Tuileriensturm

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Authentischer Bericht von den Begebenheiten in den Tuilerien, am 10ten August 1792; von einem Officier der Schweizer-Garde, der das Glück gehabt hat, der Maßacre zu entkommen.

Der in Frankreichs Geschichte durch schreckliche Greuel, und deren große Folgen verewigte Laurentius-Tag der die Constitution stürzte, und die republicanische Regierungs-Verfaßung herbey führte, ist so wichtig, daß man nicht aufmerksam genug seyn kann, alle Umstände der Begebenheiten mit Sorgfalt zu erforschen, und aufzuzeichnen. Man hat zu einiger Entschuldigung der Ermordungen der Schweizer angegeben, daß sie zuerst geschoßen hätten. Wenn dieß auch der Fall gewesen wäre, so würde man doch durch die gesunde Vernunft einsehen, daß jedem Bürger, und wenigstens eben so sehr Soldaten auf ihren Posten, erlaubt seyn muß, Haus und Wohnung gegen einbrechende Mörder und Plünderer zu vertheidigen. Es ist aber schon im 8ten Monatsstücke des Journals angeführt worden, daß obrigkeitlicher Befehl da war, die Gewalt abzutreiben. Der hier folgende zuverlässige Bericht setzt nun jene Begebenheiten in ihr deutliches, wahres historisches Licht; und bekräftiget die Wahrheit und Richtigkeit unsrer Erzehlung im 8ten Monatsstücke, S. 904 u. ff.

Journée du 10 Août 1792.

"Da das Schloß der Tuilerien am Donnerstage, den 9ten August, von den Föderirten aus Marseille und von den Vorstädten St. Antoine und St. Marcell bedroht wurde, so ließ man die Bataillons der Schweizer-Garde von Ruel und Courbevoye kommen, welche in Verbindung mit der gewöhnlichen Garde, gegen 1000 Mann ausmachten. Der Tag war sehr stürmisch gewesen, und die Versammlung hatte es nicht gewagt, den König für abgesetzt zu erklären. Gegen 11 Uhr des Abends erhielten wir sichre Nachricht, daß um Mitternacht die Sturmglocke geläutet und der Generalmarsch geschlagen werden würde.

Zugleich erfuhren wir auf dem Schloße, daß die Vorstadt St. Antoine beschloßen habe: 1. Die Tuilerien zu belagern; 2. alle Personen, und namentlich die daselbst befindlichen Schweizer auf die Seite zu schaffen; 3. Den König zu zwingen, die Krone niederzulegen, und ihn mit der Königin und der Königl. Familie nach Vincennes zu führen, im Fall die Feinde auf Paris losgiengen.

Um halb ein Uhr des Nachts wurden die Schildwachen, wie gewöhnlich, vertheilt. Der Capitain der Schweizer-Garde hatte den Abend von dem General-Commandanten, Hrn. Mangat, die schriftliche Ordre erhalten, die diesem von dem Maire Pethion war ertheilt worden: die Posten zu verstärken und Gewalt mit Gewalt zu vertreiben. Gegen halb zwey Uhr kamen verschiedne Bataillons National-Garden an, die sehr gut aufgelegt schienen, die Schweizer bey der Vertheidigung des Schloßes zu unterstützen. Auf Befehl des Generalcommandanten stießen davon verschiedne Detaschements zu den Schweizern, die sich bereits auf ihren Posten befanden. Um 5 Uhr des Morgens waren einige Bataillons aus den Vorstädten auf dem Caroußel-Platze angekommen und erwarteten die andern, um ihr unwürdiges Vorhaben in Ausführung zu bringen. Um ein Viertel auf 6 Uhr kam der König in den Schloßplatz herunter und gieng zuerst vor der National-Garde und darauf vor den Schweizern vorbey. Beyde riefen: Es lebe die König! ein Bataillon ausgenommen, welches grade in dem Augenblick hereinmarschirte. Dieses rief: Es lebe die Nation! Da es aber sich nicht am stärksten sah, schwenkte es sich halb rechts um, und stieß zu den Bataillons der Vorstädter auf dem Caroußelplatze.

Bey den guten Dispositionen, die getroffen waren, und bey dem anscheinenden guten Willen der Nationalgarde, die sich theils auf dem Hofplatze, theils im Innern des Schloßes befand, hatten wir Hofnung, die Armee der Vorstädter zurück treiben zu können. Um 6 Uhr kamen der Procurator Syndicus, Hr. Röderer, in Begleitung eines andern Mitgliedes von demselben verwaltenden Corps, und der General-Officier, Hr. Boisseuil, zu jedem Posten. Hr. Röderer wiederhohlte uns mündlich den Befehl, das Schloß zu vertheidigen und Gewalt mit Gewalt zu vertreiben. *)

*) Man vergleiche 8tes St. des Journals, S. 907.

Seit diesem Augenblicke wurde der Caroußelplatz so mit Truppen angefüllt, daß keine mehr herein kommen konnten. Der König ergrif die Parthey, sich im drey viertel auf 9 Uhr nach der National-Versammlung zu begeben. Gleich darauf fieng die National-Garde, die das Innere des Schloßes und die Vorplätze besetzt hielt, an, zurück zu weichen, und die Schweizer zu verlassen, einige einzelne Personen ausgenommen, denen ich die Gerechtigkeit wiederfahren lassen muß, die sie völlig verdienen. Nun sahen die Schweizer augenscheinlich, daß die aufgeopfert waren; indeß verloren sie den Muth nicht. Um 9 Uhr kam Hr. von Boißeuil zu allen innern Posten, befahl ihnen, sich gegen das Schloß zu ziehen, und sagte, daß man sich bis zum letzten Athemzuge vertheidigen müsse. Man urtheilte von unsrer Lage, da wir uns in den Bezirk des Schloßes retirirt hatten, und sicher waren, darin umzukommen.

Um ein viertel auf 10 Uhr wurde die Königliche Thüre ohne Mühe durchbrochen, da inwendig keine Macht war, es zu verhindern. Wie Rasende kamen und Haufen zum Eingange des Schloßes mit 2 Kanonen und überhäuften uns mit Schmähungen und Schimpfwörtern, die wir kalt anhörten, ohne darauf zu antworten. Einige Augenblicke darauf gaben ihre Chefs den Befehl, die Kanonen in die Mitte des Hofes zu führen, von da man anfieng gegen das Schloß zu schießen. Darauf erst schoßen unsre Soldaten, wie sie keine Rettung mehr für sich sahen, ihrer Seits auf die Rasenden. Nach einer viertel Stunde vertrieben wir sie aus dem Königlichen Hofe. Einige Officiers und ungefähr 50 von unsern Soldaten bemächtigten sich der drey Kanonen, die bey der königlichen Thüre, folglich dem Feuer vom Caroußel-Platze ausgesetzt waren, und brachten sie unter den Eingang des Schloßes. Ein andrer Capitain und ungefähr eine gleiche Anzahl von Soldaten bemächtigten sich ebenfalls zweyer Kanonen, die bey dem Platze der Reitbahn waren, und brachten sie zu der Pforte des eingangs von der Seite des Gartens her. Die 5 Artillerie-Stücke wurden aber unnütz für uns, da die Nationalgarden die Pulverladungen weggenommen hatten.

Unsre Soldaten fuhren fort, zu feuern; mit Schaudern aber mußten wir dem Augenblicke entgegen sehen, wo die Munition zu Ende seyn würde. Wie vom Himmel gesandt, kam Hr. von Ville zu uns. Die Cartätschen mangelten schon; im Namen des Königs befahl er, daß wir uns nach der National-Versammlung ziehen sollten. Was auf der Terraße war, gehorchte. Wir giengen durch die Tuilerien unter einem Hagel von Kanonen- und Flintenschüßen, die von der Königlichen Brücke, aus dem Platze der Reitbahn und dem Coffeehause der Feuillans auf uns abgefeuert wurden. Wir verloren viele Leute. 20 Officiers wurden tödlich verwundet.

Als wir zusammen ungefähr 150 Soldaten und 8 bis 10 Officiers bey der National-Versammlung ankamen, flüchteten sich erstere zu dem Garde du Corps; die Officiers wollten in den Saal gehen, um sich so lange unter den Schutz der Versammlung zu begeben, bis der Capitain, der zum Könige gegangen war, um die Befehle desselben abzuholen, zurück gekommen wäre. Zwey Deputirte kamen uns entgegen, bezeigten ihr Bedauern, daß sie uns nicht einlassen könnten, und führten uns in das Bureau der Inspecteurs, wo wir von 11 Uhr des Morgens bis 9 Uhr des Abends blieben. Der Capitain kam mit der schriftlichen Ordre an die Schweizer zurück, daß sie ihre Waffen abliefern und sich nach den Casernen von Courbevoye begeben sollten. Wir wurden entwafnet; es war aber unmöglich, nach den Casernen zu kommen. Die Deputirte verschaften und Freyzettel, mit deren Hülfe wir weggehen konnten. Seit der Zeit irreten wir in Paris herum, und mußten besorgen, als Proscribirte arretirt zu werden, obgleich wir unter dem Schutze des Gesetzes waren; eine traurige Lage für rechtschaffene Leute!

Dieser Bericht ist genau der Wahrheit gemäß; dafür gebe ich ihn aus, und schwöre bey allem, was am heiligsten ist, daß wir nicht zu feuern angefangen haben, und daß das Regiment nicht eher geschoßen hat, als bis die Nationalgarde die Kanonen gegen das Schloß lösete."


Quellen und Literatur.

  • Politisches Journal nebst Anzeige von gelehrten und andern Sachen. Jahrgang 1792. Herausgegeben von einer Gesellschaft von Gelehrten. Hamburg, auf den Post-Aemtern und in der Hoffmannschen Buchhandlung 1792.