Venedig

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Ansicht von Venedig.

[1798]

(Von einem Kaiserlichen Officiere.)


"Ich befinde mich nun endlich zu Venedig. Dieß ist eine unermeßliche, reiche, bevölkerte Stadt, und ich kann sagen ein außerordentliches Meisterstück der menschlichen Industrie. Ich werde Ihnen nicht alles das sagen, was man daselbst wunderbares sieht, denn alles ist daselbst, bis auf die kleinsten Details herab, bewundernswürdig, und es würde viele Zeit erforderlich seyn, diese große Stadt zu durchlaufen und alles zu untersuchen. Ich werde jetzt nur von ihr im Ganzen betrachtete, reden. Dieß ist alles, was ich seit meiner Ankunft hierselbst habe beobachten und faßen können.
Venedig ist an und für sich eine vortrefliche Erwerbung; weder Mailand, noch Brüßel nähern sich dieser Stadt an Größe, an Bevölkerung, an Reichthum. Was ihre wunderbare Lage auf dem Meere betrift, so ist dieß eine fast unbegreifliche Sache; man ist nicht mehr im Stande die Kunst einzusehen, mit welcher die Venetianer die Natur zu unterwerfen, und zu unterjochen gewußt haben, um sich Sicherheit und alle Arten von Vortheilen zu verschaffen.
Schon in der Entfernung gewährt Venedig einen bezaubernden Anblick, weil es durch seine Lage auf einer Menge kleiner Inseln auf dem Meere zu schwimmen oder aus demselben hervorzukommen scheint. Da der morastigte Theil des Meers zwischen der Stadt und dem festen Lande nicht tief genug ist, große Schiffe zu tragen, auch diese sumpfigten Gegenden und Plätze, die man Legunen nennt, sind durch die weisen Maaßregeln, die man ergreift, nicht in festes Land verwandeln können, und die Ausgänge gegen die hohe See zu durch andre Inseln vertheidigt werden, deren Zwischenräume sehr gut befestigt sind, so kann man leicht begreifen, daß Venedig weder zu Waßer noch zu Lande angegriffen und noch viel weniger eingenommen werden kann. Auch geschah die Besitznahme der Franzosen nur durch eine Art von Uebereinkunft. Noch besitzt Venedig den Vortheil, daß wenn ein Feind wagen wollte, diese Stadt einzuschliessen, um sie durch Hunger zu zwingen, alle Einwohner nichts von dieser Geißel des Kriegs zu fürchten haben würden, und sich mit Fischen ernähren könnten, die sich in diesen Gewäßern sehr gern und in einem großen Ueberfluße von allen Arten aufhalten, und die man fangen kann ohne sein Haus zu verlaßen.
Die eigentlich sogenannte Stadt wird durch einen ziemlich großen, sich schlängelnden, Canal in zwey Haupttheile getheilt. Die Länge dieses Canals ist 1800 Schritte. Eine Menge andrer kleiner Canäle durchschneiden die beyden Haupttheile der Stadt, welche man in Gondeln, kleinen länglichten Fahrzeugen, durchstreift oder queer durchschift, die weil sie entweder schwarz gemahlt, oder mit einem schwarzen Tuche oder Zeuge überdeckt sind, ein ziemlich düstres und trauriges Ansehen haben. Bloß die Gondeln der Ambaßadeurs oder fremden Minister waren nicht dieser Farbe unterworfen, die ohne Unterschied für alle Einwohner des Landes allgemein ist. Die Füßgänger gehen über diese Canäle auf 450 großen und kleinen, meist von Steinen erbauten Brücken. Die längste und höchste dieser Brücken ist die berühmte Brücke Rialto, und dieß ist die einzige, die über den großen Canal geht. Sie hat nur einen einzigen Bogen, ist von gehauenen Steinen erbaut, und man behauptete daß ihre Errichtung 250,000 Ducati gekostet habe. Sie hat 37 Fuß in der Breite, und ist mit Buden besetzt, die drey Arten von Straßen bilden, deren mittlere die breiteste ist."


Für diejenigen von unsern Lesern, die keine Zeit noch Gelegenheit haben große Werke durchzulesen, fügen wir hier noch folgenden kurzen Abriß zur Beschreibung dieser nunmehrigen zweyten Hauptstadt der Oesterreichischen Monarchie bey.

Wenn die erlittnen Unglücksfälle und die Uebel eines neunmonatlichen Elends auch auf die Bevölkerung von Venedig eine sehr nachtheiligen Einfluß gehabt haben, so steigt die Zahl der Einwohner gewiß doch noch weit über 150,000 Seelen. Von diesen hatten sich viele Nobili, während der Dauer der demokratischen Schreckensregierung, aus Venedig entfernt, und sie erwarteten nur den Zeitpunkt der neuen Kaiserlichen Besitznahme, um mit ihren Reichthümern wieder dahin zurückzukehren. Die andern beyden Stände sind die unter der vorigen Regierung vorzüglich begünstigte Mittelclaße des Bürgers, und der zahlreiche Pöbel, deßen sonstige Zügellosigkeit durch die drückende Härte des Französischen Jochs sehr verringert worden ist. Alle diese drey Claßen der Venetianischen Nation habe gleiche weise ihre Freude über ihr neuverändertes Schicksal und ihrer Ergebenheit an ihren nunmehrigen Beherrscher, sehen laßen.

Zwar hat die Raubsucht der Franzosen der Stadt Venedig ihre schönsten Kunstwerke, die seltensten Denkmäler der ehmaligen Größe, entzogen; aber bemohngeachtet besitzt diese Stadt noch kostbare Schätze für die bildenden Künste und Wißenschaften. Die St. Marcuskirche, der ehemalige Pallast des Dogen, das Bibliothekgebäude, das Münzhaus, der berühmte St. Marcusplatz, und unzählige andre prächtige Gebäude und Palläste verdienen als Zierden der Architektur bemerkt zu werden, und erregen Bewundrung. Venedig hat 71 Pfarrkirchen, ohne viele andre zu rechnen, 12 Abteyen, 59 Mönchs- und Nonnen-Klöster, 41 Hospitäler und Bethäuser, und 40 geistliche Brüderschaften nebst ihren Kapellen. Das so allgemein bekannte Arsenal ist von den Franzosen seiner größten Reichthümer beraubt worden, enthält aber dieser Plünderung ohngeachtet noch Spuren derselben und schätzbare der Französischen Habsucht verborgene Kriegs- und Waffen-Vorräthe. Die Tonkunst und die Malerey haben gewißermaaßen ihren Sitz in Venedig, welches besonders reich an kostbaren Gemäldesammlungen ist.

Venedigs Handel, der seit dem 16ten Jahrhunderte von dem höchsten Gipfel seines Flors immer tiefer fiel, hat vorzüglich durch die Französischen Erpreßungen und die Wirkungen der Demagogen Despotie, eine äusserst nachtheilige Erschütterung erlitten. Doch wird jezt unter dem beglückenden Oesterreichischen Scepter und im Genuße einer friedlichen Ruhe, Handlung und Schiffahrt sich wieder erholen, und Venedig bald wieder einen blühenden Zustand erreichen. Es kann die Grundlage einer neuen großen Handels- und Schiffahrts-Macht für Oesterreich werden.


Quellen und Literatur.

  • Politisches Journal nebst Anzeige von gelehrten und andern Sachen. Jahrgang 1798.