Waffenstillstand von Cherasco

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Le Mémorial de Sainte-Hélène.

IX. Waffenstillstand von Cherasco, am 28sten April.

Die Armee war nur noch zehn französische Lieues von Turin entfernt. Der sardinische Hof wußte nicht mehr, wozu er sich entschließen sollte; seine Armee war muthlos geworden, und zum Theil aufgerieben. Die östreichische Armee, mehr als die Hälfte geschmolzen, schien auf nichts weiter zu denken, als Mailand zu decken. Die Gemüther waren in Piemont in Gährung, und es fehlte viel, daß der Hof das öffentliche Zutrauen besessen hätte. Er unterwarf sich der Discretion des französischen Generals und verlangte einen Waffenstillstand; dieser willigte ein. Manche hätten gewünscht, die Armee hätte vielmehr weiter vorrücken und Turin wegnehmen sollen. Allein Turin ist eine Festung; hätte man uns die Thore davon verschließen wollen, so hätten wir einen Artilleriepark nöthig gehabt, um sie zu öffnen, und diesen hatten wir nicht. Der König hatte noch eine große Anzahl Festungen, und trotz aller Siege, die man davon getragen hatte, konnte der geringste Unfall, der unbedeutendste Eigensinn des Glücks Alles wieder über den Haufen werfen. Die beiden feindlichen Armeen, unerachtet aller ihrer häufigen Verluste, waren der französischen Armee noch gleich; sie hatten eine beträchtliche Artillerie, und besonders eine Cavalerie, die noch gar nicht gelitten hatte. Trotz aller Siege war die französische Armee selbst darüber befremdet, man stuzte noch immer über die Größe der Unternehmung; man zweifelte an der Möglichkeit des glücklichen Ausgangs, wenn man die Mittel, die so unbedeutend waren, in Betracht zog. Der geringste zweideutige Vorfall hätte mithin zur Folge gehabt, daß alsdann eine Menge Leute die Unternehmung übertriebener Weise getadelt haben würden. Offiziere, sogar Generale, konnten nicht begreifen, wie man an die Eroberung von Italien mit so wenig Artillerie, beinahe ohne Cavalerie, und mit einer so geringen Armee, welche durch Krankheiten, und bei der Entfernung vom Vaterlande noch täglich geschwächt werden konnte, denken mochte. Man findet die Spuren dieser Gesinnungen der Armee in nachstehender Bekanntmachung, welcher der Obergeneral an seine Soldaten in Cherasco erließ:

"Soldaten! Ihr habt innerhalb 14 Tagen 6 Siege erfochten, 21 Fahnen erobert, 55 Stück Kanonen, mehrere Festungen weggenommen, und die reichsten Theile Piemonts besezt. Ihr habt 15,000 Mann zu Gefangenen gemacht, über 10,000 getödtet oder verwundet. Ihr leistet heutzutage dieselben Dienste, welche die holländische und die Rhein-Armee durch ihre Eroberungen geleistet hatten. Es mangelte Euch an Allem, Ihr habt Euch Alles anzuschaffen gewußt. Ihr habt Schlachten ohne Kanonen gewonnen, Ihr seyd ohne Brücken über Flüsse gegangen, habt forcirte Märsche ohne Schuhe gemacht, ohne Branntwein und manchmal ohne Brod bivouakirt. Nur die republikanischen Phalangen, nur die Soldaten der Freiheit konnten aushalten, was ihr gelitten habt! Ich danke Euch dafür, Soldaten! Das Vaterland wird ebenfalls dafür dankbar erkennen, daß es zum Theil Euch seine Glückseligkeit schuldig ist; und wenn Ihr schon als Sieger bei Toulon den unvergeßlichen Feldzug von 1793 ahnen ließt, so lassen Eure jetzigen Siege einen andern, noch schönern ahnen."
"Die beiden Armeen, die vor Kurzem keck Euch angriffen, fliehen nun im Schrecken vor Euch; jene übelgesinnten Menschen, welche über Eure Entblößung spotteten, in ihren Meinung bereits sich der Triumphe unserer Feinde freuten, sind bestürzt und zittern. Gleichwohl dürft Ihr, Soldaten, Euch nicht täuschen, Ihr habt Nichts gethan, so lang noch Etwas zu thun übrig ist. Ihr besizt weder Turin noch Mailand. Ueber der Asche des ehemaligen Besiegers des Tarquinius wandeln noch die Meuchelmörder Bassevilles. Zu Anfang des Feldzugs mangelte es Euch an Allem, jezt seyd Ihr im Ueberfluß, Ihr habt dem Feinde zahlreiche Magazine genommen; das Belagerungsgeschütz und die Feldstücke sind angekommen. Soldaten! Ohne Zweifel sind die größten Schwierigkeiten bereits besiegt; aber noch sind Schlachten zu liefern, Städte zu erobern, Flüsse zu übergehen. Gibt es Einen unter Uns, dessen Muth wanke? Ist Einer oder der Andere, der lieber nach den Bergen der Appenninen und der Alpen zurückwiche, und dort die Beleidigungen jener sklavischen Soldateske ausdauern wollte? Nein, dergleichen sind nicht unter den Siegern von Montenotte, von Millesimo, von Dego, von Mondovi. Alle brennen vor Eifer, den Ruhm des französischen Volks weiter zu verbreiten. Alle wollen stolzen Könige demüthigen, welche sich erkühnt hatten, Uns in die Sklaverei versetzen zu wollen. Alle wollen ihnen einen ruhmvollen Frieden vorschreiben, wodurch das Vaterland für die unermeßlichen Opfer entschädigt werde, die es gebracht hat. Freunde! ich verspreche Euch eine solche Eroberung; aber unter einer Bedingung, welche Ihr mir mit Eurem Schwure zu erfüllen versprechen müßt, nämlich, daß Ihr die Völker, welche Ihr befreit, mit Achtung behandeln werdet. Ihr müßt die abscheulichen Plünderungen verhüten, welche sich nur Bösewichter, von Euern Feinden dazu aufgefordert, überlassen. Wo nicht, so werdet Ihr nicht die Retter der Völker, Ihr werdet Ihre Plage. Ihr wäret nicht die Ehre des französischen Volks, es würde Euch verläugnen. Eure Siege, Euer Muth, Eure Fortschritte, das Blut Eurer in den Gefechten gefallenen Brüder, Alles wäre verloren, selbst die Ehre und der Ruhm. Was mich betrifft und die Generale, welche Euer Zutrauen besitzen, wir würden uns schämen, eine Armee ohne Mannszucht, ohne Gehorsam zu kommandiren, die kein anderes Gesetz anerkennen wollte, als die Gewalt. Aber da mir die Nationalgewalt übertragen ist; da ich für mich das Gesetz und die Gerechtigkeit habe, so werde ich jener kleinen Anzahl Menschen ohne Muth, ohne Gefühl, die Ehrfurcht für die Vorschriften der Menschlichkeit und der Ehre, welche sie mit Füßen treten, einzuflößen wissen. Ich werde nicht zugeben, daß Räuber Eure Lorbeern beschmutzen. Ich werde das Reglement, was ich zum Tagsbefehl gegeben habe, in Vollziehung bringen. Die Plünderer sollen ohne Gnade erschossen werden; schon ist es Einigen widerfahren. Mit Vergnügen habe ich Gelegenheit gehabt zu bemerken, daß die guten Soldaten sich beeifert haben, die Vollziehung der Befehle zu unterstützen.
"Völker Italiens! die französische Armee kommt, Eure Ketten zu zerbrechen, das französische Volk ist aller Völker Freund; kommt mit Zutrauen derselben entgegen. Euer Eigenthum, Eure Religion und Eure Gebräuche werden in Ehren gehalten werden. Wir wollen den Krieg als großmüthige Feinde führen, und wir wollen Niemand über, als den Tyrannen, welche Euch unterjochen."

Die Verhandlungen wegen des Waffenstillstands hatten im Hauptquartier statt, in der Wohnung des Salmatoris, damaligen Maitre d'Hotel des Königs, welcher seit dieser Zeit Präfekt des Pallasts des Kaisers geworden ist. Der piemontesische General Latour, und der Oberste Lacoste kamen mit der Vollmacht des Königs nach Cherasko. Graf Latour war ein alter Soldat, General-Lieutenant in Sardinischen Diensten, gegen alle neue Ideen sehr eingenommen, wenig unterrichtet und ziemlich unfähig. Der Oberste Lacoste, gebürtig aus Savoyen, war ein Mann in der Blüthe des Alters, er drückte sich mit Leichtigkeit aus, hatte viel Geist, und erschien auf eine Art, die für ihn einnahm. Die Bedingungen waren, der König sollte von der [[Koalition] abstehen, und eine Bevollmächtigten nach Paris schicken, um dort wegen des definitiven Friedens zu verhandeln; bis dahin sollte Waffenstillstand seyn; bis zum Frieden oder bis zum Bruche der Verhandlungen sollten Ceva, Coni, Tortona, oder in dessen Ermanglung Alexandria sogleich der französischen Armee mit der gesammten Artillerie und mit den Magazinen übergeben werden; sie sollte das ganze Land, in dessen Besitz sie damals war, auch fernerhin behalten, Militärstraßen sollten in allen Richtungen bezeichnet werden, um die Kommunikation der Armee mit Frankreich, und von Frankreich aus mit der Armee frei zu machen; Valence solle sogleich von den Neapolitanern geräumt und dem französischen General so lange übergeben werden, bis er seinen Uebergang über den Po bewerkstelligt haben würde. Endlich sollten die Landmilizen verabschiedet, und die regulären Truppen so in den Besatzungen auseinander verlegt werden, daß die französische Armee dadurch nicht beunruhigt werden könnte. Von nun an konnten also die Oestreicher, ganz abgesondert, bis ins Innere der Lombardei verfolgt werden. Alle Truppen der Alpen-Armee und der Nachbarschaft von Lyon wurden disponibel, und konnten zur Armee stoßen. Unsere Kommunikationslinie mit Paris war um die Hälfte abgekürzt; endlich hatte man Anlehnungspunkte und große Depots von Artillerie, um Belagerungsequipagen zu formiren, sogar um Turin zu belagern, im Fall das Direktorium den Frieden nicht abschlösse.



> > > X. Der Oberst und Adjutant Murat geht durch Piemont, und überbringt nach Paris die Nachricht von den Siegen der Armee. > > >


WaffenStillstand zwischen der fränkischen Republik und dem König von Sardinien, vom 28 April 1796.

Art. 1. Alle Feindseligkeiten zwischen der fränkischen Armee in Italien und der Armee des Königs von Sardinien sollen von dem Tage an aufhören, da die unten benannten Bedingungen erfüllt seyn werden, bis 5 Tage nach Beendigung der Unterhandlungen zur Schliesung eines DefinitivFriedens zwischen beiden Mächten.

Nemlich die Festung Coni soll den 28sten April den fränkischen Truppen in Besiz gegeben werden; auch soll denselben Alexandria überlassen werden, bis ihnen die Festung Tortona eingeräumt werden kan, welches spätestens den 30 April geschehen soll. Gedachte Stadt Alexandria soll aber nicht länger von den Franken besezt bleiben, als bis man ihnen die Festung Tortona wird übergeben können.

2. Die fränkische Armee wird das ganze eroberte Land in Besiz behalten, namentlich das ganze Land auf dem rechten Ufer der Stura bis zu deren Ergiesung in den Tanaro, und von da an, längs dem rechten Ufer dieses Flusses, bis zu dessen Vereinigung mit dem Po; und dis so lange, als die fränkischen Truppen Alexandria besezt halten werden. Wenn aber die fränkischen Truppen Tortona übernommen, und Alexandria den Truppen des Königs von Sardinien wieder übergeben haben werden, so soll die ScheidungsLinie alsdann von dem Zusammenflusse der Stura mit dem Tanaro, bis an die Höhe von Asti, auf dem rechten Ufer des leztern Flusses, hinziehen. Von da an soll die HeerStrasse, welche von Nizza della Paglia, und von da nach Cassino führt, die DemarcationsLinie bezeichnen, von wo aus diese weiter unter Cassino über die Bormida gehen, und das ganze rechte Ufer dieses Flusses bis zu dessen Ergiesung in den Tanaro, so wie das ganze rechte Ufer des Tanaro, bis zu dessen Einströmen in den Po, in dem Besize der fränkischen Truppen bleiben soll.

3. Die Stadt und Citadelle von Coni sowohl als die Stadt und Citadelle von Tortona sollen den fränkischen Truppen mit allem schwerem Geschüze, Kriegs- und MundVorrath, wovon ein Verzeichniß aufgesezt werden soll, übergeben werden. Gleiches soll in der Stadt und Citadelle Alexandria geschehen, welche die fränkische Truppen bis zur Uibergabe von Tortona vorläufig in Besiz nehmen werden.

4. Die fränkische Truppen sollen unterhalb Valenza ungehindert über den Po sezen können.

5. Den fränkischen Eilboten, Adjutanten, oder andern, die der fränkische Oberbefehlshaber nach Paris zu senden gutfinden wird, soll der Durchzug durch die kürzesten Wege, sowohl auf der Hin- als HerReise, gestattet seyn.

6. Alle Truppen, Offiziere und FeldEquipagen, welche dem Könige von Sardinien zugehören und von ihm besoldet werden, und einen Theil der östreichischen Armee in Italien ausmachen, sind in diesem WaffenStillstand eingeschlossen.

7. Die Citadelle von Ceva soll den Franken mit allem Geschüze, Kriegs- und MundVorrath übergeben werden, und deren Besazung in des Piemontesische abziehen.

8. In den Pläzen Coni, Tortona, oder in dem vorläufig besezten Alexandria, im Falle das Tortona nicht sogleich übergeben werden könnte, soll ein genaues Verzeichniß, von aller gefundenen Artillerie, Waffen, Munition und Lebensmitteln gemacht werden, und die fränkische Republik dem Könige von Sardinien von allem Rechnung tragen, so nemlich, daß sie ihm das Geschüz zurükgeben, den allenfals verbrauchten Kriegs- und MundVorrath aber, nach übereingekommener Schäzung, bezahlen wird. Dasselbe soll auch für die Festung Ceva statt haben.


Unterzeichnet:
La Tour, GeneralLieutenant.
Costa, Obrister.
Buonaparte, HauptGeneral der fränkischen Armee.

Quellen und Literatur

  • Denkwürdigkeiten von Sanct-Helena, oder Tagebuch, in welchem alles, was Napoleon in einem Zeitraume von achtzehn Monaten gesprochen und gethan hat, Tag für Tag aufgezeichnet ist. Von dem Grafen von Las Cases. Stuttgart und Tübingen in der J. G. Gotta'schen Buchhandlung. 1823.
  • Taschenbuch für die neueste Geschichte. Herausgegeben von D. Ernst Ludwig Posselt. Fünfter Jahrgang. Feldzug 1796. Nürnberg, in der Bauer- und Mannischen Buchhandlung. 1799.