertigung des Herzogs von Braunschweig (Min. Februar), worin der Verfasser die Stirne hat, einen Fürsten des Verraths verdächtig machen zu wollen, dessen Patriotismus und unerschütterlicher Muth bereits unter drey Königen die Feuerprobe bestanden. *) Die Unschuld bedarf nur des Schildes der Wahrheit, um den Pfeilen der Verläumdung ihre Kraft zu rauben, und da ich durch meine Verhältnisse in den Stand gesetzt war, Kenntniß von den Bewegungen des Westpreussischen Reserve-Corps zu erlangen, so halte ich es für Pflicht, nachfolgende Thatsachen aufzustellen, welche, wie ich hoffe, hinreichend seyn werden, um die giftigen Nebel zu zerstreuen, in welche die Bosheit die Handlungsweise des Herzogs zu hüllen gesucht hat. Auch bin ich von der Gerechtigkeitsliebe des Herausg. der Min. überzeugt, daß er diesem Aufsatze eine Stelle in seinem Journal nicht verweigern werde.

*) Schon im Bayerschen Erbfolge-Krieg bemerkte der große König die bey jeder Gelegenheit bewiesene Kühnheit des Herzogs. Im J. 1794 setzte er sich in dem Treffen bey Rawka vor das durch mörderisches Cartätschen-Feuer zum Weichen gebrachte 2te Bataillon v. Klinkowström, brachte es wieder vorwärts, und rief ihm zu, daß es feuern sollte, selbst da er sich vor der Front befand. Das Bataillon warf den es verfolgenden Feind zurück, brachte ihn in Unordnung, und trug dadurch das meiste zu dem errungenen Siege bey. Das Benehmen des Herzogs in dem Gefecht bey Halle wird weiter unten berührt werden. Da ich überzeugt bin, daß Verachtung der Gefahr das wenigste ist, was man von jedem Officier mit Recht fordern kann, so würde ich diese Anmerkung für ganz überflüßig gehalten haben, wenn oben erwähnter kränkender Aufsatz nicht so gar Zweiffel über den Muth des Herzogs enthielte. d. Verf.


Zum ersten Sammlungsplatz war dem Westpreußischen Reserve-Corps die Gegend von Cüstrin angewiesen, und sollten dem früher entworfenen Marsch-Tableau zufolge, die letzten Truppen erst den 15ten October daselbst eintreffen, welches zum Theil darin seinen Grund hatte, daß die drey Füßilier-Bataillons, nebst einem Theil des Husaren-Regiments v. Usedom, aus Neu-Ostpreussen zu diesem Corps gezogen wurden.
Um die Hindernisse zu vermeiden, welcher der Uebergang über die Oder den Truppen bey ihrem Vorrücken in den Weg legen konnte, und um der Elbe näher zu seyn, schlug der Herzog die Gegend von Fürstenwalde zur Versammlung des Corps vor. Dies wurde genehmigt; aber kaum war ein Theil derselben daselbst angekommen, als der Herzog Befehl erhielt, die bereits vorhandenen Truppen bey Magdeburg auf das linke Elbufer zu führen, ihnen daselbst Cantonirungs-Quartiere anzuweisen, die übrigen noch hinter der Oder befindlichen Truppen aber nachfolgen lassen. Der Herzog hatte schon vorher alle Mittel angewendet, um den Marsch der Truppen zu beschleunigen, und es dadurch möglich gemacht, daß solche einen Tag früher bey Magdeburg eintreffen konnten, als die bey Cüstrin versammelt seyn sollten. Aber noch vor diesem Zeitpunt erhielt der Herzog Befehl, ohne den Rest der Truppen abzuwarten, nach Halle zu marschiren, von wo aus er nach Leipzig mit der Avantgarde des Corps vordringen sollte, um die rechte Flanke des Feindes zu bedrohen. Für seine Person kam er den 14ten October in Halle an; die Versammlung der Corps aber, welche er hier abzuwarten beschloß, konnte, der vorhergehenden Eilmärsche ungeachtet, erst den 17ten October statt finden; jedoch poußirte er das 2te Bataillon v. Larisch und ein Detaschement Dragoner nach Leipzig, und das Bataillon v. Borel nebst einem Husaren-Commando nach Merseburg. Auf dem Wege von Magdeburg nach Halle wurde den 14ten October die Canonade bey Auerstädt gehört; bald darauf verbreitete sich das Gerücht von dem Siege der Preussen, welches dadurch einige Wahrscheinlichkeit erhielt, weil der Schall der Canonenschüsse schwächer zu werden, und sich zu entfernen geschienen hatte. Der Herzog hoffte stündlich officielle Nachricht von dieser Schlacht zu erhalten; umsonst! Er gab sich alle mühe selbst Nachrichten einzuziehen, allein die Straße über Querfurth ward durch Französische Streif-Commandos und Marodeurs so unsicher gemacht, daß auch dieses mißlang.
Erst am 16ten October erhielt er durch Officiere, welche der unglücklichen Schlacht beygewohnt hatten, die gewisse Nachricht von dem traurigen Ausgang derselben. Er würde sich noch an eben diesem Tage zurückgezogen haben, wenn er nicht, mit Zuziehung des eben anwesenden Ministers von Angern, den grösten Theil des in Halle befindlichen Magazins retten, und die theils noch auf dem Marsch befindlichen, theils detachirten Regimenter und Bataillons hätte an sich ziehen wollen. Ueberdem war ihm bereits durch ein officiellen Schreiben vom 13ten October bekannt gemacht worden, daß die Hauptarmee, wenn Naumburg vom Feinde schon besetzt sey, sich über die Unstrut ziehen, und die Saale bey Merseburg passiren wollte, weswegen schon vorläufig 100,000 Portions in Halle gebacken, und Schlachtvieh herbeygetrieben wurde. War es nicht wahrscheinlicher, daß dieser Plan selbst jetzt noch zum Theil ausgeführt werden, und wenigstens ein Theil der Hauptarmee den Weg über Halle oder Dessau wählen würde, um auf der Sehne den noch vorhandenen Hülfsmitteln und den im Marsch begriffenen Alliirten zuzueilen, als daß die Armee den Bogen über Magdeburg beschreiben würde? Auch war den 16ten des Morgens Querfurt noch nicht vom Feinde besetzt, und die weitere Straße über Sangerhausen und Eisleben ganz frey. Wenn dies nun erfolgt wäre, würde man es dem Herzog verziehen haben, wenn er, ohne durch einen Feind gedrängt zu werden, und ohne von irgend einem commandirenden General die mindeste Nachricht von einer Abänderung dieses Plans erhalten zu haben, sich gegen die Elbe zurückgezogen, und dadurch diejenigen Truppen, welche sie nach Dessau hätten ziehen wollen, der Vernichtung preisgegeben hätte?
Er versäumte indessen die nöthigen Vorsichtsmaaßregeln nicht; die bereits angelangten Bataillone, mit Ausschluß derjenigen, welche zur Besetzung von Halle bestimmt waren, bezogen ein Lager vor dem Galgenthor, auf das linke Ufer der Saale wurde das Dragoner Regiment von Herzberg nach Passendorf mit dem Auftrag verlegt, starke Patrouillen vorwärts und in die Gegend von Querfurt zu poussiren; auf dem rechten Saal-Ufer stand das Husaren-Regiment v. Usedom, welches die Straßen nach Merseburg und Leipzig observirte; überdem detaschirte er zwey Compagnien v. Knorr an die Fähre von Skopau.
Da er indessen in Erfahrung gebracht hatte, daß alle Preussische Corps sich nach Magdeburg zogen, so ertheilte er die nöthige Befehle, um mit seinem Corps den 17ten October des Nachmittags von Halle abzumarschiren, wo alle auf dem Marsch befindliche und detaschirte Bataillons und Regimenter eingetroffen seyn konnten. Aber schon des Morgens nach 8 Uhr wurde das Dragoner-Regiment v. Herzberg aus Passendorf gegen die gemauerte Saalbrücke gedrängt, über welche es sich nachgehends durch die Stadt zog, und hinter derselben wieder aufmarschirte. Der Herzog hatte sich in Person zur Brücke verfügt, und ertheilte dem Generalmajor v. Hinrichs den Auftrag über die Saale mit dem Grenadier-Bataillon v. Crety, 1½ Füsilier-Bataillon, und den beyden Canonen des Grenadier-Bataillons, wozu noch die reitende Batterie v. Hetzendorf kam, zu vertheidigen. Darauf beschloß er so lange bey Halle zu verweilen, bis die Bagage seines Corps in Sicherheit gebracht wäre, *) und er Nachricht hätte, daß das brave Regiment v. Treskow die veränderte Marsch-Direction gegen die Elbe eingeschlagen habe, welche er ihm durch zwey an solches abgeschickte Officiere andeuten ließ. **) Er hielt es um so mehr für seine Pflicht, nicht sogleich zu laufen, und alles im Stich zu lassen, da ihm anfänglich nur das Anrücken des Avant-Corps des Generals Dupont gemeldet wurde; als aber das Gefecht einmal engagirt wurde, stand er nicht mehr in seiner Willkühr, sich sogleich ohne Nachtheil zurück zu ziehen. Er hielt es vielmehr für vortheilhafter, dem Feinde vorher durch die Bravour der Truppen Respect einzuflößen, und sich dadurch seinen Rückzug zu erleichtern.
*) Die Bagage des Corps kam auch ohne Verlust weg, und traf noch vor dem Corps in Magdeburg ein, wiewohl ein Theil derselben auf dem Wege dahin durch unsere eigene Leute und Knechte geplündert wurde. Nur die Equipage des Herzogs verweilte durch ein Mißverständniß in Halle, und wurde derselbe durch den Französischen Kammerherrn von Montesquiou, welcher sich bey solcher befand, die Versicherung ertheilt, daß sie unberührt bleiben solle, welchen Ausgang das Gefecht auch nehmen würde. Dieser Kammerherr, welcher den Auftrag hatte, dem Könige das vom Französischen Kayser vor der Schlacht an solchen abgeschickte Schreiben zu überbringen, und zu dem Tode des Prinzen Louis Ferdinand zu condoliren, war durch die Vorposten des Corps durch einen ihm vom Fürtsten v. Hohenlohe mitgegebenen Officier gebracht, von letzterm aber wieder mit zurück genommen worden, als derselbe die Annäherung der Franzosen erfuhr, und kam in dem Quartier des Herzogs an, nachdem derselbe solches schon eine halbe Stunde vorher verlassen hatte, um die Anordnungen zum Empfang der Franzosen zu treffen. Der Prinz von Ponte-Corvo gab auch die Equipage des Herzogs unberührt wieder frey, erlaubte ihr jedoch nicht, ihrem Herrn zu folgen, sondern ertheilte derselben die Weisung über Dresden nach Schlesien zurückzukehren. Will man vielleicht hieraus die Verrätherey des Herzogs ableiten? d. Verf.
**) Da keiner der abgeschickten Officiere zurück kam, so ist zu vermuthen, daß solche gefangen wurden, und das Regiment v. Treskow den zugeschickten Befehl nicht erhielt, wodurch es das traurige Schicksal hatte, nach der lebhaftesten Gegenwehr theils niedergemacht, theils gefangen zu werden. d. Verf.
Durch den Angriff auf die Saalbrücke blieb die Stellung vor dem Galgenthor nicht mehr zweckmäßig; der Herzog ließ daher, um sich vor dem Umgehen zu sichern, das Corps hinter der Stadt herum gegen die Straße von Dessau ziehen. Während dieser retrograden Schwenkung wurde das zweyte Bataillon v. Natzmer dem General Major v. Hinrichs zum Soutien geschickt; aber schon in den ersten Straßen von Halle kamen die Franzosen diesem Bataillon entgegen, indem die an der Brücke stehenden Truppen, nach hartnäckiger Gegenwehr, und nachdem der Generalmajor von Hinrichs, der Obristlieutenant von Crety und der Artillerie-Capitain von Holzendorf blessirt waren, dem Feinde die Saalbrücke hatten überlassen müssen. Die Franzosen suchten nun durch das Steinthor zu dringen, um das Corps von Dessau abzuschneiden. Der Herzog wurde dieses noch zu rechter Zeit gewahr, nahm in Person die Grenadier-Bataillons v. Vieregg und v. Schmeling, und warf zu drey verschiedenenmalen den lebhaftesten Angriff des Feindes zurück, welcher unter dem Schutz der Häuser und Gärten diesen Ausweg zu forciren suchten. Von der Behauptung dieses Postens hing der glückliche Rückzug des ganzen Corps ab, weswegen das Leben mancher Braven geopfert werden muste. An der Seite des Herzogs fiel der Major von Pirch, Inspections-Adjutant der Warschauer Inspection; und der Lieutenant Graf Dohna des Dragoner-Regiments v. Auer, welcher sich ebenfalls in der Suite des Herzogs befand, wurde blessirt, auch der brave Obristlieutenant von Schmeling erhielt hier eine Schußwunde.
Während dem Feinde seine Hauptabsicht am Steinthore gegen den rechten Flügel des Corps vereitelt wurde, ging er mit einem andern Theil der Truppen durch das Galgenthor, und, unterstützt von der Division des General Dupont, welche sich am rechten Saal-Ufer befand, engagirte er die ganze Linie, welche ihre Schwenkung noch zu vollenden suchte. Das Gefecht wurde allgemein; das Infanterie-Regiment v. Larisch warf den auf dasselbe andringenden Feind mit dem Bajonet zurück, und blieb dabey, wie auf dem Exercierplatz, in Richtung. Das Regiment v. Natzmer wurde auf seinem linken Flügel durch die Französische Cavallerie bedroht, aber das im zweyten Treffen befindliche Husaren-Regiment v. Usedom hieb sogleich in den Feind ein, und degagirte das Bataillon, verlor aber dabey seinen braven Commandeur, den Obristen Buttler.
Da es wahrscheinlich war, daß es den Franzosen durch ihre Uebermacht gelingen würde, den linken Flügel des Corps zu umgehen, so wurde, nachdem der Feind abermals zurückgetrieben war, der Rückzug in drey Colonnen angetreten, wobey das Husaren-Regiment v. Usedom, und das kurz zuvor vom Marsch eingetroffene Dragoner-Regiment v. Heyking die Arrieregarde machten. Beyde Waffen unterstützten sich hier so gut, daß das Corps auf den Höhen bey Brachstädt wieder aufmarschiren, und sich an das schon vorher daselbst postirte 1ste Bataillon v. Kalkreuth ansetzen konnte.
Hierdurch wurde der Feind vermocht, von fernerem Verfolgen abzustehn, und begnügte sich, als das Corps von da wieder abzog, diese Höhen zu besetzen, dem Corps einige Canonenschüsse nachzuschicken, und solches durch ein Detaschement beobachten zu lassen. Der Herzog setzte noch den nämlichen Abend seinen Marsch bis Dessau fort. Den folgenden Morgen früh passirte mit der grösten Ordnung das Corps die Elbe dey Roslau, und der Herzog verließ solches nicht eher, als bis die dasige Brücke völlig abgebrannt war, worauf er mit dem Corps nach Kloster Lätzko, und von da den 19ten nach Magdeburg marschirte. Er ließ zugleich alle Fähren und Fahrzeuge auf der Elbe bis Barby durch Cavallerie-Commandos verderben; auch hatte er schon früher einen Officier mit dreißig Füsiliers vom Bataillon v. Knorr beordert, die Wittenberger Brücke bey Annäherung der Franzosen abzubrennen. Der Officier zündete zwar auch die Brücke an, als aber die Franzosen in einigen auf dem Ufer gefundenen Fahrzeugen die Elbe passirten, wartete er das gänzliche Abbrennen derselben nicht ab, und machte es den Bürgern von Wittenberg dadurch möglich, das Feuer wieder zu löschen.
Jeder unpartheyische Leser wird gestehen müssen, daß der Herzog und sein Corps alles thaten, was gegen einen wahrscheinlich viermal so starken tapfern Feind möglich ist. *) Auch gereichte es zur grösten Beruhigung des Herzogs, daß der König über den Erfolg des Gefechts seine Zufriedenheit äußerte. **)
*) Den Tages-Listen zufolge hatte das Corps folgende Stärke:
3 Grenadier-Bataillons 1,926 M.
12 Bataillons Infanterie 7,939 --
3 Bataillons Füßiliere 1,630 --
Summa der Infanterie 11,495 M.
2 Regimenter Dragoner 1,130 Pferde
1 Regiment Husaren 1,050 --
Summa der Cavallerie 2,180 Pferde.
Summa des ganzen Corps 13,675 Mann.
An Artillerie hatte es 3 Batterien 12-Pfünder, und eine reitende Batterie.
Bey dem Gefecht fehlten:
Das Regiment v. Treskow, welches sich noch auf dem Marsch befand 1,351 M.
Das Bataillon v. Borel, +) detaschirt in Merseburg 480 --
Zwey Compagnien vom Bataillon v. Knorr in Skopau 283 --
Das 2te Bataillon v. Kalkreuth, welches zur Deckung der Bagage commandirt war 667 --
Commandirte von der Cavallerie in Merseburg und bey der Bagage 150 --
Summa 2,941 M.
Von obiger Summe abgezogen blieben zum Gefecht 10,434 M.
+) Das Bataillon v. Borel, nebst den bey sich habenden Commandirten, konnte das Corps des Herzogs nicht mehr erreichen, zog sich unbemerkt durch die Französischen Colonnen, passirte die Elbe bey Torgau, und erreichte, mit einem unbedeutenden Verlust, Cüstrin, von wo es sich nach Graudenz zog. d. Verf.
**) Dies geht aus dem Anfang folgenden Königlichen Schreibens d. d. Cüstrin den 22sten October hervor: "Ew. Liebden Bericht über die bey halle vorgefallene Action habe ich heute erhalten, und daraus ersehn, daß Dieselben alles gethan haben, was den Umständen nach geschehen konnte, und daß nur allein die Uebermacht des Feindes der Rückzug Ihres Corps bewirkt hat. Von ganzem Herzen bedaure ich den Verlust gebliebenen Officiere und Leute. Es ist mir indessen lieb zu erfahren, daß Ew. Liebden Ursache gehabt haben, mit dem Benehmen der Truppen zufrieden zu seyn." Auch in einem spätern Schreiben d. d. Wehlau den 7ten December wiederholte der König dem Herzog die Versicherung, "daß er mit der Führung des ihm anvertraut gewesenen Corps stets Ursache gehabt habe zufrieden zu seyn." d. Verf.
Der Verlust des Corps war indessen bedeutend; am meisten litten jedoch die zur Vertheidigung der Saale bestimmten Truppen, so wie das zur Unterstützung derselben herbeyeilende 2te Bataillon v. Natzmer, und das am Steinthor postirte Grenadier-Bataillon v. Schmeling. Auch ging der gröste Theil der an der Saale postirt gewesenen Artillerie bis auf zwey reitende Canonen verloren; von dem übrigen Geschütz aber bekam der Feind nur diejenigen Piecen, welche demontirt, und daher nicht fortgebracht werden konnten. Auch wurden den Franzosen von den außerhalb der Stadt postirten Truppen nur die Todten und schwerblessirten überlassen; von den Leichtblessirten aber wurden noch über dreyhundert Mann in dem Lazareth zu Magdeburg abgeliefert.
Nach dem traurigen Schicksale, welches die von Magdeburg nach der Oder marschirten Truppen gehabt, kann niemand in Abrede seyn, daß er für das Corps des Herzogs vortheilhafter gewesen wäre, wenn man von Roslau aus solches, anstatt nach Magdeburg, gegen die Oder geführt hätte, wiewohl ich zweifle, daß das Schicksal der übrigen Corps dadurch verbessert worden wäre; denn mit seinem bis gegen 9,000 Mann geschmolzenen Corps, ohne Munition, hätte der Herzog der siegreichen großen Französischen Armee wenig Widerstand leisten können; er wäre daher gezwungen gewesen, sich schnell hinter die Oder zu ziehen, und hätte alsdann dem Vorwurf nicht entgehen können, daß er nur auf seine eigne Sicherheit bedacht gewesen, und die übrigen Corps ihrem Schicksal überlassen hätte. Das Abbrechen der Brücke über die Havel würde auch wenig geholfen haben, denn die Französische Armee konnte über die Spree und den Finow-Canal sich dem Hohenlohschen Corps vorwerfen, welcher letztere seiner geringen Breite wegen wenig Hindernisse darbietet. Ueberdies waren die Brücken über diesen Canal durch ein Commando von dem Depot des Husaren-Regiments v. Rudorf wirklich abgeworfen worden; auch konnte von Magdeburg aus die Abwerfung der Brücken über die Havel durch vorausschickte Officiere leicht bewerkstelligt werden, weiches vielleicht aus dem Grunde unterlassen wurde, weil bekannt war, daß der gröste Theil der Preußischen Pontons den Franzosen bey Naumburg in die Hände gefallen waren.
An den folgenden Vorfällen hatte der Herzog um so weniger Antheil, da Sr. Maj. der König dem Fürsten v. Hohenlohe Befehl ertheilt hatten, alle einzelne Corps zusammen zu ziehen, und mit solchen nach der Oder zu marschiren. Der Herzog wurde daher genöthigt, sein Reserve-Corps ebenfalls dem Fürsten zu übergeben, und verfügte sich zu Sr. Königlichen Maj., um von Höchstdenenselben die weitern Befehle zu erwarten, welche er bis dahin noch nicht erhalten hatte. Nachgehends suchte er von Stettin aus das Defilé über die Randau bey Löcknitz mit Infanterie und Canonen zu besetzen, um dem Rest des Hohenlohschen Corps die Retraite nach diesem Orte zu erleichtern, und dirigirte, auf Befehl des Königs, den Marsch der geretteten Cavallerie und Jäger, welche ungefähr aus 3000 Mann bestanden, von Stettin nach der Weichsel, worauf er dem Rufe seines Monarchen folgte, und sich zu ihm nach Scheidemühl, und von da nach Graudenz verfügte.

Anekdoten.

Thatsachen aus dem Tagebuche eines Augenzeugen der Begebenheiten in Halle im Oktober 1806.


Wirksame Ermunterungsrede eines preußischen Husaren.

Einige Stunden vor dem Gefechte bei Halle befand sich noch ein Kommando Usedomscher Husaren, aus einem Offizier und etwa 6 Gemeine bestehend, in dem Dorfe Beesen, seitwärts von Halle gelegen; als das Gefecht selbst begann, und man das heftige Kanoniren vor dem Galgenthore wegen der Nähe des Orts sehr stark hörte. Der Offizier, ein junger Mann, welcher sich in einer solchen Lage oder wohl gar noch nicht in der nähe einer Schlacht befunden haben mochte, wird bestürzt, geräth endlich ganz außer Fassung, sucht zwar so viel als nur immer möglich, die Gefühle, welche bei ihm rege werden, zu unterdrücken; allein die Herumstehenden bemerken nur gar zu deutlich den wahren Zustand, worin ihn der Augenblick versetzt hatte. Einer der herumstehenden Husaren, der wohl schon ähnliche Proben von der Feigheit und Unentschlossenheit seines Offiziers bei andern Gelegenheiten erfahren haben mochte, errieth sehr schnell die wahre Meinung und den festen Entschluß des Offiziers, welchen jener nicht sogleich auf der Stelle bekannt zu machen wagte, er errieth -- daß er nicht anders sich vorgenommen habe, als die Flucht zu ergreifen und so der Theilnahme an der Schlacht zu entgehen. Aber jetzt trat der brave Husar, ein Pole von Geburt, auf, welcher sich die Verpflichtung, der er sich durch den Schwur unterzogen hatte, König und Vaterland treu zu dienen, recht lebhaft vor Augen stellen mochte, und erklärte mit festem und ernstem Tone, daß es schändlich seyn würde die Gegend eher zu verlassen, als man thätigen Antheil an dem Treffen genommen habe. Seine Kameraden waren seiner Meinung und der Offizier, dessen letzter Funke von Ehrgefühl durch das dreiste, ernste Betragen seines Untergebenen geweckt werden mochte, und um vielleicht vor Verachtung und Beschimpfung, welche nothwendig hieraus bei seinen Untergebenen für ihn entstehen mußten, sich sicher zu stellen, stimmt der Husaren Meinung bei. Man sitzt auf, begiebt sich auf den Weg nach Halle, und kaum war man einige Augenblicke geritten, als sich auch schon eine Gelegenheit für die braven Husaren zeigte, die Gefühle der Liebe zu König und Vaterland durch eine Thatsache an den Tag zu legen. Man sprengte auf den Feind los, und zerstreut ihn. In demselben Dorfe Beesen erschien nach einer halben Stunde der nämliche brave Husar wieder und begab sich in voriges Quartier, den blutigen Degen in der Hand haltend. Den erstaunten Leuten erzählte er, daß er drei Feinde mit eigener Hand niedergehauen, er selbst aber eine Wunde empfangen habe; er bittet noch um ein Butterbrot und ein Glas Branntwein, hält sich noch eine halbe Stunde auf, und erklärt, daß er sich dem Zuge anschließen werde. Ruhig blieb er bei der sichtbaren Unruhe der Umstehenden, und nahm unter Händedrücken von seinem Wirthe den rührendsten Abschied.


Ein Offizier wie viele.

Bekanntlich wurde vom Herzog Eugen von Würtemberg, denen an der hohen Brücke bei Halle fechtenden Füßelieren und Grenadieren das 2te Bataillon des von Natzmerschen Regiments, durch die Galgenstraße, zum Soutien geschickt. Kaum aber war das Bataillon bis in die Hälfte genannter Straße gekommen, als es von den hereindringenden Franzosen zerstreut wurde. Die armen Leute sahen kein anderes Rettungsmittel, als mit Gewalt durch die gesperrten Thüren der Häuser einzudringen, um so den mordenden Feinden zu entgehen. Ein Kapitain mit ungefähr 22 Gemeinen öffnet sich das Hintergehöfe eines Hauses, und läßt sich ungeachtet der Vorstellungen der Bewohner desselben, daß dies sehr üble Folgen für sie haben könnte, wenn man es von Seiten des Feindes in Erfahrung brächte, nicht zurückhalten, sondern bemächtigte sich eines vorliegenden Zimmers. Auch hier glaubte er sich nicht sicher, befahl daher seinen Leuten, die Thüren des Zimmers mit Stangen, Brettern und dergl. zu verrammeln. Mehrere seiner Leute waren schwer blessirt, die übrigen, welchen das Betragen des Kapitains mißfiel und sich selbst der Feigheit anklagten, ermahnten ihn, herauszubrechen, sie wären entschlossen ihr leben so theuer als möglich zu verkaufen. Was antwortete der seine Herr Kapitain? Ja, Kinder, sprach er: vor dem Tode fürchte ich mich nicht, nur will ich die Schande nicht erleben, und mich von solchen Hunden gefangen nehmen lassen. Bei diesen Ausdrücken beharrt er, und hielt seine Leute so lange zurück etwas zu unternehmen, bis am Nachmittag um 4 Uhr ein Generalpardon für alle Preußen angekündigt wurde. Die Soldaten entfernten sich nun, um sich bei den französischen Behörden zu melden, er selbst aber zog von der herrschenden Verwirrung Vortheil, zog Bedientenkleidung an und entkam glücklich durch das Thor, was er nicht hätte fürchten müssen, Gefahr zu laufen, während des Transports in Gesellschaft seiner Leute ein Gegenstand des Gelächters und Spottes Aller zu werden, welche sein Benehmen erfahren würden.


Zwei brave Kanoniere.

Als sich der Feind am 17ten Oktober 1806 in dem Dorfe Paffendorf postirt hatte, wurden preußl. Seits 2 Kanonen mit 2 Grenadierkompagnien des Bataillons von Crety mit 4 Kompagnien des Füßelierbataillons von Hinrichs und 2 des von Knorr an das Zollhaus am Ende der über die Saale führenden hohen Brücke postirt. Als aber die Franzosen weiter bis nahe an die Brücke vorgedrungen waren, und die Schaar der braven Preußen sich sehr vermindert hatte, und nicht mehr das Andringen mit dem Bajonet aushalten konnte, sondern ihr Heil in der Flucht suchten; da konnte ein Kanonier nicht bewegt werden seine Kanone zu verlassen, ungeachtet des häufigen Pardonrufens der andringenden chasseur à cheval. Er haut noch einmal auf und richtet unter den Feind durch eine Kartätschenladung welcher er ihm giebt, große Verwirrung an. Aber auch in demselben Augenblicke büßte er diese Treue schrecklich, denn mehr als 12 Säbel erbitterten Chasseurs durchbohrten seine Brust.

Aehnlichen Diensteifer und Unerschrockenheit bewies ein Kanonier in einer Straße von Halle. Bei der eiligen Retirade war ein Rad seiner Kanonen gebrochen, und 2 Pferde, welche noch übrig waren, schleppten mühsam die Kanonen durch die Straßen. Jetzt vermag er nicht mehr seine Kanone weiter fortzubringen, denn wenige Schritte hinter sich erblickt er schon der Feind, welcher ihm durch Worte und Mienen die Wahl zwischen Tod oder Gefangenschaft seiner Person und seiner Kanone überließ. Er will aber weder sich noch seine Kanone gefangen sehen, er zieht den Tod vor, vernagelt seine Kanonen und erwartet so den Tod, der ihn auch bald ereilte.


Das Malheur!

Das Regiment Treskow wurde bekanntlich auf dem Wege nach der hohen Brücke bei Halle attaquirt und so in die Enge getrieben, daß ihm nur noch wenige Schritte Terrain bis zu den Fluthen der Saale übrig waren. Dem braven Regiment blieb weiter nichts mehr übrig, als sich gefangen zu ergeben. Der General mit seinem ganzen Regimente wurde noch an demselben Tage nach Halle transportirt und daselbst einquartirt, um von da weiter nach Frankreich transportirt zu werden. Dem General selbst wurde sein Logis bei einem angesehenen Bürger der Stadt angewiesen. Hier war es, wohin ein würdiger Offizier seines Regiments sich begab, um den unempfindsamen und hartherzigen General die Noth vorzustellen, in der sich seine braven in der Marktkirche eingesperrten Soldaten sich befanden, und ihn zu bitten, sich für diese Unglücklichen zu verwenden, indem er hinzufügte, daß dieselben sonst bald des Hungertodes sterben würden. Was erwiederte der saubere Herr General? Es ist ein Malheur. In demselben Augenblicke fragt er den Offizier: was wird nun aus unserer Bagage werden? Im Unwillen erwiederte der Offizier: ei was Bagage, für die Unglücklichen müssen wir erst sorgen, ehe wir an unsre Bagage denken können. Vorgestern an dem blutigen Tage, fuhr er fort, habe ich mich mit meinen Leuten so gut, wie ich konnte, gewehrt, seit dieser Zeit habe ich selbst keinen Bissen Brot gegessen, verlange aber auch für meine Person nichts, ob ich gleich alles, was ich das Meine nennen konnte, verloren habe, nur das Unglück meiner Braven bringt mich zur Verzweiflung. Doch aller Vorstellungen ungeachtet, beharrte der General bei seiner Antwort: Es ist ein Malheur.

Eben dieser General zeigte eine unverzeihliche Unbekanntschaft mit dem Terrain bei Halle, denn anstatt bei entstandenem Gefecht an der hohen Brücke sich rückwärts hinter die Heide zu ziehen, um so die Brücke bei Rothenburg zu erreichen, zieht er sich vielmehr gerade an die steilen Ufer der Saale bei Cröllwitz. Erst dann als er sich auf den schroffen Felsen befindet, merkt er seinen Irrthum, indem er verwundernd ausruft: wirklich ich hätte nicht geglaubt, daß wir der Saale so nahe wären! da doch einem jeden, welcher nicht gänzlich mit Taubheit geschlagen war, das Rauschen des Stroms seine Nähe verkündigen mußte. Eben dieser General, erzählt man, antwortete, als seine Adjutanten ihn auf das starke Feuer an der hohen Brücke aufmerksam machten und ihn riethen den Rückzug eilig anzutreten: meine Ordre lautet nach Merseburg, ich werde derselben pünktlich folgen.


Die vergebliche Freunde.

In den Tagen des 17 - 20. Okt. 1806, wo Angst und Verwirrung sich aller Gemüther so ganz bemächtigt hatten, gaben die Franzosen oft Gelegenheit zu Auftritten, welche selbst den Hartbedrängten Lachen verursachten. Ein Vorfall dieser Art ereignete sich in der Gegend von Halle, wohin gerade zu dieser Zeit der härteste Druck der französischen Armee fiel. Die Nachricht hatte sich nämlich damals verbreitet, daß sich die Russen mit starken Schritten unserer Gegend naheten, und einige Kolonnen derselben schon Dresden passirt wären und was man sonst noch alles zu erzählen wußte. Diese Erzählung fand nicht nur bei den Bauern und Ungebildeten Beifall, sondern selbst gebildete Leute sprachen derselben nicht alle Glauben ab, zumal da die Zeitungen schon einige Zeit vorher so fiel vom Anmarsche russischer Korps an der schlesischen Grenze erzählten. Die französischen Husaren des 2ten und 4ten Regiments, welche sich in diesen Tagen in der Gegend von Halle aufhielten, erfuhren bald die Sagen, welche sich über den Anmarsch russischer Truppen verbreitet hatten, und nahmen davon Gelegenheit die Bewohner der Dörfer recht zum Spaß in Bewegung zu setzen. Am 19. Oktb. kamen einige Eskadrons besagter Regimenter in das Dorf T--cha bei Halle gesprengt, und erklärten der versammelten Menge des Dorfs, daß sie Russen wären. Die guten Leute glauben, was sie so sehnlich wünschen und versichern den vermeinten Herren Russen, daß sie Gott tausendmahl für ihre Ankunft dankten, und daß in einiger Zeit alles zu Erfrischung der Herren herbeigeschafft seyn werde, was sich nur in ihren Mitteln befände. Doch die vorgeblichen Herren Russen lassen die Guten nicht lange Freude genießen, welche ihre Erklärung ihnen verursacht hatte, sondern machen ihnen begreiflich unter Zähneknirschen und Säbelhieben mit der flachen Klinge, daß sie nicht Russen sondern Franzosen wären.


Diskretion.

Eine Bauernfrau in N--tz, einem Dorfe bei Halle, welche von französischen Husaren aufgefordert wurde, ihnen das Thor ihres Hofes zu öffnen, um auf diesem Wege schneller die Landstraße zu gewinnen, betrug sich mit mehr Besonnenheit und Kaltblütigkeit, als man ihr sagte, sie erblicke in ihnen die Russen. Die Antwort der Frau war: meine Herren, mögen die Russen oder Franzosen seyn, das ist mir einerlei, sie sind mir alle willkommen. Die Husaren, welche eine solche Antwort, und ein solches Betragen der Frau nicht erwartet hatten, schieden unter herzlichen Lachen von der guten Frau.


Der Irrthum.

Die Art und Weise, wie die Franzosen auf diese Sachen aufmerksam gemacht wurden, war diese: Der Prediger in dem Dorfe B--dt, einige Stunden von Halle, hatte sich mit seiner Gemeinde in dem Dorfe versammelt, um den bestürzten Landbewohnern bei vorkommenden Fällen, mit Rath und That beizustehen. Den 19. Okt. hört man, daß mehrere feindliche Kavalleristen sich zeigten, und bald darauf rückten sie wirklich in das Dorf ein. Der Prediger gieng unerschrocken auf diese Krieger zu, und wurde immer dreister, weil er in ihnen nicht Franzosen, sondern wirklich Russen zu sehen glaubte. Es waren nämlich diese Kavalleristen nach Art der Russen grün gekleidet, und ihr ganzes Aeußere in Absicht der Kleidung schien ihm nach Beschreibungen, welche er von ihnen gelesen hatte, dem Russischen zu gleichen. Es waren diese Leute, wie jeder errathen kann, französische chasseurs à cheval. Der Prediger knüpft mit einem derselben ein Gespräch an und fragt ganz zutraulich: Meine Herren, sie sind gewiß Russen? Diese Frage schien den Krieger zu beleidigen, er änderte bald sein freundschaftliches Betragen, und schied ziemlich unzufrieden vom Prediger. Dieses mag der Mann seine Kameraden mitgetheilt haben, und so wurde dadurch Gelegenheit zu dem Auftritte gegeben, der oben erzählt worden ist.


Edler Zug eines Studenten in Halle.

Bei der allgemeinen Verwirrung, welche bei dem Avanciren der Franzosen durch die Straßen der Stadt Halle herrschte, kamen viele verwundete preußische Militairs und Bürger ins Gedränge. Ein verwundeter preußischer Grenadier, welcher mit dem Strudel der fliehenden, die hohe Brücke vertheidigenden Soldaten mit hingerissen wurde, befand sich eben in der Galgenstraße, als einige französische Chasseurs wenige Schritte hinter ihm alles niederhieben, was sich noch mit dem Gewehr in der Hand von Preußen sehen ließ. Er aber will nicht ungerächt sterben und ladet, ob schon am Arme stark blessirt, sein Gewehr; doch ein Chasseur kommt ihm zuvor und spaltet ihm den Kopf. Ohnmächtig stürzt er sich in das nächste offenstehende Haus, welches schon von seinen Bewohnern verlassen war. Zu gleich mit ihm stürzt sich ein junger hier Studirender, Namens W--d, in dasselbe Haus. Gerührt durch den kläglichen Zustand des Grenadiers, bietet er ihm unaufgefordert seine Hülfe an, sucht ihn zu beruhigen und sagt, er möchte ihm nur alles offenbaren, was er noch auf seinem Herzen habe, er wolle gern und willig alles für ihn thun. Mit zitternder Hand ergreift der Grenadier sein Tornister, öffnet es und zieht ein Paquet Briefe heraus, welche seine Frau seit seinem Ausmarsche aus Graudenz an ihn geschrieben hatte, mit dem Wunsche, selbige zu verwahren, und da er doch nur wenige Stunden noch leben werde, ihr seinen Tod zu melden. Während der junge Mensch noch so mit ihm beschäftigt ist, dringen einige französische Soldaten in das Haus ein. Die Bewohner des Hauses hatten sich alle entfernt, sogleich hatten sie keinen, an den sie ihre Forderungen bringen konnten. Jetzt traten sie auch in das Zimmer, wo sich beide befinden, erblicken den Grenadier und den mit ihm beschäftigten jungen Studirenden, welcher sich aber durch ihre Gegenwart im geringsten nicht erschrecken läßt. Sey es Raubgier oder Verdruß über die Willigkeit mit der jener den Grenadier unterstützte, kurz sie mißhandeln und entkleiden ihn, nehmen das wenige Geld, welches er bei sich hatte und drohen mit dem Tode, indem sie ihm das Bajonet auf die Brust setzen. Auf das Verlangen noch mehr Geld herbeizuschaffen, entschuldigt er sich mit der Unmöglichkeit etwas herbeischaffen zu können, da er überdem in diesem Hause fremd sey, Endlich nachdem er eine ganze Stunde der Angst und Schreckens überstanden, verließen ihn die Unholde.


Abentheuer eines andern Studenten daselbst.

Ein anderer Studierender wurde, als er eben über den Markt gehen wollte, von mehreren französischen chasseurs à pied aufgefordert, sie ins Lager vor das Galgenthor zu führen. dieser, wenig auf ihr Gesuch achtend, erbittert die Krieger so, daß sie ihn mit Gewalt zum Verlangten zu zwingen suchen. Dieser aber, einer solchen Behandlungsart nicht gewohnt, sucht sich von ihnen loszumachen, reißt einen von ihnen ziemlich unsanft auf die Erde und entfernt sich so schnell als möglich durch die Märkerstraße auf den großen Berlin wo er logirt. Ein wichtiges Geschäft nöthigt ihn aber, noch einmal durch dieselbe Straße zu gehen; als er zurückkehren will und dem großen Berlin ziemlich nahe gekommen ist, wird er einen Trupp Soldaten gewahr, welche alle auf ihn zu zielen scheinen. was war anders zu vermuthen, als daß diejenigen sich unter ihnen befänden, welche er kurz vorher beleidigt hatte, und nun Rache an ihn nehmen wollten. Schleunigst ergreift er die Flucht, allein er war ihnen schon zu nahe gekommen, und erhält einen Schuß in die eine Schulter, woran er 10 Wochen lang laborirte.


Quellen und Literatur.

  • Beobachtungen und historische Sammlung wichtiger Ereignisse aus dem Kriege zwischen Frankreich, dessen Verbündeten und Oesterreich im Jahr 1809. Weimar im Verlage des Landes-Industrie-Comptoirs. 1809.
  • Minerva. Ein Journal historischen und politischen Inhalts. Herausgegeben von J. W. v. Archenholz. Für das Jahr 1807. Im Verlage des Herausgebers und in Commission bey B. G. Hoffmann in Hamburg.
  • Sammlung von Anekdoten und Charakterzügen aus den beiden merkwürdigen Kriegen in Süd- und Nord-Deutschland in den Jahren 1805, 6 und 7. Leipzig, in der Baumgärtnerschen Buchhandlung.